„Geheimnis des Genscherismus“
SPIEGEL: Herr Genscher, Sie werden als gebürtiger Hallenser und DDR-Flüchtling der erste gesamtdeutsche Außenminister. Erfüllt sich für Sie ein Lebenstraum?
GENSCHER: Ja. Ich habe auf diesen Tag immer gehofft. Daß ich der erste Außenminister aller Deutschen werde, war mir nicht in die Wiege gelegt. Aber ich habe in meiner politischen Arbeit auf diesen Tag hingearbeitet.
SPIEGEL: Immer? Auch Sie haben lange Zeit der Zweistaatlichkeit das Wort geredet.
GENSCHER: Nein. Einer Zweistaatlichkeit habe ich nie das Wort geredet. Wohl aber galt es, in der Phase der Trennung Grundlagen zu schaffen für ein geregeltes Nebeneinander mit der DDR, im Interesse der Menschen und der Stabilität in Europa. Der Brief zur deutschen Einheit, an dem ich damals noch als Innenminister mitgewirkt habe, wies den Weg zur Einheit.
SPIEGEL: Es ist seltsam, wie viele Väter der Brief zur deutschen Einheit plötzlich bekommt - Rainer Barzel, Egon Bahr, Hans-Dietrich Genscher.
GENSCHER: Er trägt die Unterschrift von Walter Scheel, ich habe meinen Anteil als damaliger Innen-, also auch Verfassungsminister daran, denn die Verträge mußten dem Verfassungsauftrag des Grundgesetzes zur Einheit entsprechen. Und bei den Beratungen der Schlußakte von Helsinki habe ich den Gesprächspartnern in Moskau immer wieder klargemacht, daß die deutschen Außengrenzen nicht in Frage gestellt würden, daß aber die Option erhalten bleiben müsse, die deutsch-deutsche Grenze zu überwinden.
SPIEGEL: Damit wurde nur formal dem Verfassungsgebot Rechnung getragen.
GENSCHER: Offensichtlich haben wir ein gänzlich unterschiedliches Verfassungsverständnis. Es ging nämlich um eine reale Option. Die Entwicklung der Jahre 1989 und 1990 haben mir damit recht gegeben. Ich habe schon 1966 in einem Artikel eine europäische Sicherheitsordnung beschrieben, unter der die deutsche Vereinigung möglich werden könnte. Die Grundphilosophie dieses Artikels stellt genau den Rahmen dessen dar, was heute geschehen ist.
SPIEGEL: Welchen Anteil hat überhaupt die Politik an der deutschen Einheit? Die Politiker sind doch den Umwälzungen in Europa hinterhergelaufen.
GENSCHER: Für manche Politiker trifft das sicher zu, nicht für mich. Meine Auffassung war immer: Politik hat Perspektiven zu eröffnen und Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen sich solche Umwälzungen vollziehen können. Die deutschen Ost-Verträge und die KSZE-Schlußakte gehören dazu. Sie wissen, wie hart beide im Deutschen Bundestag umkämpft waren. Im übrigen habe ich in jedem Jahr - wir sprechen ja hier in New York - das Ziel der deutschen Einheit auf die Tagesordnung der internationalen Politik, nämlich die der Vereinten Nationen, gesetzt.
SPIEGEL: Das waren Pflichtübungen. Auch Sie haben die Weltorganisation nicht mit dem deutschen Problem belasten wollen.
GENSCHER: Für mich war das eine Herzenssache, so, wie für mich auch die deutsche Einheit eine Herzenssache und keine Pflichtübung ist. Die Voraussetzungen, die eine Vereinigung möglich machten, mußten vor allem in Europa geschaffen werden. Die Schritte der bundesdeutschen Nachkriegspolitik haben dorthin geführt. Auf die Westeingliederung folgte die Vertragspolitik mit dem Osten. Darauf kam es zur KSZE-Schlußakte, dem großen Entwurf des Zusammenlebens der Völker in Europa mit den Grundelementen Menschenrechte, Selbstbestimmungsrecht und Zusammenarbeit. Ich habe gesagt, Europa wird sich nicht über Nacht verändern, die Schlußakte wird aber Veränderungen in den sozialistischen Staaten auslösen.
