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DER SPIEGEL

Die Steine beginnen zu laufen

SPIEGEL-Redakteur Klaus Kröger über den Alpenschützer Karl Partsch *
Plötzlich im letzten Herbst ließen die Fichten an einem mehrere Hektar großen Berghang bei Sonthofen im Allgäu alle Nadeln, die bis zuletzt grün gewesen waren, binnen sechs Wochen fallen. Wo gerade noch 85 Jahre alte Bäume ihre lebenden Schatten geworfen hatten, ragten verkahlte Äste sinnlos als Gerippe. Ihr frisches Grün deckte zentimeterhoch den bis dahin Waldboden.
Dem Naturschauspiel des Sterbens aus dem Stand, das in dieser Form selbst in Deutschland im Moment noch selten ist, wohnte ein Mann namens Karl Partsch bei, er hielt den schnellen Tod in seinen Phasen mit der Kamera fest.
Der Biologe, 62 Jahre alt, beobachtet und registriert seit Anfang der siebziger Jahre das tägliche Sterben in der Alpenregion. In ihrer letzten Stunde stand er der Pelzanemone bei, die am Hohen Ifen im Allgäu, "einem der schönsten Karstgebiete der Nordalpen", einst reichlich die Matten überzog, ehe dort ein "Disneyland" (Partsch) für Skiurlauber umfangreiche Planierungen unabwendbar machte. Bergkiefern, seltene Enziane und Orchideenarten, die dort im Pflanzenschutzgebiet wuchsen, konnten nach sorgfältiger Güterabwägung ihre vitalen Interessen nicht gegen die Nutzungsansprüche der Erbauer von Skiliften und Jagerteehütten an den Rummelpisten behaupten. Partsch war da, als ihre letzte Stunde schlug.
Die Latsche oder Legföhre (Pinus montana mughus) stand in der Skiabfahrt über Oberstdorf, aber auch am Fellhorn den berechtigten Interessen der Skiurlauber, die auf ungestörten Lauf einen zeitgemäß zurechtdefinierten, quasi naturrechtlichen Anspruch haben, in ihrer altertümlich vegetativen Art massenhaft im Wege: Obwohl naturschutzrechtlich streng geschützt, mußten die Kiefern, die als Wächter an der Baumgrenze Wegbereiter der unverwechselbaren Alpenlandschaft waren, mitsamt der übrigen Vegetationsdecke großflächig weichen. Sie starben unter dem schweren Gerät der Pisten-Kosmetiker. Karl Partsch war mit der Kamera zur Stelle.
In Antlitz und Habitus kommt er dem Wald- und Prärieläufer nach, einer Gestalt
aus Coopers Lederstrumpf. Schulterlanges, dichtes Haar, von grauem Firn durchsetzt, rahmt das verwitterte Gesicht. Mit Lederbundhose, dicken Wadenstrümpfen, Bergschuhen, die er nur in ärgsten Notfällen gegen das städtische Gewand vertauscht, könnte er, der in Herne aufwuchs und in Ofterschwang im Allgäu lebt, auch mit den grantelnden, aber goldherzigen Figuren aus den schlechten Ufa-Filmen verwechselt werden - wenn und solange er nicht spricht.
Mit Farbdias der todkranken Bergwelt, die Partsch im gesamten Alpengebiet anfertigt, ist er als gesuchter Referent nicht nur des Deutschen Alpenvereins und bei Naturschutz-Veranstaltungen in Bayern unterwegs, er doziert und dokumentiert ebenso bei Universitäts-Seminaren im deutschen Flachland, er trägt in Österreich, der Schweiz und Italien vor.
Die Bilder produziert er professionell mit der Hasselblad-Kamera - die Fertigkeit hat er bei Photographen erworben. Es sind Dokumente des Kontrasts zu den Duliöh-Ansichten einer vorgeblich naturbelassenen, handgeschöpften Urlauberwelt, die geradeaus denkende Reiseveranstalter und zupackende Kommunalpolitiker in Serie streuen. Es ist ja das Hervorstechende der Touristikwerbung, daß sie mit einer Idyllik hantiert, die entweder bereits verschwunden ist oder laut Bauantrag auf Abbruch steht. Ewig sind nicht die Wälder, aber die alten Motive auf den neuen Prospekten. Partsch trägt das Kontrastprogramm im Rucksack von Ort zu Ort.
