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DER SPIEGEL

Das Große Schmieren

Korruption in Deutschland (I): Bismarcks Reptilienfonds / Von SPIEGEL-Redakteur Heinz Höhne *
Mit Bestechung hat alles angefangen. Es war eine "großartige Schmiererei" (so ein Mitwisser), die das Räderwerk des modernen Deutschland in Gang setzte: Die Millionen des Bankhauses Gerson Bleichröder sicherten die Reichsgründung, die Korrumpierung eines geistig gestörten Königs verschaffte den Hohenzollern die Kaiserkrone.
Keine Spur aber verriet, wie gekungelt worden war. Quittungen gab es nicht, die Geldanweisungen waren sofort wieder vernichtet worden. Eine kleine Bewegung auf einem Bankkonto - mehr war es nicht gewesen.
Die Geschichte hatte im November 1870 gespielt, mitten im Krieg gegen Frankreich, als Otto von Bismarck, preußischer Ministerpräsident und Kanzler des Norddeutschen Bundes, in der luxuriösen Villa der Tuchfabrikantin Jesse im deutschbesetzten Versailles daran gegangen war, ein Deutsches Reich nach seinem Willen zu schaffen.
Er hatte schon nahezu alles geregelt: Die meisten Fürsten und die Öffentlichkeit waren für die Idee eines neuen deutschen Kaiserreiches gewonnen, die Gegner des Einigungsprojekts ausmanövriert. Selbst die süddeutschen Staaten, allen voran Bayern, hatten eben nach mühseligen Verhandlungen zugestimmt, dem Norddeutschen Bund beizutreten, der sich damit zum Deutschen Reich erweiterte.
Fehlte nur der Mann, der dem immer noch zögerlichen Preußenkönig die Würde eines deutschen Kaisers formell antragen konnte. Dafür kam nur einer in Frage, der Souverän des nach Preußen größten deutschen Staates: Bayerns romantisch-irrlichternder König Ludwig II.
Der aber zeigte keine Lust, die Rolle eines "preußischen Präfekten" zu spielen, wie er das nannte. Auch die Bittbriefe hoher Verwandter, die für die Hohenzollern-Kandidatur plädierten, konnten Ludwig nicht umstimmen. Ein Preuße auf dem deutschen Kaiserthron - für den Bayern eine Ungeheuerlichkeit.
Bismarck wollte schon auf Ludwigs Hilfe verzichten, da reichte ihm ein Beamter ein gerade eingegangenes Telegramm, das dem Kanzler Rettung verhieß. Das Telegramm stammte von dem preußischen Gesandten in München, Freiherrn von Werthern, der unter dem 16. November 1870 meldete: _____" Ganz Geheim! Der König von Bayern ist durch Bauten " _____" und Theater in große Geldverlegenheit geraten. Sechs " _____" Millionen Gulden würden ihm sehr angenehm sein, " _____" vorausgesetzt, daß die Minister es nicht erfahren. Für " _____" diese Summe würde er sich auch zur Kaiserproklamation und " _____" Reise nach Versailles entschließen. "
Sofort nutzte Bismarck die Chance, sich Ludwigs Mitarbeit zu kaufen. Er hörte auch aus anderen Quellen, daß Bayerns bauwütiger König schwer verschuldet und bisher immer nur mit äußerster Mühe dem Bankrott entgangen war.
Anfangs hatte der König noch gehofft, daß ihm seine in Versailles verhandelnden Minister den Canossagang zu Bismarck ersparen würden. Ministerpräsident Graf von Bray-Steinburg war angewiesen, Bayerns Eintritt in den Norddeutschen Bund nicht zuletzt von der Zahlung einer veritablen preußischen _(Vorn links mit Dokument: Bismarck. )
Geldsumme in Ludwigs Privatschatulle abhängig zu machen.
"Seine Majestät der König", so der Kabinettssekretär Eisenhart am 31. Oktober in einem verschlüsselten Brief an Bray, "haben mich wiederholt beauftragt, Euer Excellenz mitzuteilen, daß Allerhöchstdieselben der angenehmen Hoffnung leben, es werde Euer Exc. gelingen, für Seine Majestät 2 Millionen zu ermitteln."
