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DER SPIEGEL

TankstellenSchotter aus Bayern

In Ostdeutschland wird ein völlig neues Tankstellennetz aufgebaut. Die westlichen Ölgesellschaften rangeln um die besten Startplätze für das vielversprechende Geschäft.
Die Probebohrungen zeigten bereits reichlich Öl im Boden an. Wie die weitere Erschließung ergab, war das Vorkommen noch weit größer als zunächst angenommen.
Für den Auftraggeber des Projekts, die Bochumer Mineralölgesellschaft Aral, war das eine böse Überraschung. Das Öl war auf einem Grundstück an der Ost-Berliner Holzmarktstraße gefunden worden, auf dem die Tankstellen-Betreiber aus dem Ruhrgebiet Ende dieser Woche ihre erste Station in Ostdeutschland eröffnen werden.
Mit dem Beginn der Bauarbeiten wurden viermal größere Ölrückstände im Erdreich aufgespürt, als dort nach den ersten Bodenproben vermutet worden waren. Die Beseitigung des verseuchten Bodens war entsprechend teuer. Statt der zunächst veranschlagten 250 000 Mark kostete die Säuberungsaktion schließlich über eine Million Mark.
Noch mehr Öl fand Aral in Leipzig. Auf dem Areal für die zweite Ost-Station der Firma ist die Erde so öldurchtränkt, daß sich nach Aushub einer fünf Meter tiefen Grube eine drei Zentimeter dicke Ölschicht auf dem Grundwasser gebildet hat.
Vergiftet war auch der Boden eines Grundstücks in Halle, auf dem die Hamburger DEA eine Tankstelle baut. Wie bei den Aral-Standorten mußte der Dreck erst einmal abgetragen werden.
Auf den Grundstücken hatten Tankstellen des einstigen DDR-Monopolisten Minol gestanden. Und wie fast alle anderen Minol-Anlagen waren diese Stationen so verrottet, daß der Kraftstoff nicht nur in die Tanks von Trabis und Wartburgs floß. Durch Risse in den Rohren und Lecks in den einwandigen Uralt-Kesseln sickerten immer wieder Benzin und Öl ins Erdreich.
"Alles Schrott", ist denn auch das knappe Urteil, das DEA-Vorstand Wolfgang Schumann über die Minol-Stationen fällt. Eine "Sauerei" sei das, wie der Boden verunreinigt wurde, meint Aral-Manager Manfred Zeller.
In einigen Jahren jedoch, so verheißen die großen westlichen Ölgesellschaften, werde die Tankstellen-Misere zwischen Rügen und Erzgebirge weitgehend behoben sein. "Die ehemalige DDR bekommt ein ganz tolles Netz", schwärmt Aral-Chef Helmut Burmester, "es wird das beste in Europa sein."
Seit dem Ende des Minol-Monopols drängen alle größeren Firmen, die in der Bundesrepublik über ein Tankstellen-Netz verfügen, und auch etliche Mittelständler ins DDR-Geschäft. Rund fünf Milliarden Mark wollen die West-Unternehmen in den nächsten acht bis zehn Jahren in den Bau von etwa 2500 neuen Sprit-Stationen im Osten stecken.
Vor allem die fünf Großen der Branche - Aral, DEA, Esso, Shell und BP - sind wild entschlossen, in dem neuen Markt einen mindestens ebenso hohen Anteil am Benzin-Absatz wie im Westen zu erobern. Branchen-Primus Aral (Marktanteil in der Bundesrepublik: 20 Prozent) will bis 1998 rund 500 Tankstellen jenseits der bisherigen deutsch-deutschen Grenze errichten. DEA, Shell und Esso (Marktanteil jeweils 12 bis 13 Prozent) möchten je 250 bis 300 neue Stationen errichten.
Daß die West-Konzerne zum Run nach Osten angesetzt haben, ist nur zu verständlich. Dort bieten sich ihnen Wachstums-Chancen, wie es sie im Westen schon seit langem nicht mehr gibt.
