Lade Daten...
Inhaltsverzeichnis

Medien

Auf Krawall getrimmt

Medien-Tycoon Rupert Murdoch braucht dringend ein paar Milliarden, an Neuerwerbungen ist kaum zu denken.

Er schien einer von jenen Männern zu sein, denen alles glückt. Stück für Stück kaufte er sich in nur zehn Jahren einen der größten Medienkonzerne der Welt zusammen. Er galt als mächtig und reich. Doch er machte einen Fehler: Er pumpte sich zuviel Geld.

Umstritten war Rupert Murdoch, 59, schon lange. Das Nachrichtenmagazin Time bezeichnete ihn mit einem gewagten Bild als "Hai im Gewand einer Schlange". Nun aber könnte sein ganzes Imperium aus Pressehäusern und Fernsehstationen, Buchverlagen und Filmstudios ins Wanken geraten.

Es scheint, als habe sich Murdoch, ähnlich wie die Finanzjongleure Alan Bond in Australien oder Donald Trump in den USA, übernommen. Fest steht, daß er und sein Konzern gut 12 Milliarden Mark Schulden haben. Gut 3 Milliarden davon sind kurzfristig fällig. Allein für Zinsen muß Murdoch in diesem Jahr fast 1,3 Milliarden Mark ausgeben.

Das ist sogar für einen Rupert Murdoch sehr viel Geld. Sein Konzern verfügt nur über 9,5 Milliarden australische Dollar (11,2 Milliarden Mark) Eigenmittel, der Gewinn sackte im Geschäftsjahr 1989/90 um 43 Prozent auf 282 Millionen Dollar (331 Millionen Mark).

Es ist noch nicht lange her, da beteuerte Murdoch: "Wir sind ein völlig gesundes Unternehmen." Inzwischen sieht auch er, woran sein Konzern in Wahrheit krankt: Seine Finanzierung, gesteht er ein, sei "ziemlich eng".

Das haben vor allem die Börsenprofis längst bemerkt. Die Aktienkurse von Murdochs weltweit operierender News Corporation fielen steil nach unten.

Murdoch muß nun den Preis für seine hemmungslose Expansionsstrategie der vergangenen Jahre zahlen. Allein von 1984 bis 1988 kaufte der Australier für fast zehn Milliarden US-Dollar Medienunternehmen zusammen. So erwarb er etwa für drei Milliarden die amerikanische Triangle Publications, einen der größten US-Verlage, der die Programmzeitschrift TV Guide mit 17 Millionen Auflage herausgibt.

Amerikas angesehener Buchverlag Harper & Row fiel ebenso in Murdochs Hände wie die Filmgesellschaft 20th Century Fox. In Großbritannien holte Murdoch den renommierten Buchverlag William Collins & Sons in sein Reich.

Der Australier erwarb schon 1985 die amerikanische Staatsbürgerschaft - vor allem deshalb, weil er sonst US-Fernsehstationen nicht hätte kaufen können. Seine Fox Television versuchte Murdoch als viertes nationales Fernsehsendernetz neben CBS, NBC und ABC zu etablieren - bislang vergebens.

Als besonderer Flop erwies sich für Murdoch das ehrgeizige Vorhaben, mit Hilfe seines britischen Senders Sky Television ein europäisches Fernsehen aufzubauen. Bislang mußte Murdoch über 700 Millionen Dollar in den Sender stecken. Frühestens in zwei Jahren dürfte Sky aus den roten Zahlen kommen.

Die Spielregeln, nach denen sein Medienreich wuchs und arbeitete, bestimmte Murdoch allein. Schon früh erwarb er sich den Ruf, eine Art Citizen Kane zu sein, wie der von Orson Welles verkörperte aggressive Zeitungskönig, der erbarmungslos in seinen Redaktionen wütet, um seine Blätter auf Krawall und Profit zu trimmen.

Murdoch, Absolvent der britischen Elite-Universität Oxford und Erbe eines kleinen australischen Verlegers, hatte sich zunächst in seiner Heimat Australien zum unangefochtenen Pressezar durchgeboxt. Ende der sechziger Jahre begann er sich für Großbritannien zu interessieren. Er wollte den arroganten Verlegern in der Londoner Fleet Street mit ihren kränkelnden Blättern zeigen, wie Geld verdient wird.

Murdoch verleibte sich die seriöse und angesehene Times ein, die fast 200 Jahre lang eine britische Institution war, und machte sie zu einem Allerweltsblatt. Die Times-Journalisten mußten den Ellenbogen-Kapitalismus Margaret Thatchers vertreten.

Die herabgewirtschaftete Boulevard-Gazette The Sun machte Murdoch zur profitabelsten, aber auch zur miesesten Zeitung des Landes. Seitdem arbeitet die Redaktion nach dem Motto: "Boobs, more boobs and bums" - Titten, noch mehr Titten und Hintern.

Sex, Tratsch und Hurra-Patriotismus verbindet Murdoch in seinen Blättern wie nur wenige andere Zeitungsverleger zu einer penetranten Mischung. Da reizten den Australier natürlich auch Blätter wie Bild und Bunte. Murdoch liebäugelte mit Beteiligungen an den Verlagen Springer und Burda.

Erste Annäherungsversuche sind gemacht. Murdoch plant mit seinem Freund Hubert Burda den Start eines großen Massenblattes, das im kommenden Jahr Springers Bild zunächst im Osten, später auch im Westen Deutschlands Konkurrenz machen soll.

Der Bau einer gemeinsamen Großdruckerei in Vogelsdorf bei Berlin ist bereits abgemacht. Allerdings bekam Burda wohl schon die Finanzklemme seines Partners zu spüren: Murdoch reduzierte, behaupten Insider, seinen Anteil an dem gemeinsamen Projekt.

Vorerst, das scheint sicher, hat Murdoch jedenfalls den Expansionsbogen überspannt. Weltweit kräftig steigende Zinsen, mit denen der Tycoon am allerwenigsten gerechnet hatte, bringen ihn zusätzlich in finanzielle Bedrängnis.

Statt an Neuerwerbungen zu denken, muß Murdoch alles daran setzen, die Gelder für den Schuldendienst zusammenzubringen. So will er mit der Ausgabe neuer Aktien frische Eigenmittel für seine News Corporation auftreiben.

Doch die Geldbeschaffungsaktion stößt in Australien, dem Sitz der Murdoch-Holding, auf heftigen Widerstand. Murdoch nämlich will, um seine Kontrolle in der Holding nicht zu verlieren, nur Aktien ausgeben, die stimmrechtslos oder mit begrenztem Stimmrecht ausgestattet sind. Das aber ist nach australischen Börsenvorschriften nicht zulässig.

Mit der Drohung, ins Ausland abzuziehen, versucht Murdoch nun die australischen Börsenaufseher zum Einlenken zu zwingen. Eile tut not. Noch halten Murdochs Gläubiger still. Insider sind überzeugt, daß seine Banken ihn so leicht nicht fallenlassen. Aber einige seiner großen Geldgeber wie etwa die New Yorker Citicorp stehen selbst finanziell alles andere als blendend da.

Wie dringend er Geld braucht, hat Murdoch bereits bewiesen, indem er Beteiligungen im Wert von 1,2 Milliarden Dollar verkaufte. Um zu sparen, hat er zudem aus vier seiner australischen Zeitungen zwei gemacht - er opferte dabei sogar den Melbourne Herald, den sein Vater begründet und geliebt hatte.

DER SPIEGEL 44/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

Inhaltsverzeichnis
Top

© SPIEGEL ONLINE 2013 Alle Rechte vorbehalten