Doch dem Premier Bray waren solche Winke aus dem Königspalast peinlich, er ignorierte einfach die Wünsche seines Königs. Er schloß mit Bismarck ab, ohne auch nur einmal die Geldfrage aufgeworfen zu haben. Nun mußte Ludwig selber aktiv werden - daher der Tip an den preußischen Gesandten Werthern.
Als die erhofften guten Nachrichten von Bray ausblieben, setzte Ludwig einen Mann ganz anderer Art nach Versailles in Marsch: den Oberststallmeister Max Graf von Holnstein, einen derbdeftigen Bajuwaren, als "Roßober" von König und Volk eher gefürchtet als geschätzt. Der war Manns genug, Bismarck ohne große Worte sofort zur Kasse zu bitten.
Am 27. November stand Holnstein in der Villa Jesse dem Kanzler gegenüber; die beiden Männer verstanden sich auf Anhieb. Über das Geschäft verständigte man sich schnell: 300 000 Goldmark jedes Jahr an den König bis zu seinem Tod, als Gegenleistung dafür ein Schreiben Ludwigs an den preußischen König Wilhelm I. mit der Bitte, gütigst die Kaiserkrone zu akzeptieren.
Bismarck wollte dem Bayern gerade detailliert erläutern, was in dem Brief alles stehen müsse, da hatte der Besucher eine Idee. Holnstein: "Wissen S'' was, Exzellenz, schreiben S'' gleich selbst einen Brief auf, so wie er sein soll, sonst gibt es hintennach doch wieder Anstand."
Bismarck war einverstanden. Er holte Schreibzeug herbei und fing an, den Brief zu formulieren, den er, so hat es Bismarck selber dargestellt, "um die Beförderung nicht zu verzögern, sofort an einem abgedeckten Eßtisch auf durchschlagendem Papier und mit widerstrebender Tinte schrieb".
Jetzt mochte Holnstein keine Zeit mehr verlieren, wußte er doch nur zu gut, wie wankelmütig sein hoher Herr war. Er mußte den Ludwig-Brief haben, ehe es sich der König wieder anders überlegte. So reiste Holnstein auf schnellstem Weg nach München und dann nach Schloß Hohenschwangau, in das sich Ludwig zurückgezogen hatte.
Doch kaum hörte der König den polternden Schritt des Roßober, da sperrte er sich in sein
Schlafzimmer ein und flüchtete ins Bett unter dem Vorwand, er habe Zahnschmerzen. Stundenlang hockte Holnstein vor der Tür des Schlafzimmers und verlangte, den König zu sprechen, immer lauter und drängender.
Nach fünf Stunden durfte er endlich ins Schlafzimmer, worauf ein endloses Palaver anhob. Erst mochte der Mann im Bett von der ganzen Sache nichts hören, dann wollte er das Briefschreiben verschieben, schließlich jammerte er, im Augenblick habe er ja nicht einmal das richtige Briefpapier.
Da wurde es dem Roßober zuviel. Er zog seine Taschenuhr hervor und schnauzte, Schlag sechs Uhr müsse er Hohenschwangau verlassen und nach Versailles zurückfahren, das habe er Bismarck versprochen; wenn der König bis dahin nicht geschrieben habe, sei alles verloren: Geld, Einfluß, Thron. Das wirkte. Plötzlich fand Ludwig sein Papier wieder und begann bei Bismarck brav abzuschreiben: "Allerdurchlauchtigster Großmächtigster Fürst! Freundlich lieber Bruder und Vetter ..."
Freudig konnte Werthern am 1. Dezember seinem Chef melden, soeben sei Holnstein in München mit dem "gewünschten Brief" aufgetaucht und werde nach Versailles weiterreisen. Jetzt machte der Bayer wahr, was Bismarck, ein Champagnerglas in der Hand, schon Tage zuvor seinen Mitarbeitern angekündigt hatte: "Die deutsche Einheit ist gemacht und der Kaiser auch."
Keiner der vielen deutschen Patrioten, die sechs Wochen später die Kaiserproklamation im Spiegelsaal des alten Bourbonenschlosses in Versailles bejubelten, ahnte etwas von dem dubiosen Geschäft, das den Feierakt erst möglich gemacht hatte. Selbst der neue Kaiser wurde im dunkeln gelassen; er durfte nicht einmal erfahren, daß Bismarck den Ludwig-Brief bestellt hatte.
