SchlachthöfeTobsucht im Tiefschlaf
Stromstoß oder Gaskammer - im Streit um ein einheitliches EG-Schlachtrecht geht es um die beste Tötungstechnik für Schweine.
Was Kotelett oder Eisbein werden soll, muß vorm Abstechen in tiefen Schlaf fallen. Dieser Grundsatz christlichen Schlachtens kennt viele Varianten: den Kopfschlag mit der Puntilla, dem schweren Narkosehammer, die Betäubung mit Kohlendioxid oder den Knockout mit der Elektrozange. Erst dann, bei tiefer Bewußtlosigkeit des Tieres, darf der Entblutungsstich angesetzt werden. Ein neues Verfahren, Schweine "schnell und schmerzlos" zu benebeln, hat jetzt der Veterinärmediziner Siegfried Wenzel von der Tierärztlichen Hochschule Hannover erdacht. Die Methode ist ebenso raffiniert wie makaber.
Auf einer Tagung der "Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft", vorletztes Jahr im bayerischen Garmisch, stellte der Professor eine "Druckkammer mit Vakuumpumpen und Kompressoren" vor. In dieser Box, dozierte er kühl, werde den Tieren durch "rapiden Druckwechsel" die Besinnung geraubt.
Anhand von Tierversuchen in seinem "Institut für Lebensmittelkunde, Fleischhygiene und -technologie" hatte Wenzel bereits die optimalen Kompressionszeiten ermittelt: Zuerst müsse der Luftdruck in "5,36 Sekunden" auf 42 Millibar gesenkt werden - ein Druckabfall, als würde das Schwein, auf dem Bug einer Rakete sitzend, 25 Kilometer hoch in die Stratosphäre sausen. Das Tier, so Wenzel, reagiere mit "Schwindel, Bewußtseinseintrübung, Gleichgewichtsverlust".
Sodann sei das Borstenvieh "30 bis 35 Sekunden" dem simulierten Höhenkoller auszusetzen. Die Folge: "angestrengte Maulatmung" und "Kopfschütteln". Für die endgültige Ohnmacht sorge dann Phase drei durch "Rekompression", das abrupte Öffnen der Luftschleusen. Das Schwein stürzt gleichsam im Höllentempo wieder auf die Erde zurück.
Obwohl der Professor ein reflexloses Tier mit "schlaffer Muskulatur" versprach, reagierten die Fachkollegen verhalten. Ohne Scheu hatte sich Wenzel auf dubiose Nazi-Forschungen gestützt. Zahlreiche Fußnoten in seinem Aufsatz verweisen auf die Schriftenreihe "Luftfahrtmedizin", in der auch über Unterdruck-Experimente an Menschen berichtet wird.
Juristisch anfechtbar wäre das Kompressions-Karussell kaum. Das deutsche Schlachtrecht, lückenhaft und rückständig, basiert auf einem Gesetzestext aus dem Jahre 1933. Weder Elektrozangen noch Gasbäder, die heute geläufigsten Betäubungsarten bei Schweinen, waren den Juristen damals bekannt. Zur Betäubung von "Lämmern, Zickeln und Saugferkeln" empfiehlt der verstaubte Kodex noch die "Holzkeule", bei Kaninchen genügt der "Genickschlag".
Die längst überfällige Reform des Schlachtrechts soll nun endlich in Angriff genommen werden. Noch vor Öffnung der europäischen Handelsschranken 1993 wollen sich die zwölf EG-Staaten auf eine einheitliche Gesetzgebung verständigen und die zulässigen Narkose-Arten für Wirbeltiere festschreiben.
Aus der Sicht der Tierschützer ist nur der Einsatz des Bolzenschußgerätes unumstritten. Sachgemäß abgeschossen, führt der Metallstab zum "augenblicklichen Zusammenbrechen der Tiere durch einen intensiven tonischen Krampf aller Skelettmuskeln", wie es der Leiter des Bochumer Schlachthofs Klaus Drawer beschreibt.
In der Bundesrepublik ist das Bolzenschußgerät nur für Rinder zwingend vorgeschrieben. Schweine dürfen auch mit Gas oder Strom betäubt werden. In manchen EG-Ländern ist zudem der Einsatz von Chlorophyll, etwa bei Zuchtnerzen, erlaubt. Auch die Puntilla kreist noch. Die Franzosen wollen unbedingt sogenannte Vakuumkästen im EG-Recht verankern, Apparate, in denen gallisches Wildbret erstickt wird. Entrüstet sind Tierschützer vor allem über eine Ausnahmeklausel, die in fast allen europäischen Ländern gilt. Aus Gründen "freier Religionsausübung" ist das Schlachten von unbetäubtem Vieh erlaubt, das Schächten. "Knapp zwei Millionen Menschen in unserem Land", vor allem Moslems und Juden, so schätzt die Veterinärmedizinerin Ursula Wenzel aus Schleswig, würden geschächtetes Fleisch essen, ein Zustand, der "schnellstens ein Ende nehmen" müsse.
