UnternehmenNur die Rosinen
West-östlicher Zank um den Firmennamen Zeiss gefährdet bei dem Optik-Unternehmen in Thüringen mehr als 30 000 Arbeitsplätze.
Die Herren in den gedeckten Anzügen fröstelten. Ein wenig früh und ganz ungewohnt begann der neblig-feuchte Septembermorgen für die Manager aus der Vorstandsetage von Carl Zeiss Jena und der Jenaer Glaswerke.
Zusammen mit Hunderten von Arbeitern der ehemals volkseigenen Betriebe machten die Führungskader die Straßen ihrer Stadt dicht. Für eine Stunde, von sechs bis sieben Uhr morgens, sperrten die Werktätigen sämtliche Einfallstraßen von Jena.
Mit dem Stau wollten die Blockierer auf den drohenden Verlust von mehr als 30 000 Arbeitsplätzen aufmerksam machen. Es war nicht die pure Solidarität, die das Management letzten Monat im Morgengrauen an die Seite der Arbeiter trieb: Im Strudel der Ereignisse könnten auch Spitzen-Planstellen auf der Strecke bleiben.
Die zwölf Betriebe des ehemaligen VEB Zeiss und die zum Konzern gehörenden Jenaer Glaswerke sind der mit Abstand größte Arbeitgeber im künftigen Bundesland Thüringen. Der Ruin von Zeiss würde außerdem Tausende von Beschäftigten in Zulieferbetrieben und im Einzelhandel brotlos machen. Jenas Oberbürgermeister Peter Röhlinger (FDP) warnt denn auch eindringlich vor den Folgen einer Schließung: "Wenn Zeiss stirbt, stirbt die Stadt."
Die Zukunft hängt vor allem an einem Wort - am Firmennamen Zeiss. Ohne das international geschätzte Markenzeichen hätten die DDR-Optiker kaum eine Chance, auf dem Weltmarkt zu überleben.
Und um das Zeiss-Emblem gibt es Zank mit den Brüdern im Westen. 1889, ein Jahr nach dem Tode des Firmengründers Carl Zeiss, hatte sein Partner Ernst Abbe eine Stiftung gegründet, in die dann später der Betrieb und die zum Konzern gehörigen Glaswerke von Otto Schott eingebracht wurden.
Das Stiftungsstatut sicherte den Arbeitern, für die damalige Zeit unerhört, zunächst den Neun-Stunden-Tag und von 1900 an gar einen Acht-Stunden-Tag. Rechtsverbindlich wurden außerdem Mindestlohn und Mitarbeiterrechte, bezahlter Urlaub und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Gewinnbeteiligung und Anspruch auf betriebliche Altersversorgung festgelegt.
Die Probleme für die Zeiss-Werke begannen in der Nacht zum 18. Juni 1945.
In dieser Nacht, kurz bevor die Amerikaner Thüringen den Sowjets übergaben, wurden 126 führende Zeiss-Leute, wichtige Unterlagen und Teile der Produktionsanlagen in Lastern der U. S. Army ins württembergische Oberkochen gekarrt.
Während Zeiss Oberkochen und wenig später Schott Glaswerke Mainz in gemieteten Fabrikhallen die Produktion von feinoptischen Geräten und Glas aufnahmen, ging es am Stammsitz in Thüringen stetig bergab. Erst demontierten die Amerikaner, dann die Russen Zeiss Jena. 1948 schließlich enteignete die SED die Zeiss-Stiftung und wandelte die Zeiss-Firmen in volkseigene Betriebe um.
Die von der DDR-Regierung in Ost-Berlin sparsam finanzierte Stiftung durfte fortan nur noch als Träger gemeinnütziger Einrichtungen, etwa einer Kinderklinik und eines Volksplanetariums in Jena, auftreten.
Damit, so argumentierte Zeiss-West, verstoße Jena gegen einen wichtigen Passus im Stiftungsstatut. Dort hatte Ernst Abbe festgeschrieben, daß die Stiftung immer auch Eigentümer der Werke sein müsse. Auf Betreiben der Zeiss-Geschäftsführung in Oberkochen bestimmte die baden-württembergische Landesregierung 1949 Heidenheim zum neuen Sitz der Stiftung.
Es folgte eine Flut von Prozessen, die bis zum Bundesgerichtshof und zum Obersten Gericht der DDR gingen.
Im Londoner Abkommen einigten sich die Kontrahenten 1971 schließlich außergerichtlich über den Gebrauch des mittlerweile weltweit bekannten Firmenzeichens Carl Zeiss. In Westeuropa gehörte der Name den Oberkochenern, in Osteuropa den Jenaern. Im Rest der Welt traten beide unter ihrem Namen auf oder wahlweise unter "Jenaoptik" (Ost) und "Opton" (West).
Der Kompromiß hielt bis zur Wende. Anfang dieses Jahres ließen die West-Zeissianer wissen, sie fühlten sich nicht länger an alte Absprachen gebunden.
