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Für den Markus meinetwegen tolle Weiber

SPIEGEL-Redakteur Peter Seewald über das Elend an einer Münchner Hauptschule * Von Seewald, Peter

Zu Beginn seiner Laufbahn stand der Lehrer Dieter Rahner einer Dorfschule in Mittelfranken vor: acht Jahrgänge, 43 Schüler, alle in einem Zimmer. Frühmorgens mußte zuerst der Kachelofen angeheizt werden, die Mädchen kamen mit Zöpfchen und Schürzchen, und wenn einer starb im Ort, stand auch der Schulchor am Grabe - eine Welt, an die sich der 45jährige als "abenteuerlich, aber unheimlich schön" erinnert.

Unterrichtet wurde damals im Zwanzig-Minuten-Takt: Lesen für die erste und zweite, dann Heimatkunde für die dritte und vierte Klasse und Stillarbeit für alle anderen. Ein lautes Wort, erinnert sich der Pädagoge, habe es dabei nie gegeben, stets herrschte eine "entspannte Atmosphäre" . Der Stoff sei zwar nicht sehr umfangreich gewesen, "aber was meine Schüler lernten, das haben sie auch behalten". Rahner: "Wir konnten mindestens fünf Lieder jeweils dreistimmig singen, wir haben Fußball gespielt, Wanderungen gemacht, und zur Weihnachtszeit wurden drei Theaterstücke einstudiert."

Zwanzig Jahre sind seither vergangen, und Zustände wie in der Zwergschule erscheinen Rahner "nicht mal mehr denkbar", Denn Schule, sagt der Lehrer, der heute in München unterrichtet, "das ist viel schwieriger geworden, es bleibt ja kaum was hängen" bei seinen Schülern - obwohl er sich müht wie ehedem und sich auch immer wieder was Neues einfallen läßt. Die Mathematikstunde versucht er attraktiv zu machen, indem er mit der Klampfe erst mal "Home of Freedom" intoniert; alle singen mit. Aber dann läßt das Interesse schnell nach, selbst das "Rechenkönig-Spiel" fesselt keinen, und beim Bruchrechnen haben fast alle 27 Jungen und Mädchen schon abgeschaltet.

Ein Mädchen steht auf, geht zum Fenster und schnappt frische Luft. Extrem schwer fällt den 13jährigen, die Zeit ruhig abzusitzen. Es ist kurz vor Mittag, und mit zunehmender Stundenzahl ist der Lärmpegel gestiegen. Auch wenn Rahner immer wieder versucht, sein Publikum doch noch zu mobilisieren, etwa mit der "Frage aller Fragen, dem 10000-Mark-Quiz" - nichts geht mehr. Die Kids fallen vom Stuhl, schlagen wie Irre plötzlich einen Trommelwirbel in die Luft, piesacken den Bank-Nachbarn.

Keiner kann sich noch konzentrieren. Vielleicht, sagt der Klassenleiter am Ende der Stunde, "haben das jetzt fünf Leute wirklich kapiert" - einen Stoff, der ohnehin nur zur Wiederholung anstand. Das Gitarrenspiel hat die Hauptschüler nicht beflügeln können beim Lernen, so sie überhaupt noch lernten.

Dieter Rahner ist ein Pauker mit Ring im Ohr, einer, der mit seinen Kindern die sich nur mit Schwierigkeiten artikulieren können, behutsam umgeht. Er nimmt sich zurück, versucht sich einzustellen auf die Gedanken und Gefühle seiner Schüler. Zu seinem Stil gehört ein meditativer Ausklang des Vormittags: "Jeder schließt die Augen und träumt von der Südsee. Es gibt Sand, Sonne, Meer und Strand und für den Markus meinetwegen tolle Weiber."

Auf jugendgemäße Art, aber nicht kumpelhaft bemüht sich der Lehrer, in den 28 Unterrichtsstunden vor allem seiner Klasse "lernen zu lernen" zu vermitteln. "So gut es geht", sagt er, und soviel noch geht in der Thelott-Schule am Rande Münchens, in der Trabantenstadt Hasenbergl-Nord.

Rahner arbeitet in einem weithin verrufenen Schulsprengel. Hasenbergl-Nord ist ein Arme-Leute-Viertel, das von der katholischen Kirche den Namen "Mariä sieben Sünden" zugesprochen bekam. "Schreiben Sie", sagt nicht ohne Stolz einer der Schüler zum SPIEGEL-Reporter, "daß wir hier die Bronx sind. Ja, Bronx. Das ist so ein Grattlerviertel in Amerika, genau wie hier bei uns."