SPIEGEL: Fast jeder in Bonn will heute ein entschlossener Kämpfer für die Wiedervereinigung gewesen sein. Die CDU überlegte noch vor einem Jahr, das Wiedervereinigungsgebot aus ihrem Programm herauszustreichen.
GENSCHER: Man sollte das nicht überbewerten. Die Menschen in der DDR aber wissen genau, wer Außenpolitik immer als Außenpolitik für alle Deutschen verstanden hat. Im übrigen möchte ich mich zu früheren Irrtümern anderer nicht äußern, genausowenig wie zu der Idee, beim Nato-Gipfel im Mai 1989 die Stationierung neuer nuklearer Kurzstreckenraketen in Europa zu beschließen, obwohl zu dieser Zeit der Eiserne Vorhang bereits zerfiel.
SPIEGEL: Bundeskanzler Kohl stand hinter dieser Idee.
GENSCHER: Das kann man so nicht sagen. Ich habe mich am 27. April 1989 im Deutschen Bundestag auf meinen Eid als Mitglied der Bundesregierung berufen, der mich auf das Wohl aller Deutschen, auch der in der DDR, verpflichtet. Das alles zeigt, wie wichtig es ist, historische Dimensionen der Politik richtig einzuschätzen. Man kann das nur, wenn man politische Entwicklungen mit einem klaren Konzept verfolgt und nicht auf aktuelle Ereignisse reagiert. Das ist das Geheimnis des Genscherismus. Erst war er umstritten, jetzt erfährt er breite Unterstützung.
SPIEGEL: Haben Sie bei aller Freude über die Einheit gelegentlich auch Anflüge von Beklommenheit, wenn Sie an das Potential dieses neuen Deutschland denken?
GENSCHER: Nein. Wir dürfen und müssen positiv bewerten, daß diese Einheit sich nicht in einem nationalen Überschwang vollzieht.
SPIEGEL: Auch ein Freund der Deutschen wie der französische Außenminister Roland Dumas sagt, Deutschland stehe in dem Ruf, der Versuchung zur Hegemonie zu erliegen.
GENSCHER: Eine solche Versuchung sehe ich nicht. Ich sehe das nicht als Problem . . .
SPIEGEL: . . . sondern?
GENSCHER: Das Problem, daß wir in ein größeres weltpolitisches Gewicht hineinwachsen. Das ist so aufgrund der geographischen Lage, wegen der gewachsenen Zahl unserer Bürger und wegen unserer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Deshalb sage ich: Dieses größere Gewicht wollen wir nicht für mehr Macht, sondern für mehr Verantwortung nutzen. Wir wollen dieses vereinte Deutschland in die Europäische Union einbringen, wir bieten den anderen Europäern weitere Souveränitäts-Einschränkungen um Europas willen an. Das ist auch der Auftrag des Grundgesetzes. Wir wollen den KSZE-Prozeß stärken.
SPIEGEL: Das klingt arg nach Sonntagsrede. In Wahrheit wird dieses um 16 Millionen Leute stärkere Deutschland mit seiner ohnehin dominierenden Währung Vormacht in Europa sein.
GENSCHER: Warum soll nicht auch sonntags Gutes gesagt werden? Ihre Frage klingt noch sehr nach nationalstaatlichem Denken. Die deutsche Zukunft dürfen wir nicht mit dem Zollstock der Vergangenheit messen, indem wir Nationalstaaten und nationale Volkswirtschaften vergleichen. Der Zollstock der Zukunft ist der am 1. Januar 1993 in Kraft tretende gemeinsame europäische Binnenmarkt. Dazu kommt unsere Offerte an die Staaten Europas, die nationalen Währungen durch eine Gemeinschaftswährung abzulösen, die aber eine Stabilitätswährung sein muß.