Doch der Biologe hat nicht nur den Blick für das Böse, das der Natur ringsherum geschieht. Sein Name steht zugleich für eine Methode der Renaturierung zerstörter Bergwelt, mit der er internationales Ansehen, vom amtlichen Bayern einmal abgesehen, gewann. Ausgangspunkt der Überlegungen, die Partsch zusammen mit Forstwissenschaftlern, Vegetationsforschern, Boden- und Wasserkundlern anstellt: "Fast 60 Prozent der Bäume in den Alpen sind geschädigt, im Allgäu sogar 83 Prozent aller über 40 Jahre alten Tannen und Fichten, bei jeder neuen Zählung stellt sich heraus, daß der Umfang der schwerbelasteten Arten und Bestände sehr rasch immer größer wird."
Rund 60 Prozent des Staatswaldes im bayrischen Hochgebirge sind Schutzwald. Der absehbare Verlust dieser Vegetation, "der sich viel rascher vollzieht, als alle Fachleute bisher angenommen haben" (Partsch), führt zu stark vermehrtem Lawinengang, Erdabrutschungen gefährlichen Ausmaßes, Hochwasser und Bodenerosionen, die
zusammen die Bewohnbarkeit großer Teile des Alpenraumes "beim gegenwärtigen Tempo der Schutzmaßnahmen vielleicht schon in zehn Jahren unmöglich machen" (Partsch).
Die Partsch-Methode zielt auf Ersatz des sterbenden Schutzwald-Bestandes durch sogenannte Pionier- und Vorwaldgehölze, zum Beispiel Zwergweiden, Karpatenbirke, Vogelbeere, Heckenkirsche, Roter Hartriegel, Haselnuß, Faulbaum, Weißdorn, Bergahorn, Schneeball und Liguster, die zwar forstwirtschaftlich wertlos, wegen verschiedener Eigenschaften - Schnellwüchsigkeit, Bodensicherung durch Wurzeldichte und -tiefe, Widerstandskraft und Anspruchslosigkeit - aber besonders geeignet sind, die verschiedenen Schutzfunktionen der alten Baumvegetation mindestens vorübergehend zu übernehmen.
Schon jetzt "beginnen die Steine zu laufen", etwa an der Queralpenstraße bei Berchtesgaden, "und die Steine, die laufen, werden immer größer" (Partsch).
Den Schutz der Täler haben die Pioniergehölze auch früher schon besorgt, so schufen sie nach der letzten Eiszeit als Humusbildner und Bodenverbesserer erst die Voraussetzungen für das Entstehen der heute üblichen Bergwälder. Es gibt sie auch jetzt noch, freilich wurden sie vielfach auf natürliche Weise durch Tanne, Fichte, Ahorn und Buche verdrängt oder auf künstliche Art durch die Forstwirtschaft beseitigt, der die Vorwaldpflanzen lange Zeit als Ungehölze galten, schließlich durch Verbiß des aus dekorativen Gründen massenhaft gepäppelten Reh- und Rotwildes kurzgehalten.
Der Wiederbelebung der Hochregion stehen freilich gewaltige Barrieren im Wege: Der bislang in Baumschulen gezogene Pflanzennachwuchs stammt aus Saatgut, das vielfach nicht den natürlichen Verhältnissen in der Höhenregion
angepaßt ist. Beispiel: Die hier überall gezogene Haselnuß (Corylus avellana) stammt zum großen Teil aus Balkan-Samen. Optimale Wachstumsbedingungen aber haben nur die standortheimischen Gehölze.
Für die natürliche Wiederbelebung der geschädigten Bergwelt nach dem Massensterben der Fichten - etwa durch Flugsamen der zum Standort gehörenden Vorwaldgesellschaft - reicht nach Ansicht der Biologen, die auch von vielen Forstwissenschaftlern und Vegetationskundlern geteilt wird, die Zeit nicht mehr, weil die Bodenerosion sich schneller vollzieht als der Nachwuchs der Pioniere.