Zur Gewinnung koscheren Fleisches wird das Vieh brutal niedergeworfen und den Tieren mit einem langen Messer der Hals, samt Speise-und Luftröhre, bis zur Wirbelsäule durchtrennt. Etwa 30 Sekunden vergehen, bis die Rinder oder Schafe, einen Schwall Blut verlierend, langsam ohnmächtig werden. Für die Medizinerin Wenzel ist diese Zeitspanne "ein Martyrium, eine Ewigkeit".
Doch auch die sonst geltende Narkose-Vorschrift führt nicht selten zur Tierquälerei. "Im Grunde", erklärt Schlachthauschef Drawer, "geht es immer darum, den Willen der Schlachttiere mit Gewalt zu brechen."
Der enorme Fleischhunger der Deutschen verleiht dem Problem beklemmende Ausmaße: Rund 36 Millionen Schweine, 5,1 Millionen Rinder und Kälber, 830 000 Schafe, 15 000 Pferde und 2900 Ziegen wurden letztes Jahr in westdeutschen Fleischbetrieben getötet. Das Gewerbe ist weitgehend kommerzialisiert. Knapp 3000 Schlachthäuser sind in Privathand, nur noch 164 (Stand: 1988) werden von Kommunen geleitet.
Kleinere Schlachthöfe betäuben Schweine mit der sogenannten Schermerzange, einem Elektrogerät etwa von der Größe einer Heckenschere. Rudelweise werden die Schweine in die Tötungsbucht gedrängt, wo ein Betäuber, häufig mit Ohrenschützern ausgerüstet, auf die infernalisch quiekende Schar wartet.
Erst im letzten August rang sich das Bundeslandwirtschaftsministerium zu einer Empfehlung durch, die eine korrekte Anwendung der Stromruten sicherstellen soll. Gefordert werden darin Elektrozangen mit einer Stromstärke von 1,5 Ampere, die dem Schwein mindestens acht Sekunden lang an den Kopf zu legen sind. Zudem verlangt die Empfehlung ein sauberes Arbeitsgerät, damit "ein optimaler Stromfluß durchs Gehirn gewährleistet ist".
Die Praxis sieht anders aus. Durch häufiges "Schreckkoten" der streßempfindlichen Tiere verschmutzen die Elektroscheren. Auch das richtige Ansetzen der Elektroden ist schwierig. Die panisch erregten Schweine strampeln wild, nicht selten trifft sie der Stromschlag an Bauch oder Beinen. "Die werden dann lebend abgestochen", entrüstet sich Wolfgang Apel vom Deutschen Tierschutzbund.
Moderne Großschlachthöfe haben die Elektrobetäubung weitgehend automatisiert. Sie arbeiten mit sogenannten Hochspannungsrestrainern, auf denen das Vieh über ein V-förmiges Fließband in die Tötungsbucht gedrückt wird, wo ein herabsinkender Elektrobügel im Fünf-Sekunden-Takt 500-Volt-Schläge austeilt. Kleinwüchsige Schweine überstehen den Anschlag oft schadlos, weil die Stromstempel nicht tief genug herabtauchen.
Für die Tierschützer ist der Elektroschock dennoch akzeptabel. Ein richtig angesetzter Stromschlag mit der Schermerzange führt zum sofortigen Schweine-Kollaps. "Im Millisekundenbereich", erklärt ein Referent im Bundeslandwirtschaftsministerium, verliere das Tier das Bewußtsein.
Infolge der elektrischen Spannung leidet jedoch die Fleischqualität. Die Ampere-Keule verursacht häufig Muskelzerreißungen und Schulterblutungen. Ein weiterer Nachteil sind die berüchtigten Krämpfe. Die ausblutenden Schweine zucken mit den Extremitäten, das Fleischgewebe zieht sich zusammen und kann dabei hart und zäh werden.
Seit einiger Zeit greift in der Bundesrepublik aber noch eine andere Form der Schweine-Narkose um sich - die Gasdusche mit Kohlendioxid. Bei diesem Verfahren werden die Tiere über eine Art Paternoster in eine Grube mit CO2-geschwängerter Luft befördert (vorgeschriebener CO2-Anteil: mindestens 70 Prozent). Nach ein bis zwei Minuten tauchen sie umnachtet wieder auf.
