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DER SPIEGEL

BundeskriminalamtEiniges an Zorn

Ein ehemaliger BKA-Beamter hat über seine frühere Tätigkeit ausgepackt - in einem Schlüsselroman.
Das Amt ist "personell aufgebläht wie eine Kröte". Die Führung befördert nur "Leute, die ihr nach dem Mund reden". Viele Mitarbeiter sind "auf dem rechten Auge blind". Das linke Feindbild beginnt "schon bei den Grünen".
Im Inland wird "Terrorismushysterie geschürt", im Ausland werden "Militärs und ihre Todesschwadronen unterstützt". Wenn es um Menschenrechte geht, herrscht in der Behörde "Friedhofsruhe".
Die unfreundliche Analyse beschreibt nicht etwa die Zustände in der Polizeiverwaltung einer rechten Bananenrepublik. Gemeint ist der größte Fahndungsapparat Europas: das Wiesbadener Bundeskriminalamt, weltweit auch bekannt unter seinem Kürzel BKA.
Ein ehemals hoher Mitarbeiter, der frühere Kriminaldirektor Dieter Schenk, 53, hat versucht, die inneren Strukturen der Mammut-Behörde, die mittlerweile fast 4000 Bedienstete beschäftigt, aus seiner Sicht darzustellen. Herausgekommen ist ein "Tatsachenroman" mit dem Titel "BKA - Die Reise _(* Dieter Schenk: "BKA - Die Reise nach ) _(Beirut. Ein politischer Tatsachenroman". ) _(Rowohlt-Verlag, Reinbek; 384 Seiten; ) _(39,80 Mark. ) nach Beirut", eine für das Amt wenig schmeichelhafte Abrechnung*.
Das Buch, gerade vom Sender Freies Berlin zum "Krimi des Monats" gekürt, wird nicht nur im BKA für Aufregung sorgen. Denn der Autor, der sich im März aus Gesundheitsgründen pensionieren ließ, hat sich nach eigenem Bekenntnis "einiges an Zorn von der Seele geschrieben, was sich in vielen Jahren angesammelt hatte". So formuliert Schenk nicht nur mit feiner Feder, sondern schwingt gelegentlich gleichsam den Polizeiknüppel.
Prügel beziehen im Schenk-Roman ein BKA-Präsident, der sich von der indonesischen Folter-Polizei mit Orden schmücken läßt, und ein Vizepräsident, der sich bei südafrikanischen Polizeioffizieren für westdeutsche Pressekritik an der Rassentrennung entschuldigt. Bloßgestellt werden Kollegen, die dunkelhäutige BKA-Besucher intern als "Angebrannte" oder "Briketts" diffamieren, ebenso wie Terrorismus-Verfolger, die nach der zufälligen Festnahme einer Verdächtigen ausgiebig jubeln.
Schenk weiß, worüber er schreibt: Schon 1955, im Alter von 18 Jahren, trat er in den Polizeidienst. Bevor er zum BKA kam, sammelte er Erfahrungen als Leiter der Kripo Gießen und, mehr als ein Jahrzehnt lang, als Drogenfahnder beim Hessischen Landeskriminalamt. Um Terroranschlägen vorzubeugen, arbeitete Schenk Sicherheitskonzepte für westdeutsche Botschaftsgebäude in aller Welt aus; dazu bereiste er über 60 Staaten.
Die - fiktive - Handlung des Schenk-Buches ist simpel: Zwei BKA-Beamte, Rauschgiftexperte Michael Gehrig und Terroristenfahnder Friedrich Huber, werden bei einer Libanon-Reise von der Schiiten-Organisation Hisbollah gekidnappt und neun Monate lang als Geiseln gefangengehalten.
Während der Haft im umkämpften Beirut liefern sich der aufmüpfige Ich-Erzähler Gehrig, hinter dem sich offenkundig Autor Schenk verbirgt, und der stockkonservative Terrorismusfahnder Huber erbitterte Wortgefechte über die politische Rolle des Amtes und über das eigene Selbstverständnis. Huber: "Also für mich ist es immer noch eine Ehre, für das BKA zu arbeiten." Gehrig: "Und für mich ein Fehler."
Was schon den ehemaligen BKA-Beamten Schenk verbittert hat, wurmt im Buch auch sein Alter ego Gehrig: Opportunismus und Leisetreterei als Voraussetzung zum Karrieresprung. "Wer sich kritisch äußert, hat doch keine Chance", empört sich Gehrig beim Disput mit seinem Leidensgenossen, "sich mit Querdenkern rumzuschlagen, ist unüblich."
Heftig kritisiert wird die Kooperation der Wiesbadener Kriminalisten mit Diktaturen in aller Welt. Unerträglich sei es, läßt Schenk seinen Romanhelden schimpfen, "daß man in einem Jahr 130 Besucher aus Folterstaaten und 18 aus solchen mit Todesschwadronen in allen Ehren im BKA empfangen hat".
Während seiner Dienstzeit hatte Schenk Probleme, solche unbequemen Erkenntnisse loszuwerden. Ein von ihm verfaßter Bericht über Menschenrechtsverletzungen der Polizei von El Salvador, mit der das BKA in Sicherheitsfragen zusammenarbeitete, wurde von der Amtsleitung bis zur Unkenntlichkeit zusammengestrichen - die entsprechenden Dokumente sind im Buch abgedruckt.
Um sich keinen Prozeß wegen Verrats von Dienstgeheimnissen einzuhandeln, griff Schenk zu dem Trick, sein Werk nicht als Dokumentation, sondern als "politischen Tatsachenroman" zu deklarieren - mit irritierenden Folgen: Für den Leser ist kaum erkennbar, wo die Dichtung aufhört und die Wahrheit beginnt.
Der Autor, der seit der Pensionierung 75 Prozent seiner früheren Bezüge kassiert, verteidigt die Entscheidung für die Romanform mit dem Hinweis, er habe seine Altersversorgung nicht aufs Spiel setzen wollen. Er glaube aber fest, daß jedem Leser deutlich werde, daß er viele Details "selbst erlebt" habe: "Der Anteil der Fiktion ist kleiner, als sich das manche im Amt wünschen mögen."
Als "Nestbeschmutzer", wie Kollegen ihn schon bezeichnen, fühlt sich der Ex-Kriminaldirektor nicht. "Ihr Nest ist doch bereits schmutzig", läßt er seinen Buch-Helden sinnieren, "du kannst es allenfalls säubern helfen."
* Dieter Schenk: "BKA - Die Reise nach Beirut. Ein politischer Tatsachenroman". Rowohlt-Verlag, Reinbek; 384 Seiten; 39,80 Mark.

DER SPIEGEL 40/1990
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