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DER SPIEGEL

GeschichteDes Kanzlers Kitsch

Seine Verehrer überhäuften Otto von Bismarck mit Geschenken. Der Nippes, lange in Staatsbesitz, geht nun an die Erben. Was wollen die damit?
Ein Bierseidel mit aufklappbarer Pickelhaube. Eine bronzene Ritterstatue auf einem Eichenholzsockel. Ein ledernes Hundehalsband mit der Inschrift: "Meinem hohen Herrn werd's bekannt: Fortschrittlerfresser bin ich genannt!"
Kanzler Otto von Bismarck war zwar ein mächtiger Mann im Deutschen Kaiserreich, aber auf den Geschmack seiner Bewunderer hatte er keinen Einfluss. Sie überhäuften ihn mit Selbstgenähtem und hässlichen Schmiedearbeiten, mit Nippes und Fressalien. 1880 notierte ein Besucher, aus "allen Gauen der Welt" kämen täglich "Stickereien, Malereien, Teppiche, Schals, Kissen, Bilder, Früchte, Konserven, Würste, Schinken, Zigarren, Weine, Geflügel, Wildbret", oft begleitet von "rührenden Schreiben".
Allein die Präsente zum 80. Geburtstag am 1. April 1895 füllten mehrere Eisenbahnwaggons.
Schmankerl verschlang der Zwei-Zentner-Kanzler zumeist umgehend, andere Geschenke ließ er in einem seiner Schlösser in Schönhausen bei Stendal ausstellen. Besucher konnten dort bis in die Nazizeit Aufmerksamkeiten der Beamten des Kaiserlichen Postamts Leipzig (Frauenstatuette mit der Inschrift "Allzeit Deutsch!") bewundern oder Näpfe und Halsbänder für Bismarcks Doggen "Sultan", "Tyras" oder "Cyrus" betrachten. Ein Forschungsreisender hatte sogar Trommeln und Speere mitgebracht und dem Junker verehrt.
1948 wurden allerdings die Erben des Reichsgründers in der Sowjetischen Besatzungszone enteignet und die Exponate später auf Museen in der DDR verteilt. Manches ging verloren, was vermutlich nur Bismarck-Verehrer betrauern.
Immerhin 306 Präsente überdauerten die Zeitläufte und liegen heute in einem Depot der öffentlichen Stiftung "Dome und Schlösser" in Wernigerode. Vor einigen Wochen ging der Erbengemeinschaft um den Familienzweig in Friedrichsruh bei Hamburg der Bescheid zu, dass sie ab Dienstag den Krempel abholen könnten: Regenschirmhalter und Spazierstöcke, leere Bierfässer, Ziervasen, Kerzenständer, eine Igelmütze, Bürsten, Briefbeschwerer und einen Uhrenständer in Form der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, freilich ohne Uhr.
Auf 90 weitere Gaben, die den Grundstock eines kleinen Bismarck-Museums in Schönhausen bilden, haben die Erben ebenfalls Anspruch. Schön sind zwar auch diese Exponate nicht, aber immerhin bedeutsam. Es finden sich darunter Geschenke wie die Modelle der Berliner Siegessäule und des Niederwalddenkmals, die einst Kaiser Wilhelm I. seinem Kanzler übereignete.
Für Gregor Graf von Bismarck, Ururenkel Ottos und designierter Chef des Hauses, dürfte die Rückkehr des Nippes in den Schoß der Familie ein Triumph sein. Jahrelang hatten die Adligen darum prozessiert. Das Land Sachsen-Anhalt hatte die Herausgabe verweigert. Die Begründung: 1948 war der Bismarck-Enkel Otto junior Eigentümer der Geschenke gewesen. Nach Ansicht des Landes hatte der spätere CDU-Bundestagsabgeordnete als Diplomat im "Dritten Reich" dem Nationalsozialismus "erheblich Vorschub" geleistet. Der Anspruch auf Rückgabe enteigneten Eigentums ist in so einem Fall perdu.
Die Grafensippe bestritt allerdings die Bedeutung des Ahnen für Hitlers Diktatur und bekam vor Gericht schließlich recht. Nun müssen die Bismarck-Erben entscheiden, was sie mit dem Kitsch wollen: untereinander aufteilen und ins Regal stellen? An ungeliebte Tanten verschenken? Den aktuellen Jubiläumstrubel zum 200. Geburtstag Bismarcks nutzen und die Sachen verticken? Oder jetzt – nachdem die Familienehre endlich wiederhergestellt ist – alles dem Museum in Schönhausen vermachen?
Experten schätzen, dass Liebhaber für die Museumsstücke mehr als eine Million Euro zahlen würden und für den Wernigeroder Depotbestand zumindest einige Tausend. Schließlich war alles mal Bismarcks.
Andererseits: Die heutige Adelsfamilie gilt als schwerreich und ist vermutlich nicht auf den Verkauf von Bürsten und Mützen angewiesen. In der Vergangenheit jedenfalls haben sich die Bismarcks großzügig gezeigt, wenn es um die Hinterlassenschaft des großen Otto ging. Das Archiv des Kanzlers überließen sie der Bundesrepublik unentgeltlich.
Erbe Gregor schweigt zur Zukunft der Präsente. Er wolle "zurzeit keine Auskunft geben". Die Landesregierung hofft, dass er und seine Verwandten dem Land zumindest den Museumsbestand in Schönhausen als Dauerleihgabe überlassen oder aber verkaufen – und nicht das Museum ausräumen lassen.
Eines ist gewiss: Die ästhetisch fragwürdigen Gaben sind von historisch-aufklärerischem Wert. Sie zeugen vom Bismarck-Kult, der spätestens nach dem erzwungenen Rücktritt des Kanzlers 1890 einsetzte. Bismarck wurde zur "herausragenden Symbolfigur des Deutschen Reichs", wie es der Historiker Konrad Breitenborn formuliert. Unter den Deutschen wuchs die Erwartung, nur bedeutende Führer – und nicht etwa demokratische Parteien oder gewählte Regierungen – könnten Lösungen für die großen politischen Probleme liefern.
Einige Jahrzehnte später machte sich ein Rechtsradikaler aus Österreich diesen Mythos zunutze.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 23/2015
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