Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

Grüne/PDSKader mit Promis

Mit umstrittenen Methoden versucht die SED-Nachfolgepartei PDS, ihren West-Ableger „Linke Liste“ aufzubauen. Grüne Überläufer sollen Wähler ziehen.
Gegen Konkurrenz von links hat sich die Sprecherin des Bundesvorstands der Grünen, Heide Rühle, 41, nie gewehrt. Sogar die Bildung einer West-Sektion der SED-Nachfolgerin "Partei des Demokratischen Sozialismus" (PDS), berichtet die Stuttgarter Psychologin, habe sie anfangs akzeptiert: "Ich bin doch keine Kommunistenfresserin."
Neuerdings jedoch ist der Alternativen die Partei des alerten Ost-Berliner Rechtsanwalts Gregor Gysi, 42, höchst zuwider. Die Art und Weise, wie die PDS bei West-Linken Anschluß suche, klagt die Vorstandsfrau, habe "mit normalen demokratischen Methoden" nichts gemein. Die Arbeitsweise der Gysi-Partei, empört sich Heide Rühle, erinnere "fatal an alte SED-Praktiken".
Den Unmut der Grünen-Sprecherin haben Aktivitäten der Linken Liste/ PDS ausgelöst, die bei den gesamtdeutschen Wahlen am 2. Dezember für die angeblich reformierte ehemalige DDR-Staatspartei "ein Milliönchen" (Gysi) Wählerstimmen im Bundesgebiet fangen soll. Seit Wochen werkeln deshalb Gysi-Helfer am Aufbau einer Parteiorganisation und versuchen, Mandatsträger und Funktionäre für ihr Projekt zu gewinnen - durchaus mit Erfolg.
In Bonn, München und Offenbach hat die PDS bereits Kontaktbüros eingerichtet, Parteizentren in Hamburg und Stuttgart sollen alsbald folgen. Auch ein rasch zusammengestoppeltes Wahlprogramm mit linken Stammforderungen, etwa nach "Überwindung des Patriarchats", aber ohne Konsens in so brisanten Streitpunkten wie der Kernenergie, liegt vor.
Schon jetzt, verkündet der Ost-Berliner Gysi-Stellvertreter und Wahlkampfkoordinator Andre Brie, 40, gebe es kein Bundesland mehr, in dem nicht eine Linke Liste zur Wahl antrete.
Mit ihrem Ost-West-Bündnis will die PDS nicht nur enttäuschte Anhänger der Deutschen Kommunistischen Partei und frustrierte Sozis vom linken Rand der SPD einfangen. Vor allem möchte Gysi im Gehege der Grünen wildern.
Um sich von den Neokommunisten abzugrenzen, beschlossen die Grünen, daß Mitglieder "konkurrierende Listen" nicht "unterstützen" dürfen. Alternative Hardliner wie Jutta Ditfurth bekunden dennoch weiterhin ungeniert ihre Sympathie für die Ost-Konkurrenz. Mitte September trat die Frankfurter Fundi-Vorkämpferin sogar als Gastrednerin auf dem Wahlkongreß von PDS und Linker Liste/PDS in Berlin auf, wo sie von einer "gemeinsamen Opposition" im Bundestag schwärmte.
Der Ost-Partei ist es bereits gelungen, für ihren West-Antritt etliche grüne Promis als Trommler für Gysi zu _(* Mit dem PDS-Ehrenvorsitzenden Hans ) _(Modrow (l.) auf dem Linke ) _(Liste/PDS-Wahlkongreß in Berlin. ) gewinnen. Am letzten Mittwoch gab die ehemalige Grünen-Vorstandssprecherin Verena Krieger bekannt, sie werde im Dezember ihre "Proteststimme der PDS" geben. Und am Donnerstag tat auch Ex-Vorstandssprecher Christian Schmidt kund, er wolle künftig "für die Linke Liste" kämpfen.
Den Mitbegründer der West-Berliner Regierungskoalition aus Sozialdemokraten und Alternativer Liste, Harald Wolf, hat Parteivize Brie bereits als Wahlkampfredner fest eingeplant. Ulla Jelpke, jahrelang eine Galionsfigur der Grün-Alternativen Liste in Hamburg, steht nun für die Linke Liste/PDS in Nordrhein-Westfalen auf Platz eins.
Kaum ein Landesverband der Linken Liste, bei dem nicht ehemalige Grüne als Spitzenkandidaten oder Funktionäre linken Zuspruch gewinnen sollen. Die schleswig-holsteinische Listen-Sprecherin Anke Saebetzki hatte ehemals Sitz und Stimme im Kieler Grünen-Landesvorstand. Der Sektion Baden-Württemberg steht mit der Karlsruher Stadträtin Janine Millington-Herrmann ein Ex-Mitglied des Bundeshauptausschusses der Alternativen vor. In Saarbrücken wechselte ein grüner Ortsverein fast geschlossen zur Linken Liste.
