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DER SPIEGEL

UmweltDas gibt Revolte

Neue Hiobsbotschaften aus Bitterfeld und Umgebung: Die Dioxinwerte liegen höher als einst in Seveso. Die Fakten will niemand so recht wahrhaben.
Manfred Hanke, der CDU-Ortsvereinsvorsitzende von Greppin bei Bitterfeld, hat frischen Kleister an den Händen: Bevor der Mann im karierten Freizeithemd zur "Krisensitzung" ins Rathaus eilte, mußte er schnell noch ein paar Plakate kleben, für seinen Kanzler und für Deutschland.
Helmut Kohl kommt in die Gegend. Überall lächelt der "Kanzler für Deutschland" von den Wänden. Bald ist er Kanzler auch von Greppin und Bitterfeld. Für Hanke, dessen CDU bei der Kommunalwahl 57 Prozent holte, ein "Anlaß zu großer Freude".
Natürlich ist es keine "Krisensitzung", zu der die Bürgermeisterin Ruth Höppner den Kollegen Hanke und andere Gemeindevertreter zusammengerufen hat. Es handelt sich um eine Sondersitzung, sonst nichts, und es besteht, sagt Frau Höppner, "kein Grund zur Panik".
Genauso haben es ihr zuvor die Herren von der Bitterfelder Chemie AG eingebleut, als man gemeinsam die nächste Sitzung der Regierungskommission des Umweltministers Karl-Hermann Steinberg vorbereitete. Die Kommission soll das Ausmaß der industriellen Verwüstung ergründen und Vorschläge zur Sanierung machen.
Ausgerechnet in Greppin und Bitterfeld, wo doch schon genug Dreck herumliegt, hat man zu allem Überfluß auch noch das giftigste der Gifte gefunden - 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-p-dioxin (TCDD) - den Stoff, der Seveso verseuchte. Keine schönen Zahlen, wie Dr. Karl Ludwig Enders, der Umweltbeauftragte der Bitterfelder Chemie AG, einräumt; an einer Meßstelle gebe es sogar "Handlungsbedarf". Aber Grund zur Besorgnis gebe es eben nicht.
Das Seveso-Gift ist so stark, daß man es in milliardstel Grammeinheiten (Nanogramm), bezogen auf ein Kilo Boden, mißt. Bei fünf Nanogramm soll man keine bodennahen Pflanzen, bei 40 kein Viehfutter anbauen, bei mehr als 100 gelten Spielplätze und Kindergärten, bei mehr als 1000 gilt der Boden als so verseucht, daß saniert werden muß.
Im Zyklonstaub der Bitterfelder Aluminium-Schrottschmelze, der größten Dioxin-Dreckschleuder des Chemie-Kombinats, fanden die Analytiker 2224 Nanogramm, in einer Bodenprobe 50 Meter entfernt 3245 Nanogramm, an anderer Stelle Spitzenwerte von 3745 Nanogramm.
Natürlich kennt auch der Umweltminister Steinberg die Messungen. Seit Ende August hat er die Werte auf dem Tisch. Sie passen ihm nicht ins Sanierungskonzept: Wie soll er neue Investoren gewinnen, wenn jetzt die Zahlen bekannt werden?
Der Minister redet in seiner letzten Amtswoche vor der deutschen Einheit das dreckige Bitterfeld schön: Die Schadstoffbelastungen seien um die Hälfte, die Wasserverschmutzung sei erheblich zurückgegangen.
Den anderen Teil der Wahrheit tischte Steinberg seinem Ministerpräsidenten Lothar de Maiziere zur letzten Kabinettssitzung am vorigen Mittwoch auf: Acht Meter unter dem ehemaligen NVA-Übungsgelände in Delitsch (bei Bitterfeld), das jetzt die Bundeswehr übernehmen soll, sind 800 Fässer mit hochgiftigen Kampfstoffen aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden worden.
