„Siegreich Alles schlagen“
Einsam auf Helgolands Klippe wandelnd, überfiel den Kurgast ein innerer Drang. "Mir ward so eigen zu Muthe", vermerkte der Germanistik-Professor August Heinrich Hoffmann: "Ich mußte dichten."
Die poetische Sturzgeburt, am 26. August 1841, geriet zum Lieblingskind des Erzeugers. Hoffmann nannte es stolz "Das Lied der Deutschen", und im weiten Erdenrunde wurde es bekannt durch die überwältigenden Zeilen: "Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt."
Höhenrausch auf Helgoland: Wer war der Mann, der den Deutschen das Kuckucksei ins Nest gelegt hat? War er wirklich, wie traditionell behauptet, ein liberal-demokratischer Patriot, der arglos sein Vaterland "über alles" liebte? Dessen "zarteste Lyrik" (Golo Mann) vom Dritten Reich leider imperialistisch "pervertiert" (Walter Scheel) wurde? Oder läuft da ein Gesellschaftsspiel, das "Blinde Kuh" heißt?
Hoffmann (1798 bis 1874), der sich nach seinem Geburtsort pompös "von Fallersleben" nannte, war vor allem eine Personalunion aus klappernder Mühle und rauschendem Bach. Weit über 3000 Stück Gereimtes entquollen seinem Kiel, oft auf schon populäre Melodien hingezwirbelt; das meiste deckt gnadenvoll der Staub der Archive.
Die lieben Kleinen, immerhin, singen noch ein paar Hoffmann-Verse, etwa "Ein Männlein steht im Walde" oder "Alle Vögel sind schon da". Versunken und vergessen sind die Kohorten von Rauf- und Saufliedern, Pretiosen wie eine Ode an die Buttermilch ("Dich könnt' ich trinken immerzu") und Legionen vaterländischer Gesänge.
Just diese Patriotentexte sind eine Fundgrube. Denn dort schlummern die Belege, die den arglosen Mann aus Fallersleben und seine zarte Heimat-Hymne in völlig anderem Licht erscheinen lassen; herfür nämlich tritt ein krachender Chauvinist, ein großmäuliger Fremdenverächter, ein Bläser zum Marsch deutscher Weltherrschaft. Beispiele:
Deutschland sei, schrieb Hoffmann, die "Seele der Welt", der "echte Pionier der Weltkultur", der Hort "wahren Menschtums". Es könnte, wäre es nur endlich einig, "siegreich Alles schlagen, / Jeden Störenfried und Feind" und "Das erste Volk auf Erden / Ganz zweifelsohne werden"; zumindest "Europa wäre dein - wenn du es wolltest".
Denn der Rest der Welt ist kläglich. Ein "Volk der Wichte", beispielsweise, sind die Italiener, hausen in "Stank und Dunst", dem "Nichtstun" hingegeben. "Für Kunst kein Sinn/ Begeistrung nicht ein Gran", so vegetiert die "Krämernation", England. Und "Was kann uns Rußland fruchten/ Mit seinem Talg und Juchten?/ Die Lichter stinken sehr, / Die Juchten noch viel mehr."
"Auf Wucher, Lug und Trug bedacht", so ist der Jude, mithin ein Unglück: "Du raubest unter unsern Füßen / Uns unser deutsches Vaterland." Und diese "Scheusale der Menschheit", "dies verworfene Franzosengeschlecht": "Weg mit wälschem Lug und Tand -/ Deutschland ist mein Vaterland!"
Nahe lag, die patriotische Brunft zu kanalisieren. Hoffmann, bis zum 51. Lebensjahr erfolglos auf Freiersfüßen, nahm sich Deutschland zu "meiner Braut" und kündete: "Nur in Deutschland ist man froh." Briefe unterschrieb er, irgendwie vertraut, "mit deutschem Gruße" und gab bekannt: "Es lohnt sich, ein Deutscher zu sein." Und wer am deutschen Wesen nicht genesen wollte, wie etwa die Dänen, die doch "durch ihre ganze Cultur zu Deutschland gehören" - für "solche Esel" weiß der Poet das probate Mittel. "Wir werden sie mit einigen Kolbenstößen wohl zur Vernunft bringen."
Mysteriös mithin, wie der teutonische Bärenhäuter zu seinem demokratisch-liberalen Sonntagsstaat kam. Hoffmann, erst in hohen Mannesjahren zum Jüngling gereift, war ein Kindskopf seiner Zeit, und die ließ viel Widersprüchliches und Widerwärtiges sprießen: die zerrissene Epoche zwischen Napoleon und Bismarck.
Der Wiener Kongreß (1815) hatte Deutschland zur bleichen Mutter gemacht, zur Magd der Restauration. Drei Dutzend souveräner Dynastien verhäkelten sich zu einem losen Patchwork, zum "Deutschen Bund", einer Chimäre aus Teilen. Kongreß-Dirigent Metternich: "Das Ganze wäre nicht zu bändigen."
