AutomobileSäuerlicher Geruch
Der neue Mittelklassewagen Nissan Primera hat bis in die Details eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Marktrivalen Opel Vectra.
Verwundert rieb sich der Stuttgarter Autotester Klaus Westrup (auto motor und sport) die Augen, als er in der Tiefgarage vor dem brandneuen Auto stand, das er testen sollte. Nein, kein Irrtum, das war Primera, der neue Mittelkläßler des japanischen Herstellers Nissan. Aber der Tester, wahrhaftig kein Neuling in diesem Geschäft, war irritiert: Der Primera sah dem seit gut zwei Jahren etablierten Marktkonkurrenten Opel Vectra "so ähnlich wie ein Zwillingsbruder".
Das "durch und durch europäische Auto", wie Nissan seinen gleichzeitig in Japan und im britischen Nissan-Werk Sunderland gefertigten Neuling jüngst propagierte, rief auch anderen Kritikern auf Anhieb "unweigerlich Stilelemente eines Opel Vectra" (Automobil Revue, Bern) ins Gedächtnis. Die allgemeine Verwunderung beschränkte sich nicht auf optische Eindrücke. Vielmehr entdeckten die Tester an allen Ecken und Enden des Primera 2.0 SLX frappierend übereinstimmende Maße und Merkmale des Rüsselsheimer Erfolgstyps. auto motor und sport kommentierte ironisch: "Der Opel Vectra läßt grüßen."
Der Primera ist mit 1,70 Meter genauso breit, mit 1,39 Meter fast auf den Millimeter genauso hoch und mit 4,40 Meter - bis auf drei Zentimeter Plastikgedöns am Opel - genauso lang wie der Vectra. Gleich sind auch die Leistung der mit zwei Litern hubraumgleichen Vierzylindermotoren (115 PS), die Höchstgeschwindigkeit (201 km/h) und der Luftwiderstandsbeiwert (0,29). Selbst im Preis sind die Zwillinge fast identisch: Der Vectra kostet 28 595 Mark, Bruder Primera ist 950 Mark billiger.
"Ein purer Zufall kann das kaum sein", faßte Tester Westrup seinen Gesamteindruck zusammen, nachdem er auch den Innenraum begutachtet hatte. Die Gestaltung des Armaturenbretts, die Verkleidung der Türen, die Sitze und deren Bezüge (wie beim Opel "recht schweißtreibend"), alles war wie beim Vectra.
"Wir haben weder insgeheim noch offen mit denen zusammengearbeitet", mit diesem Bekenntnis verwies Horst Borghs, Opels Vorstand für Öffentlichkeitsarbeit, die erstaunliche Häufung verdächtiger Fakten in das Reservat des Zufalls. Sollte es aber doch anders gelaufen sein, sollten womöglich Entwurfsdaten des Vectra über internationale Designer-Kanäle vorzeitig an die Japaner gelangt sein - Opel würde es als Schmeichelei betrachten: Der Vectra, so Borghs über diese Eventualität, werde in dieser Klasse "eben als ein Maßstab gesehen".
Nissan entrüstet sich über den Verdacht, Details oder - als erster Hersteller der Automobil-Geschichte - gar ein ganzes Auto "abgekupfert" zu haben. Da Nissan seinen Primera schon im Februar in Japan vorgezeigt habe, so gab die Firma zu bedenken, hätte sie, wäre es denn eine "Opel-Kopie", das Auto binnen anderthalb Jahren entwickelt haben müssen. Das aber sei einstweilen "technisch nicht machbar" (so Nissan-Sprecher Michael Köhler).
Gerade der Nissan-Konzern legt es für die Zukunft allerdings darauf an, seine mit drei Jahren schon weit unter dem Durchschnitt liegende Entwicklungsdauer eines Personenwagens durch ein neues Konzept und noch stärkeren Rechnereinsatz auf ganze 18 Monate zu verkürzen.
Das herkömmliche Plagiat im Automobilbau beschränkte sich auf Details oder den Versuch, bestimmte Karosserielinien nachzuahmen. Mal rümpften die Mercedes-Manager die Nasen, weil sich wieder ein Ami oder Japaner am geheiligten Mercedes-Antlitz vergriffen hatte. Mal bewitzelte die Branche die nach Cadillac-Vorbild steil ragende Heckscheibe des Volvo 760 oder gar einen an Ford-Linien erinnernden neuen Opel ("Der schönste Ford, den Opel je gebaut hat").
Gerade japanische Autoproduzenten waren niemals pingelig, wenn es ums Kopieren ging: "Für einen Japaner", erläuterte Nissan-Designchef Itaru Sugino, "ist es keine Schande, sich am Guten und Besseren zu orientieren." Es focht auch die Toyota-Manager wenig an, daß ihr Luxusauto Lexus von der Fachpresse einhellig als stilistisches Gemenge aus Mercedes-Benz und BMW entlarvt wurde. Dagegen reagieren etablierte Automanager schon mal bierernst, wenn sich Japaner in ihre Intimsphäre vorwagen: "Jetzt machen sie nicht einmal mehr vor unserer BMW-Niere halt", zürnte beispielsweise BMW-Entwicklungschef Wolfgang Reitzle über einen vermeintlichen Übergriff der Firma Honda.
Daß andererseits technische Zwänge dafür sorgen können, die modernen Autos einander immer ähnlicher zu machen, zeigt das hohe Mercedes-Heck, wie es Mercedes-Designchef Bruno Sacco zuerst für den Typ MB 190 gestaltete und damit weltweit einen Nachbau-Trend bewirkte.
Zu den ersten, die ebenfalls diese Heckform bauten, gehörten - mit der Stufenheck-Version ihres Modells Sierra - die Kölner Ford-Werke. Als das Auto fertig war, fand sogar Hans-Georg Gaffke, Fahrzeug-Chefingenieur der Kölner, die Ähnlichkeit des Sierra-Hinterteils mit dem Mercedes-Heck "in der Tat erstaunlich". Die Form, so Gaffke, habe sich jedoch "mehr oder minder zwingend aus den Erfordernissen der Aerodynamik ergeben".
Mit ähnlichen Argumenten sucht denn auch Nissan die verblüffende Ähnlichkeit seines Primera mit dem Vectra zu erklären: Konzeptionstrends und "sich international immer mehr angleichende Marktgeschmäcker" (so Nissan), denen Designer und Ingenieure zu folgen haben, führen in den Klassen der Jedermann-Autos offenbar unweigerlich zum Einheits-Look.
Überdies könne es "ja nun wirklich nicht schaden", meinte Nissan-Sprecher Köhler, "annähernd ähnlich auszusehen wie der Marktführer".
Die Japaner haben es nicht beim Aussehen ihres Neulings bewenden lassen. Autotester Westrup fühlte sich im Primera sogar olfaktorisch an den Vectra erinnert: "Der war dem Opel nicht nur wie aus dem Gesicht geschnitten, er roch auch so." Der Tester konnte den Geruch auch näher bestimmen: "Ein wenig säuerlich." o
