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HANDEL

Sehr peinlich

Zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte mußte eine Konsumgenossenschaft Konkurs anmelden. *

Vor 30 Jahren fand Alfred Prächtl seinen Namen des öfteren in der Presse, und es scherte ihn wenig. Er spielte damals Eishockey und war der "Strafbank-König" der Oberliga.

Daß er heute wieder in den Schlagzeilen der Lokalpresse steht, stört ihn dagegen sehr. Diesmal geht es nicht um ein paar listige Fouls: Prächtl muß die Pleite einer Genossenschaft ausbaden.

Neun Monate war er ehrenamtlicher Geschäftsführer der Coop-Genossenschaft "Glückauf" in Amberg, dann ging er zum Konkursrichter. Die Genossenschaft, getragen von rund 13 000 Familien in der nördlichen Oberpfalz, war völlig überschuldet. Gut 40 Läden und eine Großbäckerei mußten schließen.

Das gab es noch nie in der Geschichte der deutschen Konsumgenossenschaften. Schwache Coop-Unternehmen sind bislang noch immer durch Hilfe aus den eigenen Reihen vor dem Zusammenbruch bewahrt worden, sei es durch Fusion mit größeren Genossenschaften, sei es durch eine stille Liquidation.

Die Genossen-Pleite im bayrischen Hinterland nahe der Grenze zur Tschechoslowakei sei "wahrlich ein Trauerspiel", meint Oswald Paulig, der Präsident des Bundes deutscher Konsumgenossenschaften (BdK). Wolfgang Sieler, SPD-Bundestagsabgeordneter aus Amberg, befürchtet gar "weitreichende politische Folgen für unsere Region und darüber hinaus".

Das ist nicht einmal übertrieben. Obwohl die kleine Amberger Genossenschaft ebenso wie 40 weitere Regionalgenossenschaften nicht zur zentralen Coop-AG gehört, sei die Pleite, so Coop-Sprecher Armin Peter, "für die gesamte Gruppe sehr, sehr peinlich", weil "Ausdruck eines schlimmen Versagens".

Versagt hat nach Ansicht der Amberger vor allem der langjährige Geschäftsführer der Genossenschaft, Johannes Klein. "Sein Egoismus und Machtbewußtsein", klagt Prächtl, "machten selbst vor der Zerstörung der Genossenschaft nicht halt."

Bis Mitte der siebziger Jahre hatte das im Jahre 1900 gegründete Unternehmen keine ernsten Probleme. Nachdem es zwei kleinere Genossenschaften aus der Umgebung übernommen hatte, war der Umsatz mit knapp 300 Beschäftigten auf rund 40 Millionen Mark geklettert. Ein wenig Grundbesitz sorgte für ein ordentliches Finanzpolster. Zudem schienen einige der gut 40 Läden mit fast monopolartigem Standort auch für die Zukunft gute Geschäfte zu garantieren.

Dann aber machten großflächige Supermärkte und Discounter auch dem Handel in der Provinz zu schaffen. Die Glückauf-Geschäfte, die noch immer stark an ostdeutsche HO-Läden erinnerten und zudem oft teurer waren als die Konkurrenz, verloren viele Kunden. Die Amberger Genossenschaft wies für 1977 erstmals einen Verlust aus.

Der Revisionsverband deutscher Konsumgenossenschaften (RdK), der die Bilanzen zu prüfen hatte, wies den Glückauf-Geschäftsführer

Johannes Klein schon 1978 auf die Schwächen der veralteten Konsumläden in Amberg hin. Mehrmals rieten die Bilanzprüfer zu einer Kooperation mit der weitaus größeren Coop-Genossenschaft Nordbayern im benachbarten Nürnberg.

Doch davon wollte Klein nichts wissen. Selbst als 1982 die Revisoren nur noch mit Einschränkungen die Bilanz testieren wollten, sperrte sich der wortgewandte Klein gegen die dringend notwendige Fusion mit den Nürnbergern.

Erst im Sommer 1984, der Glückauf-Umsatz war inzwischen auf 35 Millionen Mark abgesackt, kam es zum Krach in Amberg. Einsichtige Aufsichtsratsmitglieder der Genossenschaft hatten auf Druck des Revisionsverbandes mit den Nürnbergern verhandelt und wollten der Vertreterversammlung den Zusammenschluß empfehlen.

Doch noch einmal gelang es Klein, die Genossen über die Schieflage des Unternehmens zu täuschen. Nach sechsstündiger Diskussion unter Ausschluß der Öffentlichkeit plädierten nur 13 Vertreter für die Fusion, 25 lehnten sie ab.

Sechs der sieben Aufsichtsratsmitglieder quittierten die Abstimmungsniederlage mit ihrem Rücktritt. Prächtl, der Geschäftsführer Klein unterstützt hatte, besetzte den gleichfalls freigewordenen Posten des ehrenamtlichen Geschäftsführers.

Dem neuen Geschäftsführer ging, so Alfred Prächtl, "bald ein Licht auf". Die Geschäftszahlen des Unternehmens sahen nicht gut aus. So hatten die Bilanzprüfer ihr Testat für das Geschäftsjahr 1983 nur mit "weitestgehenden Einschränkungen" (RdK-Justitiar Hans Stapelfeld) erteilt. "Die Existenzfähigkeit der Genossenschaft", so prophezeiten sie, "ist in Kürze nicht mehr ausreichend gewährleistet."

