WartezimmerHeikle Kunden
Patt zwischen Arzt und Patient: Bummelanten dürfen sich jetzt wechselseitig Rechnungen schreiben.
Die ärztliche Kunst, so hat es der Stand beschlossen, besteht in Deutschland aus 7140 möglichen "Einzelleistungen". Für jede gibt es in der Gebührenordnung eine Ziffer, einen Punktwert und am Ende Bargeld.
Zu den ärztlichen "Grundleistungen" gehört beispielsweise der "Besuch an Sonn- und Feiertagen einschließlich einer Beratung" - Ziffer 8, 370 Punkte, rund 40,70 Mark. Die nächste Zahl im Leistungskatalog liegt den Doktoren aber viel mehr am Herzen: Ziffer 9 ist eine "allgemeine Leistung", heißt "Verweilgebühr je angefangene halbe Stunde", wird bei Tage mit 95, bei Nacht mit 190 Punkten bewertet und erscheint immer dann auf der Rechnung, wenn die Leistung des Doktors im Warten auf seinen Patienten bestand.
Wenn, umgekehrt, der Kranke im - zu Recht so genannten - Wartezimmer des Arztes ausharrt, so ist das bislang eine gratis erbrachte Leistung. Sie summiert sich, wie Medizinkritiker errechnet haben, zu einem stattlichen Zeitverlust: Bei 74 000 niedergelassenen Doktoren, die durchschnittlich 30 Patienten pro Tag verarzten, die wiederum jeweils 30 Minuten warten mußten, sind es alles in allem 128 Wartejahre - pro Tag.
Gewöhnlich nimmt der Patient das Warten klaglos hin - "patientia" heißt im Lateinischen Geduld, Ausdauer, Unterwürfigkeit. Neuerdings aber mehren sich die Konflikte. Patienten werden ungeduldig, wollen nicht mehr warten und schon gar nicht umsonst.
Diesen "überanspruchsvollen, heiklen" Kunden brät die ärztliche Standespresse ordentlich einen über: "Very Important Patients" mit pseudoelitärem Gehabe, "anspruchsvoll bis unverschämt" nennt sie die deutsche Ausgabe der Medical Tribune. VIPs mit "Pfauengehabe" strapazierten die Geduld der Ärzte "nach ihrem Gutdünken". Und neuerdings greifen sie dem Doktor auch noch in die Tasche.
Eine Wartezeit von mehr als 30 Minuten, so urteilte ein Kölner Amtsrichter Ende letzten Monats, sei für den Patienten "unzumutbar". Der Privatpatient, ein Manager, hatte bei insgesamt drei Arztbesuchen zweieinhalb Stunden im Wartezimmer verbracht. Dabei war ihm jeweils vorher ein Behandlungstermin fest zugesagt worden. Als die ärztliche Rechnung über 325 Mark kam, stellte der genesene Kranke seine verwartete Zeit dem Doktor in Rechnung, pro Stunde 130 Mark; Resultat: ein Null-Summen-Spiel.
Der Kölner Richter überredete die beiden Streitenden zu einem Kompromiß: Der Arzt gab sich mit der Hälfte seines Honorars zufrieden, die andere Hälfte strich der ungeduldige Kranke als seine ureigene Verweilgebühr ein.
Vor solcher Entwicklung kann die zuständige Ärztekammer "nur warnen", denn wohin führt sie? "Zur Drei-Minuten-Medizin". Nun haben viele Patienten ohnehin den Verdacht, daß der Arzt ihnen höchstens drei Minuten widmet.
Im Durchschnitt sind es jedoch, so behauptet jedenfalls die neueste Studie der Wirtschaftsorganisation OECD, in Deutschland "pro ärztliche Beratung/ Untersuchung" genau 9 Minuten (zum Vergleich: in Holland sind es 5, in Kanada 15 Minuten).
Solche Mittelwerte spiegeln die Wirklichkeit des Lebens jedoch nur unzureichend wider - ein Mann, der mit einem Bein auf einer heißen Herdplatte steht und mit dem anderen in Eiswasser, hat, statistisch gesehen, angenehm warme Füße. Wer beim Psychoanalytiker auf der Couch liegt, der darf 50 Minuten lang alles erzählen, was ihm so durch den Kopf geht; andererseits dauert die "vom Patienten dominierte Gesprächsphase" bei einem chronisch Kranken nach streng wissenschaftlichen Untersuchungen genau 6,6 Sekunden; dann schneidet der Doktor dem Klagenden das Wort ab.