SPIEGEL: Deswegen bremst der CSU-Finanzminister Theo Waigel bei der europäischen Währungsunion. Werden Sie sich gegen Waigel durchsetzen?
GENSCHER: Die richtige wirtschafts- und währungspolitische Einsicht durchzusetzen, darauf setze ich seit langem. Wir würden uns eines Teils der großen Chancen des europäischen Binnenmarkts berauben, wenn wir uns den Luxus leisteten, an verschiedenen Währungs- und Finanzpolitiken festzuhalten. Stellen Sie sich mal vor, wie es um die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der USA stände, falls es in ihrem Binnenmarkt zwölf verschiedene Währungsgebiete gäbe.
SPIEGEL: Verpfänden Sie Ihr Wort, daß die Währungsunion zum 1. Januar 1993 kommt?
GENSCHER: Sie sollten wissen, daß die Schaffung der Europäischen Währungs- und Wirtschaftsunion in einem dreistufigen Prozeß stattfindet. Die erste Stufe hat bereits am 1. Juli dieses Jahres begonnen. Die zweite Stufe soll am 1. Januar 1993 beginnen. Ich werde alles, was in meinen Kräften steht, dafür tun, daß dieser Prozeß zügig voran geht. Das ist aber nicht nur eine Frage der deutschen Regierung, sondern auch anderer Regierungen. Die Zahl und der Einfluß der Regierungen, die so denken wie ich, wird größer. Im übrigen erinnere ich an den gemeinsamen Brief von Bundeskanzler Kohl und Präsident Mitterrand an die irische Präsidentschaft vom 18. April dieses Jahres. In diesem Brief haben beide ihr Ziel bekräftigt, daß die grundlegenden Reformen zur Schaffung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion am 1. Januar 1993 nach Ratifizierung durch die nationalen Parlamente in Kraft treten.
SPIEGEL: Wollen Sie die Hegemonie der Mark?
GENSCHER: Im Gegenteil, eine europäische Währungsunion ist ja genau die Absage an die Hegemonie einer nationalen Währung. Aber Priorität der Geldwertstabilität und Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank, das wollen wir schon, und die anderen auch.
SPIEGEL: Wie definieren Sie "Hegemonie"?
GENSCHER: Als den Versuch, politisches, militärisches, ökonomisches oder sonstiges Gewicht einzusetzen, um anderen den eigenen Willen aufzuzwingen.
SPIEGEL: Wenn Sie diese Definition auf die europäische Währungspolitik übertragen, ergibt sich die deutsche Hegemonie ziemlich zwingend.
GENSCHER: Das Wort von der Hegemonie träfe dann zu, wenn wir verlangen würden: Die D-Mark bleibt, und alle anderen haben sich der D-Mark gefälligst anzuschließen. Das Gegenteil wollen wir, nämlich die Europäische Zentralbank, und die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion.
SPIEGEL: Der Furcht vor einer Germanisierung Europas begegnen Sie mit dem Satz von Thomas Mann: "Wir wollen ein europäisches Deutschland, nicht ein deutsches Europa." Ist denn unser Land auf diese Rolle vorbereitet?
GENSCHER: Ich glaube, daß die Bürger bei uns auf eine Europäisierung unserer Politik besser vorbereitet sind als die Bürger anderer Staaten. Für uns wurde nach dem Krieg mit der Aufgabe von Souveränitätsrechten - Beitritt zur EG und Nato - die Rückkehr in die Gesellschaft der zivilisierten Staaten möglich. Das macht es uns leichter als denjenigen Staaten, die zu Beginn des Zweiten Weltkrieges noch Weltreiche waren und jetzt in einer solchen Gemeinschaft als gleichberechtigte Mitglieder Entscheidungsbefugnisse mit anderen teilen müssen.