Block, Block, Straße, Block - Hasenbergl ist die moderne Dimension von Heimat, abgezirkelt für 45000 Bewohner. Der Stadtteil mit dem lieblich klingenden Namen gilt biederen Bürgern in der Landeshauptstadt schon als Feindesland. Jedem Arbeitsamtsberater gereicht die Adresse für Sozialmieter und ehemals Obdachlose zum Indiz, daß sein Bittsteller wohl schwer zu vermitteln sei.

Ein "schwieriges Viertel mit schwierigen Leuten", wie Sozialarbeiter umschreiben, ein typisches Viertel trotz alledem oder genau deswegen. Denn im Hasenbergl wohnt eben fast ausschließlich jene Schicht, die auch in sozial gemischteren Gegenden die Klientel hergibt _(Vor einer Graffiti-Wand an der ) _(Thelott-Schule. )

für einen mehr und mehr stigmatisierten Schultyp, der zur Restschule zu werden droht - für Ausländer wie für andere Zukurzgekommene. Die Hauptschule erweist sich als eine Aufbewahranstalt, in der Schüler mutlos werden und Lehrer nicht mehr wissen, welche Lebensperspektiven sie eigentlich noch vermitteln sollen.

Kaum eine Fachtagung vergeht noch, ohne daß den Klassenstufen fünf bis zehn (in Bayern: neun) nicht Tendenzen zur Kriminalität, Gewalt und Schulschwänzerei nachgesagt würden; entnervte Lehrer blieben zunehmend dem Unterricht fern oder bäten um Versetzung, weil sie mit ihren Zöglingen nicht mehr zurechtkämen. Erziehungsberatungsstellen umgekehrt registrieren bei Schülern vermehrt Störungen der Leistungsmotivation, Psychosomatische Beschwerden und Selbstwertprobleme.

In keinem anderen Zweig des Bildungssystems gibt es mehr lernschwache, verhaltensgestörte und vereinsamte Kinder als in der Hauptschule, nirgendwo einen höheren Anteil kaum noch motivierbarer Jugendlicher, denen die eigene Zukunft schon gleichgültig geworden ist. "Ich habe Angst", verrieten Rahners Siebtkläßler auf Fragebögen. Angst "daß ich die Schule nicht schaffe" Angst, "weil nie einer zu Hause ist" Angst, weil sie glauben, "selber so böse zu sein". "Viel mehr Ruhe" wünschten sie sich "ganz im geheimen" - und "fiel mehr gedult".

Von der Einweihung 1961 an war die Hauptschule in der Thelottstraße weniger vom Lehrplan als von der Straße geprägt. Eine sozialpädagogische Diaspora, in der schwächere Lehrer-Naturen früh quittieren mußten, einer schon nach vier Monaten und "im Zustand eines Nervenkranken" (Rahner). Wer indes Tritt bekam, der blieb, die meisten Schulmeister seit fünfzehn Jahren und länger. "Unterm Strich", erzählt einer "war''s ja doch wieder schön"

Überm Strich freilich leiden zwei der sechs Klassenleiter an Magengeschwüren, eine Kollegin an massiven Schlafstörungen. Und so "schön", wie die liebevoll angelegte Schulchronik "Forellenessen", "Faschingsfest" und "Schullandheim-Ferien" verzeichnet, kann es nicht nur gewesen sein. Rohe Auseinandersetzungen um volltrunkene Schüler, schwunghafte Geschäfte mit Aufputschtabletten, randalierende Mädchen, die ihrem Sportlehrer die Kabine vollkotzen - all das gab''s vor Jahren.

Mittlerweile ist Auszehrung erkennbar, Resignation. Mit 130 Schülern ist die Thelott-Schule, untergebracht in einem funktionellen Sichtbetonbau, ein eher kleiner und ruhiger Betrieb. Anzeichen

eines offen ausgetragenen Schulkampfes sind kaum erkennbar - die üblichen Graffiti ("Mother-fucker") an den Außenwänden, eine durchschossene Fensterscheibe, Toiletten ohne Spiegel, eine eigens verankerte Eisentür zum schon mehrfach aufgebrochenen Medienraum; alles nicht ungewöhnlich.

