Inferno der Passionen
Graham Greene nannte ihn einen der besten lebenden Romanautoren: Er spürte die verwandte Seele in dem 1923 geborenen Shusaku Endo. 19 Bücher, eine eigene Fernsehsendung und der Vorsitz des Pen-Zentrums haben ihn zu einer literarischen wie moralischen Autorität im heutigen Japan gemacht.
Der Held seines 1986 erschienenen (Spiegel-)Kabinettstücks "Sünde" trägt (trickreich angedeutete) autobiographische Züge. Der Roman zeichnet das doppelbödige Porträt eines arrivierten Schriftstellers, der das öffentliche Gewissen in Person ist - und unversehens beschuldigt wird, insgeheim perversen und dämonischen Lüsten zu frönen.
Empört folgt er, um die Verwechslung mit einem Doppelgänger aufzuklären, den Spuren dieses Verdachts in die Rotlichtbezirke Tokios. Zunächst entsetzt, schließlich gebannt, taucht er immer tiefer in ein unbekanntes und gefährliches Reich bizarrer Begierden ein. Er stürzt in ein Inferno sadomasochistischer Passionen, das alle Masken hinwegschmilzt und die Begegnung mit seinem zweiten, wahren Ich erzwingt.
Alptraumhaft fremd ist diese Unterwelt, doch nicht exotisch. Wie überhaupt die intellektuellen Wurzeln von Endos Werk eher in Europa liegen. Er war einer der ersten Japaner, der nach dem Krieg eine ausländische Universität besuchte; er studierte, mit einem Stipendium der katholischen Kirche, der er schon als Kind beigetreten war, Literatur in Frankreich. Als weltweiser Katholik, der die teuflische Macht des Bösen intim erforscht, zeigt er sich auch in dieser feinen Variation des alten Doppelgänger-Motivs, die klug zwischen Schauergeschichte und Psychogramm balanciert.
