PremierenGhostbuster Gorbi
Endlich ist Gorbatschow zum Theaterstar aufgestiegen: Die Royal Shakespeare Company präsentiert in London das Perestroika-Spektakel „Moscow Gold“.
Raissa und Michail liegen in ihrem breiten Ehebett. Sie haben sich auf Video die Hollywood-Klamotte "Ghostbusters" angeschaut, nun liest er dienstliche Akten, zunehmend verdrossen, denn sie machen ihm nur seine Ohnmacht bewußt. Was kann er tun, damit die streikenden Grubenarbeiter in Sibirien Seife bekommen? Raissa versucht ihn mit dem jüngsten Thatcher-Witz aufzuheitern, den das KGB aus London übermittelt hat: Maggie, so heißt es, zeichnet in zärtlichen Augenblicken als Stimulans ihrem Denis mit Erdbeermarmelade ein Blutmal a la Gorbi auf die Glatze . . .
Der Schlaf der Gorbatschows ist kurz, in der Nacht schrillt das Telefon, ein alter KGB-Freund meldet dem Präsidenten, sein Widersacher Ligatschow wolle eigenmächtig dem DDR-Regime Militärhilfe zusichern, falls man mit den Unruhen dort auf die chinesische Tour Schluß mache. Michail stürzt sich in seinen Nadelstreifen-Anzug, um einmal mehr als Ghostbuster gegen die Phantome des Stalinismus anzutreten; Raissa, die unerbittliche Anbeterin und Antreiberin, _(* Sara Kestelman (Raissa) und David ) _(Calder (Michail). ) beklagt, nun allein, in einem Song das Los ihres Mischa, der der Beste ist und doch Herr über die schlechteste aller schlechten Welten sein muß.
In Ost-Berlin macht Michail einem dünnen, greinenden Zombie namens Honecker klar, daß seine Zeit um sei, im Hintergrund feixt ein Bursche mit breit aufgeschminktem Clownsgrinsen, Egon Krenz. Und dann ersteht, quer über die Riesenbühne der Royal Shakespeare Company im Londoner Barbican Centre, noch einmal die Berliner Mauer. Weil es ja nur eine Papp-Mauer ist, nur Theater, schlägt sich, zu den Signal-Takten aus Beethovens Neunter, das Volk durch sie hindurch und verkündet in Chören, was es will: Freiheit! Schuhe! BMW!
In der Nacht, als die Mauer fiel, rief der Schriftsteller Howard Brenton seinen Freund Tariq Ali an, und sie waren sich, aufgeregt, sofort einig: Das ist das Finale des ersten Teils! Die beiden hatten sich Anfang des Jahres 1989 zusammengetan, um sich schnell und aktuell mit der gemeinsam verfaßten Bühnensatire "Iranian Nights" in den Streit um Salman Rushdie einzumischen, und sie hatten am Premierenabend beschlossen, die Lust am gemeinsamen Schreiben beim nächstenmal ganz auszuschöpfen, am größten Stoff, den ihnen die Zeitgeschichte bot, an einem Historien-Spektakel über Michail Gorbatschow.
So legten sie los, tatkräftig, draufgängerisch, sie schrieben gewissermaßen im Laufschritt, um dem Drang der Ereignisse auf den Fersen zu bleiben, und dabei sollte ihnen jedes Kunstmittel recht sein, wenn es nur drastisch genug war - so ist ihr "Moscow Gold" Klamauk, Polit-Revue, Satire, Debattierstück und Melodram in einem geworden.
Was ihnen vorschwebte, war das Konzept des großen Bühnen-Dynamikers Wsewolod Meyerhold, der mit seinen Massenspektakeln, Agitationstrupps und "lebenden Zeitungen" das sowjetische Revolutionstheater der frühen Jahre geprägt hat; deshalb fügten Ali und Brenton in ihr manchmal überturbulentes Stück eine schmerzende Gedenkminute für Meyerhold ein, der vor 50 Jahren in einem Folterkeller starb: Man trieb ihm, so berichtet ein alter Scherge aus der Lubjanka, einen langen Nagel in den Kopf, bis er tot war.
Howard Brenton, 47, Sohn eines Methodistenpredigers und früh auf der Seite der Arbeiterklasse, ist seit 20 Jahren einer der unentbehrlichsten Unruhestifter im britischen Zeit-Theater, ein Mann der Attacke, rastlos produktiv und skandalgewohnt: Er will Wirkung, für ihn ist Theater nicht abgehobene Kunst, sondern Arbeit mit hochgekrempelten Ärmeln, bei der er gern Partner hat. So kam das Bündnis des herzhaften, breitschultrigen Briten mit dem scharfen, eleganten Tariq Ali zustande, der aus Pakistan stammt: Ali, 47, Ex-Trotzkist, Politologe, Schriftsteller und TV-Moderator, war zuständig für Tempo, polemische Schärfe, Brenton sorgte für die theatralische Buntheit und das Sentiment.