SPIEGEL: Ist das vereinigte Deutschland eine Großmacht oder gar eine Weltmacht neben den USA und der Sowjetunion?
GENSCHER: Nein, das sind wir nicht, und das wollen wir nicht sein. Im übrigen wird sich auch die Rolle der Groß- und Weltmächte in der neuen Weltordnung ändern. Diese neue Weltordnung wird auf regionalen Zusammenschlüssen, Abtretungen von Souveränitätsrechten, größerer Autorität der Uno und zahlreichen souveränitätseinschränkenden Abmachungen beruhen. Die Welt ist eine Überlebensgemeinschaft. Alle Staaten sind voneinander abhängig.
SPIEGEL: Margaret Thatcher hält nicht viel vom weiteren Souveränitätsverzicht zugunsten europäischer Institutionen, weil die Deutschen dennoch stets eine beherrschende Rolle spielen würden.
GENSCHER: Das wird der Zukunftsperspektive eines neuen Europa und auch der neuen KSZE nicht gerecht. Die Zukunft kann nur mit kühnen Visionen und Perspektiven gestaltet werden. Im übrigen wird es Investitionen aus dem Ausland auf dem Gebiet der heutigen DDR geben, die gerade diesen Teil Europas beachtlich europäisieren. Das vereinigte Deutschland wird eine Politik des guten Beispiels treiben. Das wird eine seiner großen Tugenden sein. In vier Jahren wird Deutschland mit Abstand weniger Streitkräfte haben als heute allein die Bundesrepublik.
SPIEGEL: Auch mit 370 000 Mann haben wir eine der stärksten Armeen.
GENSCHER: Ich hoffe, daß andere unserem Beispiel folgen. Noch gibt es Armeen, die stärker sind als wir. Wenn es Reduktionen auch in anderen europäischen Staaten gibt, können auch wir unsere Truppen weiter abbauen.
SPIEGEL: Auch bei der politischen Union wollen Sie den anderen Europäern das Modell Deutschland, seine föderative Struktur, überstülpen.
GENSCHER: Niemand will einen europäischen Zentralstaat. Deshalb spricht Präsident Mitterrand von einer Konföderation für ganz Europa. Das föderative Modell der Bundesrepublik taugt in abgewandelter Form sehr gut für Europa. Wir sind eines der wenigen Länder, die schon Erfahrungen mit dem Föderalismus haben. Einen europäischen Zentralstaat, in dem von Brüssel entschieden wird, ob in Schottland oder Bayern, in Portugal oder in Sizilien eine Schule gebaut wird, will niemand.
SPIEGEL: Herr Genscher, Sie werden nicht müde zu wiederholen, das neue Deutschland solle ein gutes Beispiel geben, größere Verantwortung übernehmen, aber auf keinen Fall mehr Macht anstreben. Was steckt hinter solchen Worthülsen?
GENSCHER: Für mich hat die Politik des guten Beispiels eine historische Dimension. Das ist eine sehr ernste Sache. Wer die europäische Geschichte kennt, weiß, wie wichtig das ist. Wer die deutsche Sprache kennt, weiß, daß es zwischen Macht und Verantwortung einen großen Unterschied gibt. Wir wollen nicht Machtpolitik, wir wollen unserer Verantwortung gerecht werden gegenüber künftigen Generationen beim Umweltschutz und bei der Friedenssicherung. Diese Verantwortung wird zum Beispiel darin deutlich, daß wir uns der Herausforderung in Mittel- und Osteuropa stellen.
SPIEGEL: Mit wie vielen Milliarden im Jahr?
