Jugend im Griff
Sie folgten "lustvoll" der Trillerpfeife, sie waren "eingeschworen auf die Fahne", sie hatten "Feuer gefangen für den Krieg": die braunen Kadetten, die Hitlerjungen.
Ludwig Harig, Jahrgang 1927, war einer von ihnen, einer wie alle. Er verschlang die "Geheimnisse von Auslese und Ausmerze", bepinselte Wände mit "Die Juden sind unser Unglück" und glaubte, was er sang: "Ja, die Fahne ist mehr als der Tod."
Eine Jugend in Deutschland, eine Jugend im Griff. Gepeinigt von der Frage nach Mitschuld, hat Harig seine jungen Jahre nachgezeichnet, in doppelter Perspektive: aus der Hocke des Pimpfes und mit dem Blick des Erwachsenen.
Erinnerung und Recherche, Suche nach einem fremdgewordenen Selbst: Harig, der meisterhafte Erzähler, setzt Wahn und Wirklichkeit einer Epoche präzise in Szene, anschaulich, farbig, spannend, ein Lehrbuch im besten Sinne.
Es ist die Fortsetzung seines Vater-Buches "Ordnung ist das ganze Leben" (1986), in dem er der Generation nachgespürt hatte, die willig in die Blutmühle von Verdun gegangen war - ebenso im Griff einer Ideologie wie später der Hitlerjunge Ludwig.
Die Prozedur des Abrichtens, des Scharfmachens ist ein Glanzstück analysierender Epik. Harig führt zwingend vor, daß die NS-Phalanx sich nicht allein auf Befehl formierte; der Schoß war schon da, in den der Samen kroch: kleinbürgerliche Deutschtümelei, quasi-religiöse Heilserwartung, indianerhafte Lust auf Abenteuer.
Heute habe er gut reden, schreibt Harig, doch damals "sperrte ich beide Augen auf" und trat dennoch "in die Falle". Im Mai 1945, nach blutigen und grotesken Erlebnissen, nach Flucht aus US-Gefangenschaft, liegt Harig am Waldrand, schaut in den Himmel, "es gab kein Reich und keinen Führer mehr".
Erfahrung fürs Leben: "Wenn ich das Wort Freiheit höre, denke ich an unbekümmertes Liegen im Gras."
