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DER SPIEGEL

PestKnoblauch und Krötenlaich

Der Schwarze Tod flackert wieder auf: Eine Stadt in Kasachstan wurde unter Pest-Quarantäne gestellt.
Das Kamel war augenscheinlich krank. Kurz entschlossen schritt der Bauer aus dem Bereich Ksyl-Orda östlich des Aralsees zur Notschlachtung und lud Freunde zum Kamel-Dinner ein. Kaum war der Braten verdaut, versanken die Gäste im Fieberrausch. Ihre Lymphknoten wuchsen zu eigroßen Beulen.
Bald war die Seuche auf die Stadt Aralsk übergesprungen. 110 Ärzte, eilig aus Alma-Ata und Taschkent in die Provinz geschickt, begannen mit systematischen Hausbesuchen. 237 Personen, die mit den pestkranken Bauern Kontakt hatten, wurden in Krankenhäusern isoliert. Soldaten rückten an und desinfizierten die Straßen. Bis zum 23. September war Aralsk von der Außenwelt abgeschnitten.
Anzeichen einer drohenden Pestepidemie hatte es schon Anfang September gegeben. In der autonomen Nachbarrepublik Karakalpakien waren kranke Ratten aufgetaucht. Nachforschungen von Epidemiologen ergaben, daß sechs Regionen Kasachstans von pestverseuchten Nagetieren bevölkert sind.
Um einer Epidemie vorzubeugen, wurden die Krankenhäuser von Aralsk mit weiteren 100 Ärzten verstärkt. Verdächtiges Fleisch konnte noch vor der Auslieferung beschlagnahmt werden. Auch für den Haustierbestand sind strenge Maßnahmen geplant. Alle Kamelherden der Region sollen vorbeugend mit Impfstoffen behandelt werden.
Die Rattenpopulation am Aralsee ist seit je ein natürlicher Herd der Pestbakterien. Auch im 14. Jahrhundert war das Unheil aus Mittelasien herangezogen. Entlang der alten Seidenstraße drang der größte Seuchenzug der Weltgeschichte zur Krim vor und wurde von Handelsschiffen nach Sizilien eingeschleppt. In kaum fünf Jahren hatte die verheerende "Todenfackel" (ein Chronist) ganz Europa versengt. Der Dichter und Zeitzeuge Boccaccio beklagte ein "ungeheures Sterben".
Das mittelalterliche Gebresten ist zwar besiegt, lauert aber noch, gleichsam in Nischen verbannt, auf mehreren Kontinenten. Im März wurden auf Madagaskar acht Pestopfer gezählt. Letztes Jahr kam es in Botswana und Tansania zu Todesfällen. Auch die Nagetiere in Vietnam, Brasilien, China und den USA sind potentielle Träger des Todeskeims. 1363 Pestfälle wurden im Jahr 1988 gemeldet, sieben Jahre zuvor lag die Zahl noch bei 191. Alarmiert durch die ständig steigende Zahl an Infektionen, warnte die Weltgesundheitsorganisation: "Der Schwarze Tod kehrt zurück."
In Kot von Ratten oder im Erdreich ihrer Höhlen kann der Pesterreger Yersinia pestis monatelang überdauern. Nagetiere, Mäuse, Murmeltiere, Wander- und Hausratten sind das natürliche Reservoir der schier unausrottbaren Bakterien. Gegen ausufernde Seuchenzüge wie im Mittelalter helfen auch heute nur strengste Maßnahmen: Quarantäne, Isolation der Erkrankten, strenge Hygienevorschriften, Desinfektion, Vernichtung der Ratten.
Flächendeckend und mit horrendem Blutzoll wütete die vermeintliche Gottesgeißel von 1347 bis 1352. 25 Millionen Menschen, ein Viertel der abendländischen Bevölkerung, fielen der Krankheit zum Opfer. Die medizinische Fakultät der Universität Paris, vom König um Hilfe angefleht, nannte als Grund des Massensterbens "die Konstellation der Planeten Saturn, Mars und Jupiter".
