„Geht doch nach Israel“
45 Jahre nach dem Ende des Holocaust drängen Tausende sowjetischer Juden ins Exil nach Deutschland - doch Bund und Länder wollen sie nicht aufnehmen. Der Zentralrat der Juden hält den Einreisestopp für „engherzig“, einzelne Sprecher jüdischer Gemeinden dagegen äußern auch „Verständnis“ für die Bonner Haltung.
Der Schauplatz ist makaber: Ausgerechnet im ehemaligen NS-Propagandaministerium sammeln sich, aufgeregt und verängstigt, etwa 60 russische Juden vor einem kleinen Büro - die Ost-Berliner Beratungsstelle für jüdische Zuwanderer aus der Sowjetunion hat Sprechstunde.
Auch Karina, 36, ist erschienen. Die Moskauer Deutschlehrerin hat Glück: Nach einer Stunde Warten paßt sie den gerade durch einen Hinterausgang entweichenden Leiter der Beratungsstelle ab - und kann ihm endlich ihre Geschichte erzählen:
Anfang Juli habe sie in den Moskauer Zeitungen gelesen, daß die DDR-Regierung allen sowjetischen Juden "aus humanitären Gründen" Zuflucht gewähre. Zwei Wochen später sei sie mit ihrem Mann, einem Computer-Ingenieur, und ihren beiden Söhnen in Berlin eingetroffen. Jetzt, so sagt sie strahlend, "bin ich so dankbar zu den Deutschen".
Die letzten Jahre in Moskau seien nämlich "schrecklich" gewesen. Ihr 14jähriger Sohn Nikolai, 14, sei fast täglich weinend aus der Schule zurückgekommen, weil ihm die Mitschüler immer wieder mit Kreide das Wort "Jude" auf den Rücken gemalt hätten. Hals über Kopf habe die Familie schließlich ihr ganzes Hab und Gut verlassen.
Die DDR, berichtet Karina, habe sie gut aufgenommen. Doch nun, so fleht sie den Leiter der Beratungsstelle an, "brauchen wir wieder Hilfe": Ihre Eltern wollten jetzt auch kommen, wüßten aber nicht, wie, wann und ob es überhaupt noch gehe. "Am 3. Oktober", erklärt sie besorgt, "ist doch die deutsche Einigkeit."
Matthias Jahr, 39, der Leiter der Beratungsstelle, kann der Moskauerin kaum helfen. Nur solange die DDR existiere, sei eine Unterbringung der sowjetischen Juden garantiert.
Jahr weiß nicht einmal, ob es seine Beratungsstelle am Tag nach der deutschen Vereinigung noch geben wird. Verantwortlich für diese Ungewißheit ist die Bonner Bundesregierung. Anfang September wies sie alle west- und ostdeutschen Konsulate in der Sowjetunion an, "die Aufnahmeanträge" jüdischer Bürger "nicht weiter zu bearbeiten".
Der Grund des Einreisestopps: Das Auswärtige Amt hatte zuletzt "sprunghaft gestiegene Ausreisewünsche" sowjetischer Juden registriert. Allein dem bundesdeutschen Generalkonsulat in Kiew lägen "bis zu 10 000 Anträge" vor. Erst nach "Festlegung einer Aufnahmequote" durch Bund und Länder, entschied Innenminister Wolfgang Schäuble, würden Ausreiseanträge wieder bewilligt.
Diese Reaktion ist fast so unglaublich wie ihr Anlaß: 45 Jahre nach Ende des Holocaust will erstmals wieder eine große Zahl von Juden in Deutschland heimisch werden - und Bonn macht die Grenzen dicht.
Vergebens hat bereits die DDR-Ausländerbeauftragte Almuth Berger gegen den "skandalösen Einreisestopp" der Bundesregierung protestiert. Heinz Galinski, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, nennt die Entscheidung "engherzig".
Mit "Engherzigkeit" habe das Bonner Verhalten "wenig zu tun", meint dagegen Christdemokrat Schäuble. "Die lange aufgestauten Wünsche von jüdischen Menschen", die aus der Sowjetunion ausreisen wollten, fänden jetzt "größere Möglichkeiten".
