„Der Zwerg reinigt die Kittel“
Es strömen, auch im spätsommerlichen Wärmestau, erwartungstrunkene Massen in die elektronische Spielhölle.
Schwerbusige Matronen streichen angespannt über die Rüschen-Bluse; mitgeführte Kleinkinder schmiegen sich rotbäckig an den Mutterleib. Auch ältere Herrschaften, die großflächig das Studio besetzen, mustern überwältigt Kameras und Kabelträger. Leutselig tritt der Regisseur vor die Gästebänke, erfleht "orkanartigen Beifall" für den gesamten Spielverlauf und ruft einen fahlen Sven zur Hilfe, der mit ekstatischen "Ja! Ja!"-Schreien den Eindruck eines bevorstehenden Orgasmus vermittelt, tatsächlich aber lediglich das Saalpublikum in sendegerechte Hysterie brüllt.
Nach ersten hörschädigenden Test-Tumulten schwebt, im beigen Hosenkleid, die Glücksfee Maren Gilzer hauchzart aus der Kulisse und kuschelt sich stumm an einen weißen Pontiac, der für 49 715 Mark (ohne Maren) an den Tagessieger fällt. Schließlich schreitet faltenfrei der Moderator Frederic Meisner an seinen krisenfesten Arbeitsplatz und begrüßt drei verschwitzte Mitwirkende, die der Drang nach vermögenswirksamen Leistungen in das TV-Studio an der Berliner Havelchaussee getrieben hat. Ein schmerzhafter Fanfarenstoß eröffnet den Spielbetrieb; auf den Zuschauersitzen randaliert schon die würdelos enthemmte Korona.
Das "Glücksrad" kommt in Schwung - eine Abart elektronischer Belustigung, die als "Wheel of Fortune" bereits jahrzehntelang Amerikas TV-Klientel betört und nun auch das vereinigte Deutschland in den Konsumrausch führt. Jeden Werktag, um 12.15 und 19.05 Uhr, dröhnt diese rabiate Game-Show aus dem Windkanal Sat 1; mit regelmäßig zweieinhalb Millionen Zuschauern ist das "Glücksrad" die populärste Sendereihe im deutschen Kommerz-TV.
Es ist ein überaus einfältiges Programm, in dem jeweils drei Kandidaten simple Worträtsel lösen und mit einem roulettähnlichen Schwungrad saftige Gewinne erzielen. Mit der Beute kauft der Erfolgszocker umgehend begehrte Konsumgüter, die dekorativ im Studio ausliegen - also zum Beispiel den "Flüstersauger von Karstadt" oder das "15teilige Kaffeeservice Gänseglück". Das umsatzstarke "Glücksrad" ist die innigste Verbindung zwischen Programm und Werbung, eine Orgie in Product Placement.
Hunderttausende drängt es existentiell an die Geldorgel. In der Berliner "Glücksrad"-Produktion bitten täglich 2000 bis 4000 Spielsüchtige schriftlich um Mitwirkung. Von Usedom bis Tuntenhausen eilen gesamtdeutsche Besucherscharen in den berlinischen Basar. Manche Stammgäste "sind schon 250 Mal bei uns, viele können wir per Handschlag begrüßen", sagt Regisseur Gerrit Neuhaus, der mit geschäftsgebundenem Wohlgefallen auf die angereisten Warenfetischisten blickt.
"Um vier Uhr früh" etwa hat sich eine bayerische Fanatiker-Truppe aufgemacht. Aus dem holsteinischen Ahrensbök ist per Bus eine 50köpfige Landgemeinde eingefallen, die nun hitzig drei emsige Beute-Deutsche anfeuert, Martina, Matthias und Ralf, den Oberfeldwebel aus Köln-Sülz. Selig sackt das Trio den Kopfhörer, die Philips-Friteuse und Squash-Equipment ein, das Publikum johlt vorschriftsmäßig. Nur die elfische Maren sinkt hohlwangig in den reservierten Pausenstuhl, der bleiche Unruheherd Sven nestelt einfühlsam an ihrer Glockenhose.
Am Glücksrad bläst dann, nach gut 30 Minuten, der Schmuckling Frederic zum Finale und fragt vergeblich nach dem Lösungswort im "Super-Spiel" um Gold-Barren. Der Sülzer Soldat bläht ratlos die Backen, auch Martina, die um den Hauptgewinn wetteifert, ringt unerleuchtet die Hände. Der Pontiac bleibt unter Verschluß. Frederic entfernt sich gefaßt von dem tosenden Verbraucherverband. Gerädert von fortgesetzten Adrenalinstößen, taumelt auch die Ahrensböker Fahrgemeinschaft hinaus an das sonnige Havelufer.
Was treibt ein leidlich zivilisiertes Volk in diese Brutstätte des Materialismus? Es sind ja nicht nur verhaltensgestörte Kleingärtner, die schon beim Anblick eines AEG-Dampfbügeleisens oder der Couchgarnitur "Corinna" in konsumtive Raserei geraten. Aber auch Neuhaus ist dieser Frage sozialpsychologisch nicht gewachsen und erläutert nur vage, das "Glücksrad"-Erlebnis gehöre eben "zu den wichtigsten Tagen" im Leben des gemeinen Homo ludens, in Deutschland werde die "Glücksrad"spezifische "Verbindung zwischen Leistung und Glück goutiert".