In der Bundesrepublik haben die Mineralölfirmen ihre Tankstellen-Ketten in den vergangenen zwei Jahrzehnten um rund 28 000 auf 18 000 Stationen kürzen müssen. In der Aufbau-Begeisterung der fünfziger und sechziger Jahre waren viel zu viele Stationen errichtet worden.
In der DDR hingegen gibt es noch so wenige und so kleine Stationen, daß die Kunden oft länger als eine halbe Stunde auf ihre Tankfüllung warten müssen. Bei einem Bestand von etwa 1200 DDR-Tankstellen hat eine Ost-Station durchschnittlich mehr als 3000 Pkw zu versorgen, in der Bundesrepublik sind es nur rund 1600 Autos je Station.
So ist die Benzin-Branche zur Zeit wohl die einzige in der DDR, die keine Absatzsorgen hat. Trotz ihrer geringen Größe und der schleppenden Abfertigung - die Kassierer gehen noch von Wagen zu Wagen - schlägt eine Ost-Station durchschnittlich 60 Prozent mehr Benzin um als eine West-Tankstelle.
Mit steigender Motorisierung würde der Tankstellen-Engpaß ohne Neubauten immer schlimmer. Die Branche schätzt, daß sich die Sprit-Nachfrage in den neuen Bundesländern bis zum Jahr 2000 in etwa verdoppeln wird.
In allen Großstädten Ostdeutschlands werden die jeweils ersten Großtankstellen der West-Konzerne "Traum-Absätze" (Aral-Chef Burmester) erzielen können. Denn solange es nur eine neue Station in einem Ort gibt, ist diese praktisch ohne Konkurrenz: Die veralteten, verdreckten und meist auch noch ungünstig gelegenen Minol-Tankstellen werden gegen die prächtig herausgeputzten, mit modernsten Tankinseln und großräumigen Shops ausgestatteten Selbstbedienungs-Stationen der West-Konzerne keine Chance haben.
Während eine westdeutsche Tankstelle im Schnitt monatlich 190 000 Liter absetzt, wird die erste BP-Station auf früherem DDR-Terrain voraussichtlich fast 1,7 Millionen Liter Kraftstoff umschlagen. Auf einem 7000 Quadratmeter großen Gelände am Autobahn-Zubringer Dresden Nord gelegen, wird die sechs Millionen Mark teure Anlage die größte Deutschlands sein: Nach Inbetriebnahme der Jumbo-Station am 19. Oktober können dort gleichzeitig 26 Fahrzeuge betankt werden. "Dies ist eine neue Dimension im Tankstellen-Bau", sagt BP-Tankstellen-Chef Hartwig Busch. "So groß werden wir im bisherigen Bundesgebiet wohl nie bauen."
Auf Absatz-Rekorde kann auch die DEA hoffen, die als erste West-Gesellschaft an einer Ost-Autobahn präsent sein wird. Die Tochter des Essener Energie-Konzerns RWE baut zur Zeit zwei riesige Tankstellen an der Autobahn Berlin-Leipzig. Die Stationen sollen noch dieses Jahr eröffnet werden.
Im Gerangel um die besten Startplätze für DDR-Geschäfte wählten DEA, Aral und die kleinere Markengesellschaft Agip einen Weg, der ihnen zur Zeit noch einen Vorsprung gegenüber den anderen Konkurrenten sichert. Um rascher an Grundstücke, Baugenehmigungen und Personal in der DDR heranzukommen, ließen sich die drei Firmen schon im Frühjahr auf eine regional begrenzte Zusammenarbeit mit Minol ein.
Agip vereinbarte mit dem Ex-Monopolisten den gemeinsamen Bau mehrerer Tankstellen im Süden des Landes. Aral verständigte sich mit der Staatsfirma auf rund 100 Gemeinschafts-Stationen in Sachsen, Thüringen und Ost-Berlin. Das West-Unternehmen will dort und auf dem übrigen Ost-Terrain weitere 400 Anlagen im Alleingang bauen.
