GiftgasBesonders heikel
Die ABC-Abteilung der Nationalen Volksarmee soll die deutsche Einheit überdauern - als Öko-Truppe.
In der Glasvitrine im Dienstzimmer von Oberst Rolf Büttner, dem Chef der Chemischen Dienste der Nationalen Volksarmee (NVA), stehen Souvenirs deutsch-sowjetischer Truppenübungen aus vier Jahrzehnten. Die ABC-Einheiten der DDR gehörten zur Elite der realsozialistischen Militärs. Zu den Wappen, Wimpeln, Raketenmodellen und Rangabzeichen aus den Zeiten des gemeinsamen Kampfes gegen die westlichen Imperialisten werden bald ganz neue Erinnerungsstücke kommen - aus der Öko-Szene.
"Wir übernehmen zukünftig", sagt Oberst Büttner, "auch Aufgaben im Umweltschutz."
Weil bislang ungeklärt ist, wie viele NVA-Chemiker von der Bundeswehr übernommen werden, offeriert Büttner vorsichtshalber DDR-weit schon jetzt Firmen und zivilen Auftraggebern die Dienste seiner Spezialisten.
Zu tun gibt es genug. Nach einer Bestandsaufnahme des "Referats ökologischer Umweltschutz" im Ost-Berliner Abrüstungsministerium lagert an mindestens 49 Orten im Land noch "konventionelle" und "chemische" Munition aus der Nazi-Zeit (siehe Karte); hinzu kommen die Hinterlassenschaften der Sowjetarmee.
Die chemischen Kampfstoffe aus dem Dritten Reich gelten als besonders heikel. "Wir sind darauf vorbereitet", sagt C-Waffen-Experte Büttner, "unsere Kenntnisse für die Sanierung einzusetzen."
Die ABC-Truppen der DDR sind bestens geschult. Für die Abwehr atomarer, biologischer oder chemischer Angriffe wurden 500 NVA-Offiziere ausgebildet, zum Teil an Moskauer Militärakademien. Für Saddam Hussein bauten die NVA-Experten einen Truppenübungsplatz, auf dem Irakis speziell für den Gaskrieg gedrillt wurden (SPIEGEL 34 und 35/1990). Von dem Ausbildungsstand und der Ausrüstung der ABC-Truppe, urteilt ein Bundeswehr-Experte, "können wir nur träumen".
Als Öko-Force waren die NVA-Spezialisten bereits mehrfach im Einsatz. Im thüringischen Bezirk Gera zogen Büttners Soldaten Bodenproben, nachdem mysteriöse Erkrankungen die Bevölkerung in den Dörfern Hainspitze, Klengel und Serba alarmiert hatten. Mit mobilen toxikologischen Labors suchte die ABC-Truppe nach dort vermuteten Kampfstoffaltlasten.
Über das benachbarte Hermsdorfer Kreuz und den 1945 von den Amerikanern ausgebombten Bahnhof Lossa hatte Hitlers Wehrmacht riesige Bestände der Kampfgifte Lost, Tabun, Phosgen, Sarin und Soman transportiert, die später von den Besatzern im Skagerrak versenkt wurden.
Dort werden 11 000 Tonnen Gasmunition vermutet, einzelne Granaten tauchen immer wieder in den Netzen der Fischer auf.
Bis 1961 räumten die Sowjets und die DDR-Regierung über 100 000 Tonnen Gift aus den zahlreichen Produktions- und Lagerstätten Mitteldeutschlands. "Vor neuen Überraschungen", sagt Vernichtungsexperte Karlheinz Lohs, Leiter der Leipziger Forschungsstelle für chemische Toxikologie, "sind wir jedoch nicht sicher."
Nach Angaben von Lohs sind in geheimgehaltenen Bergwerken in Thüringen noch immer "größere Mengen" chemischer Kampfstoffe eingelagert. Schon mehrmals ist ABC-Experte Büttner zu den örtlichen Bürgerkomitees gereist, "da hier eine große Beunruhigung herrscht".
In Halle, Stadtteil Ammendorf, stießen die NVA-Umweltsanierer im Sommer auf den bisher bedeutendsten Fund. Unter einem heute teilweise bebauten Industriegebiet liegt ein ausgedehntes Tunnelsystem, das Kampfstoffbunker und Produktionsstätten für Giftgasgranaten verbindet. Das Giftgrab ist ein Relikt der Orgacid GmbH, einer Tochterfirma der Essener Goldschmidt AG und der Berliner Degea, die für das Reichsheeresministerium arbeitete.
5 der über 20 Meter langen, gekachelten Katakomben enthielten noch das Hautgift Lost. Über die runden Einstiegsschächte pumpte ein ABC-Zug der NVA 20 Tonnen Teufelszeug unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen ab.
Die schärfste Umweltbombe liegt nach Meinung der Kampfstoffexperten unter einem Lagerplatz des "Fernmeldebauamts 401" der Deutschen Post am nördlichen Rand des Geländes. Unter den betonierten Platten vermuten die NVA-Leute die verschollene Steuerzentrale und eine Abfüllanlage für chemische Kampfstoffe. "Ein Fehlgriff mit dem Bagger", sagt ein ABC-Soldat, "und hier ist der Teufel los."
Nachdem Kinder beim Spielen die vermauerten Zugänge zur Giftgasfabrik freigebuddelt hatten, beauftragte die Stadtverwaltung die NVA-Experten mit der Erkundung und Sicherung der Kampfgifte, "gegen Entgelt", betont ein Kommunalbeamter. Für Laborleistungen im Abrüstungsministerium sind nach Angaben von Oberst Büttner "schon gut 100 000 Mark" fällig. In einer westdeutschen Verbrennungsanlage sollen die neutralisierten Chemikalien jetzt entsorgt werden.
Egal, ob die ABCler des Ost-Berliner Abrüstungsministers Rainer Eppelmann von der Bundeswehr übernommen werden oder nicht, eine künftige Kooperation mit den westdeutschen Militärs scheint gesichert, auf welcher Basis auch immer. "Wir werden in Zukunft", beteuerte ein Sprecher der Wehrwissenschaftlichen Dienststelle der Bundeswehr in Munster nach einem Besuch Büttners, "exzellent zusammenarbeiten."
