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DER SPIEGEL

„Mit euch kann ich gewinnen“

Wie eine zünftige Kandidatenrede zu enden hat, weiß jeder: Schwitzend und erschöpft muß der Kandidat, der sich zuvor gemüht hat, die Parteifreunde durch heftige Hiebe auf den politischen Gegner emotional aufzumöbeln, die Arme hochreißen und siegesgewiß hervorkeuchen: "Mit euch kann ich gewinnen."
Als Oskar Lafontaine dieses Ritual im Internationalen Congress Centrum (ICC) von Berlin vor der tags zuvor feierlich wiedervereinten SPD erfüllt, haben ihn die alten und neuen Genossen zuvor schon vier Minuten stehend gefeiert. Der Kandidat brüllt den üblichen Satz auch nicht heiser ins Auditorium; er fügt ihn beinahe verhalten dem anderen an, in dem eine intensive, aber nicht selbstgefällige Genugtuung mitschwingt: "Ihr seht", sagt der in den eigenen Reihen umstrittene, sprunghafte und herrische Kanzlerkandidat der SPD, "ich kann noch fighten, ich kann noch kämpfen." Und da hat die SPD ein ziemlich neues Erlebnis gehabt: einen fast bescheidenen Oskar.
Lafontaine mußte seine Kämpferqualitäten nicht nur den Genossen, sondern vor allem sich selbst beweisen. Er habe "einen Kraftakt" hinter sich, bestätigt der strahlende Sieger, als er sich in seinem Büro einen Cognac genehmigt.
Daß ihn der Parteitag in geheimer Wahl - auf der er nach allerlei Gemurre gegen Stil und Inhalt seiner Politik bestanden hatte - mit 98,7 Prozent der Stimmen zum Kanzlerkandidaten nominiert, nimmt er schon wieder als Selbstverständlichkeit. "Warum eigentlich nicht 98,8 Prozent", spottet er. Er hat in der nonverbalen Kommunikation, die sich während der Rede zwischen Podium und Saal entwickelt - Lafontaine: "Das ist ein unsichtbares Fluidum" - schnell gespürt, daß die SPD ihn wieder annehmen wird.
Das ist fast ein kleines Wunder in diesen wunderreichen Tagen. Noch Anfang vergangener Woche hat er sich - wie es ein enger Mitarbeiter ausdrückt - "bis zu den Knien im Morast gefühlt". Die Umfragen für die Sozis sind verheerend; von der Presse - "das ganze Rudel" - fühlt sich Lafontaine lustvoll niedergeschrieben; selbst enge politische Freunde mucken gegen seine angekündigte Steuerpolitik auf. Lafontaine glaubt sich isoliert; erstmals befällt ihn Versagensangst, wie Freunde bemerken.
Wer Lafontaine eine halbe Stunde vor seiner Rede durch das Foyer des ICC stürmen sieht, ein fast aus dem Anzug platzendes Bündel von Kraft und Energie - der ist auf einen gewaltigen Ausbruch des Populisten von der Saar gefaßt. Aber er ist wieder für eine Überraschung gut: Fast verblüfft, zögernd öffnen sich die Genossen einem ungewöhnlich ruhigen, detailgenau argumentierenden und sie nicht mit Polemik überschwemmenden Lafontaine.
Anders als vier Jahre zuvor in Nürnberg, wo sich der Kandidat Johannes Rau und ein begeistert mitgehender Parteitag in eine Siegeseuphorie hineinsteigerten, die nur allzuschnell verflog, entsteht in Berlin eine unpathetische Atmosphäre von Entschlossenheit: Wir haben eine Chance.
Keiner der Genossen schwadroniert, wie damals die Rau-Mannschaft, von einer allein regierenden SPD nach dem 2. Dezember. Viele glauben wie Lafontaine, daß nach den Deutschlandfeiern am 3. Oktober der Alltag in die Politik einziehen und der Öffentlichkeit die vom vielen Feiern verkaterten Augen öffnen wird.
Hat also Lafontaine, wie alte Parteitags-Hasen meinen, in der SPD einen Ruck ausgelöst wie Willy Brandt 1972 bei dem Kampf um die Ostverträge? Der Ehrenvorsitzende selbst hat diesen Vergleich in Berlin ins Spiel gebracht.
So animiert die Partei in Berlin wirkt, so zersplittert ist sie auch. Zwischen Delegierten aus Ost und West schwelen Empfindlichkeiten, die auf dem Parteitag bisweilen handgreiflich ausgetragen zu werden drohen. Zwischen Jungen und Alten liegen Erlebniswelten, die sich im völligen Unverständnis für die jeweils andere deutschlandpolitische Position ausdrücken. Und die traditionellen Gegensätze zwischen Rechten und Linken, Frauen und Männern sind nur überdeckt, nicht zugeschüttet.
Oskar Lafontaine ist Gruppentreue fremd. Er liegt mit Vorliebe quer zu allen Schemata. Das bringt ihn oft genug in Schwierigkeiten, aber in Berlin vermag er so die diffusen Kräfte zu bündeln.
Fragt sich, wie lange. Eine besondere Zuneigung oder gar Liebe hat sich zwischen Lafontaine und der SPD noch nicht entwickelt. Weder ist bei den Delegierten eine neue Innigkeit gegenüber dem "autoritären Knochen Oskar" (so ein Delegierter) aufgebrochen, noch läßt der Kandidat eine plötzliche Hochachtung für die anderen Amts- und Würdenträger der Partei erkennen. Was sich indes zu entwickeln scheint: Erfolgsloyalität auf Gegenseitigkeit.
Oder wächst da am Ende noch mehr? Der monomane Oskar Lafontaine ist nicht der Typ, der Lernprozesse und eigene Fehler unverblümt eingesteht. Wie einst Franz Josef Strauß offenbart der Saarländer selbstkritisches Nachdenken allenfalls, indem er dem Gegner vorwirft, was er an sich selbst nicht leiden kann. Von "Selbstgefälligkeit", "Mangel an Taktgefühl" und "Sensibilität" ist in seiner Rede über Kohl viel die Rede.
Behutsam - was bei Oskar Lafontaine immer heißt: ironisch - werben Altersgenossen um seine Freundschaft: "Kämpfe und genieße - aber laß uns mitmachen", mahnt etwa Norbert Gansel. Und manche glauben, am Vorabend auch schon eine Art indirekte Antwort von ihm gehört zu haben. Als er die ausländischen Gäste zur Feier der Parteivereinigung begrüßt, sagt Lafontaine: "Wer auf Erden keine Freunde hat, ist sich selbst der ärgste Feind."
Von Jürgen Leinemann

DER SPIEGEL 40/1990
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