Wahlkämpfer Brie kündigt bereits die nächsten grünen Überläufer an. Seine Partei, freut sich der Ost-Funktionär, rechne noch mit einigen weiteren "Beitritten von Niveau". Allein aus der Bundestagsfraktion der Alternativen, so ein PDS-Werber, habe "ein knappes halbes Dutzend" Mandatsträger Wechsel-Absichten oder Unterstützungsangebote signalisiert.
Daß es bei dem allzu flotten Parteiaufbau stets mit rechten Dingen zugeht, wird von der grünen Konkurrenz allerdings bezweifelt. Alternative, selber beim politischen Hauen und Stechen nicht zimperlich, werfen dem PDS-Ableger Mauschelei und Schieberei vor. Die Gruppierung gebe sich zwar radikaldemokratisch, aber die offiziellen Landesversammlungen dienten nur der Tarnung. In Wahrheit sei die Linke Liste, so Grünen-Sprecherin Rühle, eine "Kaderorganisation, garniert mit Prominenten".
Vor allem aber prangern Grüne an, daß die PDS neue Mitglieder nicht nur mit Posten, sondern auch mit Penunzen locke. Ein Alternativer: "Da wird knallharte Abwerbung betrieben."
Auf welche Weise die PDS angeblich Grüne anwirbt, schildert der Tübinger Bundestagskandidat und Landtagsfraktionsmitarbeiter Christian Vogt-Moykopf, 32. Ihm sollen PDS-Werber einen Vorstandsposten im Land Brandenburg angeboten haben, dotiert nach dem Bundesangestelltentarif III/IIa - rund vier- bis fünftausend Mark.
Auch der Bundesgeschäftsführer der Grünen, Eberhard Walde, 41, weiß von dubiosen Anfragen zu berichten. Ihn wollten PDS-Anhänger in einem italienischen Restaurant in Bonn bei Pasta und Vino für die Linke Liste ködern. Zwar sei von Bargeld nicht die Rede gewesen, erinnert sich der Grünen-Manager, aber natürlich sei "klar", daß "ein Bundesgeschäftsführer der Grünen nicht wechselt, um Plakate zu kleben".
PDS-Vize Brie weist die Vorwürfe, natürlich, zurück. Allerdings räumt er ein, daß beim Parteiaufbau wegen des "enormen Zeitdrucks" mitunter "nicht alles basisdemokratisch" zugehe. Brie: "Wir konnten es nicht von unten wachsen lassen."
So bestehen die Landesverbände der Partei mancherorts, wie in Baden-Württemberg, nur aus 15 Mitgliedern, die alle wichtigen Entscheidungen auskungeln können. Die sogenannten offenen Landesversammlungen, zu denen es oft Hunderte von Sympathisanten zieht, können bei der Kandidaten-Aufstellung allenfalls "eine Art verbindliche Empfehlung" (Linke Liste) geben.
Mit finanzieller Bestechung, beteuert der Ost-Berliner Gysi-Stellvertreter, habe die PDS nie operiert. Wer allerdings hauptamtlich für eine Partei arbeite, der werde, so Brie, auch ordnungsgemäß entlohnt: "Das ist schließlich nichts Ehrenrühriges."
Als bezahlte Linke-Liste-Helfer sind vorerst nur zwei Ex-Grüne bekannt. Dem Hamburger Jürgen Reents, 41, bis vor wenigen Monaten Bundesvorstandsmitglied der Grünen, hat die Partei einen "Honorarvertrag" (Brie) für die Betreuung einer geplanten Wahlkampfzeitung angedient. Der langjährige Reents-Mitstreiter und jetzige Linke-Liste-Vorstandssprecher Michael Stamm hat ein Büro im Berliner PDS-Quartier an der Kleinen Alexanderstraße bezogen, wo er als Ost-West-Koordinator wirkt.
Doch selbst die beiden hauptamtlichen Gysi-Gehilfen wollen trotz reich gefüllter PDS-Kassen "noch keinen Pfennig" (Stamm) kassiert haben. Linke-Liste-Leute, behauptet Stamm, seien "ausschließlich Überzeugungstäter".
* Mit dem PDS-Ehrenvorsitzenden Hans Modrow (l.) auf dem Linke Liste/PDS-Wahlkongreß in Berlin.

DER SPIEGEL 40/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.