MilitärLife is a cabaret
Das Bonner Verteidigungsministerium zögert, ob es das einstige Kabarett der Nationalen Volksarmee übernehmen soll.
Mit Befehl 28/90 wurde Horst Heller, 58, Ende letzter Woche in den Ruhestand geschickt. 35 Jahre lang hat er das einzige professionelle Armeekabarett der Welt befehligt: die "Kneifzange", die auch noch nach der Wende unverdrossen durch Kasernen und Erholungsheime der Nationalen Volksarmee (NVA) tingelt.
Während der Kabarettdirektor im Rang eines Oberstleutnants in Pension geht, hoffen seine Untergebenen noch, als Militärkünstler von der Bundeswehr übernommen zu werden. Um die Wehrtauglichkeit der Kneifzange zu überprüfen, haben Vertreter der Hardthöhe bereits das neue Programm vor Ort inspiziert - Titel: "Karten auf den Tisch". Doch die Herren aus Bonn "lachten nicht", notierte besorgt das DDR-Blatt Trend.
Nicht nur die Kneifzangen-Zukunft ist ungewiß. Auch was mit dem NVA-Ballett geschehen soll und mit den "Original Wuhlertalern", einer Volksmusikgruppe, die seit der Wende in NVA-Reihen wirkt, haben die neuen Herren noch nicht entschieden. "Das wird bei uns noch heftig diskutiert", sagt Kneifzangen-Besucher Hans-Jürgen Wagner vom Bonner Verteidigungsministerium.
Auf ein sicheres Engagement in der Bundeswehr dürfen am ehesten die Sänger setzen, die sich in der NVA zum Carl-Maria-von-Weber-Chor zusammengeschlossen haben. Der NVA-Gesangverein, lobt das Verteidigungsministerium, sei vielen westlichen Chören weit überlegen.
Nicht einmal in "kühnsten Träumen" hat NVA-Mann Heller geglaubt, daß sein Ensemble, darunter mehrere schauspielernde Oberfeldwebel, jemals nach Bonner Geldern würde schielen müssen. "Das ist schwer zu ertragen" für den altgedienten Genossen.
Nach der Devise "Life is a cabaret" dagegen will Kabarett-Kollege Klaus Hartmann, 53, handeln. Schauspieler zu sein, glaubt er, sei zum großen Teil Bereitschaft zur Prostitution. Beim Auftraggeber Bundeswehr würde Hartmann auch einen Sketch gegen den Warschauer Pakt wagen: "Wenn ich ein Engagement abgeschlossen habe, gehört das zu meinen Pflichten."
Rund 4000 Kneifzangen-Vorstellungen haben die NVA-Künstler hinter sich gebracht. Der theaterbegeisterte Heller, der 1955 zu den Grenztruppen wechselte, hatte schon als Lehrer ein Schülerkabarett gleichen Namens geleitet.
Es sei die Zeit gewesen, als in den Streitkräften die "große Kulturglocke" geläutet wurde, urteilte die Armeerundschau in einem verklärenden Rückblick auf die "Volkskünstler in Steingrau": "Treffen junger Talente" und kulturelle Leistungsvergleiche hätten den Soldatenalltag bereichert und die Dienstfreude stimuliert. Genügend Publikum fand sich stets ein: Ganze Einheiten wurden als Zuschauer abkommandiert.
Dem Kabarettisten-Spott setzte das Ost-Berliner Ministerium für Nationale Verteidigung enge Grenzen. Einzig mit dem Klassenfeind, forderte die "Politische Hauptverwaltung" (PHV), habe sich die Kneifzange auseinanderzusetzen. Folgsam lieferte die Kabarett-Truppe fortan ihre Pflichtnummern gegen Nato, Kapital und Klassenfeind. Als die PHV beispielsweise bei einigen Sketchen "kriegsbezogenes Denken" vermißte, verweigerte sie ihr Plazet.
Aber nur einmal kam ein ganzes Programm als "dekadent" auf den Index - mit bitteren Folgen für die Schauspieler: Für drei Wochen wurden sie zu normalem Dienst vergattert.
Seit der Wende ist alles anders. Nur noch versprengte Grüppchen von NVA-Soldaten oder vereinzelte Wessis finden sich beim Armeekabarett ein. Doch das geht den früheren Renommier-Kabarettisten von der Ost-Berliner "Distel" genauso.
In der neuen Marktwirtschaft wäre die Kneifzange nicht existenzfähig. Ihr jüngstes Lied sangen die einstigen Kampfkabarettisten vor ganzen neun Zuschauern - Titel: "Geschenkt wird uns nichts." o