Die Partikularstaaten, mit ihren Adelsprivilegien, Polizisten, Zensoren, polierten ihren Feudalismus; die revolutionären Ideen der Zeit - Volkssouveränität, bürgerliche Freiheiten, Nationalstaat, einig Vaterland - gerieten unter die Knute. Nacht- und Machtwächter bliesen die Stunden.
Unser Mann aus Fallersleben, rauschebärtig in jeder Hinsicht, verfing sich voll in der Mechanik der Zeit. Einerseits wurde er zum Opfer von Zensur nach Polizei-Umsicht; andererseits hypertrophierte er die Nationalidee zum deutschtümelnden Wahnsystem: als Verfolgter quasi Demokrat, als Verfolger Chauvinist.
Und beides zur gleichen Zeit. Denn während Hoffmann auf Helgoland mit seinem "Deutschland über alles" niederkam, verlor er an seiner Universität, Breslau, den Talar. Ein Bändchen mit Gedichten, in Hamburg zensurmäßig freigegeben, hatte im preußischen Breslau allerhöchsten Unwillen erregt.
Die "Unpolitischen Lieder" waren ein Renner und erhoben den Reimer zu einer Zelebrität. Sie bargen die übliche Melange an Patriotischem, Antisemitischem, Franzosenhaß; sie löckten aber auch wider Zensur und Adelsgespreize. Weil derlei Lyrik "Mißvergnügen über die bestehende Ordnung der Dinge hervorzurufen geeignet" sei, wurde der Professor amtsenthoben und verscheucht.
Hoffmanns Einspruch wirkte nicht eben heldisch. Er habe die inkriminierten Verse "nicht als Professor, sondern bloß als Dichter herausgegeben", und ein Dichter spreche nicht "alle Mal nur seine eigene Meinung" aus, sondern er "reproduziert die Stimmung der Zeit".
Die Entlassung macht den Poeten vollends zum völkischen Heros. Als Wandersänger beglückt er Gesinnungsgenossen, die sein "klares, treues, deutsches Auge" rühmen; dem gelegentlich steckbrieflich Gesuchten ("rotblonder Kinnbart, Gesichtsfarbe blaßgelb") öffnen sich deutsche Arme.
Politisch bleibt er auf der Tiefebene, die Deutschlands Stammtische bilden; vor den republikanischen Bewegungen der Zeit verschließt sich das treue Auge. Es klebt an Hermann dem Cherusker und Kaiser Rotbart lobesam, dem Kyffhäuser-Troglodyten; und als sich die schimmernde Wehr des neuen Kaiserreichs reckt, von Bismarck mit "Blut und Eisen" geschmiedet, ist für den Greis die Zeit erfüllt: "Ein einig Reich".
Es reichte zwar noch nicht "von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt", es war auch noch nicht "über alles in der Welt"; aber kommt Zeit, kommt Drittes Reich, und dessen Führer sprach dann das segnende Wort, daß Hoffmanns Hymne "uns Deutschen am heiligsten erscheint".
Oder war alles doch ein Mißverständnis? Wurde zarteste Vaterlands-Lyrik pervertiert? "Deutschland, über alles" ist nicht auf Hoffmanns Mystik gewachsen; das Schlag-Wort hat eine Ahnenreihe, und Ahnenforschung zeigt: Es gehört zum Stamme der Imperialisten.
Die Spur führt ins kaiserliche Österreich, wo sich das geflügelte Wort erhob: "Österreich über Alles, wenn es nur will." Als Frage sprang es nach Deutschland über: "Was könnte Deutschland, wenn es wollte?" Antwort: "O wollt' es seine Kräfte fühlen, / und Herrscher in Europa sein." Und 1813 hieß es: "Wenn es nur will, / Ist immer Deutschland über Alles."
Als dem Epigonen auf Helgoland so eigen zu Muthe ward, brauchte er nur, Haydns Hymne im Ohr, zu rekapitulieren: "Wenn es stets zu Schutz und Trutze", militant, zusammenhält, dann ist "Deutschland über alles in der Welt".
Und die zarteste Lyrik der zweiten Strophe, "deutsche Frauen, deutsche Treue"? Die deutsche Frau, so Hoffmann an anderer Stelle, habe den Nachwuchs "zum Feindesschrecken" zu erziehen, und deutsche Treue ist kein leerer Wahn: Hoffmanns Klippen-Bekenntnis bleibt des nun größeren Deutschland Nationalhymne; zum öffentlichen Gebrauch der nette Stummel.
Die Deutschen hätten "ein Recht" dazu, sein Lied zu singen, schrieb Hoffmann, "wenn es auch die ganze Welt verdrießt".