Zwar riet der Heidenheimer Stiftungskommissar Herbert Grünewald, ehemals Vorstandsvorsitzender von Bayer, zu "Vorsicht und Fingerspitzengefühl". Ende Mai bekundeten die Geschäftsleitungen Ost und West ihren angeblichen Willen, sich in einer Carl-Zeiss-Stiftung zusammenzuschließen.
Die Partner wollten, so heißt es in einer gemeinsamen Erklärung, gegenseitig die "rechtliche Selbständigkeit achten und alle zumutbaren Möglichkeiten ausschöpfen, die dem beiderseitigen Nutzen dienen".
Doch wenig später machte der Syndikus der Zeiss-Werke West, Neithardt von Einem, klar, wo es nach dem Wunsch der Wessis langgehen soll.
"Die Stiftung drüben", erklärte von Einem, "ist untergegangen und kann nicht durch ein paar Federstriche aufleben. Das wäre so, als würde eine Leiche wieder lebendig, obwohl ich nicht ausschließen will, daß man drüben über dieses Kunststück nachdenkt."
Und Zeiss-Vorstandschef Horst Skoludek stellte schon im Juni fest: "Es gibt für uns keine zwei, sondern nur eine Carl-Zeiss-Stiftung." Der Chefmanager macht kein Hehl aus seiner Geringschätzung für die Namensvettern im Osten, die immerhin unter den Paradefirmen des SED-Regimes ganz vorn waren.
Die Wünsche und Vorstellungen der Jenaer Geschäftsleitung beschied Skoludek trocken : "Husten Sie mal, wenn Sie keinen Hals haben."
Es dauerte eine Weile, bis solche Töne in Jena Wirkung zeigten. Obwohl sich der frühere Zeiss-Generaldirektor Wolfgang Biermann, der das Riesen-Kombinat mit eiserner Hand regiert hatte, in den Westen absetzte, sind die alten Kader-Strukturen in der neuen GmbH erhalten geblieben, geben in vielen Bereichen immer noch die Bonzen von gestern den Ton an.
Die Kader aus der SED-Zeit, so argwöhnten die Zeiss-Werker rasch, dachten mehr daran, sich selbst in die westliche Zeiss-Zukunft zu retten als das Unternehmen zu erhalten.
Die drohende Aberkennung des Firmennamens und der damit absehbare Ruin brachten in Jena Neu-Demokraten und Alt-Genossen zusammen. Die Parteien in Thüringen, die SED-Erbin PDS inklusive, gründeten eine gemeinsame Kommission, um die gefährdeten Arbeitsplätze zu retten.
Auf Unterstützung aus Ost-Berlin hofften die Thüringer vergebens. Ministerpräsident Lothar de Maiziere ließ mehrere Briefe der Zeiss-Werker unbeantwortet.
Der Regierungschef sollte, so die Vorstellung der Kommission, dafür sorgen, daß die Treuhandanstalt als neue Besitzerin der Zeiss-Werke das Unternehmen wieder der Stiftung übereignet. Damit wäre die Stiftung in Jena nach dem Abbe-Statut wieder Eigentümerin der Werke.
Mit dem Beitritt am 3. Oktober, so fürchten die Zeissianer in Jena, könnte sonst automatisch das Urteil des Bundesgerichtshofs aus dem Jahre 1967 Geltung erlangen. Damals haben die Karlsruher verfügt, daß nur die West-Werke das weltberühmte Firmenzeichen nutzen dürfen.
"Ohne die Marke Carl Zeiss", sagt Gerd Schuchardt, Forschungsleiter bei Zeiss und Mitglied der Zeiss-Kommission, "haben wir auf dem Weltmarkt keine Chance."
Immerhin reagierte inzwischen die Volkskammer: Sie beauftragte die Treuhand, erst einmal 20 Prozent der von ihr gehaltenen Anteile an Zeiss an die Stiftung in Jena zu übereignen. Ob damit die Arbeitsplätze gerettet sind, ist zweifelhaft.
Ein vorletzte Woche angekündigtes generöses Zugeständnis der Westler bleibt pure Kosmetik. Danach darf der thüringische Betrieb im geeinten Deutschland zunächst als "Zeiss Jena" auftreten.
Derweil stülpen Abgesandte aus Oberkochen die Zeiss-Betriebe in der Noch-DDR auf den Kopf. "Die Geschäftsleitung", klagt ein leitender Ost-Kader über das Ost-Management unter Geschäftsführer Klaus-Dieter Gattnar, "läßt sich von den Oberkochenern in alle Karten schauen. Das ist völlig abenteuerlich, solange die Stiftungsfrage nicht geregelt ist."
Die Jenaer gehen davon aus, daß die Belegschaft um mindestens ein Drittel reduziert werden muß. Anders könne das Unternehmen in der Marktwirtschaft nicht überleben.
Die Oberkochener denken offenbar in ganz anderen Größenordnungen. "Die sind", sagt ein Zeiss-Insider, "im Prinzip höchstens an unseren Rosinen interessiert - an den feinoptischen Geräten für die Mikrochirurgie und an unserer Raumfahrttechnik. Dafür braucht man aber nicht mehr als 500 Leute." o
