Psychokrieg ums Öl
Der beste Lieferant schlechter Nachrichten, den die Börsianer seit langem hatten, ist Iraks Saddam Hussein. Seit seinem Überfall auf Kuweit hat sich der Diktator fast täglich neue Drohungen gegen seine Golf-Nachbarn und deren Verbündete einfallen lassen. Und es scheint, als sei das Arsenal von Psychotricks noch längst nicht erschöpft, mit denen er die Angst vor Krieg und Ölknappheit schüren kann.
Würde der Iraker mit seinem Säbelrasseln nur die schon stark gefallenen Kurse an den Aktienmärkten weiter herunterdrücken, wäre das für alle Aktionäre natürlich ärgerlich, für die Weltwirtschaft aber wohl kaum gefährlich. Die Entwicklung nach dem Börsenschock vom Oktober 1987 hat gezeigt, daß die Weltkonjunktur nicht zwangsläufig kippt, wenn es an den Aktienmärkten kracht.
Doch die bösen Nachrichten wirken sich ja nicht nur auf die Aktienkurse aus. Schwere ökonomische Schäden wird Saddam Hussein anrichten, wenn es nicht bald gelingt, die von ihm angefachte Hysterie an den Ölmärkten einzudämmen.
Hieß es zu Beginn des Konflikts noch, erst im Fall eines Krieges könnte der Ölpreis auf über 40 Dollar je Barrel schnellen, so schaffte Saddam diese Marke Anfang vergangener Woche bereits, ohne daß ein Schuß an der Golf-Front gefallen war. Die Drohung allein, er werde einen Angriff auf sein Land mit der Zerstörung saudischer Ölförderanlagen kontern, reichte, um den Preis so hoch zu treiben.
In einem derartigen Nervenkrieg ist es sinnlos, wenn westliche Politiker und Energie-Experten immer wieder versichern, die Versorgungslage sei keineswegs beunruhigend, starke Preissteigerungen seien nicht gerechtfertigt. Mit der gleichen Litanei war schon 1979 versucht worden, eine Ölkrise zu verhindern - vergebens.
In Erwartung eines langen Ausfalls von Iran-Öl nach dem Sturz des Schahs hatten die Ölfirmen damals panikartig ihre Vorräte aufgestockt. Später zeigte sich, daß die Furcht unbegründet gewesen war, daß die Ölteuerung von 1979 ohne Angstkäufe ausgeblieben wäre.
In der gegenwärtigen Krise haben die Ölgesellschaften zwar noch nicht durch Hamsterkäufe den Preisauftrieb zusätzlich verschärft. Aber die Rohöl-, Benzin- und Heizölmärkte sind inzwischen ähnlich organisiert wie die Börsen für Aktien, Gold, Kakao oder Schweinehälften. Und Börsianer geraten nicht erst in Fahrt, wenn eine Ware tatsächlich knapp wird - sie rotieren schon, wenn jemand meint, sie könnte teurer werden.
Um zu vermeiden, daß das an den Ölbörsen grassierende Spekulationsfieber die gesamte Weltwirtschaft entscheidend schwächt, sollten die Regierungen der großen Industrieländer sich nun nicht mehr auf beschwichtigende Reden an die Adresse der Händler und Verbraucher beschränken. Sie sollten handeln.
Reichlich Munition für den Kampf gegen spekulativ erhöhte Ölpreise ist da: Um sich gegen kurzfristige Versorgungsstörungen zu wappnen, haben die USA, Japan und Westeuropa riesige strategische Ölreserven aufgebaut. Allein die staatlichen Vorräte der USA reichen aus, um den Weltölmarkt etwa zweieinhalb Jahre lang mit jenen 0,6 Millionen Barrel täglich zu versorgen, die nach dem Ausfall des Irak- und Kuweit-Öls nicht durch Mehrproduktion in anderen Opec-Ländern ausgeglichen werden.
Diese Reserven sollten nicht erst eingesetzt werden, wenn Saddam Hussein tatsächlich Raketen gegen saudische Ölfelder losschickt. Da reichen die fünf Millionen Barrel nicht, die Präsident Bush vergangene Woche aus den US-Reserven freigab.
Der Einwand, daß die Notvorräte zu früh verfeuert werden, zieht nicht. Die ökonomischen Schäden einer monate- oder gar jahrelangen Ölknappheit, wie sie ein Schießkrieg am Golf mit sich bringt, sind nicht erst dann zu spüren, wenn es dort richtig kracht. Sie treten schon ein, wenn die Ölhändler bei ihren Kontrakten klar davon ausgehen, daß es zu dieser Auseinandersetzung kommt. Und Psychokrieger Saddam Hussein hat die Petromärkte auf einen heißen Krieg eingestimmt.
Die Schäden sind schon zu spüren, bevor es kracht
Von Walter Knips