Daraufhin wurde der eigenwillige Geschäftsführer Klein fristlos gefeuert. Prächtl und sein Kollege Matthias Schwarz begannen nun ernsthaft mit der Nürnberger Coop-Genossenschaft zu verhandeln. Doch es war wohl schon zu spät. Die so oft abgewiesenen Genossen aus Nürnberg lehnten jetzt die Übernahme des inzwischen hochverschuldeten Unternehmens ab.

Nun setzte die neue Führungsspitze darauf, daß ihnen der Bund deutscher Konsumgenossenschaften in letzter Minute noch mit einer kräftigen Finanzspritze beispringen würde. Schließlich hatte BdK-Chef Paulig den Ambergern noch Anfang März versichert: "Wir lassen euch nicht in der Wüste stehen." So legten die Amberger einen Sanierungsplan vor, der unter anderem die Schließung von sieben Läden sowie den Verkauf der Verwaltungszentrale vorsah.

Ende März lehnte das entscheidende BdK-Gremium jede finanzielle Hilfe ab. Die Sanierung, so hatten die Genossen errechnet, würde mindestens sieben bis zehn Millionen Mark kosten - der geplante Verkauf von Immobilien an Siemens, der fast drei Millionen in die Amberger Kassen bringen sollte, war kurz zuvor geplatzt.

Danach ging es in Amberg rasch dem Ende zu. Die ersten Lieferanten kündigten an, die Belieferung der Läden einzustellen. Noch ehe Prächtl Anfang April Konkurs anmeldete, standen vor dem Lager in Amberg Lastzüge, um die bereits gelieferte Ware wieder abzutransportieren.

Die Pleite von Amberg ist ein Musterbeispiel für den Niedergang der einst florierenden Genossenschaftsbewegung. Die meisten der heutigen Coop-, Depot- und Plaza-Läden haben nur noch wenig gemein mit den ehemals demokratisch strukturierten Konsumläden im Stil der Amberger Genossenschaft. Sie sind inzwischen vielmehr Teil eines streng zentralistisch geführten Konzerns mit gut neun Milliarden Mark Einzelhandelsumsatz.

Nur noch knapp 40 der einst rund 300 Konsumgenossenschaften sind selbständig und konnten sich der Anbindung an die Frankfurter Zentrale der 1974 gegründeten Coop AG widersetzen. Darunter waren so starke Unternehmen wie die Coop Dortmund mit rund 395 000 Mitgliedern und fast zwei Milliarden Mark Jahresumsatz sowie die Kieler Coop Schleswig-Holstein mit gut einer Milliarde Mark Umsatz.

Für viele kleinere Genossenschaften war dagegen die Verschmelzung mit der Coop AG die letzte Rettung. Zu sehr waren sie von Supermarktketten und Discountern an den Rand gedrängt worden. Der Anteil der Coop-Läden am gesamten Lebensmittelumsatz fiel ständig.

Die Konsumgenossenschaften hatten in Deutschland vor gut 120 Jahren als Selbsthilfe-Einrichtung der Arbeiterschaft begonnen. Das machte Sinn in einer Zeit, als nicht genug Händler die Eröffnung eines Ladens in Arbeitervierteln wagten, als das Anschreiben beim Kaufmann noch gang und gäbe war und als beim Abwiegen noch gemogelt wurde.

Bis in die Nazizeit konnten sich viele Genossenschaften gegen die zersplitterte Konkurrenz der Krämerläden bestens behaupten und immer mehr Marktanteile gewinnen. Dabei war nur der Verkauf an Genossenschaftsmitglieder erlaubt.

Diese Beschränkung entfiel zwar nach dem Krieg, gleichzeitig aber entstanden neue Verbote. So durften die Geschäftsanteile der Genossen, meist 50 Mark, nicht mehr regulär verzinst werden. Die Rückvergütung, eine Art Überschußverteilung, wurde auf den Höchstsatz von drei Prozent der Einkäufe begrenzt. Der Konkurrenzvorsprung ging damit verloren.

So sahen immer weniger Verbraucher einen Sinn darin, Mitglied einer Genossenschaft zu sein. "Die Idee der Selbsthilfe", erkannte Gewerkschaftsbankier Walter Hesselbach schon früh, "wird eben nicht mehr als aktuell empfunden, wenn die nackte Not überwunden ist." Trotz der Umbenennung von Konsum in Coop (1969) blieb an den Genossenschaftsgeschäften der Ruf hängen, sie seien Arme-Leute-Läden. So gerieten in den siebziger Jahren viele Genossenschaften

in Schwierigkeiten, doch zu einem Konkurs kam es nie. Bei Banken und Sparkassen waren deshalb selbst kränkelnde Unternehmen immer noch für einen Kredit gut. Das könnte sich nach dem Konkurs in Amberg ändern. Der starken Coop-Zentrale, die als Warenkontor sämtlicher Konsumgenossenschaften bei einer Pleite die Hauptlast zu tragen hat, wird es recht sein.

Eine Genossenschaft, sagt Coop-Sprecher Armin Peter, sei doch "kein Versicherungsschutz gegen Schlendrian". Deshalb könnte die Pleite in Amberg durchaus zum "Lehrstück für einige andere Genossenschaften" werden.

DER SPIEGEL 18/1985
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