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DER SPIEGEL

Adieu, DDR - zu früh oder zu spät?

Es haben nun viele recht und fast alle unrecht gehabt. Nur kann eben kein Mensch 45 Jahre vorausblicken. Deutschland ist jetzt in den Grenzen, die das Potsdamer Abkommen 1945 zog, vereint. Die Amerikaner waren schon damals mit Vorbehalten für den Einheitsstaat, Franzosen und Engländer weniger. Alles war im Fluß.
Mein erster Meinungsartikel im SPIEGEL (unter dem nordisch-alttestamentarischen Pseudonym Jens Daniel) erschien im Oktober 1948 unter der Überschrift "Soll man die Deutschen bewaffnen?" Anleitung konnte ein handelnder Politiker daraus nicht beziehen, denn am Schluß hieß es: _____" Es darf erst eine deutsche Freiwilligen-Armee geben, " _____" wenn der Krieg als unvermeidlich erkannt wird. Dann aber " _____" muß es eine geben - und dann ist es zu spät. "Hänge Dich " _____" oder hänge Dich nicht - bereuen wirst Du beides." "
Das war jene Zeit, in der Hitlers Generalstabschef, der damals noch pensionslose Generaloberst Franz Halder, bizarre Exposes verfertigte, etwa einen "Operationsplan zur Landung einer russischen Armee in England". Um Halder, der 1942 mit Tränen in den Augen vom "Führer" gefeuert worden war, gruppierten sich die "Königsteiner", in Oberursel saßen die "Guderianer". Ihr Essen bekamen sie vermutlich aus derselben Kantine.
Jens Daniel veröffentlichte als nächstes einen wohlmeinenden Artikel unter der Überschrift "Wer ,A' sagt" und empfahl, anders als der CSU-Generalsekretär Franz Josef Strauß, die Annahme des inzwischen vom Parlamentarischen Rat ausgearbeiteten Grundgesetzes. Jens Daniel sah eine "Alters-Regierung" voraus, womit er ja nicht ganz unrecht hatte. Er trat für eine kollektive Zahlung an den neugegründeten Staat Israel ein, zu der Strauß und die CSU sich nicht durchringen konnten.
Von den damals verantwortlichen Politikern könnte heute am ehesten Konrad Adenauer für sich in Anspruch nehmen, den Grundstein für das jetzt Erreichte gelegt zu haben. Nur galt für ihn eben, was der aus Jens Daniel geschlüpfte Rudolf Augstein ihm 1970 vorhielt: Seine Taten in der Außenpolitik hätten nur selten mit seinen Worten übereingestimmt.
Man darf bezweifeln, daß er mit innerer Überzeugung wollte, was er versprach: ein Gesamtdeutschland mit Regierungssitz Berlin. Denn Adenauer war zeit seines Lebens - und das macht den überragenden Politiker aus - sich und seiner Idee treu geblieben: einem Rheinstaat mit einer Hauptstadt unter Rebenhügeln, eng verbunden mit Frankreich.
Europa sollte nach seinem Willen den Vorrang vor einem deutschen Nationalstaat haben. Dafür hätte er Frankreich das Saargebiet überlassen. Die "Sowjetzone" mochte ruhig noch eine Weile russisch bleiben, um das Gleichgewicht in Europa zu erhalten. Daß er die Gebiete jenseits von Oder und Neiße bereits abgeschrieben hatte, brauchte er den Wählern ja nicht auf die Nase zu binden. Es ließ sich eine Weile mit Notlügen leben.
Jens Daniel, der in Sachen Ostgrenze von Anfang an mit dem Kanzler einer Meinung war, hat zu seiner Charakterisierung unter dem 21. Mai 1952 den katholischen Sozialpädagogen und Studentenführer Carl Sonnenschein zitiert, der am 12. Februar 1919 schrieb: _____" Die Angelegenheit der rheinischen Republik scheint " _____" unterdessen doch in Ordnung zu kommen. Ich habe mehr " _____" Vertrauen zur Sache, seit ich weiß, daß Adenauer hinter " _____" ihr steht. Verwaltungsmenschen wie er werden die Sache " _____" schon praktisch anfassen. "
Zitiert wurde Sonnenschein damals, weil dies die Zeit der Stalin-Noten war, in denen ein neutrales, mäßig bewaffnetes Gesamtdeutschland offeriert wurde. 1952 wußte nämlich niemand, ob Stalin die Integration der Bundesrepublik in die westliche Gemeinschaft nur verzögern, ganz und gar verhindern oder ob er die ungelöste deutsche Frage schließlich vertraglich regeln wollte.
