MännerDie alte Denke
Seit fast fünf Jahren können Männer, wenn sie Väter werden, Erziehungsurlaub nehmen. Doch nur wenige machen von diesem Recht Gebrauch.
Wilfried Voigt-Behringer, 39, führt seit vier Monaten ein völlig neues Leben. Früher verbrachte der Journalist seine Vormittage mit Zeitunglesen oder bei Pressekonferenzen, heute schiebt er seinen zwölf Monate alten Sohn Simon im Buggy durch die Mainzer Innenstadt.
In den ersten acht Monaten nach der Geburt war Simon von seiner Mutter versorgt worden. Nun sorgt Lilo Behringer, 41, Diplompädagogin bei der Stadt, nahezu allein für den Familienunterhalt; Vater Voigt ist sogenannter Elternurlauber und kümmert sich ganztags um den Kleinen.
Gesetzlichen Anspruch auf Erziehungsurlaub haben Mütter sowie verheiratete Väter von Neugeborenen bereits seit 1986. Wenn ein Elternteil ganz zu Hause bleibt, zahlt das Bundesfamilienministerium im ersten halben Jahr monatlich 600 Mark; bis zum Ende der - insgesamt anderthalbjährigen - Erziehungszeit reduziert sich das Erziehungsgeld bei hohem Familieneinkommen schon mal auf 40 Mark. Der Arbeitsplatz muß derweil freigehalten werden.
Das ist offenbar für die meisten Männer zu wenig Anreiz. Im letzten Jahr nahmen von den Vätern der 681 500 Neugeborenen nur rund 10 000, also 1,5 Prozent, ihr Recht in Anspruch, Erziehungsgeld zu beantragen und sich Nachwuchs und Küche zu widmen. Höchstens ein Drittel von ihnen unterbrach dafür eine Berufstätigkeit: Die meisten männlichen Elternurlauber waren arbeitslos oder studierten.
Selbst in Großunternehmen wie dem VW-Werk gibt es "de facto Null" erziehungsurlaubende Väter, wie ein Firmensprecher berichtet. Bei der Deutschen Bank sind Vaterschaftsurlauber "keine nennenswerte Größenordnung", Daimler-Benz kann mit zwei Fällen aufwarten, bei der Bayer AG machten in den letzten vier Jahren ganze acht Väter von ihrem Recht Gebrauch.
Bei den Beamten, die sich aus wichtigem Anlaß sogar maximal zwölf Jahre freistellen lassen können, sieht es nicht anders aus. In Nordrhein-Westfalen etwa nahmen letztes Jahr 2200 Lehrerinnen, aber nur 13 Lehrer Erziehungsurlaub.
Väter als Vollzeitkäfte in Küche und Kinderzimmer gelten vielen Bundesdeutschen denn auch noch immer als komische Typen. Der Hamburger Verlagsangestellte Holger Artus, 35, der schon zweimal Vaterschaftsurlaub genommen hat, erinnert sich gut daran, wie er angestarrt wurde, wenn er tagsüber mit Philipp, heute 3, oder Isabelle, 2, in der U-Bahn fuhr. Besorgt fragten ältere Damen: "Wo ist denn die Mutti?"
Die kleine Gruppe erziehungsurlaubender Väter ist für Hessens christdemokratischen Sozialminister Karl Heinrich Trageser Anlaß genug, deren historische Verdienste am Wickeltisch herauszustellen: "Etwas mehr als ein Prozent Männer im Erziehungsurlaub klingt wenig; wenn man aber bedenkt, daß es vor zehn Jahren fast noch sozial geächtet war, wenn Väter Kinderwagen geschoben haben, ist dies ein enormer Fortschritt."
Daß nicht mehr Väter Erziehungsurlaub beanspruchen, hat nach Ansicht des CDU-Sozialpolitikers und stellvertretenden DGB-Vorsitzenden Ulf Fink materielle Ursachen: Solange Männer durchweg einträglichere Arbeiten verrichten als Frauen, sind Väter kaum bereit, ihre Berufstätigkeit zu unterbrechen; Frauen verdienen in der Bundesrepublik im Schnitt noch immer ein Drittel weniger als männliche Arbeitnehmer.
Auch Jochem Grönert, Leiter des Referats für Erziehungsgeld im Bonner Familienministerium, glaubt, daß in den meisten Fällen das "Geld das Bewußtsein bestimmt". Der Autor einschlägiger Publikationen weiß, wovon er spricht: Grönert, Vater von vier Kindern, hat seinen gutdotierten Job nie unterbrochen, um ein Baby zu wickeln oder spazierenzukarren.
Ob eine bessere finanzielle Absicherung dazu führt, daß mehr Väter zwecks Kindererziehung pausieren, ist fraglich. In Schweden, wo der Vater oder die Mutter eines Neugeborenen zwölf Monate lang sogar 90 Prozent des letzten Gehalts als Elterngeld beziehen kann, nimmt nur einer von fünf Vätern den Elternurlaub in Anspruch.
"Es ist die alte Denke", glaubt Gabriele Ansuhn, Hamburger Frauensekretärin der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen, die Männer daran hindere, sich im selben Maße wie Frauen um die Aufzucht des Nachwuchses zu kümmern. Bei einer Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts gaben 88 Prozent der befragten Männer zwischen 18 und 33 Jahren an, sie seien nicht bereit, sich zugunsten der Kindererziehung beruflich einzuschränken.
Als Grund für ihre Zurückhaltung führen viele Männer tatsächliche oder vermeintliche Zwänge im Berufsleben an. So sagt Günter Mächtle, Abteilungsleiter für Familie und Soziales im baden-württembergischen Sozialministerium, im Prinzip könne er sich zwar vorstellen, statt seiner Frau - einer Beamtin im mittleren Dienst - eine Weile zu Hause bei seiner Tochter zu bleiben. Ein solcher Ausstieg auf Zeit würde aber "zu einer enormen Belastung für das Umfeld führen". Mächtle: "Schließlich habe ich durch die Übernahme meines Postens gezeigt, daß ich bereit bin, mehr zu tun, als verlangt wird."
Der Düsseldorfer Familienforscher Gerhard Bäcker, 42, seit kurzem selber aus dem Elternurlaub zurück, wittert hinter solchen Einstellungen schlichtes Machtdenken. Männer, meint Bäcker, fühlten sich am Arbeitsplatz oft "unersetzlich"; viele dächten ständig: "Wenn ich nicht da bin, läuft alles schief, die Konkurrenten nehmen mir was weg."
Vaterschaftsurlauber Voigt, der seinen Sohn Simon durch Mainz karrt, hat gelegentlich das Gefühl, von männlichen Kollegen und Bekannten mit Skepsis beäugt zu werden. "Die Leute nennen mich einen Idealisten", sagt er. Und er ahnt: "Das ist die verschleiernde Bezeichnung für einen Bekloppten."
