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DER SPIEGEL

„Alles zerwühlt und kaputt“

Wenn die sowjetischen Truppen aus Deutsch-Ost abziehen, hinterlassen sie ein ökologisches Notstandsgebiet. Ohne Rücksicht auf Umweltschutz haben die Besatzertruppen jahrzehntelang das Land malträtiert. Böden sind ölverseucht, viele Flüsse und Seen ruiniert. Das Ausmaß der Katastrophe ist noch nicht abzusehen.
Sanfte Hügel und weite Schilfgürtel in der Ferne, Herbstsonne blinkt auf der Wasseroberfläche, über den Stellnetzen patrouilliert gemächlich ein Fischadler. Der Fahrlander See im DDR-Bezirk Potsdam gehört zu den schönsten Gewässern der Havellandschaft westlich von Berlin. Doch die Idylle stinkt. Grau und klebrig fließt von jenseits der Uferstraße Abwasser durch ein zwei Meter breites Kanalbett in den See - Fäkalien von 3000 Menschen aus der nahe gelegenen Sowjet-Kaserne Krampnitz, angereichert mit breiigen Ölresten aus russischen Panzern und Lastwagen.
Eine Kläranlage gibt es nicht. Als primitive Ölsperre ist eine Betonwand durch das Kanalbett gezogen. Schwärzlicher Schleim staut sich. Manchmal, so hat Joachim Buhlmann aus dem Dörfchen Neu Fahrland beobachtet, kommt ein russischer Soldat vorbei, "der mit einer Konservendose am Stock das Dicke abschöpft".
Die Fässer, die der Soldat füllt, werden auf einem Armeelaster weggefahren. Wohin die Ekelfracht geht, weiß niemand im Ort genau. "So wird das Leben unserer Kinder zerstört", sagt der Maler Buhlmann, der direkt am See wohnt.
Klagelieder, wie sie die Leute von Neu Fahrland anstimmen, ertönen in allen Winkeln der DDR.
Nach offizieller Zählung bedecken sowjetische Militäreinrichtungen vier Prozent des Landes - Wohnbereiche, Pisten, Fliegerhorste und vor allem Dutzende von Übungsplätzen, die unter Panzerketten und Bulldozer-Schaufeln in Jahrzehnten aufgerieben worden sind.
Überall sei das Land "zerwühlt, devastiert, kaputt", sagt Alfons Hesse, Abteilungsleiter für Natur- und Bodenschutz im Ost-Berliner Umweltschutzministerium. Vier Prozent der DDR, das sind an die 440 000 Hektar - ein Umweltskandal ohne Beispiel.
Erst allmählich ist in den letzten Monaten das ganze Ausmaß der Verwüstung bekannt geworden. Die Umweltschäden durch die Sowjetarmee galten zu SED-Zeiten stets als Geheimsache - ebenso wie die kaum minder schlimmen Öko-Folgen der US-Präsenz im Westen Deutschlands (siehe Kasten Seite 119).
Im SED-Staat vollzog sich die Umweltzerstörung hinter streng verschlossenen Garnisonstoren: Für die Amtsstellen der DDR gab es auf russischem Grund nie etwas zu bestellen.
Daß zum Beispiel der Fahrlander See "demnächst umkippen könnte", wußte auch die Nationale Volksarmee lange vor der Wende. Buhlmann und seine Nachbarn hatten schon vor Jahren die Behörden mit Eingaben genervt.
Fast rührend, aber stets vergebens engagierte sich die Potsdamer Gewässeraufsicht bei den Besatzern. Mal freundlich, mal bestimmt forderte das Amt den "werten Genossen Major Demtschew" auf, an seinen Rohren "unverzüglich mit den erforderlichen Sanierungs- und Instandsetzungsarbeiten zu beginnen"; sogar "Zwangsgeld" in Höhe von 25 000 Mark wurde angedroht. Der Genosse Major blieb unbeeindruckt.
Auch Abrüstungsminister Rainer Eppelmann, mit den Buhlmanns seit gemeinsamen Dissidententagen befreundet, konnte nichts machen. Die Zustände, ließ er Buhlmann wissen, seien "kurzfristig nicht zu beheben".
