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DER SPIEGEL

Verstohlene Zärtlichkeit

Irene Dische, die in Berlin lebende Deutschamerikanerin, ist eine Erzählerin von kühler Intelligenz. Nach ihrem überaus erfolgreichen Prosa-Debüt "Fromme Lügen" haben die finanzkräftigen Suhrkamp-Verleger die Autorin mit ihrer neuesten Erzählung flugs von der Konkurrenz weggekauft; sie präsentieren das schmale Werk als Buch.
Steinalt ist der Titelheld, und nicht mehr richtig im Kopf: ein aus Polen gebürtiger, in New York wohnender Wissenschaftler. Er hat so viele Jahrzehnte gelebt, im alten Polen, im Vorkriegs-Wien der Kaffeehäuser, schließlich, als Jude den Nazis entkommen, in Amerika.
Er hat so viele Frauen gehabt, wie soll er das alles auseinanderhalten? Orte und Menschen fließen ineinander, Wien und New York, die "liebe Gretel", seine getrennt von ihm lebende (aber woher soll er das wissen?) Frau, die zarte Schwester Zescha, längst von den Deutschen getötet, die dralle Haushälterin Barbara und die junge Frau, die sagt, daß sie seine Tochter ist. "Komm", sagt sie, "wir bringen dich in ein Heim."
Der alte Herr - Irene Dische, 38, hat ihren verstorbenen Vater, einen berühmten Biochemiker, im Sinn - stibitzt Papierservietten aus seinem Stamm-"Kaffeehaus MacDonalds", "um allen Mitgliedern der Akademie Cocktail-Happen zu servieren". Den Namen seiner Krankheit hat er nicht ganz verstanden: "Soviel ich höre, leide ich an der Altersheimer-Krankheit." Mit melancholischer Ironie läßt die Autorin ihren lebenslang heimatlosen Ich-Erzähler am Ende sinnieren: "Ich habe ein Alter erreicht, in dem mir das Wort Heim alles bedeutet."
Eine Erzählung von graziöser Leichtigkeit, sparsam und genau in ihren Mitteln, heiter und trocken im Ton, dabei verstohlen zärtlich; die Geschichte eines sehr alten Mannes - und die Geschichte einer Tochter: "Sie küßt mich auf die Wange. Sie hat Tränen in den Augen. Wenn mir bloß wieder einfallen würde, wer sie ist."

DER SPIEGEL 40/1990
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