Einer wollte unter gar keinen Umständen eine vertragliche Regelung: Adenauer. Hinter ihm standen die USA mit ihrem Außenminister Dean Acheson. England verhielt sich abwartend, Frankreich ebenso. Damals hieß es in der New York Herald Tribune: _____" Die westlichen Alliierten wollen die deutsche Einheit " _____" gar nicht oder doch nicht heute. Sie wollen so schnell " _____" und so eng wie möglich den Einbau Westdeutschlands in die " _____" westliche Gemeinschaft. Unzweifelhaft will dies auch Dr. " _____" Adenauer; aber jedesmal, wenn er es zu offen zeigt, " _____" verliert er die Unterstützung der Öffentlichkeit. "
Dies war, sehr viel mehr als heute, die Zeit der Nationalstaaten. Man befürchtete, wie die Baseler National-Zeitung schrieb, "daß die Russen es mit ihren neuen Deutschland-Vorschlägen ernst meinen und sogar freie Wahlen in der Ostzone zulassen könnten". Man wolle die Bundesrepublik vorher, und daher die große Eile, an den Westen ketten. Dasselbe erfuhr Jens Daniel von seinem Gewährsmann Herbert Blankenhorn im Kanzleramt.
Die Befürchtungen waren unbegründet. Stalin starb am 5. März 1953. Dann kam der traumatische 17. Juni in Ost-Berlin und der übrigen DDR.
Es war nicht Stalins Art, mit anderen über außenpolitische Initiativen zu reden, allenfalls mit Molotow. Der nun sagte 1954 vor dem Abschluß des österreichischen Staatsvertrags auf der Außenministerkonferenz der vier Siegermächte in Berlin, eine österreichische Lösung komme natürlich für ein so großes Land wie Deutschland nicht in Betracht. Kein Zipfel, kein Mantel, kein vorüberrauschender Gott.
Hat also der große Alte recht behalten? Ja, wenn er das, was sich am 3. Oktober vollzieht, wollte. Nein, wenn er es nicht oder anders wollte. Und er wollte es anders. Er wollte eine Europäische Verteidigungs-Gemeinschaft (EVG) ohne England und die USA. Dieses wundervolle Phantom ist dann 1954 in der Pariser Nationalversammlung geplatzt.
So kam Adenauer, fast wider Willen, in die Nato. Strauß nahm ihm noch bis zu seiner letzten Treibjagd übel, daß er auf die nationale Verfügung über Atomwaffen verzichtet hatte ("ein Versailles von kosmischen Ausmaßen").
Adenauer ist also einer, der nun zweifellos recht behalten hat, obwohl es das Europa, das er durch Überwindung der Nationalstaaten im Auge hatte, mit gleicher Währung und Kaufkraft wohl auch in den nächsten 45 Jahren noch nicht geben wird, die gesamtdeutsche Währung aber schon jetzt. Über Einzelheiten machte er sich ungern Gedanken, es sei denn, es ging um Wahlen oder Geld.
Recht behalten hat auch sein Staatssekretär Walter Hallstein, der spätere EG-Präsident, mit seiner provokativen Formel "Vom Atlantik bis zum Ural". Nur mußte man vorher die nach ihm benannte Doktrin über Bord werfen. Die Bundesrepublik und die DDR brauchten Beziehungen zu allen Staaten gleichermaßen. Mit der Rechthaberei hat es so seine Bewandtnis.
Auch Willy Brandt hatte mit seiner Politik der kleinen Schritte und mit seiner großräumigen Ostpolitik recht, ebenso Egon Bahr, Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher. Wo wurde der "Brief zur deutschen Einheit" abgelegt? Was sagt uns der "Grundlagenvertrag", mit dem Brandt 1972 die Wahlen gewonnen hat?
Sogar das Bundesverfassungsgericht hatte mit seinem arg verhöhnten Urteil recht, als es die Grenzen zwischen den Bundesländern Hessen und Niedersachsen denen zur DDR gleichstellte. So bekam Bayern, das die Klage angestrengt hatte, recht. Es steht aber heute als Rechthaber da, der durch eine künstlich geschaffene Partei künstlich beatmet werden muß.
Und Axel Springer ("Macht das Tor auf!") hat mit seiner unternehmerischen Entscheidung, sein Verlagshaus an die Berliner Mauer zu bauen, Phantasie bewiesen, mithin recht behalten. Und er hatte auch recht, als er seine Zeitungen vehement und fast täglich für den Plan des polnischen Außenministers Rapacki trommeln ließ, in Mitteleuropa eine atomwaffenfreie Zone zu schaffen, um dann nach Moskau zu reisen und sich von Chruschtschow persönlich das Plazet zur Wiedervereinigung abzuholen. Daraus wurde damals nichts.
Wo so viele recht hatten, könnte es sein, daß wir alle unrecht haben? Ist die Vereinigung vielleicht gar nicht wünschenswert? Das meinen die Vertreter eines dritten Weges, eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz, Philosophen wie Jürgen Habermas, Dichter wie Günter Graß, Publizisten wie Erich Kuby, Auschwitz-Überlebende wie Elie Wiesel und vielleicht die gesamte Führungselite Europas und Israels, den Prager Präsidenten Vaclav Havel ausgenommen.
