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DER SPIEGEL

Berlins spröde Schönheit

Wenn Berlins Prachtavenue Unter den Linden am Mittwoch dieser Woche von den Behörden zur feuchtfröhlichen Verwüstung durch die wiedervereinigten Einwohner freigegeben sein wird, werden am Kastanienwäldchen neben dem Zeughaus bemerkenswerte Veränderungen vor sich gegangen sein: Vor der Neuen Wache werden die Posten der Nationalen Volksarmee fehlen; statt dessen sollen diverse Blasorchester aufspielen.
Inmitten der phonstarken Volksbelustigung will sich ein Häuflein Historiker Gehör verschaffen, mit Fragen an die Passanten nach der Zukunft der Neuen Wache - Schema: "Ehrenmal? Mahnmal? Denkmal?"
Es gehörte zum Zeremoniell der DDR, daß immer mittwochs der Große Wachaufzug des NVA-Wachregiments "Friedrich Engels" die Linden mit Tschingderassabum überzog; die von ihm gestellten Posten verharrten anschließend vor den Säulen der Neuen Wache in jeweils halbstündiger Erstarrung. Sie bewachten das "Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus", das die DDR sich an historisch bedeutsamer Stelle geschaffen hatte.
Die Neue Wache, 1817/18 neben dem Zeughaus errichtet, _(* Lithographie von L. E. Lütke um 1850. ) war Preußens erster Staatsbau nach den Befreiungskriegen und die erste bedeutende Arbeit des Architekten Karl Friedrich Schinkel. Das kastellartige Gebäude, dem eine Doppelreihe dorischer Säulen vorgesetzt ist, gilt in der Architekturgeschichte als eines der klarsten und edelsten Werke des deutschen Klassizismus.
100 Jahre diente es der Residenz- und Garnisonsstadt als Königswache, mit Mannschaftsstube und Arrestlokal. An der Wache wurde täglich die Parole ausgegeben. 1844 stand der Schriftsteller Theodor Fontane vor ihr unter Gewehr. 1906 ließ der Schuster Wilhelm Voigt dort den Bürgermeister von Köpenick einliefern. 1931 wurde der funktionslos gewordene Bau nach Plänen des Architekten Heinrich Tessenow zu einem schlichten Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs umgestaltet. Historiker schätzten Tessenows Werk als "zeitlos" und "vollkommen" in seiner "denkmalhaften Würde"; Walther Kiaulehn nannte es "in seiner spröden Schönheit unvergeßlich", das "schönste Ehrenmal Deutschlands": Durch eine runde Öffnung in der Decke fiel Licht auf einen schwarzen Quader, der einen silbernen Eichenlaubkranz trug.
Nach der Schlacht um Berlin wurde der beschädigte Bau geplündert. Während der fünfziger und sechziger Jahre ließ die SED - als sie sich das preußische Erbe anzueignen begann - den Schinkel-Bau zu einem Mahnmal im DDR-Devotionalienstil umgestalten: Über bronzenen Grabplatten (dem "Unbekannten Soldaten" und dem "Unbekannten Widerstandskämpfer" gewidmet) sowie der versiegelten Erde aus NS-Todeslagern und von den europäischen Schlachtfeldern brennt in einem großen Kristallquader eine Ewige Flamme; in die Stirnwand ist das Staatswappen der DDR eingelassen; das Basaltpflaster ist durch Marmorplatten ersetzt, Goldbuchstaben verkünden: "Den Opfern des Faschismus und Militarismus".
Spätestens in sechs Wochen, wenn der Volkstrauertag ansteht, wird wieder der Ruf nach einer "Zentralen Mahn- und Gedenkstätte für die Toten der Kriege und der Gewaltherrschaft" laut. Vor allem der Kanzler, der ja nicht unbegrenzt zu Shakehands auf Soldatenfriedhöfen und Schlachtfeldern umherreisen kann, wünscht sich seit Jahren eine angemessene staatliche Kranzablage - ein "gemeinsames würdiges Mahnmal für die Opfer der beiden Weltkriege, der Gewaltherrschaft, des Rassenwahns, des Widerstandes, der Vertreibung, der Spaltung, des Terrorismus".
Die Neue Wache hat zu bieten, was Helmut Kohl besonders schätzt: Tradition. Die Widmung läßt sich ergänzen: allen Opfern von Krieg und Gewalt. Tessenows sparsames Design ist wiederherstellbar; sogar der Silberkranz ist wiedergefunden.
Nachdem ein Anonymus die Reliquie im Jahre 1960 dem Senat der Stadt zugestellt, die DDR aber ihr Desinteresse bekundet hatte, fand der Kranz vorläufige Verwendung auf einem Neuköllner Friedhof - mit dem ausdrücklichen Vermerk, daß er nach der Wiedervereinigung an seinen ursprünglichen Platz in der Neuen Wache zurückkehren solle. o
* Lithographie von L. E. Lütke um 1850.

DER SPIEGEL 40/1990
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