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DER SPIEGEL

SowjetunionKonfekt vom Friedhof

Die Versorgungskrise wird zur Katastrophe, der sowjetische Alltag „dollarisiert“.
Ein Dorf im Gebiet Wolgograd geriet in Panik - drei siebenjährige Mädchen wurden stundenlang vermißt. Später, berichtete ein Einwohner, "fand man die Kinder auf dem Friedhof, wo sie auf den Gräbern nach Konfekt suchten, das dort zur Totenehrung niedergelegt worden war. Ein mit Ameisen bedecktes Stück hatten die Mädchen gefunden und es in drei gleiche Teile geteilt".
Der Brief aus der russischen Provinz zeigt realistischer als jede Gorbatschow-Rede den traurigen Alltag der Perestroika. Längst ist das Elend flächendeckend geworden. Vorbei die Zeiten, da Nachrichten vom flachen Lande über monatelanges Ausbleiben lebenswichtiger Güter in den Großstädten ohne Betroffenheit zur Kenntnis genommen wurden.
Auch in Swerdlowsk, Tscheljabinsk, Leningrad und Moskau darben inzwischen die einst für sowjetische Maßstäbe verwöhnten Bürger - und wenn nicht ein Wunder geschieht, eine rasche und straff organisierte Hilfsaktion des Westens etwa, werden sie bald hungern.
Die sowjetische Hauptstadt hatte vorige Woche gerade vier Prozent ihres Winterbedarfs an Kartoffeln erhalten und eingelagert. Für Kohl, Mohrrüben und Zwiebeln liest sich die Vorsorgebilanz ähnlich furchterregend.
Kaum hatte sich die für Tage völlig zusammengebrochene Brotversorgung leidlich stabilisiert, verschwanden die Eier aus den Geschäften. Als Erklärung wurde den Moskowitern zugemutet, dafür hätten sie im Frühjahr reichlich Hühnerfleisch zu essen bekommen - zuviel Federvieh habe wegen fehlendem Futter geschlachtet werden müssen.
Von akutem Mangel bedroht gelten, mit ähnlich absurder Begründung, nun auch die meisten Milchprodukte. Schon bleiben in ganzen Bezirken die morgendlichen Milch- und Kefirlieferungen aus. Käse ist in den Geschäften längst eine Rarität geworden, obwohl er nur gegen Paßvorlage und in 300-Gramm-Portionen pro Person verkauft wird.
Graupen und Grütze aller Art, nach wie vor Hauptnährmittel in Rußland, sind ebenfalls aus den Regalen der Geschäfte verschwunden. Dorfläden öffnen nur noch stundenweise; in der übrigen Zeit hängt an der Tür ein handgeschriebener Zettel: "Keine Ware".
Möbelgeschäfte sind zwar gefüllt mit Mustergarnituren aus Bulgarien, Rumänien und "Germanija", wie DDR-Produkte jetzt deklariert werden, aber zu kaufen gibt es kaum etwas: Die Wartelisten reichen trotz der Preise von rund 3000 Rubel (ein Durchschnitts-Jahreseinkommen) für eine Wohnzimmereinrichtung bis ins nächste Jahrtausend.
Auf Gorbatschows chaotischer Großbaustelle Sowjetunion, wo täglich mit Worten viel niedergerissen wird, wo aber kaum noch jemand arbeitet, hat die Krise ein Doppelgesicht: Da preist allabendlich in der Fernsehwerbung eine einschmeichelnde Frauenstimme "future technology" an - Hi-Fi aus Japan, Spielwaren aus Deutschland, "natürlich nur gegen Valuta". Eine Konkurrenzfirma namens "Confort", die mit westlichen Video-Kassetten handelt, läßt bei der Frage nach dem richtigen Geld unmißverständlich gleich einen 20-Dollar-Schein ins TV-Bild rücken.
Die "Dollarisierung" (Sowjetslang) des russischen Alltags schreitet voran. Was immer knapp und damit zum Spekulationsobjekt wird, soll dem Anbieter möglichst harte Währung einbringen - oder wenigstens das Äquivalent in Landeswährung zum Schwarzmarktkurs: Da kostet ein Dollar inzwischen 20, eine Deutsche Mark 13 Rubel - das 35fache des offiziellen Kurses und immer noch das Vierfache des vor einem Jahr genehmigten Touristenkurses.
Schon verlangen Fleischhändler auf den Moskauer Kolchosmärkten ungeniert Dollars für ihre fette Ware. Wer mit ihnen zu streiten beginnt, erhält die stereotype Antwort: "Dann zahl eben 25 Rubel pro Kilo, oder kauf im Staatsladen" - dort, wo inzwischen schon das Angebot von Speck oder Knochen als angenehme Überraschung gilt.
Taxifahrer kassieren längst 10 Rubel für eine Drei-Minuten-Fahrt, die allenfalls 80 Kopeken kosten dürfte. Eine neue "Lada"-Limousine bringt dem Verkäufer wenigstens 40 000 Rubel, das Vierfache des offiziellen Preises.
