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DER SPIEGEL

GESTORBENAlberto Moravia

82. Er hat die Dinge, vor allem das Ding, stets gern beim Namen genannt, und das brachte dem Römer mit dem imperialen Faunskopf, neben einem Bannstrahl des Vatikans, Zuspruch aus aller Welt ein. Auf 150 Millionen stieg die Globalauflage seiner Romane und Erzählungen, in Verfilmungen ließen sich Brigitte Bardot ("Die Verachtung") und Sophia Loren ("Und dennoch leben sie") sehen; der Hauptdarsteller der jüngsten Kino-Version eines Moravia-Werkes, Doris Dörries "Ich und Er", mußte sich freilich bedeckt halten: "Er", der sich "riesig, steif, vom Blutandrang geschwellt, wie ein einsamer Baum erhebt". Moravia war, 60 Jahre lang, ein bockiger Seismograph seiner Welt und seiner Zeit: der bürgerlichen Dekadenz, die dem Faschismus anheimfiel ("Der Konformist"), des proletarischen Lebens der römischen Vorstädte ("Die Römerin"), des Versuchs höherer Töchter, im Terrorismus Befriedigung zu finden ("Desideria"). Es ist ein brüchiges, katakombenreiches Revier, durch das seine Jäger und Gejagten streifen, ein wilder Wald aus Ängsten, Ekel, Begierden, Gewalt, in dessen tiefstem Tann immer die Hexe Sexualität haust - mit ihren Komplizen Voyeurismus, Sadismus, Masochismus; wobei Moravia auch der Onanie einen Ehrenplatz einräumt: "Die Selbstbefriedigung ist der einzige Sexualakt, der etwas mit Kultur zu tun hat, weil er ganz aus der Phantasie kommt." Eine tiefe Prägung erhielt Moravia, großbürgerlicher Sproß aus einer jüdisch-slawischen Verbindung, durch eine schwere Krankheit während seiner Pubertät. Vom 9. bis zum 18. Lebensjahr litt er an einer Knochentuberkulose, die ihn ans Bett fesselte, isolierte, zum süchtigen Leser machte und zu "exzessiver Sensibilität" erzog; mit Rührung gedenkt er der Prostituierten, die dem Krüppel liebreich das Reich der Sinne erschloß. Die langjährige Paralysierung entflammte auch seine Reiselust. Als Freund und Kontrahent bedeutender Männer, von Tito bis zum Schah von Persien, kreuzte er die vier Winde, pries Afrika als die "schönste Sache der Welt", beschrieb hoffnungsfroh die tausend Blumen der chinesischen Kulturrevolution und erklärte Pier Paolo Pasolini zu seinem "besten Freund"; treu blieb ihm immer der Ruf eines Skandalons, bis ins hohe Alter. Als 78jähriger hatte er, in zweiter Ehe, die 47 Jahre jüngere Spanierin Carmen Llera (Foto) geheiratet, entzückt von ihrem "afrikanischen Gesäß", wie er mitteilte; ihre Huldigung: "Alberto ist so vital." Vorletzte Woche veröffentlichte das italienische Nachrichtenmagazin L'Espresso, dem Moravia als Filmkritiker diente, Auszüge aus einem prospektiven Schlager der Frankfurter Buchmesse, aus Moravias Autobiographie. Erkenntnis: "Mein Leben ist ein Chaos, die einzige Verbindungslinie sind meine literarischen Werke." Alberto Moravia starb am vergangenen Mittwoch in Rom.

DER SPIEGEL 40/1990
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