Hurra, Deutschland!
Am 3. Oktober, pünktlich um Mitternacht, ist es soweit. Zwischen Rhein und Oder, zwischen Boden- und Ostsee werden dann alle Deutschen zitternden Herzens und mit glänzenden Augen auf die Bescherung warten. Nicht das Christkind kommt, o nein, Weihnachten wird auch 1990 nicht vorverlegt. Der Mantel der Geschichte wird vielmehr mächtig rauschen, und der deutschen Nation wird von ebendieser Geschichte ein neuer Staatsfrack verpaßt werden. Genau an diesem Tag und zu dieser Stunde wird Deutschland, unverhofft und unerwartet und mit der zustimmend zähneknirschenden Hoffnung all unserer Nachbarn und Kriegsgegner, in einem gemeinsamen Staate wiedervereinigt. Deutschland einig Vaterland. Und die Cherubim werden jauchzen und die Seraphim jubilieren, und der Himmel wird erstrahlen in Schwarz-Rot-Gold. Helmut Kohl, unser Kanzler, wird eingehen in das dicke Buch der Geschichte dieses, seines Vaterlandes und mit ihm die D-Mark und der pfälzische Saumagen und der Flickskandal und all die anderen Glanztaten seiner goldenen acht Regierungsjahre. Und Festansprachen wird es setzen, daß dem Volk die Ohren sausen, und staatsmännische Weisheit wird sich in perlenden Worten über das Volk ergießen, und das Volk wird winken und jubeln oder sich die Decke über die Ohren ziehen oder sich ins Elsaß oder auf die Malediven davonmachen oder einfach die Schnauze halten. Unsereins ist ja nicht gefragt worden.
Spät erst erkennt man bisweilen die Weisheit der Altvorderen. Die Väter des Grundgesetzes waren, wie die Gegenwart beweist, äußerst weise Männer. Nach der moralischen, menschlichen und politischen Katastrophe von 1945 konnte aus den Nachgeborenen nicht unbedingt etwas Genaues werden. Offensichtlich rechneten sie mit so national mißratenen Söhnen und Töchtern, wie es unsereins geworden ist. Die Stalingrad-Moritaten unserer Schullehrer mit ihren oft nur teilweise noch vorhandenen Armen und Beinen und Schädelplatten, diese Generation der ganz insgeheimsten "Widerstandskämpfer" gegen das Dritte Reich, die da unsere Eltern waren, die "Ich habe nur Befehlen gehorcht"-Erklärungen des Vaters und Onkels, der Amtsgerichtsrat mit seiner schattenfreien Todesurteilsvergangenheit, der Kriminalkommissar mit Gestapo-Praxis, der Wehrwirtschafts"führer" mit seinem nahtlos daran anschließenden Wirtschaftswunder, ja, all die sympathischen Großeltern und Eltern, die nie etwas gewußt hatten und schon gar nicht in der Partei oder sonstwo waren und die dennoch behaupteten, daß beim Hitler manches doch besser gewesen sei und der schließlich die Autobahnen gebaut habe, die konnten einfach nichts Rechtes hervorbringen. Vaterlandslose Gesellen und Gesellinnen wurden das, ins marktwirtschaftlich Materielle verliebte EgoistInnen bestenfalls, und deswegen - o welche staatspolitische Weitsicht! - wurde die Wiedervereinigung völlig unabhängig von der Meinung der Westdeutschen mit dem Artikel 23 als Beitrittsfaktum in die westdeutsche Verfassung geschrieben. So werde ich jetzt also wiedervereinigt, ob es mir paßt oder nicht. Und also, pragmatisch wie unsereins nun mal geworden ist, paßt sie mir, die deutsche Einheit, weil sie mir zu passen hat.
Versteh mich nicht miß, Bruder von drüben. Der Kalte Krieg ist zu Ende, Abrüstung kommt, und die Armeen ziehen nach Hause, die Diktaturen sind zerbröselt, die demokratische Revolution hat gesiegt in Osteuropa, und wir Europäer haben eine einmalige Chance, die blutige Geschichte unseres zerrissenen Kontinents zu beenden und endlich eine friedliche, auf Menschenrechten und freiem Vertrag beruhende Friedensordnung zu errichten. Und darüber ist meine Freude groß, Happiness allüberall.