Der Kanzler verließ sich auf die Diskretion seines Bankiers Bleichröder, der fortan Jahr um Jahr aus Staatsmitteln dem Bayernkönig die verabredete "Jahrespension" auszahlte. 14 Jahre lang flossen die Bestechungsgelder in die Königliche Kabinettskasse in München, insgesamt 5,2 Millionen Goldmark - meist in Berlin, zuweilen auch in der Schweiz abgeholt von Holnstein oder dessen Beauftragten, einem Hofrat Böhm.
Nicht jede Mark erreichte freilich den König, denn Vermittler Holnstein mochte bei dem Geschäft nicht leer ausgehen: Er behielt von jeder Jahreszahlung des Hauses Bleichröder zehn Prozent für sich - der hilflose Märchenkönig nahm es hin, ja gab es Holnstein sogar noch schriftlich, daß er dazu berechtigt sei.
Als jedoch ein halbes Jahrhundert später die Wahrheit über Ludwigs "Kaiserbrief" herauskam, hatten die meisten deutschen Historiker einige Mühe, das Bestechungsstück zu verkraften. Viele ignorierten es einfach oder taten es als
"internationalen Klatsch" ab. Manche machen es noch heute.
Der Bismarck-Biograph Werner Richter meinte 1962, "so plumpe Bestechungsversuche" seien "von vornherein undenkbar", und selbst in Ernst Deuerleins Dokumentation über die deutsche Einigung, Taschenbuchausgabe von 1977, steht noch der treuherzige Satz, die Reichsgründung sei "nicht durch Geld erkauft oder bezahlt" worden, da ja Ludwig II. die erste Geldrate allenfalls nach der Kaiserproklamation erhalten habe.
Dabei bedürfte es gar nicht so angestrengter Argumentation, galt es doch bis in die Bismarckzeit unter Landesfürsten und anderen Hocharistokraten als völlig normal, sich Rechtstitel und politische Interessen abhandeln zu lassen - gegen saftige Entschädigungsgelder, versteht sich.
Die hohen Potentaten machten dabei fast immer einen guten Schnitt: Der Großherzog von Oldenburg ließ sich seine zweifelhaften Ansprüche auf Schleswig-Holstein für eine Million Taler (drei Millionen Mark) _(Der Taler wurde 1876 als deutsches ) _(Zahlungsmittel durch die Mark abgelöst ) _((ein Taler = drei Mark). )
abkaufen, der Herzog von Nassau kassierte eine Abfindungssumme in Höhe von 26,7 Millionen Mark, und auch der König der Niederlande war nicht abgeneigt, seine Souveränität über Luxemburg zu verhökern (er kam dann nicht mehr dazu).
Nur Hannovers störrischer Ex-König Georg V., der im Krieg von 1866 sein Land an die Preußen verloren hatte, wollte sich nicht an die Spielregeln halten. Er handelte zwar mit Bismarck einen Abfindungsvertrag aus, der ihm am Ende 16 Millionen Taler sicherte, fünf Millionen in bar und außerdem die Zinsen aus Georgs preußischen Wertpapieren, dennoch mochte er auf seine Thronansprüche nicht verzichten.
Im Gegenteil: Als sich Georgs Anhänger, die "Welfen", zum Widerstand gegen die preußischen Besatzer formierten, waren es seine Gelder und seine Parolen, die die hannoverschen Lokalpatrioten vorantrieben. Der ins Exil geflohene Ex-König ließ eine "Welfische Legion" aufstellen, mit der er Hannover zurückerobern wollte, während seine Agenten am Pariser Kaiserhof um französische Waffenhilfe im Kampf gegen den preußischen "Imperialismus" warben.
Bismarck schaute dem nicht lange zu, im März 1868 schoß er mit einer "Notverordnung" zurück: Er ließ den gesamten Privatbesitz des ehemaligen hannoverschen Königshauses beschlagnahmen und die Zinszahlungen an Georg stoppen. Schließlich könne man es, so Bismarcks
Begründung, Preußen nicht zumuten, die antipreußische Kampagne auch noch zu finanzieren.
Damit formaljuristisch alles seine Ordnung hatte, ließ er sich die Notverordnung nachträglich vom preußischen Landtag bestätigen. Ein parlamentarisches Kontrollrecht aber war damit nicht verbunden. Kein Abgeordneter hatte Einblick in die Verwaltung der Einkünfte aus dem Besitz des Königshauses, jetzt kurz "Welfenfonds" genannt, keine öffentliche Rechnungslegung gab Auskunft über Verwendung und Empfänger des Geldes.