Karl Partsch fand zusammen mit anderen Fachleuten den Ausweg. Vor fünf Jahren zog er erstmals mit freiwilligen Helfern, durchweg Jugendlichen, in die Berge, zum Beispiel am Walmendinger Horn, um Samen für Pionierpflanzen, neben Gehölzen auch Stauden, Gräser und Farne, zu sammeln, Stecklinge und Wurzelstücke zu gewinnen. Mittlerweile über 200 Junggärtner aus verschiedenen Regionen und der Botanische Garten in Tübingen übernehmen die Samen und Stecklinge und kultivieren sie ein Jahr lang in ihren Gartenbaubetrieben zwischen. Jeweils im Bergfrühling werden die angezogenen Jungpflanzen im Topfballen wieder in die Höhenregion verbracht und abermals von Freiwilligen verpflanzt.
Der Vorteil der Zwischenkultur im Tal: Die Pionierpflanzen lassen sich schneller und sicherer vermehren, als die Natur dies in der Höhe vermag. So entstand ein Reservoir von Nachwuchs mit standortgerechtem Gen-Potential, das in den Baumschulen bis dahin nicht in dieser Vielfalt vorhanden war.
Gleichwohl bleibt die Renaturierung geschädigter Höhenregionen schwer genug. So sind genaue Kartierungen der jeweils vorhandenen Pflanzenfamilien erforderlich, denn allein die detaillierte Kenntnis dessen, was am jeweiligen Hang oder auch nur in einer Mulde wächst, erlaubt Schlüsse darüber, welche anderen Pflanzen des Standorts in der gleichen Bodenformation sonst noch eine Chance hätten.
In mittlerweile drei Pilotprojekten, auf der Probstalm bei Lenggries und in der Nähe von Bad Reichenhall, haben die Freiwilligen unter fachlicher Anleitung von Partsch, der wiederum die Hilfe von Forstwissenschaftlern, Boden- und Vegetationskundlern hat, kleine Versuchsareale errichtet. Vorgesehen sind weitere Projekte bei Garmisch, Füssen, Lindau und am Fellhorn im Oberallgäu. Durchweg sind es bereits gefährdete oder erodierte Böden, auf denen die
biologisch geeigneten Pflanzen nach ihrem Zwischenaufenthalt im Tal zum Kampf um die Rückgewinnung des Waldes eingesetzt werden. Partsch: "Wir versuchen standortgerechte Wiederbegrünung auf Quadratmetern, während andere die Natur auf Tausenden von Quadratkilometern zerstören."
Die Kosten der Pilotprojekte übernimmt nun nicht etwa der Staat, der oft seinen Segen gibt, wenn wieder einmal neue Skilifte und Pisten großflächige Rodungen erforderlich machen, demnächst zum Beispiel am Jenner im Berchtesgadener Land, das sich für die Ausrichtung der Winterolympiade 1992 beworben hat. Vielmehr bezahlen die Freiwilligen Fahrgeld und Verpflegung selbst, der Deutsche Alpenverein stellt, wenn es geht, Unterkünfte zur Verfügung. Die Junggärtner arbeiten ohne Lohn in ihrer Freizeit oder im Urlaub an der Vermehrung des standortgerechten Pflanzennachwuchses, Baumschulen und Gärtnereien überall in Deutschland stellen Treibhäuser und Energie kostenlos zur Verfügung. Der Alpenverein kommt für die Einfriedung der Testgebiete auf, um die Pflanzen vor Wildverbiß zu schützen.
Die Behörden des Freistaates Bayern verfolgen die Aktivitäten des Allgäuer Biologen ohne Wohlwollen. Bei den Vorträgen, die Partsch hält, sind die gestandenen Mannsbilder aus Politik oder Verwaltung nicht zugegen, Vertreter der bayrischen Umweltschutzbehörden so wenig wie CSU-Abgeordnete, Verkehrsamtsleiter oder Touristikmanager.