Dafür sind selbst "echte Streiche und so was mit Idee und Witz", bedauern fast schon einige Erzieher, "die absolute Ausnahme geworden". Die Konflikte der Thelottstraße liegen heutzutage jenseits vandalistischer Umtriebe. Die Biographien wahllos angesprochener Schüler verdeutlichen, warum Hauptschullehrer wie Dieter Rahner sich mittlerweile mehr als Sozialarbeiter verstehen.

Der Schüler Walter _(Schülernamen von der Redaktion geändert. )

bewohnt mit seinen Eltern eine Drei-Zimmer-Wohnung der behördlich so genannten Unterkunftsanlage. In diesem Getto hat sich ein fast unentwirrbares Kartell von Sozialdiensten etabliert, von "Pro Familia" bis zur sozialpsychiatrischen Beratungsstelle. Die Wohnblöcke aber blieben seit 17 Jahren, wie sie sind: ohne Bad, mit Gemeinschafts-WC im Treppenhaus und feuchten Wänden. Walters Vater teilt sich mit einem Kind das Schlaf-, Mutter mit dem Baby das Wohnzimmer. Im Kinderzimmer hat nur das Mädchen ein eigenes Bett, vier Buben liegen jeweils zu zweit. Seime Hausaufgaben erledigt Walter, wenn er sie erledigt, um Mitternacht, da ist vielleicht Ruhe im Haus.

Beispiel Max. Seit Maxens Vater die Familie verließ und jetzt mit der ehemaligen Nachbarin und deren Kinderschar im Nebenblock lebt, muß der Neuntkläßler selber für die Mutter sorgen. "Der Papa ist arbeitslos", erzählt Max, "ich treff'' ihn ab und zu auf der Straß'' und frag'' ihn dann: Hast a Markl? Die Mama ist krank, die hat Löcher in den Füßen und macht daheim immer Zeitschriftenrätsel."

Nicht daß die Kinder vom Hasenbergl gar litten unter der Tristesse aus Beton. Das Hochhausviertel gefällt ihnen, "die frische Luft", man könne sich "frei bewegen". Schöner und interessanter könnt''s gar nirgendwo sein. Lustig, wenn beispielsweise "der Arthur" seine halbblinde Mutter zum Betteln schickt und ihr anschließend noch auf der Straße und unter Anwendung von Schlägen das Bare abjagt. Wenn der "schnelle Heinrich", der "tote Katzen unter seinem Bett" hat, sich gerade sein Mittagessen aus der Mülltonne fischt.

Beobachtungsobjekte wie die "Fernfahrerschnalle", auch mal ein Ausflug "zu den Nutten von der Ingolstädter Straße", machten das Leben, so sagen Max und die Jungs, doch einigermaßen unterhaltsam. Man spiele viel Fußball, gehe ins Kino, und wenn gar nichts los ist, erzählt Walter, "preßt man sich ganz einfach ein Video rein".

Vielleicht werden diese vitalen und früh abgeklärten Heranwachsenden, wie die Elternbeiratsvorsitzende Roswitha Wimberger hofft, später wirklich "mal lebenstüchtiger als andere". Wahrscheinlicher jedoch ist, daß sie die Prügelstrafe in die nächste Generation tragen, daß sie Frustration ebenso kompensieren wie Lieblingsheld Rambo, emotional, mit Kraft und Gewalt.

Und zuallererst überfordern Schüler von Hasenbergler Zuschnitt mit ihren krassen, milieuspezifischen Umwelterfahrungen ein Schulsystem, das noch immer auf die Anlieferung des pflegeleichten Kindertyps ausgerichtet ist überfordern wohl auch Lehrer, die oft nur noch durch physische und psychische Kraftakte den Schulbetrieb vor dem Zusammenbruch bewahren.

Einen Manfred Teichert etwa, 46, der nach zwanzig Jahren Thelottstraße "durch nichts mehr zu erschüttern" ist. Einen Siegfried Deeken, 47, Lederhosentyp, der sich gegenüber den "videogeschädigten und in allen sexuellen Auswüchsen perfekten, aber dann wieder unglaublich anhänglichen" Schülern in der Vaterrolle sieht. Eine Gabriele Beiler, 31, die als Pädagogische Assistentin mit einigen Halbstarken um Achtung und Benehmen ringt und "echt fertig" ist, wenn sie in der Klasse fünfmal den Satz "today is the 5th of february" wiederholen läßt, "und der sechste steht auf und weiß noch immer nichts".

