AbrüstungPanzer im Schlafrock
Das Verschrotten von Tanks ist teuer und umweltgefährdend. Eine bundesdeutsche Firma schlägt vor, die Stahlkolosse einzubetonieren.
Den Bundeswehr-Offizieren, seit Wochen zur Bestandsaufnahme beim ehemaligen Gegner, der Nationalen Volksarmee des bislang anderen deutschen Staates, unterwegs, gingen die Augen über: Randvoll sind die Munitionsbunker, dicht gedrängt stehen Waffen und Gerät in den Depots.
An die 10 000 gepanzerte Fahrzeuge gehen am Mittwoch in den Bestand der Bundeswehr über. Knapp 5000 Schützenpanzer, 2000 mehr, als West-Geheimdienstler bislang geschätzt hatten, stehen in ostdeutschen Standorthallen und Nachschublagern, 2200 Kampfpanzer, vom uralten Weltkrieg-II-Typ T-34 und technisch längst überholten T-54/-55 bis zu 400 modernen T-72. Tausende andere Panzerfahrzeuge kommen noch dazu: Aufklärungspanzer, Transportfahrzeuge, Selbstfahrlafetten der Artillerie.
Für diese viele Kilotonnen schwere Altlast hat die moderner gerüstete Bundeswehr keine Verwendung. "Das Zeug muß verschrottet werden", weiß ein _(* Bei einer Vorführung in Ostritz. ) Sprecher des Bonner Verteidigungsministeriums. Das ist leichter gesagt als getan: Die Stahlkolosse, die überschallschnellen Granaten und sogar dem sonnenheißen Plasmastrahl von Panzerabwehrraketen erfolgreich Widerstand leisten sollten, sind mit Schrottpressen, die etwa ausgediente Pkw zu handlichen Päckchen formen, nicht zu bezwingen.
Alle anderen bislang diskutierten Vernichtungsverfahren, vom Sprengen bis zum Zerschneiden, vom Zersägen bis zum Zertrümmern, bergen erhebliche ökonomische Risiken und vor allem Umweltgefahren. Zu dem Ergebnis kommt eine vertrauliche 73-Seiten-Studie der Frank Abels Consulting & Technology GmbH (FAC) aus dem niedersächsischen Munster, die seit kurzem dem zuständigen Referat der Bonner Hardthöhe vorliegt.
Dort sammelt man Vorschläge, wie der stählerne Schrott beseitigt werden kann, der nach dem für November geplanten Abschluß des Wiener Vertrages über konventionelle Abrüstung in Europa anfällt. Allein die Staaten des Warschauer Pakts werden dann 40 000 Kampfpanzer in ungefährliches Alteisen verwandeln müssen. Hoffnungen, die Militär-Monster für Zivileinsätze etwa als Feuerlöschpanzer oder Ketten-Kräne umzurüsten, wie in der Sowjetunion immer wieder gefordert, halten die Experten der zum Kasseler Panzerbauer Wegmann gehörenden Beratungsfirma für unsinnig: Die Fahrzeuge, deren Spritverbrauch jede zivile Kosten-Nutzen-Rechnung sprengt, bräuchten wegen ihres Gewichts und ihrer Überbreite eine Sondergenehmigung für Fahrten auf öffentlichen Straßen.
Zudem bliebe die Panzerwanne bei einem solchen Umbau erhalten - ein Verstoß gegen das amerikanische "Defense Demilitarization Manual", der bislang einzigen ausgearbeiteten Vorschrift über die Vernichtung konventioneller Waffen, die den Wiener Verhandlungen als Beratungsgrundlage dient. Die Möglichkeit einer "Rückrüstung zum Kampfpanzer" müsse auf jeden Fall ausgeschlossen werden, fordern die Wiener Unterhändler.
Bislang setzte man daher auf das mühsame Zerschneiden der durchschnittlich fünf Zentimeter dicken Panzerstahlplatten in hochofengerechte Stücke. Für die Schnitte mit einer Gesamtlänge von 400 Metern pro Panzer haben die Experten einen Gasbedarf von 72 Flaschen Sauerstoff und 27 Flaschen Acetylen errechnet. Acht Mann wären eine Woche mit einem Kampfwagen beschäftigt.
Mindestens 32 000 Mark würde das Zerlegen eines Panzers kosten - eine ökonomisch kaum zu rechtfertigende Investition, da mit Panzerstahl kein Geschäft zu machen ist. Allenfalls 500 Tonnen des in der Regel stark manganhaltigen Metalls können nach Auskunft des Klöckner-Werkes pro Jahr bundesweit abgesetzt werden, zu einem Preis von derzeit unter 100 Mark pro Tonne. "Bei Anfall großer Mengen wird er gegen Null fallen", heißt es in der FAC-Studie.
Gewichtiger noch sind die Umweltprobleme der Vorschrottung: *___Beim Zerschneiden und Verbrennen treten aus den ____Speziallacken und der gummiartigen Innenbeschichtung ____von Panzern zum Teil hochgiftige Gase und Schwermetalle ____aus. *___Sowjetische Panzer sind zum Schutz vor Feuer meist dick ____mit Asbest ausgekleidet. Nach bundesdeutschen ____Schutzvorschriften darf die krebserregende Faser nur in ____aufwendigen Verfahren abgetragen werden. _(* Auf dem Charlottenhof bei Görlitz. ) *___Für Nachteinsätze wurde ein Großteil der Panzer des ____Warschauer Pakts mit radioaktiven Leuchtfarben ____markiert, "die bei uns seit 30 Jahren verboten sind" ____(Abels). Sie müssen nach den Sondervorschriften für ____schwach strahlende Abfälle behandelt werden.
All dieser Probleme, in den Kostenschätzungen noch gar nicht berücksichtigt, glauben die FAC-Experten durch ein simples Verfahren Herr zu werden: Die Panzer sollen mit Beton gefüllt und in Beton gebettet werden. Umweltrisiken wären so dauerhaft versiegelt, und preisgünstiger seien die "Panzer im Schlafrock" (so ein Bundeswehr-Experte) allemal. Auch die Vernichtungsvorschrift würde erfüllt, versichert FAC-Inhaber Frank Abels: "Ein mit Beton ausgegossener Panzer ist nie wieder zu gebrauchen."
Sogar praktischen Nutzen sieht FAC in dem Verfahren: Sondermülldeponien in Wannen aus einbetonierten Kampfpanzern würden allen Umweltschutzvorschriften genügen. Auch beim Küstenschutz oder als Fundamente für Flugplatzrollbahnen, Straßen und Schienen könnte man Betonpanzer verwenden.
Als besonders preisgünstig preist FAC ein "Mahnmal wider die Hochrüstung" an: In einem Achteck von 750 Metern Durchmesser sollen 10 000 mit Flüssigbeton abgefüllte Kampfpanzer aufgestellt werden. Die Inschrift auf dem Panzergrab, so die Studie für die Hardthöhe, könne lauten: "Die Beschaffungs- und Nutzungskosten betrugen zu ihrer Zeit etwa 90 000 000 000 DM." o
* Bei einer Vorführung in Ostritz. * Auf dem Charlottenhof bei Görlitz.