Nicht allein die liberale Ausreisepraxis der Ära Gorbatschow treibt die sowjetischen Juden außer Landes, sondern vor allem ein übler Antisemitismus: Beschimpfungen und Gewalttätigkeiten auf offener Straße sowie unverhüllte Judenfeindlichkeit in den Medien zählen zu den finsteren Kehrseiten der Perestroika.
Politisch geführt wird der antisemitische Kampf von der faschistischen Pamjat-Bewegung, die sich auf einen tief in der russischen Geschichte verwurzelten Judenhaß berufen kann. Toleriert wird das Treiben der Pamjat-Agitatoren von der herrschenden Sowjetbürokratie - wieder einmal dient das Judentum als Sündenbock: Der neue Antisemitismus, klagt der Moskauer Autor Jurij Ginsburg, mache die Juden "für den Bolschewismus und dessen Folgen verantwortlich, für massenhaften Hunger" und für die "besudelte Natur".
Der Verfall des Vielvölkerstaates hat den Antisemitismus noch verschärft. "Um das Sowjetreich zu schützen", erklärt der Schriftsteller Andrej Sinjawski, entstehe "momentan ein mächtiger militanter russischer Nationalismus", der sich auch gegen die Juden wende.
Von den zwei Millionen Juden, die zu Jahresbeginn noch im Sowjetreich lebten, sind bis zum August schon mehr als 100 000 nach Israel ausgewandert. Der kleine Staat ist durch den Massenandrang überfordert. Schon appellieren verarmte Israelis an Gorbatschow: "Laßt die Juden nicht ziehen."
Israel nehme "mehr Leute auf als eigentlich möglich", meint auch Michail Boguslawski, 35, der vor zwei Monaten aus Czernowitz nach Ost-Berlin gekommen ist. Nicht zuletzt deshalb sei er nach Deutschland emigriert - für ihn inzwischen ein Land wie jedes andere. "Unsere Generation", rechtfertigt sich Boguslawski, "hat wieder Vertrauen in Deutschland."
Michail Boguslawski und etwa 1500 weitere in die DDR gereiste Glaubensgenossen profitieren von einem Beschluß des DDR-Ministerrats vom 11. Juli dieses Jahres. Als ein Zeichen der Wiedergutmachung, so der Beschluß, werde den sowjetischen Juden der "ständige Wohnsitz" in der DDR zugesichert. Unterkunft, Verpflegung und eine Arbeitserlaubnis seien garantiert.
Dennoch macht die Unterbringung einige Probleme. Karinas Familie zum Beispiel besucht einen Sprachkurs im brandenburgischen Plaue. An jedem Wochenende muß die vierköpfige Familie aus unerfindlichen Gründen ihre beiden Zimmer in dem Spracheninternat räumen und bei Verwandten absteigen, die noch in einem Auffanglager im Ost-Berliner Stadtteil Marzahn leben. Dort hausen dann 10 Personen auf 20 Quadratmetern.
Die jüdischen Emigranten sind etwa zur Hälfte hochqualifizierte Akademiker, vor allem Ärzte, Naturwissenschaftler und Künstler. Wegen der Sprachbarriere ist eine angemessene Eingliederung dieses Kreises in den Arbeitsmarkt besonders schwierig, ganz zu schweigen vom Wohnungsproblem, das alle Emigranten in Deutschland trifft.
Michael Fürst, Landesvorsitzender der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, hat denn auch "ein bißchen Verständnis für die Haltung der Bundesregierung". Fürst: "Wenn hier tatsächlich zigtausend Juden vor dem Zaun stehen, dann kann man sie nicht alle auf einmal hereinlassen."
Tatsächlich aber wollen Bund und Länder die Einreise sowjetischer Juden nicht nur kanalisieren, sondern auch begrenzen. In Anbetracht des Zustroms von Aussiedlern und Asylbewerbern zeigen die meisten Bundesländer nicht das geringste Interesse, überhaupt Juden aus der UdSSR aufzunehmen.