Ganz offensichtlich ist es Karl Partsch nicht gegeben, sich so zu äußern, wie es nötig ist, wenn wer Anspruch auf öffentliche Reputation in Bayern erhebt. Wolkige Allerweltsbekenntnisse, jeder müsse in betreff Umwelt in sich gehen und guten Willen zeigen, schaffen Platz an der Brust, an die man sich schlägt, für die dafür bereitgehaltene Ordensklasse. Wer hingegen auf den Punkt kommt und insistiert, zudem noch weiß, worüber er spricht, wirklich in der Sache engagiert ist, also sich weigert, selbst ohne Lidbewegungen mit den Augen zu zwinkern, hat amtliche Würdigung hier nicht zu gewärtigen.
Mit seinen Vorträgen setzt sich Partsch dem dringenden Verdacht aus zu glauben, die Natur sei nicht nur ein Abbruchunternehmen für jährlich geplante ad infinitum wachsende Urlaubermassen, sondern auch um ihrer selbst willen da.
Er zeigt per Dia Abfahrtsstrecken an der Kanzelwandbahn und am Walmendinger Horn, die nach dem Prinzip der Autobahnen gebaut wurden: künstliche, mit Hilfe von Baggern und Planierraupen hergerichtete Skipisten, die gerade
und gleichmäßig talwärts gehen. Natürliche Bodenwellen wurden eingeebnet, im Weg stehende Bäume weggemacht, und zwar vorzüglich im Winter, wenn die kriechenden Legföhren unter Schnee verborgen waren. Pistenraupen, von geländekundigen Fahrern gesteuert, drehten sich beispielsweise am Fellhorn an den richtigen Stellen so lange am Platz, bis dann im Frühjahr nach der Schmelze nur noch tote Stümpfe ragten.
Querrinnen links und rechts neben den Skidämmen wurden brückenartig mit Holz verbaut, das man günstig in der Höhenregion schlug. "Das Bußgeld", so Partsch, "wenn es denn überhaupt kommt, wird aus der Portokasse beglichen."
An vielen Orten deckt nach der Planierung das Gras den Boden nur noch zu zehn bis fünfzehn Prozent, die maschinelle Verdichtung des Bodens hat Verhältnisse geschaffen, auf die das Gen-Material der autochthonen Gräser, in Jahrtausenden entstanden und bis jetzt allen klimatischen Widrigkeiten trotzend, keine Antwort hat.
Die umfangreiche Pistenwalzerei, die der Befestigung des Schnees dient, setzt die
Schädigung fort. Dem Schnee wird die Luft ausgepreßt, damit schwindet seine Isolationswirkung, der Frost dringt anders als bei natürlicher Schneeauflage bis zu einem Meter in den Boden. Da der Schnee länger liegenbleibt, verkürzt sich die Vegetationsperiode. Im Sommer fehlt es dann auf den Bergwiesen, die ohnehin durch vermehrte Rindviehhaltung stark belastet sind, am Futtergras. Massiver Einsatz von Kunstdünger und Unkrautvertilgern muß das Defizit ausgleichen. Die chemischen Nährstoffe für die aus der Talregion stammenden Futtergräser aber schädigen die standortgerechten Berggräser, die nur auf armen Böden gedeihen.
Die Herbizidgaben in der intensivierten Berglandwirtschaft rotten wertvolle Bergblumen, etwa den Enzian oder die Mehlprimel, ja selbst Zwerggehölze wie die Alpenrose aus. Unabhängig von der Schädigung aus der Luft entstehen "Hochgebirgs-Savannen und -Wüsten von Menschenhand" (Partsch).
Im Raum der Skipaßgemeinschaft Kleinwalsertal/Oberallgäu, das laut Partsch zu den stark belasteten Skigebieten der Alpen gehört, etwa soll zu den vorhandenen 160 "Aufstiegshilfen" noch einmal rund ein Dutzend neue Lifte hinzukommen, dazu sorgfältig planierte Abfahrten für jedermann, damit die kalkulierte Befüllung der Lifte sich auch einstellt.
Wie futuristische Schreckbilder, obwohl doch längst gegenwärtig, wirken die mit Liftsystemen total verdrahteten Berghänge - allein in den deutschen Alpen mehr als tausend. Das viele Eisen markiert den Alpenraum heute beinahe besser als die rund 40 Millionen Jahre alten Auffaltungen der Gipfelsilhouetten.
