LuftfahrtMehrfach gewarnt
Die kleine Fluggesellschaft Aero Lloyd sucht nach Partnern, sie will im Wettbewerb der Großen dabei sein.
Jahrelang flog Bogomir Gradisnik mit ein paar alten Düsenflugzeugen Urlauber ans Mittelmeer. Unter den Großen in der Charterfliegerei - LTU, Condor und Hapag-Lloyd - wurde seine Aero Lloyd mit ihren bunten Flugzeugen nie so richtig ernst genommen.
Das ist seit kurzem anders. Die Aero Lloyd fliegt inzwischen 20 überwiegend hochmoderne Jets und bietet neben Chartertrips auch Linienflüge an. Geschäftsführer Gradisnik gilt zwar unverändert als Außenseiter, aber seine ehrgeizigen Pläne verschafften ihm Respekt.
Gradisnik, 68, scheint das nicht zu reichen. Der gebürtige Slowene will nun endlich bei den ganz Großen dabeisein.
Vor ein paar Wochen legte Aero Lloyd beim Kartellamt Einspruch gegen den Plan der Lufthansa ein, 26 Prozent der DDR-Gesellschaft Interflug zu übernehmen. In Bonn und Ost-Berlin trug Gradisnik seinen Plan vor, selbst bei Interflug einzusteigen und das Unternehmen zu einem Lufthansa-Konkurrenten auszubauen.
Gradisnik wollte sich mit fünf bis zehn Prozent an der Interflug beteiligen und die Hauptrolle einem anderen überlassen. Er fragte daher bei British Airways an, die ebenfalls an Interflug Interesse zeigte. Die Briten sagten diplomatisch weder ja noch nein.
Inzwischen jedoch hat sich Gradisnik Interflug genauer angesehen. Die Flugzeuge, bis auf drei Airbusse ausschließlich sowjetische Spritsäufer, sind nicht viel wert. Die Werfthalle der Interflug wurde an die Lufthansa veräußert, die Flughäfen werden ausgegliedert.
Geld verdient Interflug nicht mehr. Der neue Chef Andreas Kramer weiß nicht einmal, ob er im nächsten Monat noch die Gehälter zahlen kann. Bis zum Jahresende werden Verluste in Höhe von 200 Millionen Mark auflaufen.
Gradisnik liebäugelt daher bereits mit einer anderen Idee. Statt einer gemeinsamen Beteiligung an Interflug schlug er British Airways eine Partnerschaft ohne die marode DDR-Gesellschaft vor.
Der Plan hat einiges für sich. British Airways erhielte durch Aero Lloyd Anschluß an deren innerdeutsches Liniennetz. Überdies könnten die Briten mit Hilfe der Deutschen von Berlin-Tegel aus ihr Europa-Netz neu knüpfen.
Aero Lloyd hätte von der Partnerschaft noch mehr Vorteile. Die Frankfurter Fluggesellschaft ist viel zu klein, um sich auf Dauer im europäischen Wettbewerb behaupten zu können. Sie braucht dringend einen starken Partner.
Was die Briten bislang noch zögern läßt, ist nicht zuletzt die Tatsache, daß niemand weiß, wem die Aero Lloyd eigentlich gehört. Gradisnik ist offiziell nur einer von drei Geschäftsführern, zuständig für Finanzen.
Als Anteilseigner des Unternehmens sind zwei Frankfurter Kaufleute und die Firma Air Charter Market Vermittlungs-GmbH eingetragen. Die Air Charter Market (Geschäftsführer: Bogomir Gradisnik) gehört der in der Schweiz eingetragenen Holding Ado Finance. Deren Eigentümer bleiben im dunklen.
Die finanzielle Lage der Aero Lloyd ist angespannt. In der Bilanz des Jahres 1989 stand zwar ein Anlagevermögen von 352 Millionen Mark. Aber schon damals fehlte es an frischem Geld. Das Luftfahrt-Bundesamt erwartete einen "Liquiditätsfehlbetrag" von rund 49 Millionen Mark. Bis Ende März 1990 rechneten die amtlichen Prüfer sogar mit einem Defizit von 67 Millionen Mark.
Gradisnik verschaffte sich erst einmal Luft, indem er drei alte DC-9-Maschinen verkaufte und sie danach wieder mietete. Trotzdem warnten die Beamten des Luftfahrt-Bundesamtes in diesem Sommer erneut vor einer Liquiditätslücke in zweistelliger Millionenhöhe.
Die Aero Lloyd, so behauptet Gradisnik, habe solche Mahnungen nicht nötig. Sie besitze genügend Substanz, um sich das nötige Bargeld zu beschaffen. Es reiche schon, wenn er Anzahlungen für neue Flugzeuge aufschiebe.
Branchenkenner sehen das anders. Die wichtigste Einnahmequelle der Aero Lloyd, das Chartergeschäft, wirft zur Zeit nur magere Gewinne ab. Die Überkapazität der Ferienflieger führte zu drastischem Preisverfall. Auf der anderen Seite erhöhen die steigenden Kerosinpreise den Kostendruck.
Im Linienverkehr sind die Jets der Aero Lloyd in letzter Zeit zwar besser ausgelastet als in der Startphase. Vor allem die Verbindung München-Gatwick verbucht eine stetig steigende Zahl von Passagieren. Aber die Passagierzahlen reichen noch immer nicht, um mit diesen Flügen Geld zu verdienen.
Gradisnik will sich dadurch jedoch nicht entmutigen lassen. Er plant, von Oktober an zusätzlich zu den innerdeutschen Flügen dreimal täglich von Berlin aus nach München, Frankfurt und Köln/ Bonn zu fliegen. Das Fluggerät hat er schon beschafft: Er will zwei Jets leasen, die früher von German Wings geflogen wurden. Die Start- und Landezeiten in Berlin will Aero Lloyd von der US-Gesellschaft TWA übernehmen.
In zwei Jahren möchte Gradisnik dann noch einmal zulegen. Er hat bei McDonnell Douglas vier Langstreckenflugzeuge des Typs MD-11 bestellt. Mit diesen Flugmaschinen, die pro Stück beinahe 100 Millionen Dollar kosten, will Aero Lloyd Flüge nach Fernost und in die USA aufnehmen.
Dann wird vor der neuen Firmenzentrale der Aero Lloyd in Oberursel bei Frankfurt auch eine überlebensgroße Figur des griechischen Höhenfliegers Ikarus stehen. Daß die mythische Gestalt schließlich abstürzte, weil sie zuviel wagte, irritiert Gradisnik nicht: "Wir sind doch nicht abergläubisch." o
