Hausmitteilung Betr.: Deutschland
Mit Blick auf die "logische Minute", da Deutschland sich vereinigt, am 3. Oktober von 24.00 Uhr bis 00.01, hat der SPIEGEL drei Gespräche geführt - jedes mit einem Hauch jener Irrealität, die dem Wandel während eines knappen Jahres anhaftet: Im New Yorker Uno Plaza gestand der pragmatische Außenminister Hans-Dietrich Genscher, für ihn habe sich "ein Lebenstraum erfüllt". Der Friedensnobelpreis-Kandidat empfing den SPIEGEL, bevor er zur Uno und mit drei Dutzend Außenministern sprach (Seite 30). Auf der Prager Burg gab Staatspräsident Vaclav Havel zu Protokoll, daß die Katastrophe des Kommunismus "eine historische Notwendigkeit" gewesen sei, sein eigener Aufstieg vom Widerständler zum Präsidenten aber etwas von "einem Märchen" habe (Seite 198). Bonns Prager Botschafter Hermann Huber lud die SPIEGEL-Mannschaft mit Rudolf Augstein zum Essen in jenes Palais Lobkowitz, in dem vorigen Herbst 7000 DDR-Bürger kampierten, bevor ihre Ausreise die Mauer zu Fall brachte. Im ehemaligen Stasi-Palast an Berlins Normannenstraße gestand Hausbesetzer Wolf Biermann, daß auch ihm Phantastisches widerfahren war, aber nur in der Nacht "vom 16. auf den 17. November". Da kam ihm nämlich der Gedanke, daß die schon wankende DDR erneuerungsfähig sei. Noch phantastischer: Auf der Suche nach einem Interview-Raum führte ein Kenner des Hauses die SPIEGEL-Leute vor eine versiegelte Tür. Dahinter: das Amtszimmer des ehemaligen Stasi-Häuptlings Erich Mielke. Der Begleiter brach die Siegel - und so fand das SPIEGEL-Gespräch mit dem Ex-Verfolgten Biermann im Ex-Allerheiligsten der Ex-Stasi statt (Seite 308).