Auch dafür hatte Bismarck ein Argument parat. Paragraph 2 der Notverordnung besagte, die Gelder aus dem Welfenfonds sollten vor allem "zur Überwachung und Abwehr der gegen Preußen gerichteten Unternehmungen des Königs Georg und seiner Agnaten" ( = Nachkommen) dienen. Da aber der Gegner, so Bismarck, im geheimen arbeite und folglich konspirativ bekämpft werden müsse, verbiete sich jede öffentliche Mitteilung über die Verwendung der in diesem Kampf eingesetzten Gelder.
Bismarcks linksliberalen Kritikern wurde unheimlich bei der Vorstellung, daß der autokratische Kanzler nun auch noch über einen völlig unkontrollierbaren Geheimfonds verfügen würde, den er einsetzen konnte, wo immer es ihm beliebte. Und es war ein "fetter Bissen" (so der Wirtschaftswissenschaftler Robert Nöll von der Nahmer), den sich Bismarck da gesichert hatte: Das unveräußerliche Vermögen des einstigen Königshauses, in preußischen Staatsschuldverschreibungen angelegt, wurde auf 39,7 Millionen Mark geschätzt.
Allein die jährlichen Zinsen davon betrugen 1,7 Millionen Mark. Das hieß praktisch: Jedes Jahr konnte der Kanzler diese Summe für seine eigenen, geheimen Zwecke ausgeben, ohne irgendjemandem in Preußen oder im Deutschen Reich darüber Rechenschaft abzulegen.
Als oppositionelle Abgeordnete kritisierten, ein so dubioser Geheimfonds werde nur zu zügelloser Schnüffelei führen, wurde Bismarck ärgerlich. "Sprechen Sie doch nicht von Spionierwesen", rief er. "Ich glaube, wir verdienen Ihren Dank, wenn wir uns dafür hergeben, bösartige Reptilien zu verfolgen bis in ihre Höhlen hinein, um zu beobachten, was sie treiben."
Der Reptilienfonds - ein Horrorbegriff war geprägt, schon in wenigen Jahren "Symbol für Bismarcks korrumpierenden Einfluß auf die deutsche Gesellschaft", wie der Historiker Fritz Stern urteilt. Bismarcks Reptilienfonds hatte in der Tat weitreichende Folgen: Er brachte das erste große Bestechungsgeld in die moderne deutsche Politik und verdarb Politiker und Journalisten, Parteien und Verbände.
Denn der Kampf gegen die welfische Agitation war nur die erste Aktion, die aus dem Reptilienfonds finanziert wurde. Die Welfen waren für das Centrale Nachrichtenbureau, wie sich die Geheimpolizei des verschlagenen Regierungsrats Wilhelm Stieber nannte, kein ernsthafter Gegner, zumal Stiebers Organisation finanziell hervorragend ausgestattet war: Neben dem Auswärtigen Amt erhielt sie die meisten Gelder aus dem Fonds.
Zwei Jahre genügten, um den Widerstand der Welfenpartei lahmzulegen. Stiebers Agenten unterwanderten die welfischen Geheimzirkel, schnüffelten in hannoverschen Redaktionen und enttarnten die konspirativen Verbindungen zwischen dem bei Wien lebenden Exilmonarchen und seinen Beauftragten im In- und Ausland.
Was Stieber und seine Leute übrigließen, erledigten die Bestechungsgelder des Reptilienfonds. Ein "Hannoverscher Preßfonds" wurde eingerichtet, mit dessen Geldern ein Redakteur nach dem anderen aus der welfischen Verweigerungsfront herausgekauft wurde, während jedem Offizier der Welfenlegion eine Jahrespension von 1200 Talern angeboten wurde, falls er bereit sei, sich von Georg V. loszusagen. Fast jeder willigte ein.
Am Ende wechselte auch Georgs Chefagent, ein Regierungsrat namens Oscar Meding, auf die preußische Seite über; ihm hatte Bismarck 2400 Taler pro Jahr zugesagt. Der Widerständler gehörte bald zu den eifrigsten Bismarckianern und ließ sich sogar dazu bewegen, vertrauliche Dokumente über die "Machenschaften" der Welfenpartei zu veröffentlichen.