Man muß, auch wenn es schmerzt, verstehen wollen. Ich will, aber ich kann nicht. Mag sein, daß sich andere Völker in einer vergleichbaren Situation nicht so burschikos verhalten würden wie wir, was ich allerdings bezweifle. Aber darum geht es nur am Rande.
Wir hatten die Diskussion ja schon 1960 mit Karl Jaspers. Er sagte damals in einem Fernsehgespräch: _____" Ich bin seit Jahren der Auffassung, daß die Forderung " _____" der Wiedervereinigung nicht nur irreal ist, sondern " _____" politisch und philosophisch in der Selbstbetrachtung " _____" irreal. "
Seitdem sind 30 Jahre vergangen, aber der Standpunkt ist unverändert, obwohl die Deutschen sich seitdem gerade nicht wie Bismarck- oder Wilhelm-Deutsche verhalten haben. Sie haben die Amputation der preußischen Kernlande anerkannt, mir immer selbstverständlich, sie haben sich aktiv am Aufbau Europas beteiligt.
Ich habe diesen Staat, die Bundesrepublik Deutschland, von Anfang an gewollt, habe ihn kritisiert, bin auch in drei deutschen Gefängnissen eingesessen. Aber ich kann doch nicht aus dem Rahmen des Rechtssystems, auf dem er sich gründet, heraustreten.
Damals, 1960, schrieb ich über Jaspers, und angesichts der Freundschaft des Jüngeren zum Älteren, die sich später entwickelte, entschuldige ich mich für den rüden Ton: _____" So wahr es ist, daß die deutsche Spaltung die " _____" Konsequenz deutscher Untaten ist, so sehr diese Einsicht " _____" an den Himmel geschrieben zu werden verdient, so bodenlos " _____" wird eine Philosophie, wenn sie es unternimmt, praktische " _____" Politik auf die Mißweisung von Schuld und Sühne, auf den " _____" "Sinn der Geschichte" abzulenken. Solche philosophische " _____" Selbstbesinnung überlasse man dem Dorfpastor. "
Es stimmt wohl, daß Kanzler Kohl nicht wie ein Bulldozer über die DDR hätte hinwegrollen dürfen. Hätten das Leute, die wir bewundern, hätten das Abraham Lincoln, die beiden Roosevelts, die beiden Kennedys, Churchill und Charles de Gaulle auf ihre vielleicht etwas elegantere Weise etwa nicht getan?
Aber vielleicht ist ja alles nur eine Selbsttäuschung, weil niemand von uns, niemand, die Geschwindigkeit der Ereignisse vorausgesehen hat? Vielleicht haben wir nur ein schlechtes Gewissen, weil jeder von uns zu früh oder zu spät oder gar nicht aufgesprungen ist? Oder auch, weil niemand von uns so ganz genau weiß, wohin die Reise geht? Man weiß ja nie. Ändern, wo man kann, und anerkennen, was unabänderlich ist - anders kommen wir nicht zurecht.
Adieu DDR! So schreibt Andre Brie in einem Nachwort zu Erich Kubys Buch "Der Preis der Einheit". Kuby, so ist er nun einmal, kann sich des Vergleichs mit dem Münchner Abkommen von 1938 nicht enthalten. Brie, positiver gestimmt, sieht eine Chance zu echter Vergesellschaftung, zu wirklicher Sozialisierung von Eigentum.
Mag er doch. Die Bundesrepublik, nach dem Hinzutritt der DDR, wird eine andere sein, so oder so. "Demokratische Sozialisten haben zum erstenmal seit Jahrzehnten eine wirkliche Chance", schreibt Brie. Wenn ja, warum denn nicht?
Weil die Ereignisse sich so überstürzt haben, waren auch die Vorwürfe so eilfertig. Mein Freund Rolf Liebermann, der Schweizer Komponist, findet meinen und den Nationalismus des SPIEGEL angesichts der von Deutschen unter dem Stichwort Auschwitz begangenen Verbrechen, wie er im Fernsehen sagte, "zum Kotzen". Die Wortwahl geht auf seinen Großonkel zurück, den Maler Max Liebermann, der, als er den Fackelzug der Nazis am 30. Januar 1933 beobachtete, geäußert hat, er könne gar nicht so viel essen, wie er kotzen möchte.
Kummer gewohnt, möchte ich denn doch anregen, einmal zu überprüfen, wer in Deutschland sich mit dem Gesamtkomplex Auschwitz früher und intensiver beschäftigt hat als ich. Martin Walser zitierend, kann ich nur sagen: "Das erworbene Wissen über die mordende Diktatur ist eins, meine Erinnerung ist ein anderes."
Amnestie durch Erinnerung findet auch im 20. Jahrhundert statt. Ich aber kann mich nicht durch Amnesie amnestieren.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 40/1990
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