Am Dachstein-Gletscher, einem der letzten natürlichen Trinkwasser-Reservoire der Alpen, verpaßte die Attraktion des Sommer-Skilaufs dem vermeintlich ewigen Eis eine millimeterstarke Auflage, in der die Ingredienzien Sonnen- und Dieselöl, Hydraulikflüssigkeit und Skiwachs, Fäkalien und Müll um die Vorherrschaft wetteifern. Das so parfümierte Schmelzwasser fließt nach Hallstatt in die Wasserleitungen, es mußte laut Vorschrift schon mal im Haushalt eine halbe Stunde lang gekocht werden, ehe es später vom Wasserwerk chloriert wurde. Partsch: "Nach der Chlorierung schwammen dann 40 000 Forellen kieloben."
Tonnenweise sogenannter Schneezement wird jährlich in der Gletscher-Zone des Dachstein ausgebracht, aber auch sonst vielerorts, um den Naturschnee zu
verfestigen. Der Festiger besteht zum Beispiel auch aus Ammoniumsulfat, er versorgt die ohnehin mit Düngemitteln und Luftschadstoffen reichlich bedachte Natur mit einer zusätzlichen Dusche Nitrat und Schwefelsäure.
Daß, wer aus der Iller im nördlichen Allgäu trinkt, "nachher ins Spital geht", will Partsch in seinem verstockten, möglicherweise romantischen Naturverständnis nicht einsehen.
Kolkraben und "Brotzeit-Adler", Partsch meint die Alpendohlen, die ständig von einer offenen Müllkippe bei Riezlern (Kleinwalsertal) über der Breitach naschten, infizierten mit ihrem Kot andere Vogelarten mit Salmonellen, für die Empfänger endete das oft tödlich. Bienen holten sich dort die letale Faulbrut. Bei Rettenberg im Urlaubsgebiet des Oberallgäus dämmert eine Fäkaliendeponie in einem angestauten Teich: "Viele Lastwagen reine Scheiße werden hier täglich angefahren", zwei Brauereien liegen unterhalb dieser Goldgrube.
Es ist gewiß erstaunlich, daß die Urlauber, um derentwillen das doch alles geschieht, sich das immer noch bieten lassen. Tourismus nach McDonald's-Art, die beinahe maschinelle Organisation der Vergnügungen, ein Betrieb, der dem zu Stoßzeiten auf U-Bahnhöfen gleicht, müßte eigentlich für viele enttäuschend sein. Aus der Werbung der "Freizeitwelt Dachstein": "Es gibt eine Welt, 2000 Meter über dem Alltag, eine Welt voll Freiheit, Erlebnis und Vergnügen." Der Verkehrsverein Ramsau (Österreich) fügt hinzu, daß vier Liftsysteme 5247 Personen in der Stunde transportieren können.
Der sonst vernünftige Interessenausgleich vermittels Kompromiß hat beim Naturschutz mehr als Tücken, weil fünfzig Prozent zu Lasten der Natur - so wie bisher alle Tage - gerade die Probleme geschaffen haben, um die es jetzt überall geht. Das Spiel, das dem einen, der die Täler und Berge zubaut, den Naturverbrauch allenfalls mit geringen Kostensätzen in Rechnung stellt, dem anderen aber, der Natur, die doch der "wichtigste Anzeiger des Lebensgewinns" (Partsch) ist, auf dem Wege des Kompromisses immer wieder etwas mehr Tod zudiktiert, hat offenbar die falschen Karten.
Schon vor 13 Jahren setzte die Münchner Landesregierung Schutzzonen für die Alpenregion fest, in der Zone A darf nach geltendem Baurecht verfahren werden, in B nur eingeschränkt nach Erfordernissen des Natur- und Umweltschutzes, die Zone C ist für alle Baumaßnahmen tabu. Doch in Bayern sind die Regeln besonders durch die Ausnahmen gekennzeichnet. An der Zugspitze, Schutzzone C, wurde noch 1984 ein neuer Skilift errichtet. Die Umgebung des Fellhorns, die nach Auffassung aller Naturschützer zu C gehören müßte, liegt amtlich nur in der Zone B.
