Seife und Niveacreme
Schrecklich langweilig ist dem Dichter. Seine Frau hat er weggeschickt, sie ist mit einer Freundin nach Frankreich in Urlaub gefahren, und jetzt sitzt er allein mit den Hunden und Katzen in seinem großen Haus. Er hätte zum Schreiben alle Muße, doch viel weiß er mit seiner Freiheit auch nicht anzufangen: Die Julihitze erschöpft ihn, das einsame Landleben bekommt ihm gar nicht.
Gelegentlich fährt er in die Stadt, nach Hamburg, stöbert in den Geschäften nach alten Kinderbüchern und Nippessachen, spaziert an der Alster entlang und starrt "die Leute an, ob sie mich erkennen". Mit dem Schreiben geht es nicht so recht voran, es fehlt ihm an Gesellschaft, "was Weibliches hätte ich gern hier, das ist wahr, ich habe auch überlegt, wen ich heranrufen könnte, aber es fällt mir niemand ein".
Ein Glück, daß sich unverhofft zwei kleine Mädchen melden, Marion und Andrea, die ihm "den Hausstand führen wollen". Eine große Hilfe sind sie nicht, sie reinigen die Aschenbecher nicht, spülen das Kaffeegeschirr unter laufendem Heißwasser, was ihn bis zur Weißglut treibt, sie machen überhaupt alles falsch: "Das falsche Geschirr beim Kaffeetrinken, ungesalzene Kartoffeln zu Mittag und eine sich über alles legende Schicht von Großstaub."
Diese und viele andere mehr oder weniger kostbare Details gibt Walter Kempowski, 61, in seinem Tagebuch "Sirius", das jetzt zur Frankfurter Buchmesse erscheint, mit exhibitionistischer Wonne preis. Der penible Chronist des deutschen Bürgertums ("Tadellöser & Wolff") hat sich hier zwar scheinbar von der Vergangenheit abgewandt und die Gegenwart entdeckt, doch sein vollständigkeitsfanatisches Sammeln hat er nicht aufgegeben*.
Bei all den Grübeleien über der Zeitung, seinen Lektüreerlebnissen, den Kommentaren zu Fernsehsendungen, seinen Träumen, Gesundheitsbulletins, Speisezetteln, die er alle unterbringen muß, reichen die mehr als 600 Seiten gerade für ein einziges Jahr aus, 1983. Kempowski hatte drei Jahre zuvor den Schuldienst quittiert, lebte nunmehr ausschließlich vom Schreiben und arbeitete am letzten Band seiner Chronik, der im Jahr darauf unter dem Titel "Herzlich willkommen" erschien.
Schon einmal hatte Kempowski über dieses Jahr 1983 berichtet, in seinem Roman "Hundstage" (1988). Damals schrieb er seine Marotten und seine Schwäche für Schülerinnen noch seinem Helden Alexander Sowtschick zu; diesmal spricht er ganz unliterarisch von sich, dem "senilen Lüstling".
Die Nymphchen belauern den armen Schriftsteller, er schnürt ihnen, dem "Geruch nach Seife und Niveacreme", hinterher, kann sich ein wenig "produzieren" vor ihnen, den Großschriftsteller spielen, während sie sein Haus in Unordnung bringen.
Noch mehr Mädchen kommen, noch mehr Schülerinnen, die ebenfalls neugierig sind auf das strohwitwernde Dasein _(* Walter Kempowski: "Sirius. Eine Art ) _(Tagebuch". Knaus Verlag, München; 640 ) _(Seiten; 44 Mark. ) des berühmten Autors. Der spielt mit ihnen kleine pädagogische Spiele, tritt auf Wunsch als Iwan der Schreckliche auf. "Daß ich ihnen zur Belohnung auch mal das Ohrläppchen küsse, lassen sie zu."
Hitzegeplagt, aber mit sich zufrieden sitzt der Dichter, der vor kurzem noch betrübt feststellen mußte, daß ihm "auch die Haut am Gesäß schlaff" wird, an seinem tröpfelnden Brunnen. Die "leberwurstartige Farbe meines Bauchs und die engerlinghaften Fettfalten" scheinen die Mädchen nicht zu stören; "ich bin so ungefähr der glücklichste Mensch".
