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DER SPIEGEL

„Was die uns alles dalassen“

Den Wunsch westdeutscher Journalisten, das geräumte C-Waffen-Lager der Amerikaner in Clausen sofort besichtigen zu können, blockte der rheinland-pfälzische Innenminister Rudi Geil energisch ab. "Zunächst einmal", erklärte der Christdemokrat Ende vorletzter Woche, "müssen Landes- und Bundesbehörden das Depot auf Umweltschäden untersuchen."
So wird künftig bei jedem Standort verfahren werden müssen, den die US-Militärs in der Bundesrepublik aufgeben. Denn Chemiegifte, Treibstoffe und Munition verseuchen das Gelände der meisten US-Militärstützpunkte in Westdeutschland.
In einem Papier des Pentagon werden die Sanierungskosten auf mehrere Milliarden Dollar geschätzt. Nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in vielen anderen Staaten sei das US-Militär, so die Los Angeles Times, für einen "Sumpf chemischer Vergiftungen" verantwortlich. Allein in Westdeutschland hat die US-Armee rund 300 kontaminierte Grundstücke identifiziert.
Ein Zehntel davon befinden sich auf Stützpunkten, die demnächst geschlossen werden sollen. Neun dieser Liegenschaften sind "Hot Spots", die, so das Pentagon-Papier, nur durch aufwendige Maßnahmen saniert werden können. Zu den "Hot Spots", die alle in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz liegen, zählen die Amerikaner *___die bayerischen Truppenübungsplätze Grafenwöhr und ____Hohenfels, wo auf zahlreichen gefährlichen Deponien ____Gewehr- und Artilleriemunition schlummert, *___das pfälzische Germersheim, wo Bauarbeiter in neun ____Meter Tiefe rund eine Million Liter Altöl entdeckten, ____die aus einem lecken Tank des US-Depots geflossen ____waren, *___die Mannheimer Taylor-Kaserne, wo riesige Mengen ____Trichlorethylen und anderer chlororganischer Lösemittel ____den Boden und sogar das Trinkwasser belasten, *___die Rhein-Main-Airbase, wo deutsche Baufirmen bei ____Bodenuntersuchungen eine gewaltige Kerosinblase ____entdeckten, die durch unterirdische Tanks der ____Amerikaner verursacht worden ist, *___den Flugplatz Bitburg, dessen Abwässer das ____Eifelflüßchen Kyll mit organischen Chemieabfällen und ____Lösemitteln verseucht haben.
Das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz prüft bereits, ob durch die Amerikaner Strafgesetze verletzt worden sind. Die Mainzer Landesregierung ist mittlerweile auf eine alte Forderung der Grünen eingeschwenkt: Sie will nun ein Altlastenkataster für Militärstandorte anlegen lassen. "Niemand ahnt bis jetzt", sagt der FDP-Landtagsabgeordnete und Umweltexperte Heinrich Reisinger, "was die uns alles dalassen."
Der rheinland-pfälzische Innenminister Rudi Geil und Baden-Württembergs Ministerpräsident Lothar Späth wollen die Bundesregierung und die Alliierten finanziell in Anspruch nehmen. Für den Bund als Eigentümer der militärischen Liegenschaften gelten, argumentiert Geil, "in der Frage der Altlastensanierung die gleichen Rechte und Pflichten wie bei jedem Privatmann oder jeder Privatfirma".
So könnte es Bonn teuer zu stehen kommen, daß die deutschen Behörden in der Vergangenheit nie überprüft haben, ob die Amerikaner sich an das geltende Umweltrecht gehalten haben. FDP-Mann Reisinger ahnt: "Es könnte sich herausstellen, daß wir zu gutgläubig waren."

DER SPIEGEL 40/1990
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