GriechenlandMakabres Angebot
Das Embargo und der Militäraufmarsch gegen den Irak füllen die Kassen der Reeder. Sie verdienen auf beiden Seiten.
Zwei Jahre lang mußten die griechischen Reeder ihr Geld im friedlichen Wettbewerb verdienen. Mit der Golfkrise haben sie wieder Hochkonjunktur: Die Schiffseigner von Piräus gelten traditionell als die gerissensten und wagemutigsten Krisengewinnler.
Während des achtjährigen irakischiranischen Krieges stellten sie ihre Tankerflotten in den Dienst beider Kriegsparteien und fuhren Riesenprofite ein. 60 Prozent aller Tanker, die damals im Golf operierten, gehörten Griechen. Mit nur drei Fahrten konnte ein 120 000-Tonnen-Tanker den Wert eines 40 000- Tonnen-Schiffes einbringen.
So startete etwa der Reeder Loukas Hatziioannou, ein Zypern-Grieche, damals mit acht Schiffen. Binnen weniger Jahre verfügte er über eine Flotte von 55 Schiffen mit einer Gesamttonnage von sechs Millionen Tonnen.
Hatziioannou und seinen Konkurrenten winkt nun wieder fette Beute. Auf ihr Drängen handelte der Reederverband mit der Seemannsgewerkschaft aus, die tariflichen Bezüge von Besatzungsmitgliedern für Einsätze in der Golfregion bis zu 140 Prozent zu erhöhen.
In der Praxis liften die Schiffseigner den Lohn der Angst gar auf das Doppelte der ausgehandelten Zulagen. So kommt ein Kapitän auf 7000, ein Matrose auf 3000 Mark im Monat.
Grundlage der nach griechischen Maßstäben großzügigen Entlohnung bilden die Geschäftsmöglichkeiten, die sich nach dem irakischen Einmarsch in Kuweit eröffnen, vor allem nach dem vom Uno-Sicherheitsrat verhängten Embargo gegen Bagdad.
Wieder fahren Griechen für beide Seiten. Erste Charterverträge für den Nachschubtransport aus dem Westen sind bereits abgeschlossen. Zunächst sollen rund 20 Schiffe eingesetzt werden, um militärisches Gerät und Lebensmittel aus den USA und Europa in die Golfregion zu befördern. Den Meeresspediteuren winken Frachtraten, die sechs- bis siebenmal höher liegen als zu Friedenszeiten.
Auch am Geschäft mit der Furcht verdienen die Griechen. Sie ziehen Passagier- und Fährschiffe aus dem Linienverkehr ab und setzen sie für die Beförderung von Flüchtlingen aus Kuweit und dem Irak in ihre Heimatländer ein.
Um die Menschenfracht wird härter gefeilscht als um leblose Ware. Die Regierungen der Heimatländer bieten 400 Dollar pro Kopf, die Griechen verlangen über 1000 Dollar. Alternativ wird eine Tagesentschädigung von 30 000 bis 40 000 Dollar für die Dauer des Flüchtlingstransports gefordert.
Die Schiffseigner, die ihre Dienste schon beim Palästinenser-Exodus aus dem Libanon im Jahre 1982 zur Verfügung gestellt hatten, begründen ihre "Forderungen in astronomischer Höhe" (so ein Tarifexperte) mit schlechten Erfahrungen: Flüchtlinge neigten dazu, die Touristenkreuzer zu demolieren.
Da der Flüchtlingstransport etwa drei Monate in Anspruch nehmen wird, kann ein Reeder bei einer Tagesfracht von 40 000 Dollar den Wert von zwei modernen Schiffen für 2000 Passagiere herausholen.
Noch größere Gewinne aber winken bei der Umgehung des von der Uno gegen den Irak verhängten Embargos. So wurden Griechen-Schiffe im Auftrag Bagdads zu Superraten von jordanischen Firmen gechartert, die den Weitertransport der Ware aus dem Hafen von Akaba in den Irak auf dem Landwege übernehmen.