Die Stalinisten, die Mauer, die Stasi, die Sülzköppe der SED und all ihre Mitläufer, der preußische Stechschritt im sozialistischen Auftrag, der befohlene Jubel, die verratenen Ideale, die primitive Gewalt der Partei - ich habe das alles gehaßt wie Du. Dubcek 1968, er war auch meine Hoffnung. Wolf Biermann, jener Strengbewachte aus der Chausseestraße in Berlin (Ost), hat auch für mich gesungen, ätzend, brutal bisweilen und doch voller Sentiment fürs Vaterland. Er hat mein, unser Deutschland besungen, und mit ihm habe ich nachts um unsere unmögliche Heimat Deutschland zu seiner "Drahtharfe" und "He, Walterchen, Du kalter Alter" geweint.
Ich weiß, Bruder, ich hatte die besseren Karten gezogen. Amis, BRD, Demokratie, Wirtschaftswunder, Freiheit. Ich hätte gerne mit Dir geteilt, alles geteilt, und werde gerne mit Dir teilen. Aber mußte es denn gleich wieder das "Deutschland einig Vaterland" sein?
Einig Vaterland. Unlängst mahnte mich ein Freund zu entspannter Ruhe. Eine deutsche Einheitsbewegung, die sich in einer Hartwährung, der D-Mark, symbolisiere, die zudem durch das Streben nach materiellem Wohlstand und sozialer Sicherheit angetrieben werde und deren Pathos sich gegenwärtig in "Helmut, Helmut!"-Rufen erschöpfe und die zudem noch auf Regierende treffe, die weniger an Wilhelm Zwo erinnerten denn an einen Raiffeisendirektor aus der Südpfalz - eine solche nationale Einheitsbewegung sei doch eigentlich ganz akzeptabel, ja müsse selbst einem solch notorisch antinationalen Element wie mir vielleicht noch sympathisch sein. Zudem zähle Leistung auch hier und verdiene Anerkennung. Unser Kanzler habe sogar die Geschichte ausgesessen, werde sitzend wie ein Buddha in Strickweste zum Kanzler der deutschen Einheit, nachdem diese ihm von Gorbatschow fast für umsonst überreicht wurde. Was ich dagegen denn allen Ernstes haben könnte?
Es ist schlichtes Mißtrauen. Ich werde mein Mißtrauen gegen das "Wir sind ein Volk" und die dabei aufkommende, zugegebenermaßen grundgesetzwidrige Gänsehaut einfach nicht los. Die Deutschen in diesem Jahrhundert: zwei Weltkriege, zwei Diktaturen, Hitler, Auschwitz - alles nur blinde, aus der Zeit und den Umständen heraus erklärbare Zufälle der Geschichte? Sofort schießt mir dagegen der Einwand durch den Kopf, daß es sich bei der Bundesrepublik schließlich um eine 40jährige demokratische Erfolgsgeschichte handelt, daß sie eine westeuropäische Demokratie mit starken demokratischen Wurzeln in ihren Institutionen, ihrer Kultur und in breiten Bevölkerungsschichten geworden ist. Aber können die Deutschen jetzt auf demokratische Weise mit ihrer zweifellos vorhandenen Stärke selbstbegrenzend umgehen?
Ich würde es ja gerne glauben. Echt und voller Erleichterung. Aber zwei Dinge lassen mich sofort wieder stutzen. Wenn Deutschland und die Deutschen so demokratisch gereift sind, wie es allenthalben und zu Recht behauptet wird, warum fürchten dann Herr Kohl und seine Koalition einen Verfassungsprozeß zur demokratischen Gestaltung der Einheit nach dem Beitritt der DDR wie der Teufel das Weihwasser? Traut man dem Volk und seiner Demokratie nicht viel Gutes zu? Wenn dem aber so ist, dann haben da offensichtlich ganz andere Leute noch ein ganz anderes und tiefer sitzendes Mißtrauen gegen die neue deutsche Demokratie. Oder vielleicht auch recht merkwürdige Interessen.
Überhaupt die Verfassung, unser allseits so lauthals gepriesenes Grundgesetz - allerdings nur so lange, wie es paßt. Unsereins kommt sich fast wie der letzte Konservative vor, wenn man sich darüber empört, daß die Einheit gleich mit zwei krachenden Manipulationen am Wahltermin und am Wahlrecht und damit an der Verfassung beginnen sollte. Da wird passend gemacht, wie es in den machtpolitischen Kram paßt. Und das schafft Vertrauen, ganz viel Vertrauen in die demokratische Substanz der Regierenden.
Und das zweite, was mein Mißtrauen trotz Strickjackendiplomatie und Bonner Großonkelkultur nicht schwinden läßt, ist die Offenbarung eines gnadenlosen Geschichtsbewußtseins, von dem man nicht weiß, ob Blödheit oder Absicht oder gar beide dahinterstecken und was im Zweifelsfalle politisch als fataler zu bewerten ist. Fast gleichzeitig mit der Unterzeichnung des Vertrages in Moskau am 12. September 1990 verkündete die Bundesregierung einen Einwanderungsstopp für sowjetische Juden, die angesichts einer Welle von Antisemitismus in der Sowjetunion diese verlassen wollen! Spätaussiedler mit "deutschem Blut" in den Adern dürfen einwandern, sowjetische Juden sind unerwünscht. Ach, Deutschland.