Bei den nicht seltenen Schwarzerschließungen geschützter Regionen können die Urheber auf Milde zählen. Am Fellhorn ging beim Schwarzbau einer Skipiste die Hälfte von "Deutschlands schönstem Blumenberg" (Partsch) kaputt, das Bußgeld - 35 000 Mark - war gewissermaßen ein Teil der Investition.
Im sogenannten Luftrein-Gebiet Hindelang bringt die Preussag derzeit Erdgasbohrungen bis in 7000 Meter Tiefe nieder. Zwei große Dieselaggregate verbrauchen den Inhalt eines Tankwagens in zwei Tagen. Die Dreckluft zieht durch die Reinluft am Westhang des Iseler hinauf in den ohnehin schwer geschädigten Bergwald.
Seit vielen Jahren warnt Karl Partsch zusammen mit Forstfachleuten vor den katastrophalen Wirkungen einer hypertrophen Wildzunahme auf den Bergwald. Obwohl die Täler heute mehrfach dichter besiedelt sind als vor hundert Jahren, zudem die Auwälder zum großen Teil verschwunden sind und umfangreiche Straßenbauten die Lebensräume verringerten, steht im deutschen Alpengebiet etwa fünfmal mehr Wild als am Ende des vergangenen Jahrhunderts. Die Herden verbeißen die Jungpflanzen und schälen die Stämme. Sie verhindern damit die natürliche Verjüngung des Waldes ebenso wie die gezielte Wiederaufforstung der geschädigten Hänge.
An einem Berg bei Bad Reichenhall entstand durch Wildverbiß ein Bonsaiwald in freier Natur. Der Schneeball (Viburnum lantana), der sonst bis zu fünf Meter hoch wird, lebt hier als Minizwerg von 20 Zentimeter Größe. 30 Jahre alte Buchen und Ahorne stehen dort kniehoch.
Motiv der Massenwildhaltung ist eine "Bambi-Ideologie" und der "Knochenkult"
(Partsch) der Jagdeigner, die zwecks schöner Hörnung dem Wildfutter sogar das teure Sesam beimengen. Die anfallenden Abwurfstangen werden auf eigens entwickelten Schädelknochen aus Kunststoff befestigt und an Touristen verkauft. Die "Mastwildhaltung" durch umfangreiche Winterfütterung schützt den Wald nicht vor tödlichem Verbiß, weil das Kunstwild, das von neugierigen Touristen in seinem dreistündigen Futterrhythmus gestört und von den Plätzen vertrieben wird, sich in den Einstandsgebieten durch Verbiß schadlos hält.
Einem Bauern in Obermaiselstein (Allgäu) hatte ein sechzehnendiger Hirsch vor einigen Jahren im Herbst den Apfelbaum geräumt. Zwecks Aneignung des Gehörns lockte der Bauer das hohe Wild durch weitere Futtergaben in seinen Stall, freie Kost und Logis bis zum Stangenabwurf inklusive. Der Hirsch tat wie vereinbart, im Winter gab er die Stangen ab, aber dann wollte der Wildmieter das Anwesen nicht mehr verlassen. Karl Partsch mußte "furchtbar lachen", als er diese Geschichte erfuhr.
Partsch: "Eine an der Wald- und Wildbiologie orientierte Jagd ist bis heute nicht einmal in Ansätzen erreicht worden, obwohl man doch mittlerweile alles über das Ausmaß der Schädigungen weiß." In besonders gefährdeten Gebieten, so sagt er, müßten wohl bis zu drei Viertel des Bestandes abgeschossen werden.
Das Wild geht frei, der Warner hingegen wurde schon vor Jahren von zwei Unbekannten, mit denen er kein Wort gewechselt hatte, auf dem Heimweg sachkundig und schwer verprügelt. Mit Weidmannsheil gezeichnete, sonst anonyme Briefe, auch Anrufe, erreichten ihn vorher und nachher, verbunden mit der wiederholten Aufforderung, er solle sich ungesäumt eine Grabstelle auf dem Friedhof in Ofterschwang reservieren lassen.
