UnternehmenSich selbst umdribbelt
Es geht rund beim Kampf um den Reifenkonzern Conti: Die Frontenverläufe zwischen Deutschland und Italien sind verwirrend.
Salotto buono" heißt zu deutsch "gute Stube". In Italien ist mit dem Begriff das Feinste vom Feinen gemeint - der Kommerz-Adel von den Agnellis über die Gardinis bis zum vielköpfigen Pirelli-Clan darf sich zum Salotto buono zählen.
Deutschlands Manager-Spitzen ist der Terminus seit einigen Wochen wohlvertraut. Gute Adressen wie der Versicherungskonzern Allianz und Frankfurter Großbanken machen mit den Italienern gemeinsame Sache, um die beiden Reifenfirmen Continental und Pirelli zusammenzubringen.
Erst nur hinter, nun auch vor den Kulissen rollt ein munterer Machtkampf ab. Die Conti-Spitze, allen voran Vorstandschef Horst Urban, 54, wehrt sich verzweifelt dagegen, von den Italienern eingemeindet zu werden. "So nicht, Herr Pirelli", ließ Urban den italienischen Reifenkönig Leopoldo Pirelli wissen, nachdem der sein Fusionsangebot in Hannover abgegeben und versichert hatte, er habe mehr als die Hälfte des Aktienkapitals auf seiner Seite.
Kaum eine Übernahme hat bisher in der deutschen Industrieszene für soviel Wirbel gesorgt wie das Reifen-Ding. Alte Freundschaften gingen kaputt, Seilschaften brachen auseinander. Quer durch Politik und Wirtschaft laufen die Fronten.
Niedersachsens SPD-Ministerpräsident Gerhard Schröder stellte sich unbedacht auf die Seite der Aufkäufer und bezog von seinen Freunden heftig Prügel. Die Conti-Betriebsräte warfen ihrem Regierungschef vor, ohne Rücksprache und vorschnell das Pirelli-Projekt gelobt zu haben.
Die ärgsten Probleme bekam neben den unmittelbar betroffenen Conti-Managern das größte Geldhaus der Republik. Deutsche-Bank-Vorstand Ulrich Weiss, 55, seit Januar Aufsichtsratsvorsitzender bei Conti, befürwortete zunächst die Verbindung mit Pirelli. Er verhandelte an Conti-Chef Urban vorbei mit dem Clan-Anführer Leopoldo Pirelli, 64. Doch dann, als Pirellis Abgesandte in Hannover vorstellig geworden waren, holte der Vorstand der Bank in Frankfurt den Kollegen Weiss sanft zurück.
Das Finanzinstitut ist in einer Klemme. Auf der einen Seite wissen auch die Banker, daß Conti allein im verbissenen Verdrängungswettbewerb unter die Räder käme. Conti und Pirelli könnten gemeinsam wohl besser gegen die weitaus größeren Herausforderer Michelin, Goodyear und Bridgestone bestehen.
Aber für die Herren am Main ist der Conti-Fall nicht nur eine Frage der Bilanzen, ihnen geht es ums Prinzip. Sie stufen den Pirelli-Plan nicht als ein normales Fusionsangebot ein; er ist für sie eine feindliche Übernahme, also eine Übernahme gegen den Widerstand des betroffenen Managements. Und solch neuzeitliches Raubrittertum widerspricht der Hausideologie der Bank.
Die Wende zum Nein, zu der sich die Deutsche Bank entschied, kam erst ganz am Schluß eines langfristig angelegten Fusionsmanövers. Die Initiative war von Pirelli ausgegangen.
Er begann im Frühjahr seine Truppen zur Übernahmeschlacht zu sammeln. Die Verbündeten waren schnell gefunden. Über ein Netz von Beteiligungen und personellen Querverbindungen sind der Agnelli-Clan (Fiat), die Gardinis (Ferruzzi), die Orlando-Sippe (Kupfer und Kabel), Carlo De Benedetti (Olivetti) und die Pirellis miteinander verbunden. Und irgendwie hat jeder von ihnen einen Anteil am Pirelli-Reifengeschäft. Die Pirellis und ihre Freunde kauften an der Börse Conti-Aktien auf. Bei der Allianz in München, die sieben Prozent der Conti-Aktien im Depot lagert, sicherten sich die Italiener einen weiteren Stimmenblock.