Der Staat spekuliert unverfroren mit. In leergefegten Supermärkten eröffnen neue Abteilungen, die zu "frei vereinbarten Preisen" einen Vorgeschmack von Marktwirtschaft vermitteln: die Flasche "Teacher's"-Whisky zu 80, das Päckchen "HB"-Zigaretten zu 15 Rubel.
Nur eine hauchdünne Schicht von Perestroika-Gewinnlern kann da noch mithalten - bunt gemischt aus eleganten Unterweltlern, die von Prostitution über Autohandel bis Schutzgelderpressung alles unter Kontrolle haben, umtriebigen Jungunternehmern, Kooperativ-Kneipiers, Künstlern mit Deviseneinnahmen und korrupten Staatsdienern.
Ihre Status-Symbole sind die "Marlboro"-Packung auf dem Tisch, ein Bündel Hartwährung in der Tasche und der Westwagen vor der Tür. Oft mit Generaldirektoren- oder Aufsichtsratsvorsitzenden-Titeln von obskuren Handelsgenossenschaften oder Joint-ventures geschmückt, bevölkert die neue Bourgeoisie Valuta-Restaurants, Valuta-Lebensmittelgeschäfte, Valuta-Boutiquen und Valuta-Apotheken.
Als einer der Neureichen seiner Tochter unlängst gegen 10 000 Rubel eine Hochzeitsfeier für 120 Personen in dem Moskauer Restaurant "Olimp" ausrichtete, klagte das Perestroika-Kampfblatt Moskowskije nowosti: "Leider beginnt allgemeiner Reichtum immer mit dem geschmacklos zur Schau gestellten Luxus weniger Menschen vor dem Armutshintergrund der Mehrheit."
Und dabei ist noch keineswegs sicher, daß die neue sowjetische Devise "Bereichert euch" tatsächlich zum Volkswohlstand führt. Arbeiterfrauen, die sich vergangene Woche mit Tränen in den Augen in einem Supermarkt des Moskauer Taganka-Bezirks um Reisrationen von einem Kilo pro Kopf schlugen, verstehen die aktuelle, mit viel Stimmaufwand und Polemik geführte Marktdebatte auf ihre Weise.
Markt ist für sie in erster Linie eine Schröpfergemeinschaft aus alten Staatskartellen und neuen Privathändlern, die künftig ohne Rücksicht auf Qualität ihre Monopolstellung noch ungehemmter ausnutzen dürfen: "Wenn Angebot und Nachfrage künftig unsere Preise regulieren sollen", sagt die Straßenbahnfahrerin Alla Wladimirowa, "dann gehen wir kleinen Leute ganz vor die Hunde."
Der Streit zwischen dem Ökonomie-Professor Stanislaw Schatalin, der mit Unterstützung des russischen Volkshelden Boris Jelzin binnen 500 Tagen die kollabierende Sowjetwirtschaft auf Marktniveau liften möchte, und dem Ökonomie-Professor Leonid Abalkin, der als stellvertretender Chef der Unionsregierung mit weniger Hast und mehr Solidität für eine zehnjährige Übergangsperiode zum Markt eintritt, ist dem Volk so gleichgültig wie das Kommunistische Manifest.
Der Perestroika-Steuermann Gorbatschow nutzte die Furcht der Massen vor Schatalins Schockprogramm zu einem letzten Versuch: Vergangene Woche verkündete er, keines der Konzepte sei vollkommen, und ließ sich an die Spitze einer Kommission berufen, die bis zum 15. Oktober einen Stufenplan vorlegen muß. Er soll für die Republiken, Rußland voran, ebenso akzeptabel sein wie für die Unionsregierung.
Das russische Parlament, dem Jelzin vorsteht, hat sich zwar schon für den "Schnellzug Schatalin" (so ein Leningrader Abgeordneter) entschieden, gleichzeitig aber bereits dessen Verspätung angekündigt: Abgefahren wird nun nicht, wie ursprünglich geplant, zu Beginn dieser Woche, sondern erst am 1. November.
Das schafft Zeit für einen Kompromiß über die Hauptstreitpunkte: Welche Kompetenzen behält Moskau, und wer kontrolliert welche Preise?
Vorsichtshalber ließ sich Gorbatschow von seinem Obersten Sowjet gleich Generalvollmachten erteilen, mit denen er - solange das Parlament nicht widerspricht - bis zum 31. März 1992 auf dem weiten Feld von Wirtschaft, Finanzen und öffentlicher Ordnung mit Dekreten praktisch allein regieren kann.
Doch womöglich ist schon heute mit Notverordnungen nichts mehr zu wenden: Die Produktion geht immer weiter zurück, der Handel ist praktisch zusammengebrochen. Selbst eben noch einflußreiche Partei- und Staatsfunktionäre halten nach Nebenverdienstmöglichkeiten Ausschau. Der einzige Lebensbereich mit wirklich beachtlichen Zuwachsraten heißt Verbrechen. Angst macht sich breit. o

DER SPIEGEL 40/1990
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