"Griechen brechen die Blockade", meldete die Wochenzeitung Dimossiografos schon Ende August auf der ersten Seite. Der Präsident der Seemannsgewerkschaft, Antonis Dalakojorgos, wundert sich: "Wie ist es zu erklären, daß unser Land mit einem Kriegsschiff an der Seeblockade beteiligt ist, wenn die Regierung gleichzeitig vor der Verletzung des Boykotts durch Schiffe unter der Heimat- oder unter fremder Flagge die Augen verschließt?"
Die Linkszeitung Avgi warf der Regierung vor: "Sie schickt die Fregatte ,Limnos' zur Teilnahme an der Seeblockade und die Reeder, um die Blockade zu brechen."
Athen toleriert nicht zum erstenmal Verstöße nationaler Reeder gegen seine offizielle Politik und gegen Uno-Beschlüsse. Als Blockadebrecher haben die Griechen Tradition. Sie überwanden 1962 die US-Blockade gegen Kuba und belieferten später Südafrika trotz eines Uno-Verbots mit Öl.
Der Reeder Vardinogiannis umging 1966 mit seinem betagten Tanker "Ioanna B" das Embargo gegen das damalige Rhodesien. Die Superprofite versetzten den Griechen in die Lage, binnen kurzer Zeit eine ganze Tankerflotte zu erwerben. Heute besitzt die Reederei 45 Schiffe, eine Ölraffinerie zur Versorgung der US-Mittelmeerflotte, eine Ölgesellschaft und eine Zeitung.
Ob in Vietnam oder im Libanon Krieg geführt wurde, die Griechen verdienten immer mit. Auch in der jüngsten Konfrontation im Golf bewiesen die Hellenen wieder einmal ihr Gespür für herannahende Krisen. Joannis Latsis etwa, ein im Arabiengeschäft erfahrener Reeder, hatte seine Tanker, darunter das 500 000-Tonnen-Schiff "Hellas Phos", noch kurz vor Saddam Husseins Einmarsch in Kuweit mit irakischem Öl volladen und auf hohe See retten können.
Die Griechen rochen das Geschäft, als die Iraker vor der Invasion ihre staatliche Tankerflotte auffüllten und weit weg vom späteren Krisengebiet stationierten. So konnte Bagdad das Ölexport-Embargo zunächst unterlaufen. Die Ware wurde auf See in Schiffe anderer Nationalität umgeladen.
Die Tatsache, daß die Steigerung der Rohölpreise Ende August kurzfristig abgebremst wurde, führt man in Athen darauf zurück, daß der Irak auf dem freien Markt seine Tankervorräte zum Preis von 20 Dollar pro Barrel verramschte. Noch jetzt liegt vor der jemenitischen Küste ein 400 000-Tonnen-Tanker, der als schwimmendes Öllager des Irak benutzt wird.
Zur Zeit lauern 52 Griechen-Schiffe im Golf auf die neuen Chancen, die aus der Entspannung zwischen Bagdad und Teheran erwachsen. Der Irak, so erwarten die Reeder, könnte bald sein Öl über den Iran exportieren und so die Blockade unterlaufen.
Über iranische Kanäle erreichte vorvergangene Woche eine makabre Offerte aus dem Irak ein Schiffahrtskontor in Piräus. Die Reederei sollte einen alten Frachter von etwa 30 000 Bruttoregistertonnen unter Fremdflagge bereitstellen und damit die Blockade durchbrechen, um die Entschlossenheit der multinationalen Seestreitkräfte im Golf zu testen.
Der Marktwert des Frachters liegt unter zehn Millionen Dollar, die Iraker boten 100 Millionen. Die Schiffseigner wurden bereits mit den Auftraggebern handelseinig. Noch fehlt eine Besatzung für die Selbstmord-Aktion. o