GENSCHER: Dieses ist nicht nur eine finanzielle Frage. Wir haben schon viel getan. Wir begründen so ein neues Verhältnis zur Sowjetunion und den anderen Staaten Mittel- und Osteuropas. Die Mauer aus Stein ist weg. Wir wollen keine Mauer der wirtschaftlichen und sozialen Unterschiede. Wir müssen auch mehr Verantwortung für die Entwicklung der Europäischen Gemeinschaft, der Europäischen Union übernehmen. Wir müssen die globalen Herausforderungen annehmen, nachdem wir den Ost-West-Gegensatz mit seinem sinnlosen Rüstungswettlauf beendet haben. Der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen muß weltweit auch Teil einer zielgerichteten Friedens- und Entwicklungspolitik sein. Wir brauchen eine neue gerechtere Weltordnung. Und an der wollen wir mitwirken.
SPIEGEL: Ein neues Schlagwort?
GENSCHER: Nein. Die globalen Herausforderungen gehen uns alle an. Sie werden immer mehr Weltinnenpolitik. Und dafür brauchen wir eine neue Weltordnung, die sich auf Zusammenarbeit und Zukunftssicherung gründet.
SPIEGEL: Und wie soll sie funktionieren?
GENSCHER: Die politischen Entscheidungszentren müssen endlich den Zusammenhang zwischen Abrüstung, Entwicklung und Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen erkennen. Das Gewicht der Uno wird steigen, eine internationale Rechtsordnung wird immer mehr Wirksamkeit entfalten.
SPIEGEL: Die Erkenntnis ist alt. Sie hat zu nichts geführt. Bevölkerungswachstum, Ressourcenverbrauch, Umweltvernichtung gehen ungebremst weiter.
GENSCHER: Alle lernen dazu. Solange der Familienverband in armen Ländern - bei weit über einer Milliarde Menschen mit weniger als 370 Dollar Jahreseinkommen - die einzige Form der Altersversorgung ist, ist es ziemlich arrogant, vom Norden der Erdkugel, aus sicheren sozialen Verhältnissen, zu weniger Kindern aufzufordern. Wir müssen begreifen, daß Armut und Kinderreichtum, Entwicklung und Schutz natürlicher Lebensgrundlagen nicht voneinander getrennt werden können.
SPIEGEL: Solche Sprüche gehörten schon vor 20 Jahren zum Repertoire von Sonntagsrednern und Entwicklungspolitikern.
GENSCHER: Für viele, viele Menschen ist das bittere Wahrheit. Sie machen es sich zu einfach, wenn Sie sich immer und immer wieder an der Worthülse "Sonntagsrede" begeistern. Seien wir froh, daß der West-Ost-Konflikt überwunden werden konnte. Jetzt ist ein mindestens so revolutionäres neues Denken erforderlich wie jenes, welches zur Veränderung des West-Ost-Verhältnisses führte. Wenn arme Staaten ihre Kassen dadurch aufbessern, daß sie den Giftmüll der Industriegesellschaften aufnehmen oder ihre natürlichen Ressourcen verschleißen, dann liegt zumindest ein Teil der Verantwortung mit im Norden. Und wenn die Industriestaaten eine gigantische Energieverschwendung betreiben, dann ist es Zeit zur Umkehr. Wenn Sie ein Umweltbelastungskonto der Welt aufmachen, dann werden Sie feststellen, daß nur wenige Prozente der Menschheit dieses Konto fast allein in Anspruch nehmen. Also muß sich im Verhältnis von Völkern und Regionen im Ausmaß der Ressourcennutzung Grundlegendes ändern im Sinne ökologisch verträglicher Nutzung der Natur.
SPIEGEL: Werden Sie dafür eintreten, daß die Mittel für eine ökologisch orientierte Entwicklungshilfe deutlich aufgestockt werden?
GENSCHER: Ja. Aber es ist nicht allein eine Frage der Beträge für die Entwicklungshilfe . . .
SPIEGEL: . . . aber auch.
GENSCHER: Richtig. Aber es ist eine Frage unseres eigenen glaubwürdigen Umweltverhaltens zu Hause. Wir müssen unter den Industriestaaten über den Energie- und Ressourcenverbrauch Tacheles reden und uns auf ein globales Umweltkonzept verständigen. Dieses Konzept verlangt vor allem eine andere Energiepolitik der reichen Länder.