Die "Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte" ist zwar nach dem Stationierungsabkommen von 1957 zur "grundsätzlichen Einhaltung der in der DDR geltenden gesetzlichen Bestimmungen" verpflichtet - aber darum haben sich die Kommandanten nie und nirgendwo geschert. "Überall, wo Standorte sind, ist eine Zeitbombe zu erwarten", sagt Peter Petrowski vom Ost-Berliner Umweltministerium.
Nicht einmal die Menge an Munition, die 370 000 Sowjetsoldaten beim Abzug hinterlassen werden, ist bekannt. Sicher scheint dem Leipziger Chemieprofessor und Konversionsexperten Karlheinz Lohs nur, daß Kugeln und Granaten "zu gegebener Zeit zur Räumung in die deutsche Zuständigkeit übertragen werden".
Jahrzehntelang fehlte es in den sowjetischen Streitkräften an Umweltbewußtsein, nun fehlt es an Geld, die Folgen der militärischen Schlamperei zu beseitigen. Über die Haftungsfrage, klagt die Leitung des Ost-Berliner Umweltministeriums, gebe es nach wie vor "differente Standpunkte"; die Freunde, die weder zahlen wollten noch könnten, beharrten überdies darauf, sie unterlägen "nicht der hiesigen Jurisdiktion".
Nach wie vor rasseln russische Panzer über marode Straßen und wühlen sich durch Heide, Äcker und Wälder - ohne Rücksicht auf Schutzwälle oder Deiche; noch immer waschen kurzgeschorene Rotarmisten ihre Lastwagen, bis auf dem Dorfteich eine dicke Ölschicht schwimmt, hält das Küchenpersonal Schweine auf dem Garnisonsgelände ohne jegliche Tierhygiene, zapfen Armeetechniker das nächsterreichbare Abflußsystem ohne Rücksicht auf dessen technische Bestimmung an ("Hurra, ein Rohr!") - worauf Hausabwässer mit dem Regenwasser ins Erdreich sickern.
In der Letzlinger Heide nördlich von Magdeburg beklagen sich Anrainer, daß aus dem großflächigen Manöver-Areal ständig "Öle, Chemikalien und andere Elemente" in den Grund sickern, der als Trinkwasserzone für 450 000 Menschen dient.
Auf dem Fliegerhorst Lärz inmitten mecklenburgischer Seen wurde Jahr um Jahr das Kerosin ungeschützt von Lastwagen in Tanks mit verrotteten Leitungen gepumpt, ein Teil versickerte im Sand. Als die Lärzer eine neue Kläranlage bauen wollten, so erinnert sich Walter Brämer von der örtlichen Bürgerinitiative, "spritzte beim ersten Spatenstich der Treibstoff aus der Erde. Dallas ist nichts dagegen".
Rings um den Schadensherd brachten DDR-Dienststellen 17 Bohrlöcher nieder, eine bis zu anderthalb Meter dicke "Linse" aus Kerosin floß dabei über dem Grundwasser zusammen. Auf über 50 000 Tonnen wird die Menge des Sprits geschätzt, die im Lauf der Zeit bei Lärz versickert ist. "Kommt das Benzin bald aus dem Wasserhahn?" fragte die Mecklenburger Morgenpost.
