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DER SPIEGEL

ItalienDu kaufen

Aus Florenz sollen afrikanische Straßenhändler vertrieben werden - mittels bürokratischer Schikanen.
Wenn die Via Magliabechi bis zu dem Haus führte, an dem ein Straßenschild dieses Namens befestigt ist, könnte Mor Kebe aus Senegal seine Übernachtung bezahlen, vielleicht sogar warm essen.
Dann nämlich dürfte er, gemäß den amtlichen Papieren, die er stets mit sich führt, seine Sonnenbrillen dicht an den Treppen der berühmten Florentiner Kirche Santa Croce ausbreiten, wo Tausende von Touristen täglich vorbeiziehen. Doch Mor Kebe scheitert an den eigenwilligen Vorschriften der Stadtverwaltung. Für sie endet die Via Magliabechi ganz woanders: weit hinten, wo die Autos parken und die Touristen schon deshalb umkehren, weil eine Barrikade ihnen den Weg verstellt. Dort wird Mor Kebe keine Sonnenbrille los.
Genau das ist die Absicht der Behörden. Die Stadt, einst geistiger Mittelpunkt der italienischen Renaissance und des Humanismus, will etwa 10 000 ungebetene Drittwelt-Gäste loswerden, die nicht wie die übrigen Besuchermillionen nach angemessenem Aufenthalt wieder abreisen. "Florenz", so der geschäftsführende Bürgermeister Giorgio Morales über die Immigranten, "wird nicht zum Mekka für jedermann werden."
Vornehmlich Afrikaner sind das Ziel der Behördenwillkür. Florentiner Bürger und Geschäftsleute machen Marockaner, Tunesier und Senegalesen für den Großteil der Überfälle auf Touristen, aber auch für die wachsende Drogenkriminalität verantwortlich. Zusammen mit der Stadtverwaltung gründeten Ladenbesitzer das Komitee für Bürgersolidarität und öffentliche Sicherheit, das ihnen unliebsame Konkurrenz durch dunkelhäutige Straßenhändler vom Halse schaffen soll. Sie bieten spottbillige Gürtel, Portemonnaies oder Handtaschen aus Plastik an, allesamt veredelt mit gefälschten Designeretiketten - und alle made in Italy.
Die Vertreibung der Farbigen führte bereits zu Blutvergießen: Während des vergangenen Karnevals hatten rund 80 kostümierte Jugendliche mit Messern, Baseballschlägern und Eisenstangen regelrecht Jagd auf Afrikaner gemacht. Rechtsradikale Flugblätter, die überall in der Stadt auftauchten, bescherten Florenz den Ruf einer Metropole des Rassismus.
Im einstigen Auswandererland Italien häufen sich die Angriffe auf dunkelhäutige Einwanderer. Im Raum Neapel sind bereits vier Schwarze ermordet worden, in Rom warfen Rowdys Molotowcocktails gegen ein Wohnhaus von Afrikanern.
In Udine quälte eine Schulklasse einen schwarzen Mitschüler zu Tode. Ein Graffito hinter der Spanischen Treppe in Rom behauptet: "Die einzigen guten Neger sind verbrannte Neger", während eine Inschrift an einer Unterführung in Florenz argumentiert: "Wir sind keine Rassisten, aber stinken tun sie doch."
Die Stadt darf nun den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, als erstes italienisches Gemeinwesen eine ausländerfeindliche, gar rassistische Kommunalpolitik entworfen und durchgesetzt zu haben - unter dem Applaus eines großen Teils der Bevölkerung und in der Hoffnung auf Belohnung durch diese bei den Kommunalwahlen am 6. Mai.
Zweifellos waren die sogenannten "Vu cumpra" ("Du kaufen") von Florenz lästiger geworden als ihre dunkelhäutigen Kollegen in anderen italienischen Städten. Sie breiteten ihre Wachstücher und Teppiche ungeniert vor den feinsten Geschäften in der Via de' Tornabuoni aus und machten sich vor den Juwelierläden des Ponte Vecchio breit, deren Besitzer horrende Mieten für den historischen Standort bezahlen.
Die Meinung des Bürgermeisters Morales, daß die schwarzen Straßenhändler im Zentrum "nicht zum künstlerischen Erbe des Stadtbildes passen", fand deshalb breite Zustimmung in der Stadt. Und als Polizeichef Vincenzo Parisi an einem Sonntag im März verkündete, ab Montag werde in Florenz die "Jagd auf Diebe, Drogenhändler und Prostituierte" eröffnet, verstanden die Florentiner, was gemeint war: die Jagd auf Afrikaner.