SPIEGEL: Sind Sie für eine zusätzliche Mineralölsteuer von 50 Pfennig für den Liter Benzin?
GENSCHER: Hilft das wirklich weiter? Ich glaube nicht. Energieverbrauch ist doch mehr als Benzinpreis, wie wir gerade erleben.
SPIEGEL: Sie weichen aus . . .
GENSCHER: Keineswegs - meine Ablehnung ist deutlich genug. Ich sage klar: nein. Wir müssen nur wirklich alle Probleme offen auf den Tisch legen. Wenn es zum Beispiel stimmt, daß Saudi-Arabien durch die Ölpreiserhöhung in der Golfkrise pro Tag 100 Millionen Dollar mehr einnimmt - für Saudi-Arabien und andere Golfstaaten zusammen sind es fast 200 Millionen Dollar, das macht sechs Milliarden Dollar im Monat -, dann ist das sicher keine umweltpolitische Maßnahme. Leidtragende sind die Staaten in der Dritten Welt, die jahrelang gearbeitet haben, um aus dem Schuldenloch herauszukommen, und jetzt zurückgestoßen werden durch eine unbezahlbare Ölrechnung.
SPIEGEL: Was folgt daraus?
GENSCHER: Das bedeutet, daß wir alle gefordert sind, um eine neue Weltinnenpolitik zu formulieren.
SPIEGEL: Sie müssen die Reichen zum Verzicht bringen zugunsten der Habenichtse.
GENSCHER: Richtig. Es gibt eine elementare, aufs Überleben gerichtete Interessenidentität. Wenn Sie schon von Verzicht sprechen, dann ist auch Verzicht auf Fehler gemeint, aber gewiß nicht Verzicht auf wirkliche Lebensqualität. Umweltverschmutzung ist das Gegenteil von Lebensqualität. Wir müssen uns besinnen auf "das Prinzip Verantwortung", um zu erkennen, daß wir im Norden nicht über unsere Verhältnisse - ich meine das jetzt nicht im finanziellen Sinne - leben dürfen.
SPIEGEL: Wie kann man ernsthaft sagen, man wolle das Wort "Verzicht" nicht in den Mund nehmen?
GENSCHER: Wer will das? Es kommt darauf an, was man unter "Verzicht" versteht. Verzicht auf Energieverschwendung, Verzicht auf Umweltübernutzung, Verzicht auf ökologische Unvernunft - wer wollte das nicht aussprechen?
SPIEGEL: Zum Beispiel einen Verzicht auf weiteren Raubbau an Ressourcen.
GENSCHER: Richtig.
SPIEGEL: Ausgerechnet der am längsten dienende Außenminister der Welt will auf seine alten Tage noch die Welt neu ordnen?
GENSCHER: "Alte Tage" möchte ich überhört haben. Aber dringlich ist eine neue Weltordnung zur Bewältigung aller globalen Herausforderungen: Frieden, Abrüstung, Entwicklung, Schuldenkrise, Umweltschutz. Einiges habe ich dazu beigetragen, daß wir für Europa einiges neu und zum Besseren ordnen konnten. Daß neues Denken möglich wurde - der Genscherismus gehört dazu. Der Weg zu dem, was wir jetzt erleben, war ein langer Weg. Nun muß man weitergehen, weil auch Europa nicht eine Insel der Seligen sein kann. Ich räume ein, es wird ein sehr mühevoller Weg sein.
SPIEGEL: Gehört zu Ihrer neuen Weltordnung auch der weltweite Einsatz der Bundeswehr?