Wie achtlos an vielen Orten die Kommandanten mit Vorschriften, Material und gefährlichen Stoffen umgegangen sind, zeigen alltägliche Beschwerden aus allen Teilen der Noch-DDR: *___Rund um den Fliegerhorst Werneuchen nordöstlich von ____Berlin, wo einst die Nazis den Heinz-Rühmann-Film ____"Quax, der Bruchpilot" drehten, fanden sich 14 Gramm ____sowjetisches Kerosin pro Kilo Mutterboden. Als sich ____einmal gleich 70 Tonnen Düsensprit beim Umfüllen ins ____Flüßchen Stienitz ergossen, geriet der Wasserlauf in ____Brand. *___30 000 Bürger protestierten im Umkreis des ____Übungsgeländes Letzlinger Heide gegen Umweltdelikte der ____Sowjettruppe - mitten im Trinkwasser-Einzugsgebiet ____rutschten Ölfässer von Panzern, legten uniformierte ____Schwarzhändler ihre Umschlagstellen für illegalen ____Spritverkauf an, blieb vom ursprünglichen "Biotop nur ____noch ein Fragment an den Straßenrändern" (ein ____Umweltschützer). *___Das Militärhospital in Beelitz bei Potsdam, das die ____örtliche Deponie auch zur Ablage von Krankenhausmüll ____und amputierten Gliedern und Organen nutzt, leitet ____täglich 2000 Kubikmeter Abwasser ab, teils ____hochinfektiös und völlig ungeklärt - der Zulauf in die ____Becken der Rieselfelder ist, so Potsdams ____Umweltschutz-Dezernat, "immer wieder auch blutig rot". *___Beim Abzug der Truppen aus Neuruppin erwiesen sich die ____43 Offiziershäuser als derart heruntergekommen, daß von ____den einst enteigneten Hausbesitzern ____angesichts der zu erwartenden Sanierungskosten kaum ____einer Anspruch auf sein früheres Eigentum erhoben hat - ____laut Kreisverwaltung hat sich nur einer gemeldet, "aus ____der BRD". *___Von den 44 sowjetischen Anlagen zur Abwasserbehandlung, ____die Potsdamer Bezirksvertreter sich genauer anschauten, ____arbeiteten nur 12 mit Genehmigung, 26 waren überhaupt ____nicht mehr funktionsfähig - von Rechts wegen müßten ____nach Berechnungen der Potsdamer Verwaltung die ____Sowjettruppen an Einleitungsgebühren und Bußgeldern ____jährlich zehn Millionen Mark zahlen.
"Das meiste, was mit Abwasser und Klärung zu tun hat, stinkt zum Himmel", sagt der Ost-Berliner Abteilungsleiter Hesse. Hesses Ministerium hat in einem vertraulichen Papier Fälle, Orte und Ursachen sowjetischer Öko-Havarien aufgelistet und die Paktgenossen heftig beschuldigt.
Vor allem "Sorglosigkeit" und "unzureichenden Kenntnisstand" im Umgang mit Schadstoffen lasten die Ministerialen den Sowjetmenschen an, auch das "fehlende gesetzliche Instrumentarium zur Durchsetzung von Auflagen" wird beklagt. Die Folge: allenthalben "Gefährdung der Trinkwasserversorgung", "Einschränkungen der Naherholung" und "Unterbrechungen von Produktionsprozessen".
Das Geheimpapier, das mangels systematischer Kontrollen durch deutsche Stellen "keinen Anspruch auf Vollständigkeit" erhebt, zählt 90 der am schlimmsten belasteten Standorte auf. 22 davon liegen im Bezirk Potsdam (siehe Schaubild Seite 113), wo die Westgruppe der Sowjetarmee - in Wünsdorf südlich von Berlin - ihr Hauptquartier hat. Das Sündenregister aus Ost-Berlin liest sich wie ein Öko-Krimi. Beispiele aus dem Bezirk Potsdam: _____" Objekt in Fürstenberg: Abwasserbelastung des " _____" Röblinsees und der Havel; Objekt in Vogelsang: " _____" Abwasserversickerung und Belastung des Grundwassers sowie " _____" der Havel; Objekt Dannenwalde: verschlissene Kläranlage, " _____" Versickerung unbehandelten Abwassers und " _____" Grundwasserbelastung; Objekt Panzerkaserne Alt Ruppin: " _____" Ableitung unvorbehandelten Abwassers und ölhaltigen " _____" Wassers in den Ruppiner See; Objekt Jüterbog: " _____" Versickerung in der Trinkwasserschutzzone III, Gefährdung " _____" der Wasserwerke Jüterbog und Rehbrücke; Objekt Wünsdorf " _____" einschließlich Panzerreparaturwerk: Ableitung " _____" unzureichend behandelter Abwässer, ölhaltigen Wassers und " _____" Produktionsabwässer aus Galvanik-Anlagen, Versickerung " _____" von Wasserschadstoffen, Gefährdung der " _____" Trinkwasserversorgung der Einheiten und Belastung des " _____" Wolziger- und des Mellensees. "
Zugang zu beanstandeten Anlagen erteilen Kommandostellen überhaupt nicht "oder nur unter erschwerten Bedingungen", wie die Potsdamer Gewässeraufsicht klagt. Strafanzeigen werden von den Militärs unter Ausschluß der Öffentlichkeit behandelt - wenn überhaupt.