Schulleiter Fritz Vollkommer hält viel von "menschlicher Durchdringung" seiner Arbeit, spricht von "Achtung und wohlwollendem Verständnis den Schülern

gegenüber", aber die sanfte Tour haben sich diese Erzieher längst abschminken müssen. Als nach eigenem Verständnis progressive Lehrer halten selbst sie wieder auf den gewissen Unterschied zwischen Prüfer und Prüfling auf die "eigenen Bedürfnisse" auch, denen zuliebe man sich "ja hier nicht völlig kaputtmachen kann".

Denn kein Lehrer kommt ohne Verletzungen davon. Speziell der Anfänger erlebt seine ersten Hauptschuleinsätze "wie einen Schock". Eine Referendarin: "Mit dieser Schizophrenie komme ich nicht zurecht. Die Kinder haben kein Selbstbewußtsein, können keine Kritik vertragen. Da explodiert einerseits die Aggression, man muß sich von ihnen anschnauzen lassen, und schon im nächsten Moment lechzen die dermaßen nach Liebe, mit ,Bitte'' hier und ,Bitte'' dort. Mit normaler Didaktik kommt man hier doch einfach nicht mehr weiter."

Als ich die Klasse zum erstenmal betrat", erinnert sich ein anderer Lehrer an eine knifflige, über sein weiteres Schicksal entscheidende Situation, "ließ einer einen unheimlich langen und lauten Rülpser. Alle haben gewartet, was jetzt passiert. Ich hab'' zu dem nur gesagt: ,Mein Name ist Soundso, und wenn du jetzt noch dein Ringelschwänzchen auf den Tisch legst, brauchst du dich gar nicht mehr vorzustellen.'' Hätte ich falsch reagiert, etwa gleich mit einer Ordnungsstrafe, wär'' ich verloren gewesen."

Hauptschüler sind anders. Mit den Pennälern alter Prägung verbindet diese Jahrgänge eigentlich nur noch die Rechtschreibregel, daß "die Schreibung mit ''t'' gilt, wenn ein Lebewesen wirklich tot ist". Speziell die Grundeinstellung der Hasenbergler Jungs unterstreicht den Kontrast der Generationen. "Wir sind cool", prahlt Max, "uns regt nichts auf, uns bringt nichts aus der Ruhe."

Ihre Berufswünsche haben sie abgemagert bis zur kleinsten Hürde - Badegehilfin, Bauhelfer. Sie klauen, "weil''s denen gar nicht anders gehört", und haben zu den Wert-Begriffen der bürgerlichen Gesellschaft wenig Zugang. Gott? - "Meinen Sie den Balken-Sepp?" Kirche? - Riesengelächter. "Wenn''s mi amal richtig druckt'', spottet einer, "dann bet i, daß i ned in d''Hosn mach."

Es fängt damit an, erläutert Lehrer Deeken, "daß wir heute durch die Bank Ersatzeltern sein müssen. Die Kinder kommen zu uns, wenn s'' der Papa wieder neig''haut hat oder wenn sie nicht mehr bei der Mutter wohnen wollen, weil die einen neuen Freund hat". Er als Pauker müsse sich schon allein deshalb auf dem Kopf herumtanzen lassen, "weil die zu Hause ja sowieso nichts anderes hören als ''Halt''s Maul''".

Daß immer weniger Eltern die maßgebliche Instanz in der Erziehung ihrer Kinder sein wollen oder können, bestätigt eine Erhebung des Deutschen Jugendinstitutes. Danach leben bereits über vierzig Prozent aller Schulkinder in Familien mit nur einem Elternteil. Trennungen, Ein-Kind-Familie, die Entfernung aus verwandtschaftlichen Beziehungen haben Kinder ihrer angestammten Einbettung beraubt. In der Schule suchen sie nun eine ganz persönliche, liebevolle und fast elternähnliche Beziehung. "Wüßte man von jedem Schüler, was zu Hause los ist", meint Gabriele Beiler, "könnte man vor lauter Mitgefühl keinen Unterricht mehr halten."

Als ob den Entmutigungsmechanismen der frühen Schulzeit nicht schon Genüge getan wäre, sorgt in Bayern, obendrein ein notenabhängiger "qualifizierter Hauptschulabschluß" ("Quali") für den härtesten Numerus clausus aller Schulsysteme. Folge: Immer weniger Hauptschüler getrauen sich überhaupt zu, das Sortierverfahren zu bewältigen.