"Altlasten" heißt das Wort, hinter dem sich die Werksleitung verschanzt. Ihre Beseitigung wird, wenn man Steinberg richtig versteht, Sache des westdeutschen Steuerzahlers sein.
Die Alu-Schrottschmelze im Werk Süd ist immer noch in Betrieb und verseucht Tag für Tag die Gegend mit dem Seveso-Staub - fast ohne Filter.
Vor drei Jahren wurde der Schornstein von 10 auf 50 Meter erhöht und ein Grobfilter eingebaut. Eine folgenschwere Sanierung: Für die feinen Schwebstoffe, die das Seveso-Gift transportieren, ist der Filter zu grob. Dank der Aufstockung des Schlotes wurde der Radius der Dreckschleuder erweitert.
Der Bahnhof, Umsteigepunkt für jeden DDR-Bürger, der aus dem Süden der Republik Richtung Hauptstadt oder Osten fahren will, liegt im Dioxindunst, und auch das Heim für geistig behinderte Kinder lag unter Beschuß, ehe es Anfang des Jahres geschlossen wurde. Weht der Wind richtig, gerät das Stadtzentrum unter eine Dioxin-Haube. Und natürlich Greppin, die Nachbargemeinde, das am meisten vergiftete Dorf der Welt.
Zum Glück ist Peter Peklo vom Chemiewerk Bitterfeld in die Ratssitzung geeilt, und auch der Umweltdezernent des Landkreises, Fred Walkow, hat sich eingestellt. Außerdem hat man einen Fachmann aus dem Westen zu Gast, den Diplomchemiker Dr. Werner Schnabel, Abteilungsleiter der Noell Umweltdienste GmbH aus Hannover (NUD), die zur Preussag/Salzgitter Gruppe gehört. "Sie müssen die Dinge komplex sehen", rät Chemiker Schnabel den Greppinern.
Die NUD bemüht sich um den Zuschlag für jene umfassende Analyse des "Ist-Zustands", die irgendwann im nächsten Jahr vorgelegt werden soll - ein lukrativer Auftrag, für den sich fünf weitere Mitbieter interessieren. Daß die NUD wohl das Rennen machen wird, da die Preussag bereits im Chemie-Werk das Sagen hat, wird im Rathaus von Greppin stillschweigend vorausgesetzt.
Die Ratsherren haben ein ganz konkretes Problem: "Sollen wir unseren Bürgern mitteilen", fragt die Bürgermeisterin Höppner, "ihr dürft kein Obst mehr aus eurem Garten essen?"
"Das gibt Revolte", zischelt ein Ratsherr, der mit dem CDU-Vorsitzenden Hanke am Tisch sitzt, "das halten wir nicht durch." Und jetzt sagt Hanke seine Meinung. Er hat den Herren von der Chemie AG den Rücken zugedreht und den Kopf zwischen die Schultern geklemmt: "Die Wahrheit tut weh", murmelt er. "Die Wahrheit muß auf den Tisch."
Aber welche Wahrheit? Daß alles halb so schlimm und eigentlich normal ist? Daß an manchen Straßenrändern der Bundesrepublik weit höhere Werte gemessen werden als auf dem Sportplatz von Greppin? Und was ist überhaupt "normal" im Bitterfelder Chemie-Wahnsinn?
In die Rückstandsgrube, eine ursprünglich 53 Meter tiefe Braunkohlegrube, hat schon das Chemiewerk der I.G. Farben seit 1940 die Rückstände seiner Kriegsproduktion geschmissen - niemand weiß, welche chemischen Reaktionen hier noch zu erwarten sind.
Aus der Chemiedeponie "Freiheit III", einer ehemaligen Braunkohlegrube, sickert bräunlich-schwarzes Wasser ins Grundwasser. Das Verkippen von Chemiemüll ist zwar jetzt verboten, aber das Giftzeug liegt offen herum und müßte abgetragen werden - Milliarden würde das kosten.