Die acht Jahre, die Kempowski als politischer Gefangener in Bautzen verbringen mußte, haben ihn, wie er selber sagt, nachhaltig geschädigt: "Das erzwungene Zölibat habe ich nie verwunden, sexuell bin ich ein ,kaputter Typ''." Aber nicht nur den Nymphchen, die er mit verständnisloser Verehrung umschleicht, gelegentlich fotografiert, ohne sich ihnen ernsthaft zu nähern, gilt das Interesse des Tagebuchs, sondern mindestens genauso wichtig ist Kempowskis Marktwert im Literaturbetrieb, sein Verhältnis zu den anderen, seine Eitelkeit.
Immer wieder geht er auf die verhaßten Lesereisen, ärgert sich, wenn die Zuhörer beim Signieren nur Taschenbücher oder Buchklubausgaben vorzeigen, statt seinen Umsatz mit den teuren Erstausgaben zu steigern, sitzt in verschiedenen Jurys, veranstaltet selber bei sich zu Hause Literaturtage, dazu seine vielbeschriebenen Schreibseminare für Laien, außerdem noch Gastvorlesungen in Oldenburg.
Daneben findet er Zeit, über die nicht weniger verhaßte Buchmesse zu spazieren (wo ihm Joachim Unseld beim Suhrkamp Verlag ein Buch, das er eben durchblättert, mit den Worten aus der Hand reißt, davon seien heute schon sechs Exemplare geklaut worden).
Vor allem läßt er keine Gelegenheit aus, seine Kollegen mit kleinen Bosheiten zu bedenken. Karin Struck hat "das rote Haar zu einem penisartigen Zopf geflochten", bei Luise Rinser fällt ihm nur ein: "Vielleicht schlimmer noch als ihre totale Unfähigkeit zu schreiben ist das dauernde Anbiedern an den Zeitgeist." Ulla Berkewicz'' vielgerühmte Erzählung "Josef stirbt" ist für ihn nur "lakonischer Sterbekitsch".
Mit kaum unterdrücktem Neid läßt er gerade noch den Lyriker Peter Rühmkorf gelten. "Rühmkorf, der Filibustier, kam wie immer schwerkrank hier an. Mantel umgehängt, mit Popow-Mütze auf dem Kopf. In früheren Zeiten spielte er gern Skat und prügelte sich wohl auch mal. Er hat die Fähigkeit, seine Gesichtsfarbe ins Grünliche changieren zu lassen . . . Seine Gedichte deklamiert er in geheimnisvoll-progressivem Ton, den die Frauen sehr lieben."
Als er Günter Graß im Fernsehen beobachtet, fällt ihm ein sonderbar gehässiger Vergleich ein: "So ein bißchen wie Hitler im Bunker der Reichskanzlei sieht er jetzt aus." Aber Kempowski ist nicht undankbar, er weiß, was er seinem Graß verdankt. Als er einmal nach Bonn eingeladen war, um vor der Friedrich-Naumann-Stiftung zu sprechen, befielen ihn Beklemmungen. "Wie öfter in solchen Fällen, stellte ich mir vor, ich sei Günter Graß, und da ging''s."
Er ärgert sich über die Kritiker, die sich nur für die Autoren der Bestenliste einsetzen und ihn als Unterhaltungsschriftsteller abgeheftet haben, und beschimpft die Friedensbewegung: Unter den Zuschauern einer TV-Talk-Show sieht er "eine brutal-stupide Claque, meist junge Leute: Die hätten gut in SS-Uniformen gepaßt".
Doch bei aller Wut wird er doch nie so böse, wie er''s gerne wäre. Zwar lobt er Rolf Dieter Brinkmanns Haßorgie "Rom, Blicke", aber bei ihm selber, da sei seine Eitelkeit vor, reicht es nur zu einer kleinen Mordphantasie: "Sich eine Pistole kaufen, nach Kempten fahren, dort in der Bahnhofstraße Nummer 3, zweite Etage, klingeln, eine Frau erschießen und wieder nach Hause fahren. Da kann die Polizei lange suchen."
So bleibt das Bild des braven Laubsägewerkers, als den ihn seine Leser schätzen, im wesentlichen ungetrübt. Der Chronist, der so gern Thomas Mann geworden wäre, es aber nur zum wütigen Sammler Walter Kempowski gebracht hat, erreicht zwar manchmal einen Mann-ähnlichen Peinlichkeitskoeffizienten, aber dem anderen Tagebuchschreiber hat Kempowski wenigstens eines voraus: Sein Klatschsammelsurium ist, weil er sich selber nicht schont, bei weitem komischer. o
* Walter Kempowski: "Sirius. Eine Art Tagebuch". Knaus Verlag, München; 640 Seiten; 44 Mark.