Jetzt kommt Ihr von drüben, tretet bei, und dabei wird kaum etwas von Euerm Beitrag übrigbleiben zu diesem Deutschland. Wozu auch, knurrt da die FAZ. Wir hier im Westen, wir leben in der denkbar besten aller Welten, so lese und höre und sehe ich es seit Wochen. Also keine Sentimentalitäten bitte, sondern abräumen!
Damit wir uns nicht mißverstehen: Der Teufel hole den SED-Staat und seine sozialistische Kommandokultur. Nein, es geht um die 40 Jahre Geschichte der Menschen mit der und vor allem auch gegen diese Diktatur. Und die wird gegenwärtig gründlich abgeräumt.
Wie immer trifft es dabei zuerst und vor allem die früher und auch heute Zweifelnden, die eher kritischen Geister. Die feisten und dreisten Mitmacher und Mitläufer von damals und auch schon heute wieder, diese obszöne neue Linksopposition namens PDS und die ebenso obszönen Neudemokraten der alten Blockparteien in ihren stalinalten Parteihäusern scheinen niemand groß aufzuregen. Also rege ich mich auch schon wieder ab. Nach 1945 durften wir das ja bereits alles einmal erleben. Einheit geht halt vor Wahrheit.
Gerade das Abräumenswerteste aber, jener böse Teil der Geschichte der DDR, wird leider am ehesten überdauern. Du bringst da, Bruder von drüben, ein für unsere gemeinsame Demokratie schlimmes Erbe mit. Die Stasi und ihre Akten, die Verdächtigen und Verdächtigungen, die Mitläufer und die Täter - all das kippt die Einheit unaufgearbeitet nun den Westdeutschen ins Haus. Was soll unsereins damit machen? Nach unseren Maßstäben sichten und richten? Oder alles vergeben und Schwamm drüber? Oder wie oder was?
Ihr hättet das selbst regeln müssen, Bruder, denn es ist Eure Geschichte, Eure Qual und Eure Schuld. Wenn die Unsrigen das zu erledigen beginnen, dann wird es grausam zugehen im neuvereinigten deutschen Rechtsstaat. Ich weiß, die Zeit dazu hattet Ihr nicht, aber Ihr rollt da einen Stein in die gemeinsame Republik, der sich für lange Zeit als ein schlimmer Mühlstein am Hals der neuen deutschen Demokratie erweisen könnte.
Nebbich. "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört", kalauert die Geschichte und mischt munter und kunterbunt die fünfziger und die neunziger Jahre. "Vereinigung" wird voll unfreiwilliger Ironie genannt, was sich am 3. Oktober in Deutschland vollziehen soll. Pfeifendeckel. Gebt acht, Freunde von drüben, daß auf den Beitritt nicht der kräftige Tritt folgt. Manches spricht für diese Befürchtung, und vielleicht, Kanzler, kommt deshalb die richtige nationale Fest- und Jubelstimmung nicht so recht auf.
Freude schöner Götterfunken am 3. Oktober? I wo. Mir ist eher etwas bänglich zumute. Der deutsche Einheitsstaat im zweiten Anlauf - wenn das man diesmal nur besser ausgeht als beim letzten Versuch, denn wir Zeitgenossen müssen sagen, wir sind dabeigewesen. Ich jedenfalls hebe mir meinen deutschen Jubel für in zehn Jahren auf, für den 3. Oktober des Jahres 2000. Bis dahin dürfte sich erwiesen haben, ob zum Jubeln oder zum Haareraufen Anlaß besteht.
Am 3. Oktober werde ich mir also meine letzte Flasche Rotkäppchensekt aus sozialistischen HO-Beständen seligen Angedenkens reintun und der DDR gute Nacht wünschen. Anschließend werde ich dann dem Deutschlandlied (Schöneberger Fassung) andächtig lauschen, auf Schallplatte und gesungen von Kohl und Brandt und Momper und Genscher und Diepgen und Übelkrähe und all den anderen, zum besten gegeben in einer erhabenen Kakophonie auf dem Platz vor dem Schöneberger Rathaus zu Berlin.
Es gibt also was zu feiern am 3. Oktober in Deutschland. Packen wir's an.
Ich werde mein Mißtrauen gegen das "Wir sind das Volk" nicht los
Von Joschka Fischer
