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DER SPIEGEL

Geschichten als Bilder

Vom Tokio der überfüllten U-Bahnen findet man ebensowenig in diesem Buch wie vom Kirschblütenklischee; die Erzählungen des "großen alten Manns" der japanischen Literatur, Ibuse Masuji (geboren 1898), spielen fast alle in der japanischen Gegenwart, bevorzugen dabei aber überwiegend das dörfliche Milieu.
Auf die kleinen Leute ist der Blick des Autors gerichtet; ihr alltägliches Leben skizziert er liebevoll und mit leichtem Spott. Die Ereignisse, von denen er erzählt, sind unspektakulär, auf spannende Handlung oder gar auf irgendwelche "Botschaften" kommt es dem Erzähler nicht an. Er konzentriert sich auch auf Beiläufigkeiten, stellt unvermutete Nuancierungen heraus, lenkt so die Erwartungen des Lesers statt nach vorn eher auf das Nebeneinander der Details, so, als seien die Geschichten eigentlich Bilder. Hier folgt das Erzählen nicht der von der europäischen Literatur gewohnten Logik.
In Japan gilt Ibuse als moderner Klassiker, dessen Texte als Musterbeispiele guten Stils in Schulbüchern zu finden sind. International bekanntgeworden ist er durch seinen - inzwischen verfilmten - Hiroschima-Roman "Schwarzer Regen", der auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Auch "Pflaumenblüten in der Nacht" enthält Erzählungen, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen beschäftigen. "Ehrerbietung aus der Ferne" (1950) etwa handelt von einem Ex-Offizier, der das Ende des Krieges nicht mitbekommen hat, seine inzwischen funktionslosen militärischen Attitüden beibehält und damit ein ganzes Dorf durcheinanderbringt. Das ist gewiß als Satire auf den Militarismus zu verstehen, doch kommt es dem Autor kaum auf Sozialkritik an; in seinem erzählerischen Bilderteppich löst sich der satirische Ausgangspunkt auf.
"Plaumenblüten in der Nacht" enthält zwölf Texte aus den Jahren 1923 bis 1976, von den symbolistischen Anfängen des Autors bis zu seinen ironischen Gegenwartsskizzen. Natürlich verweigern diese Erzählungen dem westlichen Leser zunächst den Zugang zu den Feinheiten ihrer Bedeutung; wenn man sich jedoch auf sie einläßt, dann sind sie ein reizvoller Weg zu einer anderen Ästhetik.

DER SPIEGEL 40/1990
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