So stauen sich Mißmut und Aggression im Volk, zumal "die Bürger des Landes nicht nur ihren eigenen Organen selbstbewußter entgegentreten, sondern auch den Sowjetsoldaten der Westgruppe", wie Abrüstungsminister Eppelmann verlauten ließ.
Eppelmann berichtet von einem Vorfall in Wünsdorf, wo der sowjetische Befehlshaber seine Posten entwaffnen ließ, weil er gewalttätige Auseinandersetzungen mit aufgebrachten Demonstranten befürchtete. In Neuruppin machten Skinheads Jagd auf Rotarmisten. Die wehrten sich mit Warnschüssen.
In Jüterbog registriert Volkspolizeirat Walter Neumann zunehmend antisowjetische Schmähparolen an Wänden und Schlägereien zwischen Soldaten und Jugendlichen. Grund der Aggression ist der Düsenlärm der sowjetischen Flugzeuge, der nach Auskunft des Landrats den Betrieb in Schulen und Krankenhäusern sowie auf den Friedhöfen über Gebühr beeinträchtigt.
"Wir haben nichts gegen das russische Volk", sagt der parteilose Jüterboger Bürgermeister Christian Göritz, "doch wir wenden uns entschieden gegen diese Konzentration militärischer Macht." Dieter Friese, SPD-Landrat im Kreis Bernau, bringt die Stimmung im Land der deutsch-sowjetischen Freundschaft auf den Punkt: "Wann werden wir von den Russen befreit?"
Die Sieger von gestern berührt der wachsende Zorn der Einheimischen bislang kaum. Die sowjetischen Truppen haben sich zwar Umwelt-Offiziere zugelegt; Anfang des Jahres erließ die Militärführung sogar Order, beim Räumen der Stellungen Umweltschäden zu beseitigen.
Doch in der Praxis blieb es beim alten: Zusammenarbeit mit den Deutschen allenfalls dann, wenn ein Fall von Umweltverschmutzung bereits "sicht- und ruchbar" (so der Ost-Berliner Ministeriale Hesse) geworden ist. "Wir haben keinen Überblick, was die machen", räumt Heidrun Gnausch ein, Abteilungsleiterin in der Wasserwirtschaftsdirektion Potsdam.
Die ostdeutschen Umweltschützer sind auf Schlimmstes gefaßt, wenn die Russen erst einmal weg sind. 300 Mark je Kubikmeter werde, so schätzen Potsdamer Öko-Experten, allein die Reinigung des ölverseuchten Bodens kosten.
Auch auf Überraschungen ganz anderen Kalibers müssen die Umweltsanierer beim Aufräumen des Landes gefaßt sein. Bei einer klammheimlichen nächtlichen Begehung der Letzlinger Heide stießen der Theologe Dieter Kerntopf und seine Freunde auf Uniformteile und Pappdeckel, die aus dem Boden ragten. Nach Abräumen einer dünnen Deckschicht legten die Inspekteure eine mit Aktenpapier gefüllte Panzergrube frei.
Des Rätsels Lösung: Hierher, ins sowjetische Sperrgebiet, hatten kurz nach der Wende Stasi-Veteranen sieben Lastwagen voller Amtsunterlagen gefahren, die seither in Magdeburg vermißt wurden.
Sorgsam sicherte der Suchtrupp seinen Fund für später. Kerntopf: "Wir haben erst mal alles wieder richtig zugedeckt."

DER SPIEGEL 40/1990
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