Der Dritte, der die beiden ungeduldig vorantrieb, war der Regisseur John Dexter. Sein plötzlicher Tod im März, an den Folgen einer Bypass-Operation, brachte die Arbeit ins Stocken, doch dann übernahm der Regisseur Barry Kyle die Sache, zusammen mit dem Ausstatter Stefanos Lazaridis, und die krisengebeutelte Royal Shakespeare Company steckte in "Moscow Gold" - ihre erste Uraufführung auf der großen Londoner Bühne seit 1986 - mehr Aufwand als je in einen Klassiker, um das gewünschte Spektakel-Format a la Meyerhold zu erreichen.
So beginnt das Stück auf einer rotierenden Bühnenmaschine, die dem Stil des Sowjet-Konstruktivismus huldigt, fahnenschwingend und tanzend mit einer Lenin-Apotheose, die plötzlich umkippt in die Enthüllung eines Stalin-Monuments: Es ist so gewaltig, daß auf der Bühne nur die Füße bis zu den Knien zu sehen sind. Während das Stück mit satirischer Schnelle die ganze Sowjet-Geschichte seit Breschnews Tod abhakt, läßt es seinem Gorbatschow doch Zeit, wie ein Shakespeare-Held Zwiesprache mit den Geistern großer Toter zu halten. Der eine, Lenin, empfiehlt ihm skeptisch das Studium der Financial Times, der andere, Andropow, bringt sich mahnend und fordernd immer wieder als Vordenker der Perestroika in Erinnerung. Auch in der Riege der Gorbatschow-Feinde tut sich gegen Ende der Geist eines Toten hervor, ein blutrünstig kreischender Zappelphilipp: Ceausescu.
Zur langen Liste der Brenton-Werke gehört eine englische Fassung von Büchners "Dantons Tod", und Brenton gibt zu, daß er gelegentlich an das Paar Robespierre/Danton dachte - nicht in ihren Zielen, doch in ihren Charakteren -, um den Gegensatz zwischen dem hartnäckigen Puritaner Gorbatschow und dem überbordenden Kraftkerl Boris Jelzin zu theatralisieren. Für Gorbatschow ist die russische Seele, auf die sich Jelzin gern breitbrüstig beruft, bloß "Selbstmitleid, Verzweiflung und eine Flasche Wodka": Ihre instinktive Abneigung gegeneinander wird den Waffenstillstand überdauern, den sie am Ende zähneknirschend schließen. "Moscow Gold", eine Revue mit gut hundert Rollen, präsentiert als Schattenfigur auch den Mann, der sich für die Bonaparte-Rolle des Retters der verfahrenen Revolution empfiehlt: Der Afghanistan-General Gromow ist auf der Bühne ein bedrohlich hochragender Stelzenmann.
Lange scheint "Moscow Gold" dem Theaterrezept zu folgen, daß nur große Männer große Geschichte machen, doch dann kehrt es die Wucht seiner Show-Mittel ohne Nachsicht gegen den tapferen kleinen Helden. Die ganze See von Plagen, die er entfesselt hat, stürzt auf ihn herein: baltische Nationalisten und Fanatiker aus Aserbaidschan, streikende Bergarbeiter, Altstalinisten und Antisemiten, Moskauer Mafiosi, Skinheads mit Hakenkreuz-Tätowierungen, Tschernobyl-Überlebende, Erdbebenopfer aus Armenien und das ganze hungrige Volk - Meyerholds knallige Jubel-Kunst wird ins Katastrophale gewendet, und der erstaunliche Gorbatschow-Darsteller David Calder erreicht einen Augenblick wirklicher Tragik.
Howard Brenton hat sich von einem Moskauer Theatermann sagen lassen, nur ein Außenstehender könne sich zutrauen, ein Stück wie dieses zu schreiben. In der Tat steckt in "Moscow Gold" ein sehr britischer Leichtsinn, ein Übereifer, ein ungebremst naiver Glaube daran, das Theater könne mit allem fertig werden: Arglosigkeit als Erfolgsrezept. Brenton ist damit nicht allein in diesem Londoner Theaterherbst. Im Royal Court Theatre steht Caryl Churchills Rumänien-Revolutions-Stück "Mad Forest" auf dem Programm, und im National Theatre fällt, rechtzeitig zum Jahrestag, in David Edgars "The Shape of the Table" die Berliner Mauer ein weiteres Mal.
Die Neugier auf "Moscow Gold" aber erreicht sogar Moskau: Die Prawda hat einen Reporter nach London geschickt, das Sowjet-Fernsehen Probeszenen gedreht, und die Übersetzung des Stückes erscheint im November in einer russischen Literaturzeitschrift. Brenton, der ungeduldige Optimist, steckt inzwischen schon mitten in einem neuen Drama, das noch in dieser Saison herauskommen soll: Es heißt "Berlin Berty" und spielt in Ost-Berlin.
* Sara Kestelman (Raissa) und David Calder (Michail).