Sie begann am 12. März im Morgengrauen. Hunderte von Polizisten durchkämmten die Innenstadt. Jeder Farbige, der sich zeigte, wurde angehalten und kontrolliert. Das Ergebnis der spektakulären Polizeiaktion war statistisch eher mager: Zwölf kleine Drogenhändler waren geschnappt worden, gegen ein paar Dutzend anderer Ausländer wurden Ausweisungsverfahren eröffnet.
Ständig patrouillieren Streifen der Carabinieri oder der städtischen Polizei auf der Suche nach Einwanderern an unerwünschten Plätzen. "500 Polizisten im historischen Zentrum gegen 400 schwarze Händler - ich weiß nicht, ob wir einen guten Tausch gemacht haben", wundert sich eine Florentinerin.
Das verheerende weltweite Echo auf die Groß-Razzia der Polizei hat zwar inzwischen den Rücktritt des Bürgermeisters erzwungen - bis zu den Wahlen führt er allerdings weiterhin die Geschäfte. Aber das Ziel, die Vertreibung der Farbigen aus der Stadt, wird weiterverfolgt.
Für die Straßenhändler erdachte sich die Stadtverwaltung ein besonders kompliziertes Rotationssystem. Danach darf beispielsweise der Senegalese Nummer 65 montags und freitags nachts, von 21 Uhr bis Mitternacht auf dem zentral gelegenen Strohmarkt feilbieten. Am Dienstag muß er sich mit dem Parkplatz der Touristenbusse am Ufer des Arno zufriedengeben, am Mittwoch mit einer anderen entfernten Uferstraße, am Donnerstag darf er dann sein Glück in der Via Magliabechi versuchen.
Aber wo immer er auftaucht, wird er umständlich von der Polizei kontrolliert, ob er wirklich dort sein darf, wo er sich gerade niederlassen will. "Die Strategie ist klar", sagt Fallou Faye, ein Senegalese, Sprecher der schwarzen Straßenhändler von Florenz, "wir sollen aus der Stadt herausschikaniert werden."
Wer die Jugendlichen zu ihrem Afrikaner-Pogrom während des Karnevals angestiftet, vielleicht sogar bezahlt hat, ist inzwischen auch bekannt: Es waren weiße Markthändler aus dem Borgo San Lorenzo. Aber die Beweise gegen sie seien "nicht justitiabel", sagt ohne großes Bedauern der zuständige Staatsanwalt Giuseppe Nicolosi.
Die Fähigkeit, Fremde zu dulden, gehörte noch nie zu den Stärken der Bürger von Florenz, die schon Dante als "streitsüchtig, neidisch und eingebildet" beschrieb. "Florentinern ist es immer schwergefallen, mit Außenstehenden umzugehen - wobei ,außen' schon derjenige war, der nicht zur eigenen Familie" gehört, sagt Graziella Magherini, Psychiatrieprofessorin aus Florenz.
Die Florentiner empfinden es als Mißachtung der handwerklichen Traditionen ihrer Stadt, wenn Touristen zwar ehrfürchtig die teuren Auslagen bei Ferragamo bestaunen, dann aber die billige Gucci-Imitation beim Afrikaner vom Teppich kaufen.
Dabei sind eben diese Traditionen längst verkommen, und in Florenz tobt ein heftiger Krieg um den Markt für die Nachahmungen. Er erklärt, warum gerade die weißen Markthändler aus dem Borgo San Lorenzo so sehr daran interessiert waren, die Afrikaner aus der Stadt zu vertreiben. Diese holten nämlich ihre Waren aus Neapel, wo in illegalen Werkstätten produziert wird, was der japanische Tourist in Florenz als typisches Souvenir ersteht.
Doch inzwischen werden die gefälschten Ferragamo-Lederjacken oder die unechten Gucci-Schuhe auch von Florentinern hergestellt - und die würden gern selber die Verteilung übernehmen.
400 Florentiner Marktleute unterschrieben im vergangenen Jahr einen flammenden Aufruf gegen die "Plage afrikanischer Straßenhändler", die "das Zentrum der Stadt mit ihren billigen Imitationen italienischer Markenprodukte überschwemmen".
Gegen einen der Unterzeichner, Giuseppe Pugi Delli, und 20 andere begann am Donnerstag vor Ostern ein Prozeß. Die ehrbaren Händler von Florenz waren beim Verkauf von Portemonnaies, Taschen, Gürteln und Jacken erwischt worden, die die fälschlich berühmten Zeichen von Vuitton, Fendi, Armani oder Trussardi tragen. f

DER SPIEGEL 17/1990
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