Der Reptilienfonds aber hatte längst eine andere Stoßrichtung erhalten. Jetzt ging es nicht mehr um den Kampf gegen die Welfen, sondern einzig darum, Bismarcks Herrschaft im neuen Reich zu stützen. Wo immer es galt, Gegner auszutricksen und Helfer zu ermutigen - der Reichskanzler Bismarck zahlte und zahlte.
Mit Hilfe des jüdischen Aufsteigers Bleichröder, der zum Hauptverwalter des Reptilienfonds wurde, bestach der Kanzler Liberale und Sozialisten, honorierte Erzbischöfe und antiklerikale Redakteure, hielt einen französischen Marschall aus und subventionierte preußische Generale - immer von einer zentralen Überlegung getrieben: sich und das
altpreußische Klassenregime freizuhalten von den Kräften der demokratischen Moderne, die Gesellschaft einzustimmen gegen die Parteien, die seine Autokratie in Frage stellten.
Da konnte es passieren, daß der von Wilhelm Liebknecht redigierte "Sozialdemokrat" und der Arbeiterführer Jean Baptist von Schweitzer, der Nachfolger Lassalles, aus dem Reptilienfonds finanziert wurden, weil es dem Kanzler gerade paßte, die Sozialdemokratie als Gegengewicht zu den vorherrschenden liberalen Parteien aufzupäppeln.
Da konnte es Bismarck opportun erscheinen, einen seiner fanatischsten Gegner, den im Kulturkampf vertriebenen Kölner Erzbischof Melchers, mit einem Jahresgehalt in Höhe von 16 000 Mark auszustatten, galt es doch eben, sich mit der katholischen Zentrumspartei zu arrangieren.
Immer wieder zahlte Bismarck: dem Marschall Bazaine eine Pension, weil er im deutsch-französischen Krieg die Festung Metz hatte kapitulieren lassen, seinen beiden Gehilfen Busch und Bucher einen Zuschuß zur Pension, weil sie sich als des Kanzlers unentbehrliche Presse-Lobbyisten verdient gemacht hatten, dem Staatssekretär Bötticher ein "Darlehen" von 350 000 Mark, um dessen Schwiegervater, einen Reichsbankdirektor, vor einem Prozeß wegen Veruntreuung von Bankgeldern zu bewahren.
Nie wurde der Kanzler müde, mit den Geldern des Welfenfonds neue Verbündete zu gewinnen und alte Gegner abzuschrecken. Der Wiener Nuntius Galimberti, Helfer bei der Beendigung des Kulturkampfes in Deutschland - 50 000 Mark aufs Konto. Der ungarische Graf Csaky, der ein Bismarck belastendes Dokument wiederbeschafft hatte - 3000 Mark in die Tasche.
Bald genügte es Bismarck nicht mehr, sich einzelne Personen dienstbar zu machen. Allmählich gerieten ganze Institutionen in den Einflußbereich des Reptilienfonds, vor allem die drei großen P wurden laufend subventioniert: Polizei, Parteien und Presse.
Nach der Abkehr Bismarcks von seinen liberalen Partnern flossen die Gelder reichlicher denn je in die Kassen der politischen Polizei, zumal die plötzlich opportun gewordene "Bekämpfung der gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie", wie die Sozialistenverfolgung regierungsamtlich hieß, den Ausbau des Polizeiapparates erforderlich machte. Die summarisch-verschleiernden Angaben in den Welfenfonds-Akten verraten es: 1869 "für Abwehr" 265 000 Mark, 1878, im Jahr des Sozialistengesetzes, dagegen 1,2 Millionen Mark.
Es gab kaum noch eine politische Aktion der Polizei, der nicht ein Regen von "Gratifikationen" für die eingesetzten Beamten folgte. Das Handgeld fiel freilich nicht sonderlich üppig aus: 10 Mark für die Beschattung des vermeintlichen Staatsfeindes, 30 Mark für die Aufdeckung einer politischen Straftat.
Was die Polizei nicht schaffte, sollten die Reptiliengelder bewirken, die den Wahlkampf Bismarck-treuer Parteien schmierten. Manche konservativen Abgeordneten erhielten Zuschüsse für ihre Wahlkampagne, während andere Subventionen die Aufgabe hatten, das Wahlvolk durch allerlei Festlichkeiten für die veranstaltende Partei einzunehmen.
