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DER SPIEGEL

TierverhaltenHeimliches Treiben

Die Monogamie im Tierreich ist nur Schein. Besonders die Weibchen der meisten Spezies suchen ständig neue Sexpartner.
Turtelnde Tauben, schnäbelnde Schwanenpaare und Enteneltern, die in lebenslänglicher Verbundenheit ihre Jungen aufziehen - an die Idylle dauerhaften Liebeslebens glaubten Naturforscher seit Charles Darwin. Daß im Tierreich weitgehend Monogamie herrsche, nahmen die Biologen aufgrund ihrer Beobachtungen während der Brutzeit an: Aus der Fürsorge von Männchen und Weibchen für die hilflose Nachkommenschaft schlossen sie auf stabile Partnerschaft.
Das schöne Bild von der animalischen Gattentreue geht nun zu Bruch: Neue Studien über Sexualität und Paarungsverhalten zeigen, daß die Gefiederten und Haarigen es bunter treiben, als geahnt: Seitensprünge sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel, "und zwar bei jeder Spezies, die wir untersuchen", wie Susan M. Smith, Biologin am Mount Holyoke College in South Hadley (Massachusetts), feststellt. "Wir müssen alle Lehrbücher neu schreiben."
Besonders die Vögel flattern, für eine rasche Kopulation, ungehemmt von einem Partner zum andern. Galten bislang mehr als 90 Prozent aller Federtier-Arten als monogam, fanden nun amerikanische Biologen mit Hilfe genetischer Elternschaftsbestimmung, daß bis zu 70 Prozent der Nestlinge eines Geleges nicht von dem Männchen abstammen, das sie betreut: "Eine Revolution in der Vogelbiologie", meint Paul W. Sherman von der Cornell University in Ithaca.
Mehr noch als die Männchen sind offenbar die Weibchen auf flüchtige Abenteuer aus, was die Feldforscher erst mit subtileren Beobachtungsmethoden wahrnehmen konnten. "Die Seitensprünge", berichtet der kanadische Biologe Robert Montgomerie, "sind nicht leicht zu beobachten, weil die Vögel es sehr heimlich treiben."
Offenbar gezielt, so Ornithologin Smith, suchen die beiden Partner, die während der Brutzeit gemeinsam ihr Territorium verteidigen und die Jungen versorgen, Sex außerhalb des eigenen Nests. Die Weibchen der Sumpfmeise lassen sich dabei bevorzugt mit Männchen ein, die ihren Hausmännern im Nest überlegen sind, fand die Wissenschaftlerin: "Das Weibchen sucht sich aktiv die besten Gene heraus."
Auch beim "Bluebird", einem amerikanischen Drosselvogel, ist die bislang angenommene Einehe nur Schein. Etwa jeder vierte Jungvogel im Nest, so ermittelte die Biologin Patricia Adair Gotway, stamme aus einer anderen Liaison. Gänzlich querbeet geht es oftmals mit der Nachkommenschaft, weil die Drosselweibchen, nach Kuckucks-Manier, auch Eier in fremde Nester einschmuggeln, so daß sowohl Vater- als auch Mutterschaft der Jungen ungewiß ist.
Männchen, die ihre Nest-Genossin beim Seitensprung ertappen, lassen allerdings in ihrem häuslichen Fleiß nach, beobachteten die Ornithologen: Drossel- oder auch Schwalbenmännchen fütterten ihre Brut dann weniger eifrig.
Aber auch die Männchen sind bemüht, ihre Erbmasse möglichst noch anderen als den eigenen Brutpartnerinnen zukommen zu lassen. Im Sexspiel um die effektivste Verbreitung ihrer Gene locken die älteren Männchen der Purpurschwalbe nach dem Nestbau und der Kopulation mit einer Partnerin auf raffinierte Weise junge Schwälbinnen heran: Auf besondere Melodien der Alt-Männchen fliegen junge Artgenossen ans Nest, denen die attraktiven Weibchen folgen - zur Freude der Nestväter, die ihre außerehelich gezeugte Brut dann wiederum den jungen Männchen zur Versorgung überlassen.
Auch die Ansichten vom Liebesleben vieler anderer Tiere müssen, nach den jüngsten zoologischen Studien, revidiert werden: Auf der Fährte von Kaninchen, Elchen und Eichhörnchen fanden die Forscher, daß die Weibchen sich an einem einzigen Tag mit zahlreichen Männchen einließen. Sogar bislang als eindeutig monogam geltende Arten, wie das südamerikanische Tamarin-Äffchen, sind nach Beobachtungen von David Gubernick von der University of Wisconsin "auf außereheliche Kopulation aus".
Lediglich ein unzweifelhaft treues Tier konnte Gubernick ausmachen: die kalifornische Maus. Der unscheinbare Nager ("Peromyscus californicus") mußte sich aufwendigen Tests unterziehen, bis ihm eheliches Wohlverhalten attestiert wurde.
Nachdem schon die Gen-Analyse gezeigt hatte, daß die Jungen zu 100 Prozent vom selben Vater stammten, wurden die Weibchen noch mit fluoreszierendem Puder eingestäubt, mit dessen Hilfe sich fremde Partner hätten identifizieren lassen. Spuren des verräterischen Staubes fanden sich jedoch stets nur beim eigenen Männchen und bei den Jung-Mäusen. o

DER SPIEGEL 40/1990
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