GENSCHER: Die neue Weltordnung bedeutet neue Strukturen des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit, bedeutet Achtung vor gewachsenen Kulturen, Nationen, Religionen, sie bedeutet größere Autorität der Vereinten Nationen und auch größere Handlungsfähigkeit der Weltorganisation. Dafür sollten wir in der Verfassung die Möglichkeit vorsehen, daß deutsche Soldaten an Friedensmissionen der Uno beteiligt werden können. Aber das heißt nicht, daß wir an jeder teilnehmen müssen. Es müssen Missionen sein, denen wir zugestimmt haben. Auch die SPD hat sich im Prinzip schon positiv geäußert.
SPIEGEL: Was halten Sie von Überlegungen im Kanzleramt, die Verfassungsänderung nicht auf Uno-Missionen zu begrenzen, sondern den Einsatz von Bundeswehrtruppen in multinationalen Verbänden - etwa einer KSZE-Streitmacht der Zukunft - zu ermöglichen?
GENSCHER: Ich habe derlei Erwägungen aus dem Kanzleramt nicht gehört. Die Bundesregierung will Einsätze durch Beschlüsse der Uno ermöglichen. Auch in dem Gespräch, das der Bundeskanzler und ich mit der Führung der Opposition geführt haben, war ausschließlich die Rede von Uno-Einsätzen. Für weitergehenden Ehrgeiz besteht kein Anlaß. Und dabei wird es bleiben.
SPIEGEL: Im Augenblick sieht es so aus, als ob am Beginn der neuen Weltordnung eine klassische militärische Auseinandersetzung steht.
GENSCHER: Die irakische Aggression ist schlimm genug. Aber sie verstärkt den Ruf nach einer neuen Weltordnung. Das macht die Konzeption einer neuen Weltordnung der Kooperation und Gleichberechtigung der Staaten, unabhängig von ihrer Größe, nur noch dringlicher. Aber Aggression bleibt Aggression. Ihr muß von der ganzen Welt schon aus Gründen der Bewahrung internationalen Rechts entgegengetreten werden. Je deutlicher das geschieht, desto größer ist die Aussicht für ein Einlenken Saddam Husseins ohne militärische Aktion.
SPIEGEL: Vorher könnte die Golfkrise den dritten Weltkrieg auslösen, sagt Uno-Generalsekretär Perez de Cuellar.
GENSCHER: So hat er das nicht gesagt. Ich habe ihn in New York zuversichtlich gehört. Ich glaube, es gibt noch immer eine Chance, daß Kuweit mit großer internationaler Solidarität letztlich vom Irak aufgegeben wird. Diese Chance muß man mit aller Kraft nutzen.
SPIEGEL: Ist das mehr als Berufsoptimismus?
GENSCHER: Ja, aber mir ist ja oft nachgesagt worden, ich würde Entwicklungen herbeireden. Und wenn ich zurückblicke, will ich nicht bestreiten, daß es Lagen gegeben hat, wo ich das bewußt getan habe, um eine aussichtsreiche Entwicklung nicht versanden zu lassen. Das wäre in dieser sehr ernsten Lage zuwenig. Aber Zuversicht ist schon da.
SPIEGEL: Die Welt braucht also Hans-Dietrich Genscher?
GENSCHER: Fragen Sie die Welt und die deutschen Wähler. Was mich selbst angeht, mir macht meine Arbeit in einer Zeit, in der ich die Früchte jahrzehntelanger Arbeit ernten kann, große Freude, und der Zuspruch aus der Bevölkerung bestärkt mich.
Wenn Sie mir eine zusätzliche Bemerkung erlauben: Als jemand, der von Anfang an versucht hat, Politik für alle Deutschen zu machen, beschäftigt mich nicht weniger als die Außenpolitik die staatliche und die wirtschaftliche Vereinigung. Und es geht auch um die innere Vereinigung unseres Volkes, und es geht um die allmähliche Heilung der Wunden, die ein System geschlagen hat, für das der Mensch wenig und die Ideologie alles bedeutet hat. Hier wird sich jeder von uns bewähren müssen. Solidarität und Brüderlichkeit sind gefragt.
SPIEGEL: Herr Genscher, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Von Kiessler, Funk und Koch