Den engsten Bund mit Minol schloß DEA. Das Hamburger Unternehmen sicherte dem östlichen Partner ein gemeinsames Vorgehen bei allen Tankstellen-Projekten in Mecklenburg, Brandenburg und Sachsen-Anhalt zu. Nur im Süden will DEA ohne Minol operieren.
Der BP-Konzern entschied sich lediglich bei seinem Pionier-Projekt in Dresden für eine Zusammenarbeit mit Minol. Die fast fertige BP-Tankstelle dort gehört zwar allein dem West-Unternehmen, wird aber von einer Gemeinschafts-Gesellschaft betrieben.
Bei allen weiteren Plänen steuert BP den Kurs, den auch Shell und Esso eingeschlagen haben. Die drei Riesen wollen nach Osten expandieren, ohne auf einen Partner Rücksicht nehmen zu müssen, der durch vier Jahrzehnte sozialistischen Schlendrians vorbelastet ist.
Weil sie auf jede Kooperation mit Minol verzichteten, werden Esso und Shell langsamer starten müssen als die Konkurrenten.
Esso hat bislang nur in Schwerin eine Baugenehmigung ergattern können. Shell wartet immer noch darauf, daß eine DDR-Kommune ihr endlich den Bau einer Tankstelle gestattet.
Die Tankstellen-Planer der Shell hoffen, den Vorsprung der Konkurrenz mit drei Großprojekten an DDR-Autobahnen wettmachen zu können. Als Standorte für ihre Stationen haben sie einige jener betonierten Flächen links und rechts der Fahrbahnen ausgekundschaftet, die in Kriegs- und Krisenzeiten als Militärflugplätze dienen sollten.
Das Verkehrsministerium in Ost-Berlin hat diesen Plänen bereits zugestimmt. Nur die Genehmigung des Verteidigungsministeriums steht noch aus.
Nach einem positiven Bescheid der Behörden wollen die Shell-Manager mit dem Benzin-Verkauf nicht noch Monate warten, bis alle Bauarbeiten an ihren Stationen beendet sind. Sie wollen zunächst Container aufstellen, damit die Autofahrer schon in wenigen Wochen tanken können.
Die Entscheidung macht Sinn - der Tankstellen-Bau im Osten ist zur Zeit noch sehr viel mühsamer und teurer als im Westen. Gutes Baumaterial ist knapp, heimische Fachkräfte sind oft überfordert, und die Infrastruktur ist unzureichend.
So ließ die BP den Schotter für ihre Dresdner Großtankstelle aus Bayern herankarren, weil das DDR-Material den Qualitätsanforderungen nicht genügte. DEA mußte für ihre Stationen an der Autobahn eine eigene Strom- und Wasserversorgung aufbauen.
Von 75 Fachkräften aus der DDR, die für die Baustellen dort angeheuert worden waren, hielten nur einige wenige durch. Den meisten war das geforderte Arbeitstempo zu hoch. Sie kündigten.
Mehr als den Bau von jährlich 25 bis 30 Stationen im Osten traut sich denn auch von den fünf westdeutschen Kraftstoff-Riesen nur Marktführer Aral zu. Geld wäre zwar auch bei den anderen Firmen reichlich da, aber sie verfügen nicht über genügend Spezialisten, die den Tankstellen-Bau rascher vorantreiben könnten.
Zur Zeit sind die meisten dieser Experten noch im Wartestand. Sehr viele Kommunalbehörden zögern nämlich, die beantragten Genehmigungen für neue Stationen zu erteilen. Die Beamten wollen oft erst abwarten, bis die städtebauliche Konzeption ihrer Gemeinde steht. Und das kann Jahre dauern.
Manch einer meint wohl auch, er könnte das Geschäft noch wie früher regulieren. So erhielt ein Emissär der Esso, der mit den Behörden in Rostock über attraktive Tankstellen-Standorte in der Hafenstadt verhandeln wollte, kürzlich die Auskunft, alle von ihm vorgeschlagenen Grundstücke seien bereits reserviert - für Minol. o

DER SPIEGEL 40/1990
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