Ob die Wartezeit innerhalb der letzten zehn Jahre eher zu- oder vielleicht doch abgenommen hat, ist umstritten, weil wenig erforscht. Sicher ist, daß sich die Zahl der niedergelassenen Ärzte in diesem Zeitraum von 60 000 auf 74 000 erhöht hat, also um rund 23 Prozent. Die Zahl potentieller Patienten veränderte sich dagegen kaum.
Erfahrungsgemäß geht rund ein Drittel der deutschen Bevölkerung freiwillig niemals zum Arzt; die Mediziner bekommen diese braven Beitragszahler grundsätzlich nur als Bewußtlose zu fassen. Ein weiteres Drittel der Deutschen macht um die Ärzte lieber einen Bogen, beugt sich jedoch notgedrungen Fieberanfällen, starkem Schmerz oder dringendem Familienrat. Das große Geschäft mit der Krankheit machen die Ärzte ausschließlich mit dem letzten Drittel - diese Gruppe liebt den Arztkontakt samt Vorsorgeprogrammen, "Check up" und Tabletten.
Zur arztfixierten Klientel gehören viele aufstiegsorientierte Angestellte aus der Mittelschicht, aber auch die Hypochonder und Simulanten. "Die machen uns", sagt eine erfahrene Berliner Sprechstundenhilfe, "jedes Bestellsystem kaputt. Die kommen und gehen, wann sie wollen. Und sie quatschen unserem Doktor die Hucke voll. Wie soll er da die Zeit einhalten?"
Das Bestellsystem klappt deshalb, wenn überhaupt, vorwiegend bei den apparativ tätigen Ärzten, also Röntgenologen, Laborspezialisten und Zahnärzten. Schon bei HNO- und Augenärzten knirscht es meist. Allgemeinpraktiker und Kinderärzte bekommen - vor allem, wenn sie gut sind oder dafür gehalten werden - ihr Wartezimmer kaum unter Kontrolle. Als Notlösung für die Ruhigstellung der Patienten gelten grüne Tapeten, ein Aquarium, Musikberieselung und neuerdings auch Videoclips im Wartezimmer.
Manche Ärzte wandeln die Wartezimmer in kleine Künstlergalerien um, andere organisieren sogar schon Modeschauen, damit die Wartezeit ohne Murren vergeht. Im Ratgeber "Menschenführung in der Arztpraxis" empfahlen zwei Münchner Mediziner, "anspruchsvolle Patienten" als "terminsensibel" zu behandeln und demonstrativ "Entgegenkommen und Flexibilität" zu zeigen. "Ungeduldiger Klienten", rät dagegen rabiat die Medical Tribune, könne sich der Arzt als Herr im Haus natürlich auch "entledigen".
Damit das gegenseitige Rechnungschreiben für geduldiges Verweilen nicht Schule macht, beharrt der ärztliche Hartmannbund auf der Faustregel, daß 30 Minuten allemal als "akzeptabel" zu gelten haben. Ein bißchen Wartezeit gehöre zum "allgemeinen Geschäftsgebaren". Im übrigen seien an den Zeitverzögerungen die unvorhersehbaren "Notfälle" schuld, die den Doktor auch während der Sprechstunden außer Haus zwängen.
Echte Notfälle sind in der ärztlichen Praxis in Wirklichkeit rare Ereignisse. Für die wahren Störenfriede hält das Hilfspersonal vor allem die Vertreter von vier Berufsgruppen, die den flotten Durchgang erfahrungsgemäß durch langatmige Beschwerdeschilderungen und Sonderwünsche gefährlich verlangsamen.
Stimmt die Diagnose der Sprechstundenhilfen, so sind an übervollen Wartezimmern (außer den Hypochondern und Simulanten) in erster Linie die Lehrer, Sozialarbeiter, Jung-Akademiker und die Damen von der Frauenfront schuld.