So organisierte die konservative Wahlleitung 1881 in 58 Lokalen Berlins Volksfeste mit Konzerten und Feuerwerk, als deren Finanzier der Inhaber eines großen Konfektionshauses auftrat. In Wirklichkeit war er nur ein Strohmann des preußischen Innenministeriums, das Gelder zur Verfügung gestellt hatte - aus dem Reptilienfonds.
Auf dem Lande agierten Bismarcks Zahlmeister gröber. An die einflußreichen Kreisblätter gingen Subventionen mit der Auflage, jede Werbung für liberale oder sozialdemokratische Wahlkandidaten zu unterbinden, und es gab auch
kostenlose Extrazüge, die konservative Wahlmänner aus den entferntesten Gegenden rechtzeitig zur Abgeordnetenwahl brachten, wobei noch ein kleines Zugeld gereicht wurde: pro Mann drei Mark.
Seine größte Aufmerksamkeit aber schenkte Bismarck der Presse, die er für das eigentliche Kampffeld innerdeutscher Politik hielt, auf dem wichtige Vorentscheidungen fielen. In seiner Optik waren zwar die meisten Journalisten in Deutschland verkrachte Existenzen, verlogen und korrupt, gleichwohl "beobachtete er die Presse wie ein Habicht" (Stern).
Er wäre nicht Bismarck gewesen, wenn er nicht von Anfang an versucht hätte, sich der Presse zu bedienen. Dabei war er intelligenter als die Bürokraten des alten preußischen Obrigkeitsstaates, die mit ihren faden offiziösen Zeitungen und Pressediensten die Bevölkerung beeinflussen wollten, in Wirklichkeit aber nur Leser abschreckten.
Bismarck machte es anders: Er schaffte die offiziöse Presse ab und suchte die Nähe scheinbar unabhängiger Zeitungen, deren Redaktionen er durch finanzielle Zuwendungen, allerdings auch durch politische Top-Informationen in seine Netze zog. Meist waren es liberale, ja ausgesprochen linke Journalisten, die sich Bismarck engagierte; er hielt wohl Linke für besser geeignet, seine Pläne und gezielten Informationen unters Volk zu bringen.
Der Radikaldemokrat August Braß, Herausgeber der "Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" ("NAZ"), war der erste große journalistische Empfänger Bismarckscher Gelder und Informationen. Das fiel zunächst kaum auf: Die fortschrittlich-großdeutsche "NAZ" ging nur allmählich auf neuen Kurs. "NAZ"-Redakteur Liebknecht benötigte einige Zeit, bis er merkte, daß er in einem Propaganda-Organ des ihm verhaßten Bismarck saß.
Als jedoch Braß zu eigenwillig wurde und sich nicht an Bismarck-Weisungen hielt, zwang ihn der Kanzler, sein Blatt 1872 an einen Kreis finanzstarker Bleichröder-Freunde in Hamburg zu verkaufen. Jetzt stand der "Norddeutschen Allgemeinen" der Reptilienfonds ganz offen; jährlich ging ein Druckkostenzuschuß von 30 000 Mark an das Leibblatt des Kanzlers.
Der Streit mit Braß bewog Bismarck, nun direkt in die Leitung von Zeitungen und Pressediensten einzugreifen. Er drängte Bleichröder, vor allem die Kontrolle über das wichtigste Propagandainstrument der Regierung zu verschärfen: Wolffs Telegraphisches Bureau (WTB), die führende Nachrichtenagen tur Deutschlands.
Dabei stand das angeblich unabhängige Unternehmen schon weitgehend unter Staatskontrolle. Beauftragte des Preußischen Staatsministeriums hatten das Recht, politisch wichtige Nachrichten des WTB zu zensieren. Die Gelder des Reptilienfonds schmierten auch seinen Apparat: 1870 hatte die Agentur von Bismarck eine zinsfreie Anleihe von 100 000 Talern erhalten, in den folgenden zwei Jahren jeweils weitere 100 000 Taler als Geschenk.
So stand es in dem Geheimvertrag, den Bismarcks Staatsministerium 1869 mit der Continental-Telegraphen-Compagnie abgeschlossen hatte, einer Bleichröder-Kreation, der inzwischen das WTB gehörte. Das Papier räumte der Agentur praktisch eine Monopolstellung auf dem Nachrichtengebiet ein: Wolff-Telegramme mußten von der Post bevorzugt befördert werden.