Unter der rissigen schwarzen Erde der Deponie Antonie am "Wolfener Wechsel", mehrere Fußballfelder groß, liegt hochgiftiges Lindan - ein Stoff zur Schädlingsbekämpfung mit Langzeitwirkung:
Über die Nahrungskette oder die Atemwege gelangt das weißliche Pulver, das wie Kokain aussieht und nach Kartoffelkäfer-Bekämpfung riecht, ins Fettgewebe und wird dort erst in Streß-Situationen aktiviert.
Eine harmlose Krankheit kann unter Lindan-Einfluß tödlich werden. Keiner weiß, wieviel Todesfälle, die als Herz-Kreislauf-Schwäche diagnostiziert wurden, auf die Vergiftung zurückzuführen sind - medizinische Langzeituntersuchungen gibt es nicht.
Es kann sie auch nicht geben, weil allein in den vergangenen 20 Jahren 40 000 Menschen aus Bitterfeld weggezogen und fast ebenso viele neu hinzugekommen sind.
Auch der "Silbersee", in den die Filmfabrik Wolfen seit Jahrzehnten ihre hochgiftige Chemiebrühe leitete, ist nichts anderes als ein 50 Meter dicker Schlammpudding, auf dem 30 Zentimeter Wasser stehen. Von weitem kann man riechen, was da blubbert: Scharf und ätzend ist der Geruch, wie aus dem Fotolabor.
Kein Scherz, was der Volkskammer-Abgeordnete Hans Zimmermann (CDU) erzählt: Vor Jahren ist einmal ein Betrunkener in diesen See gefallen. Als man ihn nach Monaten fand, war er verledert - kein bißchen verwest, weil in dem Chemiedunst nichts verfaulen kann.
In den Augen mancher Greppiner ist Zimmermann ein notorischer Pessimist. Obwohl der Direktor der Chemie AG und der Direktor der Mitteldeutschen Braunkohlewerke behaupten, nun gehe es aufwärts mit diesem Bitterfeld, sieht er das ganz und gar nicht so.
Ein Querulant war der stämmige Bartträger, der sich die Arme tätowieren ließ, schon immer, ein Chronist des Raubbaus an Natur und Boden, verübt hier von dem volkseigenen Braunkohle-Kombinat, das mit seinen riesigen Tagebau-Baggern ganze Dörfer wegriß, dort vom volkseigenen Chemie-Kombinat Bitterfeld, das seinen giftigen Müll in die offenen Löcher kippte - eine grausliche Synthese.
Er ist sogar einer der 144, die als Abgesandte der Volkskammer nach Bonn kommen. Zimmermann reißt sich zusammen und schwärmt von irgendeinem "Industriepark Bitterfeld-West", der entstehen und Arbeitsplätze bringen soll, wenn - was absehbar ist - in Bitterfeld-Ost und Süd-Ost nichts mehr geht, weil alles verseucht ist.
Im Lokalblatt Sachsen-Spiegel hat der Umweltminister westdeutsche Unternehmer mit dem Angebot gelockt, sie könnten jetzt Geld investieren, ohne "Entsorgungspflicht" für den Dreck, der in den Industriegebieten rund um Bitterfeld verbuddelt ist.
"Fünf plus eins" lautet die Köder-Formel: Fünf Jahre lang dürfen die Westler auflagenfrei nach alten DDR-Normen produzieren. Ein weiteres Jahr bleibt ihnen Zeit für die Umstellung auf Bonner Vorschriften.
Die Chemie AG ist nicht so unvorsichtig gewesen, ihr Wissen für sich zu behalten. Schon im Juni hat der Umwelt-Beauftragte Enders die ersten Analyse-Ergebnisse bekommen, Mitte August kamen dann die Wahnsinns-Zahlen aus dem Werk.
Reaktion: Null. Weder wurde ein Gramm Boden abgetragen noch die Produktion der Alu-Schrott-Anlage gestoppt, noch wurde die Bevölkerung gewarnt - Produktion geht vor Gesundheit.