Wenigstens die Junggärtner und seine Helfer mögen ihn. Die vielen Jugendlichen bei seinen Vorträgen sitzen 70 bis 80 Minuten still und hören zu, oft muß Partsch anschließend noch einmal die gleiche Zeit lang Rede und Antwort stehen. Einer der Jungen anschließend: "Der Karle ischt ganz stark." Und es freut den Biologen, wenn junge Leute sogar aus Norddeutschland, und nicht selten Mädchen, ihm schreiben mit der Bitte um Mitteilung, wann und wo sie ihm bei der Arbeit in den Bergen helfen können.
Der österreichische Landschaftsschutzverein Kleinwalsertal unterstützt ihn seit Jahren. In Stuttgart sprach Partsch 1983 auf Einladung eines Senioren-Treffpunkts über Umweltschutz in den Alpen. Wenige Monate später rückte ein Trupp von Stuttgarter Pensionären im Allgäu an, nahm Privatquartiere und stellte sich zum Sammeln von Samen zur Verfügung. Demnächst kommen die Senioren wieder.
"Umweltfreundlichkeit", so hieß es in der Bonner Regierungserklärung 1971, "muß zu einem selbstverständlichen Maßstab für unser aller Handeln werden, sei es im Staat, in der Wirtschaft oder im Konsumverhalten des Bürgers." Der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher rief, Umweltschutz dürfe "nicht nur auf bereits eingetretene Schäden reagieren, sondern muß durch Vorsorge und Planung verhindern, daß in Zukunft Schäden überhaupt entstehen". Das ist schon so lange her.
Es darf wohl niemand wundern, daß es zu der grünen Sezessionsbewegung kam, wenn doch der bayrische Landwirtschaftsminister Hans Eisenmann noch im März 1982 anläßlich der Vorlage des bayrischen Waldschaden-Berichts erklärte: "Maßnahmen zur Bekämpfung sind derzeit nicht möglich, da die Verursachung durch SO 2 nicht erwiesen ist."
Ebenso zurückhaltend, aber durchaus falsch äußerten sich Bayerns Umweltminister Alfred Dick und sein Abteilungsleiter Dr. Josef Vogl noch 1983 zu den technischen Möglichkeiten der Rauchgasentschwefelung sowie der Beseitigung von Stickoxiden bei Kohlekraftwerken.
Es ist nicht weiter erstaunlich, wenn Karl Partsch angesichts der Verhältnisse, wie sie nun einmal sind, prinzipiell keiner Partei zugehören will, auch nicht den Grünen, denen es wohl gar nicht so recht wäre, wenn das verhaßte System einen wirkungsvollen Umweltschutz zuwege brächte.
Aber als Alpen-Kassandra, möglicherweise von einem montanen Apollo dazu verdammt, stets die Wahrheit vorauszusagen, ohne je Gehör zu finden, möchte er nicht herumgehen. Es freut ihn, daß die Bonner Grünen in einer kürzlich gestellten Großen Anfrage wissen wollen, was die Bundesregierung von der Partsch-Methode halte und welche Chance sie den Pioniergehölzen und -gräsern bei der Wiederbelebung der Alpenlandschaft einräume. Auch Bonns und Münchens Sozialdemokraten sind seinen Aktivitäten auf der Spur.
Karl Partsch wäre sicher ein Gewinn für die Parlamente oder die Fachbehörden bei Bund und Ländern. Gelegentlich auch entfährt dem aus dem Flachland zugereisten Allgäuer der Satz: "Wenn ich zum Sagen hätte."
Aber was sollte er, der sein Leben dem Naturschutz vermacht hat, obwohl er das so nie sagen würde, in den Sitzungszimmern und Amtsstuben mit ihrem Schleichgang der Entscheidungen, bei dem dann oft noch nicht einmal ausgemacht ist, ob es vorwärts- oder rückwärtsgeht. Und wer von dort stiege schon mit ihm hinauf zur Baumgrenze, um zu sehen, wie es der Salix waldsteiniana, der Bäumchen-Weide, geht, die mit anderen darüber wacht, daß die Berge noch immer nicht auf die positiv Denkenden im Tal heruntergekommen sind.
Von Klaus Kröger

DER SPIEGEL 16/1985
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