In Dänemark, wo riesige Schlachtfabriken in Betrieb sind, wird diese personalsparende Technik geschätzt. Bis zu 4000 Tiere am Tag können die Gas-Fahrstühle aufnehmen. In den Niederlanden dagegen ist die Methode aus Tierschutzgründen verboten. Doch die Holländer werden bei den bevorstehenden EG-Verhandlungen wohl einlenken. Ein Referent des Bonner Landwirtschaftsministeriums: "Der Widerstand bröckelt."
Entgegen früheren Annahmen führt die CO2-Dröhnung nicht zum Erstickungstod. Noch bevor der Sauerstoffwert unter den kritischen Punkt absinkt, wird das Schwein infolge der CO2-Inhalation ohnmächtig. Die Mediziner nennen den Vorgang Azidose: Der Kohlendioxid-Schub übersäuert das gesamte Körpergewebe und lähmt schließlich das Bewußtsein. Im Gegensatz zu echten Narkosegasen wie etwa Chloroform hinterläßt CO2 keine chemischen Rückstände im Fleisch.
Ob die Schweine die Gasdusche qualfrei erleben, ist heftig umstritten. Die bisher umfangreichste Untersuchung legten Veterinäre der Klinik für Nutztiere und Pferde der Universität Bern vor. Sie hatten in einer CO2-Senke umfangreiche Meßvorrichtungen installiert und die Agonie in der Schweinegaskammer gefilmt. Beobachtet wurden dabei drei typische Stadien: *___Nach Eintauchen in die Kohlendioxid-Atmosphäre verhält ____sich das Tier etwa zehn Sekunden lang ruhig. Dann ____beginnt es nach Luft zu schnappen, die Schultern ____beginnen zu zittern, der Blick "mit weit geöffneten ____Augen" wird starr. *___Es folgt eine Phase "hoher motorischer Unruhe" (Dauer: ____10 bis 15 Sekunden). Das Schwein hustet, schmatzt, ____drängt heftig nach vorn, versucht zu fliehen, ringt ____krampfhaft nach Luft und beißt in die Metallstäbe. ____Einige Schweine, so die Forscher, "sprangen gegen die ____Kammerwände" und zeigten Symptome größter Panik. *___Schließlich, mit Beginn der sogenannten ____Exzitationsphase, verliert das Tier seinen ____Gleichgewichtssinn. Es kippt um und rudert mit den ____Beinen bis zur "völligen Erschlaffung".
Insgesamt wertet das Berner Expertenteam den Vorgang als Ausdruck "hochgradiger Atemnot", die bewußt erlebt und von "Angst" begleitet werde: Vor allem die Phase zwei sei "problematisch". Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine dänische Studie des Fleischforschungsinstituts Roskilde, die als Nachteil der Technik "verzögerten Verlust der Wahrnehmungsempfindung" nennt.
Auch die deutschen Veterinärmediziner Christian Ring und Wolf Erhardt aus München sammelten gruselige Fakten. Nach Testversuchen an 27 Ferkeln stellten sie folgende Symptome zusammen: Spannungsanstieg im Gehirn, Schnappatmung, Kopfschlagen und "langanhaltende eintönige Lautäußerungen". Bei manchen der Tiere, so das Ergebnis der Fachleute, dauerte es volle 45 Sekunden, bis sie den Zustand "heftiger Erregung" erreicht hatten.
Doch die Münchner Mediziner, vom Bundeswirtschaftsministerium finanziell unterstützt, kommen zu einer ganz anderen Bewertung des bizarren Anästhesiekampfes. Die Tiere, so ihre sophistisch anmutende Annahme, seien bereits stark benebelt, ehe sie verrückt spielten: "Es kommt bei weitgehender Empfindungslosigkeit zu Erregungszuständen." Anders gesagt: Die Tobsucht findet quasi im Tiefschlaf statt.
Auch von "Atemnot" wollen die Wissenschaftler nichts wissen. Das krampfhafte Gehechel sei nicht Ausdruck von Sauerstoffmangel - im Gegenteil. Das viele Kohlendioxid, ein "potenter Stimulator des Atemzentrums", zwinge die Tiere zum Luftholen.
Nach dieser Umwertung aller Schweine-Werte, die dem Landwirtschaftsministerium als Entscheidungsgrundlage dient, scheint einem Vormarsch der CO2-Betäubung nichts mehr im Wege zu stehen. Dennoch bleiben Zweifel an der These von der "empfindungslosen Erregung". Ein Kritiker: "Das klingt verdächtig nach hölzernem Eisen."