"Noch vor zehn Jahren", berichtet Rahner, "war es wesentlich leichter, 40 als heute 27 Schüler zu unterrichten." Für denselben Stoff brauche er inzwischen die doppelte Zeit. "Die waren einfach williger, konzentrierter, zugänglicher für Motivation. Allein heutzutage eine Arbeitshaltung zu erwecken, ist unheimlich stressig."

Stressig, wenn die lern- und verhaltensgestörten Schüler sich immerfort bewegen müssen, auf den Nachbarn eindreschen, schreien, fremde und eigene Sachen zerstören, wenn dadurch ein permanenter, nicht zu behebender Lärmpegel entsteht; wenn plötzlich und ungefragt einer als Antwort auf eine Rechenaufgabe irgendwas vom Wochenende erzählt, nicht weil er stören will, sondern geistig einfach weggetreten war.

Statt der derben Provokationen ist es diese unbewußte, aber "penetrante Art von Fehlverhalten" geworden, die Lehrer müde macht. Die ewigen "Was kann ich dafür" und "Na und?" sitzen irgendwann wie Nadelstiche. Die zunehmend als aussichtslos empfundene berufliche Zukunft mag bei vielen Schülern Resignation bewirken - eine Verweigerungshaltung, das wissen Schulmeister, die oft schon masochistische Züge zeigt. "Geschieht euch ganz recht", so das Credo der Gefrusteten, "wenn''s mir schlechtgeht."

Eine ganz unmittelbare Ursache aber für die Schlaffheit in den Klassen sind nach Erkenntnis der Thelott-Lehrer vor allem die neuen Sehgewohnheiten der Kinder. "Da sitzen die", begründet Deeken, "bis spät abends vor dem Fernseher, dann sagt der Vater: ,Mein Gott, halb zwölf, ab ins Bett.'' Gesprochen wird nichts mehr, und die Bildeindrücke müssen dann im Unterricht mit den Klassenkameraden verarbeitet werden." Das zeige sich "schnell als Verhaltensstörung. Die haben Augenzwinkern, sind nervös, schlafen schlecht".

In Rahners Klasse ist nicht ohne Bedeutung, daß 20 von 27 Schülern zu Hause über einen Videorecorder verfügen, im Hasenbergl neben dem Schäferhund ein Prestige-Besitz. Damit sich''s auch rentiert, sehen ihre Eltern, im Cassetten-Ringtausch mit den Nachbarn, an Wochenenden bis zu neun Video-Filme - Porno, Krimi, Horror, alles durcheinander. Ihrem Lehrer berichten die Zwölfjährigen dann am anderen Morgen, daß sie sich nach einem Reißer schnell noch einen Zeichentrickfilm ansehen mußten, um nicht vor lauter Aufregung die ganze Nacht wachzuliegen.

"Kein ernsthaftes Interesse am Unterricht" und " ... ist nur mühsam zur Mitarbeit zu bewegen", lauten die stereotypen Beurteilungen im Halbjahreszeugnis einer sechsten Klasse. Dem einen wird bestätigt, ihm fehle "jeglicher Leistungswille", dem anderen, daß ihm "die geringen Leistungen mühsam durch gutes Zureden oder durch Strafandrohung abgerungen werden" mußten. "Der Schüler", so heißt es lapidar ein andermal, "hat den Unterricht seit Oktober nur an 17 Tagen besucht."

Die Thelott-Schule hat es in gewissem Maße verstanden, im Viertel über den Unterricht hinaus zu wirken und ein Treffpunkt zu werden. Lehrer helfen bei der Arbeitsplatzsuche, Arbeitsgruppen beraten im Schulgebäude über soziale Belange am Hasenbergl. "Englisch is voll Fuck", sagt ein Schüler, "aber mit dem Lehrer san mir gemein guat drauf."

Mehr als kleine Korrekturen vorgezeichneter Lebensläufe und eine Annäherung an Rektor Vollkommers Maxime von der "menschlichen Durchdringung" sind freilich auch für ein engagiertes Kollegium kaum möglich. "Alle fordern von der Schule", sagt Vollkommer, "daß wir alles richten. Am Ende sollten wir sogar noch die Eltern erziehen. Aber wir können doch nicht für alles in der Welt jetzt die Lückenbüßer sein."

Vor einer Graffiti-Wand an der Thelott-Schule. Schülernamen von der Redaktion geändert.

DER SPIEGEL 27/1986
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