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DER SPIEGEL

VerlageBei Einheit Krach

Lizenzen werden aufgekündigt, Rechte kaum mehr vergeben - zum Kampf um den neuen Markt rüsten sich nun auch Ost-Verlage.
Mit den Gebräuchen, die sich im Lauf der Zeit ergeben hatten, konnten alle Partner trefflich leben: An Ost-Autoren verdienten Deutsche (West), an West-Gedrucktem Deutsche (Ost). Ob Bert Brecht oder Maxim Gorki, ob Heinrich oder Thomas Mann - mit Lizenzen für Literatur machten Ost- wie Westverlage in bestem Einvernehmen oft glänzende Geschäfte.
Für Thomas Mann kassierten einträchtig (als Lizenzgeber) der Frankfurter S. Fischer Verlag und der Ost-Berliner Aufbau-Verlag (vom Verkauf), der wiederum mit den Rechten an Bruder Heinrich das feine Düsseldorfer Haus Claassen belieferte - und über diesen Umweg auch Münchens Deutschen Taschenbuch-Verlag (dtv).
In schönster Harmonie brachten Volk und Welt wie Hanser Werke des 1951 verstorbenen Russen Andrej Platonow an den Leser, dessen Romane zumeist von Einfaltspinseln handeln, die das Glück der Menschheit wollen und das eigene verfehlen. Frankfurts Suhrkamp packte zusammen mit Ost-Berlins Aufbau-Verlag eine ansehnliche "Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe" des Bertolt Brecht, die im Westen für 56 Mark pro Einzelband, in der DDR für 29,80 Ost-Mark verkauft wurde.
Doch die fetten Tage der Eintracht in der Teilung sind auch im Literaturgeschäft vorbei. Wenn am Mittwoch dieser Woche die Vereinigung vollzogen wird und wenn zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse die DDR-Verlage zum letzten Mal als Quasi-Ausländer eingerückt sein werden, dann geht auch in der Buchbranche der Krach ums Geld erst richtig los.
Es ist ein Konflikt in einem wenn nicht rechtsfreien, so doch juristisch höchst unübersichtlichen Raum, der sich schon Anfang des Jahres abgezeichnet hatte, als Währungsunion und die Einheit noch nicht in Sicht waren und im Osten alles möglich schien. Damals schwärmten DDR-Verleger regelrecht aus: um bestehende Verträge aufzukündigen, neu zu verhandeln oder, so nicht möglich, nicht zu verlängern.
Und auch die Autoren mischten mit. Nach zähen Verhandlungen und "nur sehr unwillig", so Verlegerin Elisabeth Raabe, mußte der Frankfurter Luchterhand-Literaturverlag zur Kenntnis nehmen, daß die derzeit so umstrittene Autorin Christa Wolf künftig im Westen nur noch mit sechs Titeln und ansonsten bei Ost-Berlins Aufbau-Verlag vertreten sein will. Autor Christoph Hein ging auch mit seinen westdeutschen Lizenzen nach Berlin (zurück).
Finanziell gewichtiger freilich sind die Umschichtungen bei den Lizenzen, Sublizenzen und Verwertungsrechten der alten und modernen Klassiker. Mit Heinrich Manns Schullektüre-Dauerseller "Der Untertan" etwa erzielte der Münchner dtv als Sub-Lizenznehmer blendende und beständige Taschenbuch-Umsätze, und auch Claassens Hardcover-Version verkaufte sich seit 1964 beachtliche 920 000mal. Nun will Ost-Berlins Aufbau-Verlag den Mann im neuen Großdeutschland am liebsten allein vermarkten.
Tatsächlich gehört der Aufbau-Verlag zu den wenigen DDR-Buchhäusern, denen westliche Experten eine Überlebenschance auf dem gemeinsamen Markt einräumen. Zwar fehlt es auch dort, wie überall in der DDR, an Marktwirtschafts- und Marketing-Know-how. Doch das Verlagshaus in der Berliner Französischen Straße, seit dem August eine GmbH "im Aufbau", verfügt über einen Rechte-Fundus an Werken von mehr als 8000 Autoren, von Egon Erwin Kisch bis zu Lion Feuchtwanger. "Es wäre wunderschön", sagt Programmdirektor Gotthard Erler, "sämtliche Taschenbuchrechte sofort wieder im Haus zu haben". Rechte, mit denen dann, so Günther Drommer, Geschäftsführer des eben gegründeten Aufbau Taschenbuch Verlags, die "Interessengebiete abgesteckt" werden können.
Wie das geht, das erfuhr zähneknirschend der Frankfurter Suhrkamp-Verlag, der im Dickicht aus Lizenzen, Sublizenzen und Direktverträgen (zwischen Verlag und Autor) auf seine Weise Monopolist ist - ausgerechnet bei den Rechten am DDR-Renommierdichter Bert Brecht, die von den Ostdeutschen sozusagen importiert werden mußten, zumeist vom Aufbau-Verlag.
Nun muß Suhrkamp Einbußen fürchten: Weil auch im vereinigten Deutschland das Kulturgut Buch, anders als etwa Fahrräder und Bohnenkaffee, der Preisbindung unterliegt, werden Aufbau und Suhrkamp sich beim Preis ihrer vielgelobten gemeinsamen Brecht-Edition "irgendwo in der Mitte treffen müssen" (Aufbau-Manager Drommer), wenn die finanzschwache Ost-Kundschaft nicht vergrault werden soll.
Vom "Leseland DDR" freilich, zu dem der Ost-Staat gern hochstilisiert wurde, scheint vorerst nicht allzuviel übrig geblieben zu sein. Leipziger Verleger, Buchhändler und Schriftsteller mußten zur Kenntnis nehmen, daß, so ein Flugblatt von Literaturfreunden, unverkäufliche Ost-Bücher gleich tonnenweise und "mit völliger Selbstverständlichkeit den Containern der städtischen Müllbeseitigung zugeführt wurden".
Kein Wunder, daß der von 180 auf 120 Mitarbeiter reduzierte Aufbau-Verlag begehrlich auf den Westen schielt. Zu Preisen zwischen 9,80 und rund 20 Mark will Manager Drommer Texte unter anderen von Walter Janka, Robert Havemann, Christa Wolf und Helga Königsdorf verkaufen, wenn erst mal die vermutete "Müdigkeit an DDR- und Wendethemen" nachgelassen hat. Bis dahin, so das Kalkül der Berliner, muß sich der Verlag eben verstärkt auf die bewährten und bislang von West-Verlagen vermarkteten Klassiker und Erfolgsgaranten unter den Schriftstellern verlassen - befristete Lizenzen mithin auslaufen lassen und neue Rechte nicht mehr vergeben.
Mag sein, daß die Rechnung irgendwann in der Zukunft aufgeht. Erst mal aber wundert sich die Buchbranche (West) über eine - auf diesem Markt besonders unsinnige - DDR-Besonderheit: Noch unter der Voraussetzung eines gespaltenen Markts hatte Hanser-Lizenzmitarbeiter Dirk Stempel dem Ost-Verlag Volk und Welt gestattet, Umberto Ecos "Das Foucaultsche Pendel" bis zum Jahresende in der DDR für 29,80 Mark zu vertreiben, exakt 20 Mark unter dem von Hanser festgesetzten Ladenpreis.
Tatsächlich verkaufte sich das Buch auch ganz zufriedenstellend. Auf einer von der Dresdner Buchhandlung "Das Internationale Buch" erstellten Bestsellerliste rangierte es auf dem vierten Platz. Allerdings in der Hanser-Ausgabe, vom Westen. o

DER SPIEGEL 40/1990
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