In Bitterfeld wartet man jetzt auf die Ist-Stand-Analyse aus Berlin. Ohne gesicherte Daten, so argumentiert nicht allein der Abgeordnete Zimmermann, passiert nichts.
Die Daten - sie liegen längst vor. Es hat nur bislang niemand gewagt, sie zusammenzuschreiben. Das ganze Ausmaß der ökologischen Verseuchung will man in Bitterfeld nicht wahrhaben, lieber verdrängen, jedenfalls verharmlosen. Und auch die herannahende nächste Katastrophe wird in den Amtsstuben einstweilen noch verniedlicht: die Vergiftung des Wassers, wenn der Grundwasserspiegel nach der geplanten Stillegung der Tagebaugruben steigt.
Oder die bedrohlichen Veränderungen der Erbanlagen, auf die der Magdeburger Wissenschaftler Friedmar Kreuz gestoßen ist. Der Humangenetiker untersuchte die Chromosomen von Chemie-Arbeitern, die in der Farbstoff-Produktion ständig mit den dort hergestellten Zwischenstoffen "Dimethyl-Sulfat" und "Hydro-Chinon" zu tun hatten. Zum Vergleich prüfte er dann Chromosomenproben von Mitarbeitern des medizinischen Dienstes, die nicht mit den gefährlichen Farbstoffen umgehen müssen. Das Ergebnis: Die Chromosomen der Farbstoffarbeiter wiesen eine drei- bis viereinhalbmal höhere Brüchigkeit auf als die der anderen Mitarbeiter - für den Arzt eine deutliche Warnung:
"Die klastogenen Veränderungen, die wir im Mikroskop sehen, stellen nur die Spitze des Eisbergs möglicher Mutationen dar . . . In irgendeiner der nachfolgenden Generationen kann es . . . zu schwerwiegenden Auswirkungen kommen: Stoffwechseldefekte, Fehlbildungen, Immundefekte."
Was sagt der Umweltbeauftragte des Werkes dazu? "Ich bin Umweltschutz, nicht Arbeitshygiene. Da müssen Sie den Betriebsarzt fragen."
Auch für das Grundwasserproblem fühlt sich die Chemie AG nicht zuständig. Die hydrologische und geologische Beschaffenheit der Gruben, in die man den chemischen Dreck gekippt hat, ist Sache der Braunkohlewerke und ihres Deponiebeauftragten Lothar Obereigner.
Dem ist das Problem sofort geläufig, aber er findet es nicht dramatisch: Gewiß würde das Grundwasser nach oben in die Chemieschlämme steigen, wenn man - wie geplant - die Tagebaugruben flutete. Und sicher würde dann aus dem bisher trockenen Klärschlamm eine giftige Chemiekloake, die das Grundwasser bis zur Nordsee verseucht. Aber wer sagt, daß es dazu kommt?
Für den Deponiebeauftragten Obereigner jedenfalls ist die Sache klar: Entweder die Chemiegruben werden ausgegraben und der Müll verbrannt - das kostet dreistellige Milliarden. Oder die Pumpen bleiben in Betrieb - bis ans Ende aller Tage, was nur 50 bis 60 Millionen per annum kostet.
Bezahlen wird in jedem Fall der Staat und nicht das Werk, weswegen der frühere SED-Mann Obereigner der Wiedervereinigung auch mit einer gewissen Schadenfreude entgegensieht - wie viele Leute in Bitterfeld.
Denn in der Nacht zum 3. Oktober verwandeln sich alle Dioxine, alle Chemie- und Braunkohleabfälle, das verseuchte Wasser und die verpestete Luft zur "Altlast". Und für die ist dann nicht mehr der Deponiebeauftragte Obereigner zuständig, auch nicht sein Braunkohlewerk und schon gar nicht die arme DDR - sondern allein das reiche Bonn. o

DER SPIEGEL 40/1990
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