Dafür aber hatte das WTB fast alle Freiheit verloren: Zensurrecht der Behörden, Aufnahme eines amtlichen "Beobachters" in den Aufsichtsrat der Compagnie, Recht der Regierung, die Abberufung "unzuverlässiger" WTB-Mitarbeiter zu fordern - ärger ging es kaum noch.
Und doch reichte das Bismarck noch immer nicht, er wollte jede WTB-Meldung vom Staatsministerium zensiert wissen und das Bestätigungsrecht bei der Ernennung des führenden Personals der Agentur haben. Das konnten die Leiter von Wolffs Telegraphischem Büro (mit Bleichröders heimlicher Assistenz) umgehen, gleichwohl mußten sie einer neuen Vereinbarung zustimmen, die sie noch enger an das Bismarcksche Regime band.
Nicht anders erging es den übrigen Pressediensten, die aus Mitteln des Reptilienfonds gespeist wurden. Die "Correspondance de Berlin", im Auftrag des Auswärtigen Amtes zu dem Zweck gegründet, "den pariser Zeitungen ein sehr willkommenes Material zur Beurtheilung hiesiger Zustände zu liefern" (so die Begründung in den Akten des Welfenfonds), erregte wegen ihrer mangelnden Effektivität den Zorn Bismarcks, und ein anderes Reptilienunternehmen, die "Englische Correspondenz" in London, wich so sehr vom Bismarck-Kurs ab, daß der Kanzler schon argwöhnte, dessen Herausgeber sei vom Ausland bestochen worden.
Als Herausgeber Max Schlesinger die Berliner Sprachregelungen ignorierte, planten Bismarcks Geheimräte allen Ernstes, ihn nach Deutschland zu locken
und verhaften zu lassen, um ihm dann in der Gefängniszelle eine Loyalitätserklärung abzupressen. Bleichröder konnte noch das Ärgste verhindern. Dennoch mußte sich Schlesinger, unter Androhung des Geldentzugs, in einem Protokoll verpflichten, nunmehr "seine volle Hingebung und seine persönliche Kraft" dem Dienst für das Deutsche Reich zu widmen.
Bismarck und seine Pressestelle, das "Literarische Büro", konnten so rüde mit Journalisten umspringen, weil die damals armselig bezahlt und nur allzu häufig auf die Bestechungshonorare der Behörden angewiesen waren. Nicht selten galten sie eher als Mitarbeiter des Staates denn als jene der Presse.
"Im übrigen", weiß Reptilienfonds-Forscher Nöll von der Nahmer, "wurden die von den Korrespondenten gelieferten Artikel vielfach von den Verlegern überhaupt nicht honoriert, sondern Bezahlung durch die amtlichen Berliner Stellen vorausgesetzt." Folge: Viele Korrespondenten waren "wirtschaftlich vom Auswärtigen Amt und dem Literarischen Büro abhängig" (Nahmer).
So benötigten Bismarcks beamtete Presse-Lobbyisten, die sich zuweilen als "Preßbanditen" ironisierten, oft nur kleine Summen, wenn sie im Auftrag ihres Chefs einen Schreiber anheuern mußten, der einen Artikel mit genau vorgeschriebener Tendenz zu formulieren hatte, oder wenn sie einen Redakteur suchten, der ihnen Platz für eine Pressekampagne einräumte, die der Kanzler gerade benötigte.
Das Gros der Journalisten war nicht teuer, auch Bismarck hatte schon erkannt: "Anständige Menschen schreiben nicht für mich." Ein paar Artikel im Regierungsauftrag brachten 50 Taler ein, ein das ganze Jahr über arbeitender Reptilienjournalist konnte 300 Taler kassieren (durchschnittliches Jahresgehalt eines Redakteurs: 1000 Taler).
Nur bei den Chefredakteuren bedeutender Blätter, die Gratifikationen neben ihren festen Gehältern erhielten, und dann erst recht bei Herausgebern und Verlegern mußten die Preßbanditen mehr springen lassen. Bismarcks Mitarbeiter wurden animiert, kräftig zuzulangen: Bis zu 700 000 Mark standen dem Auswärtigen Amt aus dem Welfenfonds jährlich zur Verfügung, das meiste davon sickerte in die Presse.