Nur Berlin, Nordrhein-Westfalen und Hessen haben Angebote unterbreitet, die freilich in keinem Verhältnis zur wirklichen Zahl der Ausreisewilligen stehen. Der Düsseldorfer Innenminister Herbert Schnoor etwa will nur 500 jüdische Zuwanderer akzeptieren.
Während die Juden in Kiew, Moskau und Leningrad schon auf gepackten Koffern sitzen, findet in Bonn ein langwieriges Gefeilsche um Verteilungsschlüssel und Quoten statt. Mal ist bei den Verhandlungen zwischen Bund und Ländern von 500 Bewilligungen pro Jahr die Rede, mal von 3000, verteilt auf fünf Jahre - ein "ziemlich merkwürdiger Streit", wie Micha Guttmann, 43, findet, der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland.
Der Zahlenpoker um Einwandererquoten weckt bei vielen Juden düstere Erinnerungen an die perfide Logistik der nationalsozialistischen Massenvernichtung. "Niemand steht auf", empört sich Guttmann. Weder Kirchen noch Gewerkschaften, noch Arbeitgeber würden "ein gutes Wort für die sowjetischen Juden" einlegen.
Das wäre bitter nötig, wenn ihnen geholfen werden soll. Denn "nach der derzeit üblichen Auslegung des Asylrechts", meint der Darmstädter Jura-Professor Axel Azzola, 53, "haben die sowjetischen Juden kaum eine Chance".
Nur staatliche Verfolgung, nicht aber die alltägliche Diskriminierung durch die Gesellschaft, so der Wissenschaftler, verhelfe Asylbewerbern in der Regel zum gewünschten Schutz. Azzola plädiert deshalb für eine Sonderregelung. Das sei, findet der Jurist, "das deutsche Volk den Juden schuldig".
Generalsekretär Guttmann macht eine eigene Rechnung auf: Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten 600 000 Juden in Deutschland, jetzt seien es etwa 30 000. "Wenn wirklich noch 30 000 Juden dazukommen würden", argumentiert der Sprecher des Zentralrats, sei "das doch wohl völlig in Ordnung".
Die Gegner einer offenen Einreise jüdischer Emigranten nach Deutschland können sich allerdings auf den israelischen Botschafter berufen, der bereits im Auswärtigen Amt angemahnt hat, daß sein Land keinerlei Interesse an einer neuen Diaspora habe. Trotz aller Widrigkeiten sei Israel die historische Heimstatt aller Juden.
Und auch in den jüdischen Gemeinden der Bundesrepublik herrscht nicht nur eitel Freude über den möglichen Zuwachs aus dem Osten. Ury Popper, Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe, empfiehlt den sowjetischen Glaubensgenossen ebenfalls, "doch erst einmal nach Israel zu gehen".
Poppers Begründung: "Wir haben kein Oberrabbinat, das die jüdische Herkunft überprüfen kann." Bekanntlich gebe es "schon für 1000 Rubel" einen jüdischen Paß in der Sowjetunion.
Außerdem würden die kleinen westdeutschen Gemeinden nur dann von den sowjetischen Juden profitieren, "wenn sie uns eine lebendige jüdische Kultur vermitteln". Doch "diese Leute", weiß Popper, "kennen unsere Feste und unsere Traditionen nicht".
Dieses Urteil wird von den Ankömmlingen durchaus bestätigt. Boris Rosenschak, 35, Ingenieur aus Leningrad, berichtet, daß seine Familie aus Angst vor Repressalien generationenlang weder Hebräisch gelernt noch eine Synagoge besucht oder jüdische Festtage beachtet habe. "In der Stalinzeit", erklärt Rosenschak, "war es sogar lebensgefährlich, wenn man zu Hause den Sabbat feierte."
Auch die Deutschlehrerin Karina ist kürzlich zum ersten Mal in ihrem Leben in einer Synagoge gewesen. Die junge Frau war sehr beeindruckt von den Ritualen, allerdings auch ein wenig befremdet. "Es war", so sagt sie, "ein bißchen wie ein Theaterstück."