Vor die beglückenden Hamsterkäufe hat Fortuna aber noch strenge Eignungsprüfungen gestellt, an der lediglich "risikofreudige, fröhliche, offene" und sprachbegabte Charaktere nicht zerbrechen. Wer bei Testaufgaben etwa statt der gesuchten Lösung "Der Zweck heiligt die Mittel" die legasthenische Lautverschiebung "Der Zwerg reinigt die Kittel" einbringt, ist garantiert ungeeignet, sagt Neuhaus ernst. Umfragen unter Game-Show-Narren haben ergeben, daß 75 Prozent Haupt- oder Realschulen absolviert haben. Der Regisseur ist aber in seinem Gehege sogar schon generalistisch ausgereiften "Professoren und Dozenten" begegnet, ein düsteres Zeichen für den Niedergang akademischer Gesittung.
Die Spielwut wuchert ja zunehmend in weiten Teilen des Fernsehaufkommens, mit einschaltfreundlichen Spielshows schmücken sich vor allem die Kommerziellen. Während ARD und ZDF nur unverändert kleinpreisige Animationen wie "Geld oder Liebe" pflegen, protzen die Newcomer mit zum Teil hochdotierten Money-Shows.
Bei Tele 5 stehen in der werktäglichen Rätselrunde "Ruck Zuck" bis zu 100 000 Mark auf dem Spiel, als Trostpreis winkt das medial richtungweisende Gesellschaftsspiel "Ohne Moos nix los!". In Vorbereitung sind die Spielhallen "Stadt, Land, Fluß" und "Hopp oder Flop" für junge Leute, die "schnell und easy Geld machen wollen". Der Damen- und Herren-Entkleider RTL plus hat das 50 000-Mark-Quiz "Riskant" installiert, mit dem emeritierten Rittberger Hans-Jürgen Bäumler, und ist dem raffgierigen "Glücksrad" mit einer kongenialen Leistungsschau entgegengetreten. Die Ausbildung zum Konsum-Idioten obliegt bei RTL der Game-Show "Der Preis ist heiß", einer veitstänzerischen US-Importe, bei der Teilnehmer die Einkaufskosten diverser Markenartikel raten müssen.
Leiter der dichtbevölkerten Markthalle ist der Holländer Harry Wijnvoord, eine schnurrbärtige Reinkarnation des unvergessenen Lou van Burg mit unausrottbarer Neigung zu possierlichem Gouda-Deutsch. "Aus alle Bundesländer kommen unse Kandidaten", ruft er beschwörend in den Verteilungskampf, das Studiopublikum dankt frenetisch und verabschiedet mit schweren Sympathiekrawallen Wijnvoords Laufkundschaft, die mit der "Saftoase von Punica", der "Schrankwand mit beleuchteter Glasvitrine" oder dem "Eiswürfelformer mit Überlaufrille" aus den Münchner Bavaria-Studios enteilt. Selbst so exotische Gewinne wie "ein Luxuswochenende in Bonn" oder frohe Tage im Moor-Bad Aibling, die doch allenfalls rheumatische Einöd-Bauern aus ihren Karawanken locken, stoßen auf kindliches Entzücken.
In der prosperierenden Marktwirtschaft ist die Game-Show eine multilaterale Wohltat. Das Publikum ergötzt sich am Gewinnstreben der televisionären Goldhamster. Die Sender kassieren ansehnliche Summen für Spotwerbung im Dunstkreis der Shows, außerdem Gebühren bis zu 20 000 Mark für jeden angepriesenen Artikel.
Inserierende Firmen sparen horrende Kosten für konventionelle Spots. Marketingexperten verehren das Product-Placement-Kabinett als programmlich getarnten, unaufdringlichen Konsum-Terror. Irregeführte Gemüter haben schon bei RTL dagegen protestiert, daß die schöne Unterhaltungsshow mit Lou van Wijnvoord durch störende Reklame-Einblendungen verunziert wird.
Die Marktforschung hat kürzlich branchenbeglückend bekanntgegeben, daß die "Marken-Awareness" bei Product Placement ebenso erfreulich ausfällt wie bei traditionellen Commercials. Die "Akzeptanz", melden die Herren, "ist um so höher, je redaktioneller und dezenter die Werbebotschaft vermittelt wird". Lediglich massiver Einsatz beider Reklameformen erzielt "signifikant höhere Recallwerte". An einen vorgeführten Essigreiniger etwa erinnerten sich wundersame 71 Prozent der Testanden. Vehement weisen Fachkreise auch darauf hin, daß Folterkammern wie das "Glücksrad" die deutsche Familie zu wortmächtigen "Preis- und Produktdiskussionen" anstiften und nebenher alzheimerischen Tendenzen betagter Sippen-Glieder heilsam entgegenwirken.
Der Preis dafür ist heiß. RTL zeigt sein lukratives Wijnvoord-Kasino künftig auch noch samstags, weitere Shows sind in Arbeit. Die ARD annonciert ein werktägliches Gewinnspiel für 1991. In diesem Monat startet Sat 1 die zunächst 25teilige "Slogan"-Show, eine vom Gewerbe als "adverteasing" bejubelte "Sonderwerbeform", bei der die Spieler griffige Werbesprüche erkennungsdienstlich behandeln. Das Stichwort "Ei, ei, ei" beispielsweise muß also unverzüglich zum Aufschrei "Verpoorten!" führen. Spielkameraden, die beim Anblick der Milchkuh Milka den Slogan "die zarteste Versuchung, seit es Remoulade gibt" rezitieren, haben wirtschaftspolitisch versagt.
Verstockte Fernsehteilnehmer, die dem Kommerzgedanken weiterhin fremd gegenüberstehen, sollten sich endlich mit dem skurrilen Personal Placement der öffentlich-rechtlichen Anstalten versöhnen. Dagmar Berghoff und Max Schautzer übertreffen schließlich immer noch easy die Recallwerte von Unox-Suppen und Ultra Pampers.