Bedenkenlos honorierten und bestachen sie, galt doch auch und vor allem in der alten preußischen Bürokraten- und Herrenschicht die Faustregel des neuen kapitalistischen Zeitalters, daß man mit Geld alles kaufen könne. Skrupel kannte man da kaum noch.
Gewiß, das Gros der preußischen Beamten blieb unkorrumpierbar und hielt zäh an dem nach den Steinschen Reformen erlernten Tugendkatalog sauberer Verwaltung fest. Doch deren Führungsschicht hatte sich schon auf eine andere Wertewelt eingestellt. Schnell reich zu werden galt gerade in einer gewissen Schicht der altpreußischen Aristokratie als neuer Sinn des Lebens, wobei die traditionellen Maßstäbe rasch außer Kurs gerieten.
Kein Wunder, daß sich niemand so leidenschaftlich der Börsenspekulation ergab wie die alte Hofgesellschaft. Der preußische Hofmarschall, der bei der Belagerung von Paris 1870/71 seinen Berliner Bankier vor dem bevorstehenden Waffenstillstand auf ein verabredetes Kennwort ("Bitte um Zigarren") Aktien aufkaufen ließ, blieb keine Ausnahme.
Er fand eifrige Nachahmer, etwa in dem Oberhofmeister der Kaiserin Auguste Viktoria, der seiner Herrin durch einen veritablen Ordensschacher 12 Millionen Mark zusammenbrachte. Nicht anders die Herren und Damen des Berliner Hofes, die sich jeden Tag beim Hoffriseur Gilbert trafen, um Herrschaftswissen auszutauschen und anschließend zu ihrem Bankier aufzubrechen.
Da war freilich der Geheimrat Friedrich von Holstein, die "Graue Eminenz" des Auswärtigen Amtes, ein systematischerer Börsenstratege. Täglich schickte er seinem Sozius Emil Heymann auf kleinen, unsignierten Zetteln letzte Nachrichten aus der Dienstpost, wobei er sich nicht scheute, brisanteste Amtsgeheimnisse, die zugleich Staatsgeheimnisse waren, auszuplaudern. Und immer ein Rat dabei, etwa so: "Nehmen Sie morgen möglichst den ersten Curs. Wenn es klappt, ist es eine bedeutende Sache." Holstein dachte sich nichts dabei, führte ihm doch sein Kanzler vor, wie man dank genauer Amtskenntnisse rasch reich wurde. Der Mann, der einen grotesken Krieg gegen die Steuerbehörde wegen seiner angeblich zu hohen Einstufung führte, sah befriedigt seinen Geldbesitz von Jahr zu Jahr wachsen. 1871 betrug er 377 000 Mark, neun Jahre später 560 000, ein Jahrzehnt danach 1,2 Millionen Mark.
Natürlich übernahm es Bleichröder, für den Chef zu spekulieren. Er kaufte und verkaufte russische Wertpapiere. Einen großen Gewinn erzielte er mit Bismarcks ägyptischen Papieren: Bei ihrem Verkauf gewann der Bankier dem Kanzler 33 000 Mark.
So sehr war Bismarck vom Geld fasziniert, daß er kaum noch Privates und Dienstliches auseinanderhalten konnte. Als er 1890 sein Amt verlassen mußte, nahm er 231 000 Mark aus dem Reptilienfonds einfach mit - die Historiker rätseln noch darüber, was er mit dem Geld angefangen hat.
Doch eben dieser Schritt verriet, daß der Manipulator und Hauptnutznießer des Reptilienfonds begriffen hatte, daß die Ära des staatlichen Monopols über das große Geld zu Ende ging. Neue Quellen der Korruption und Verführung taten sich auf.
Die explosive Wirtschaftsentwicklung Deutschlands und die Krisen der Zeit katapultierten eine junge Geldmacht in die deutsche Politik, anfangs Konkurrent, dann Helfershelfer des autoritären Staates und der alten gesellschaftlichen Kräfte: die Industrie.
Im nächsten Heft
Die Unternehmer gehen in die Politik: Wahlfonds und die Korrumpierung der Parteien - Krupps Bestechungssystem
Vorn links mit Dokument: Bismarck. Der Taler wurde 1876 als deutsches Zahlungsmittel durch die Mark abgelöst (ein Taler = drei Mark).
Von Heinz Höhne

DER SPIEGEL 47/1984
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