Volle Steuerkassen in Ost-Berlin?
Wenige Tage vor der Auflösung des DDR-Finanzministeriums streiten sich Ost-Berliner und Bonner Experten noch einmal kräftig über die im Osten zu erwartenden Steuereinnahmen. Nach Berechnungen der Ost-Berliner wurden von den in aller Eile aufgebauten DDR-Finanzämtern im Juli und August jeweils 200 Millionen Mark mehr eingenommen als geplant, so daß vier Milliarden Mark tatsächliche Steuereinnahmen verbucht werden konnten. Die für September anvisierten drei Milliarden Mark Steuereinnahmen gelten ebenfalls als sicher, weil schon zur Monatsmitte fast die Hälfte der Summe eingegangen war. Doch die Bonner Steuerexperten mißtrauen den optimistischen Meldungen. Sie beurteilen den Zufluß von Steuergeldern sehr viel pessimistischer. Um sieben bis acht Milliarden Mark, so die neueste Bonner Schätzung, würden die Einnahmen des zweiten Halbjahres wohl unter der geplanten Summe von 24,75 Milliarden Mark bleiben. Ob die Ost-Berliner Zahlen geschönt sind, wird sich schon bald herausstellen: Von Donnerstag an übernehmen etwa 70 Beamte vom Rhein das ehemalige DDR-Finanzministerium als 200 Mann starke Außenstelle des Bonner Ministeriums. Dann können die Bonner den Eingang der Steuergelder selbst kontrollieren.