Allianz-Vorstand Friedrich Schiefer, für Beteiligungen zuständig, ist mit der Lage des deutschen Reifenunternehmens bestens vertraut. Er sitzt bei Conti im Aufsichtsrat und empfiehlt dem Vorstand seit langem die Anlehnung an einen Konkurrenten.
Leonardo Pirelli rechnete sogar fest mit den fünf Prozent der Conti-Aktien, die sich im Eigentum der Deutschen Bank befinden. Ulrich Weiss, im Vorstand für das Italiengeschäft zuständig und Mitglied im Verwaltungsrat bei Fiat, hatte dem Mailänder Geschäftspartner Unterstützung zugesagt.
Die gilt nun nicht mehr, fürs erste jedenfalls. Leopoldo Pirelli, der alles so gut vorbereitet hatte, verletzte am Ende der Übung allzu heftig die von der Bank gesetzten Anstandsregeln.
Im Hotel Luisenhof in Hannover hatte Pirelli-Chefmanager Gianbattista De Giorgi dem Conti-Führer Urban am 15. September das Fusionsmodell präsentiert. Trocken erklärte der Italiener, wie er und seine Kollegen sich die Sache dachten: Die ersten beiden Plätze im geplanten Gemeinschaftsunternehmen sollten den Italienern vorbehalten bleiben. Den dritten Sitz könnten die Deutschen haben.
Leopoldo Pirelli war zwar ebenfalls nach Hannover geflogen. Ein Gespräch mit Urban hielt er aber für unnötig. Doch der hängt an seinem Job. Pirelli hatte, in erstaunlicher Verkennung der Machtverhältnisse, nur einen Termin mit dem Ministerpräsidenten Schröder gemacht.
Es war nicht nur die Etikette, die den Deutsche-Bank-Vorstand fürs erste von Pirelli abrücken ließ. Auch die inhaltlichen Vorstellungen der Italiener mißfielen der Deutschen Bank.
Nach dem Pirelli-Modell würden die Deutschen bei ihrer Unterwerfung unter italienische Oberhoheit noch draufzahlen: Die Italiener verlangen von Conti für die Einbringung des Pirelli-Reifengeschäfts in das geplante Gemeinschaftsunternehmen rund zwei Milliarden Mark. Nur 800 Millionen allerdings sollen in Form einer Kapitalerhöhung in die Fusionsfirma zurückfließen.
Roland Berger, dessen Münchner Unternehmensberatungsfirma mehrheitlich der Deutschen Bank gehört, tadelt: "Die haben sich selbst umdribbelt."
Ins Abseits werden die Azzurri wohl dennoch nicht geraten. Jetzt sind die Profis dran. Die Fusionsberater von Merrill Lynch aus den USA arbeiten für die Pirelli-Gruppe. Conti wird beraten von der britischen Investmentbank Morgan Grenfell, einer Tochterfirma der Deutschen Bank.
Die beiden Beratergruppen saßen sich schon gegenüber. Grenfell-Chef John Craven plädiert für einen behutsamen Umgang miteinander. Beispiel soll die erfolgreiche Fusion des schwedischen Elektrokonzerns Asea mit dem Schweizer Konkurrenten BBC sein. Die Schweden und die Schweizer gingen den umgekehrten Weg, den Pirelli gehen will. Die Gemeinschaftsfirma ABB wurde gegründet, die Anteile 50:50 aufgeteilt. Danach ermittelten Experten die Werte der Stammhäuser. Zuallerletzt wurden die Posten verteilt.
Conti-Chef Urban, einer Fusion nicht mehr ganz abgeneigt, schlug seinen Beratern eine ähnliche Lösung vor: In einer Gemeinschaftsfirma erhalten Conti und Pirelli jeweils 49 Prozent, als "Zünglein an der Waage" sollte das Land Niedersachsen oder eine Bank zwei Prozent übernehmen.
Berater Craven will die Italiener nun erst mal dahin bringen, ihre "unakzeptablen Bedingungen" zurückzunehmen. Dann könne ernsthaft mit den Verhandlungen begonnen werden. o