Entsprechend dubios waren die Gegenmittel. Ob Knoblauch, obskure Tinkturen aus Krötenlaich und Knabenurin oder lebende Hühner, die auf die Pestbeulen gedrückt wurden - gegen die eitrigen Beulen schien kein Kraut gewachsen. Daniel Defoe, 1665 Zeuge der großen Londoner Pest (69 000 Tote), nannte als "beste Arznei gegen die Pest das Davonlaufen".
Erst 1894, während der letzten großen Epidemie (zwölf Millionen Inder und ungezählte Chinesen starben), gelang es _(* Von Pieter Brueghel d. J. (1564 bis ) _(1638). ) den Ärzten Alexandre Yersin und dem Robert Koch-Schüler Schibabasuro Kitasato unabhängig voneinander, den Pest-Erreger zu isolieren. Er ist ein unbewegliches Bakterium, ein Tausendstel Millimeter groß und stäbchenförmig. Als Heilmittel dienen heute Antibiotika, vor allem Streptomycin.
Auch Impfstoffe sind mittlerweile gefunden. Abgetötete Pest-Bakterien, in die menschliche Blutbahn gespritzt, stimulieren die Antikörperproduktion und schützen vor der Seuche. Während des Dschungelkriegs in Vietnam wurden alle US-Truppen mit dem Totimpfstoff behandelt. Der Kriegsgegner dagegen mußte meist ohne Pest-Blocker durch den Urwald robben. Über 5000 Vietnamesen infizierten sich.
Die Schlüsselrolle bei der Verbreitung der Krankheit spielen Rattenflöhe der Gattung Xenopsylla. Sie saugen den Erreger aus dem Blut infizierter Ratten und erkranken dabei selbst. Die verseuchten Flöhe leben noch vier bis fünf Tage, ehe sie an einer Art Darmverstopfung sterben. Verendet sein Wirtstier vorher, sucht sich der Blutsauger ein anderes Fell. Direkt am Flohstich bildet sich dann das erste lila-braune Pestmal.
Für jeden zehnten Pestkranken kommt alle Hilfe zu spät. Schuld sind falsche Diagnosen und der rasante - wiewohl unterschiedliche - Verlauf der Krankheit: *___Bei der Beulenpest (Inkubationszeit zwei bis zehn Tage) ____schwellen die Lymphknoten zu apfelgroßen Beulen ____(Bubonen) an. Die Patienten klagen über rasenden Puls, ____eine pelzige Zunge und Angstgefühle. Besonders ____schmerzhaft ist das Aufplatzen der Bubonen, aus denen ____ein fauliges Sekret rinnt. 50 Prozent der Erkrankten ____sterben nach spätestens zwei Wochen, der Rest überlebt. *___Tückischer ist die Lungenpest, bei der sich der Erreger ____in den Atemwegen einnistet und Bluthusten auslöst. Als ____Lungenpest ist die Seuche die wohl infektiöseste ____Krankheit überhaupt: Kleinste Speichelspritzer, ein Kuß ____oder ein angebissenes Stück Brot aus dem Mund des ____Infizierten - und der Pesthauch weht. *___Die dritte Variante, die Pestsepsis, greift direkt die ____Blutbahnen an und führt zu Schleimhautblutungen. Die ____Haut dunkelt ein, Arme und Beine werden pechschwarz. ____Wird nicht innerhalb von 15 Stunden ein Antibiotikum ____gespritzt, ist der Kranke verloren.
Die Ärzte im Mittelalter beugten sich, mit Masken und Weihrauch-Nasenschutz, über die Kranken und schnitten ihnen die Eiterflecken auf - eine Tortur ohne jegliche Heilwirkung. Auch bei der Ursache der Krankheit tappten die Gelehrten im Dunklen. Als Pest-Auslöser nennen die Chronisten wahlweise Geilheit, "astralische Pfeile", widrige Winde aus China oder aus Erdspalten steigende giftige Dämpfe. Die Rolle der blutsaugenden Flöhe blieb bis zur Neuzeit unbekannt.
* Von Pieter Brueghel d. J. (1564 bis 1638).

DER SPIEGEL 40/1990
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