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DER SPIEGEL

„Bestraft sie mit Blicken“

Saddam Hussein griff zur wirkungsvollsten aller arabischen Waffen - der Verhöhnung seiner Gegner. Ziel des Spottes war das saudiarabische Herrscherhaus, das zum Schutz seiner Ölquellen gegen die Expansionsgelüste des irakischen Diktators amerikanische Truppen ins Königreich gerufen hatte, darunter etwa 15 000 weibliche Soldaten.
"Hinter deren Röcken", tönte der Tyrann vom Tigris, versteckten sich "die verweichlichten Memmen". Deshalb seien die Saudis - es folgte die schlimmste Beschimpfung, zu denen arabische Machos fähig sind - "nichts anderes als unehrenhafte Kastrierte".
Es hätte der Häme aus Bagdad gar nicht bedurft: Die Anwesenheit ausländischer Frauen in Uniform hat bei vielen saudiarabischen Männern einen regelrechten Kulturschock ausgelöst. Denn im frommen Königreich gilt für den Umgang der Geschlechter miteinander ein ans Mittelalter gemahnender Verhaltenskodex, der selbst nach strengen islamischen Maßstäben ausgesprochen prüde, freudlos und streng ist: So dürfen sich Frauen, ledig oder verheiratet, ohne die Begleitung eines Mannes nicht in der Öffentlichkeit blicken lassen, und selbst dann nur tief verschleiert, mit verhüllten Armen und Beinen, immer zwei bis drei Schritte hinter den vorneweg stolzierenden Männern.
Jetzt das: Soldatinnen in Kampfanzügen, die Haare nur mühsam unterm Helm gebändigt, kutschieren tonnenschwere Militärlaster über Wüstenpisten und durch Garnisonsstädte. Weibliche Offiziere auf saudiarabischen Luftwaffenstützpunkten erteilen ihren männlichen Untergebenen Befehle - in Hörweite von Saudi-Männern.
Scheich Abd el-Sabur, islamischer Theologe aus dem saudischen Dhahran, riet seinen verstörten Landsmännern: "Schaut nicht auf sie, und wenn es sein muß, dann bestraft sie mit Blicken, damit sie spüren, daß sie sich nicht wie anständige Frauen benehmen."
Von dieser Art Blicken, meint ein weiblicher US-Captain einer Luftwaffeneinheit, habe sie einstweilen noch nicht viel gespürt. Die meisten saudischen Männer seien neugierig, aber höflich gewesen: "Sie starren uns zwar an, aber sie behandeln uns gut, besser als viele Amerikaner."
Dennoch empfinden die US-Soldatinnen ihren Einsatz am Golf durchweg "als frustrierend" (so Lois Schwartz, weiblicher Oberstleutnant der Air Force). Sengende Hitze und Langeweile in der ohnehin knapp bemessenen Freizeit nerven männliche wie weibliche Armeeangehörige gleichermaßen. Aber die zahlreichen von oben verordneten Rücksichtnahmen auf Empfindlichkeiten der arabischen Männerwelt belasten die Frauen in Uniform zusätzlich. Zwar erteilte König Fahd dem weiblichen Militärkorps generös die Ausnahmegenehmigung, in seinem Land Militärfahrzeuge und Hubstapler chauffieren zu dürfen. Aber damit hat es sich.
Wenn die Temperaturen auf über 50 Grad steigen, laufen US-Soldaten selbstverständlich in T-Shirts über das Kasernengelände. Frauen hingegen müssen auch in glühender Hitze mit langärmligen, bis obenhin zugeknöpften Jacken Flugzeugmotoren reparieren, wenn Einheimische in der Nähe sind. Streng verboten sind ihnen außerdem Sonnenbäder und Joggen. Selbst Shopping, "eines der wenigen Freizeitvergnügen, die wir hier kennen" (Oberstleutnant Schwartz), gerät zum organisatorischen Problem. Stets muß ein männlicher Begleiter mit in den Supermarkt und an der Kasse für die Kameradin bezahlen. Frauen zücken in Saudi-Arabien nie die Geldbörse.
Erst kürzlich, nach langem Bitten von weiblichen Offizieren, erlaubte ihnen die saudische Regierung, die Turn- und Schwimmhalle eines Luftwaffenstützpunktes zu benutzen. Die Genehmigung war mit landesüblichen Auflagen verbunden: So dürfen die Soldatinnen das Gebäude nicht durch denselben Eingang betreten wie die Männer, und noch im Schwimmbecken müssen die Frauen Arme und Beine bedeckt halten. Gemeinsames Planschen mit Männern ist selbstverständlich strikt untersagt.
Major Jane Fisher, eine der Nutznießerinnen des Badeerlasses: "Seit ich hier bin, weiß ich, wie froh ich sein kann, daß ich Amerikanerin bin und keine saudiarabische Frau."
Die alltäglichen frauenfeindlichen Einschränkungen durch die Saudis sind den Amerikanerinnen unverständlich. Denn, so Sergeant Sherry Callahan, 25, die F-15-Kampfflugzeuge des Ersten taktischen Jagdgeschwaders wartet: "Wir sind hierher versetzt worden, um diese Menschen zu beschützen, und nun wollen sie uns nicht, weil wir Frauen sind."
Die Feindseligkeit der arabischen Männergesellschaft allein gegen ihre Anwesenheit empfinden die US-Frauen, die sich mit Fleiß und Selbstbewußtsein schon längst ihren Platz in der Armee erkämpft haben, als schweren Rückschlag. Derzeit dienen 226 000 Soldatinnen in der amerikanischen Truppe, das sind rund elf Prozent der 2,1 Millionen Angehörigen der Streitkräfte. Sie arbeiten als Piloten, Kommunikationsexperten, Radartechniker und Militärpolizisten. Ohne sie würde jede Logistik zusammenbrechen.
Aber sie dürfen nicht in Einheiten dienen, die an vorderster Front kämpfen. In der Praxis, so ein weiblicher Korporal an der saudisch-irakischen Grenze, sieht das anders aus: "Wenn die Iraker mit Giftgas angreifen, sind wir Frauen genauso bedroht wie die Männer."
Der Gleichheitsgrundsatz ist für die US-Soldatinnen beim Wüsteneinsatz auch im privaten Bereich außer Kraft. So besagt eine Anordnung der US-Streitkräfte, daß bei Flirts mit Soldaten streng auf die Rangordnung geachtet werden muß. Rangniedrigere Frauen dürfen nicht mit Offizieren anbandeln, weibliche Offiziere nicht mit einfachen Rekruten. Lesbische Soldatinnen, gleich welchen Dienstgrades, sollen, so ein Pentagon-Erlaß, gar nicht erst an die Golf-Front entsandt werden.

DER SPIEGEL 40/1990
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