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DER SPIEGEL

„All das auch ohne Bismarck?“

Rudolf Augstein über die hundertste Wiederkehr des Drei-Kaiser-Jahres *
Ja, ja, es mußte ja so kommen, das Drei-Kaiser-Jahr jährt sich zum hundertsten Mal, jenes denkwürdige Jahr, in dem zwei deutsche Kaiser starben und ein dritter gekrönt wurde. Und gleich liegt auch das zum Anlaß passende Buch vor _(Wilhelm Treue (Hrsg.): "Drei deutsche ) _(Kaiser. Wilhelm I. - Friedrich III. - ) _(Wilhelm II.". Verlag Ploetz, Freiburg; ) _(240 Seiten; 39,80 Mark. ) .
Warum schon wieder ein Historiker-Gedenkbuch? Dies hier macht Sinn, wenn man sich fragt, ob der Hundert-Tage-Kaiser Friedrich III. (1831 bis 1888) das Bismarck-Reich hätte verhindern, die deutsche Geschichte mithin hätte verändern können.
Da bleiben doch recht viele Zweifel. Als der Kronprinz Friedrich Wilhelm, mit der "Princess Royal" Viktoria, der ältesten Tochter Queen Viktorias verheiratet, angesichts des angedrohten Verzichts seines Vaters auf die Krone Preußens 1862 herbeigerufen wurde, wollten beide eines nicht: den Thronverzicht.
Bismarck, statt dessen, wurde damals und blieb ein Vierteljahrhundert die bestimmende Kraft.
Der Kronprinz hatte kaum noch Gelegenheit zu "frondieren". Das lag nicht in seinem Wesen, das lag aber auch nicht im Wesen Preußens.
Allenfalls hätte er 1866 bei Königgrätz den Sieger Bismarck unwillentlich ins Nichts stoßen können, wenn er nicht als getreuer Militär und Sohn seines königlichen Herrn den Getrennt-Marschieren-Angriff durch die schlesischen Berge "energisch und geschickt" (Wilhelm Treue) geführt hätte. Vom Donner der Kanonen sich leiten lassend, erschien er nahezu in letzter Minute mit seiner Armee auf dem "Kriegsschauplatz". Dem Vater küßte er die Hand. Voller Bitternis schrieb seine Frau "Vicky" ihrer Mutter, der Queen: "Wir haben niemand anderem als Bismarck für all das zu danken."
Ja, so war das eben. Der dienstscheue Landwehrleutnant Bismarck hatte im Roulette gewonnen, hatte das Spiel der eisernen Kugeln für sich entschieden.
Hätte der Kronprinz 1862, ohne den verhaßten Bismarck, eine neue Regentschaft begründen sollen? Das schien nach preußischer Tradition unmöglich. Er konnte nicht, er konnte nicht wollen.
Wie sich die Geschichte ohne Bismarck und mit Friedrich Wilhelm als König hätte entfalten sollen, sieht man nicht. Er wollte eine konstitutionelle Monarchie nach englischem Muster mit einem "Parlamentsheer". Dies nun allerdings wollten der König und sein ungeliebter Bismarck nicht. Man muß sich auch fragen, ob Preußen unter einer quasi "englischen" Herrschaft hätte bestehen können. Die nötige Charakterstärke des späteren Kaisers Friedrich ist nicht unbestritten, wohl aber seine Wahrheitsliebe.
Aber Bismarck, nachdem er 1871 seine riesigen Erfolge errungen hatte, konnte doch niemals sicher sein, wann sein achtzehn Jahre älterer Herr sterben würde. So mußte er den "Kronprinzen im Wartestand" allzeit in seine Rechnungen einbeziehen, samt dessen starker Frau, samt dessen genauso starker Mutter, der Kaiserin Augusta. Alle drei waren ihm, aus den verschiedensten Gründen, feind.
Etliche gegen England gerichtete Handlungen, namentlich in der Kolonialpolitik, sind so zu erklären. In der Inncnpolitik hat er auf den Kronprinzen ohnehin nicht viel Rücksicht genommen, weil ihm wohl klar war, daß eine politische Versöhnung hier kaum zustande kommen würde.
Aber es bleibt ja die unwiderlegliche Tatsache, daß der alte Kaiser noch eine Weile lebte und Friedrich Wilhelm vorerst Kronprinz blieb. Recht wenig spricht dafür, daß Bismarcks Politik gegenüber England sich objektiv hätte verändern können - unter keinem der drei Kaiser.
Es war sicher einer seiner schwersten Fehler, daß er England in seine Rechnung nicht richtig einstellte. Aber genauso könnte man dem englischen Parlament vorwerfen, daß es Bismarck keine Avancen machte. Beiden war wohl nicht bewußt, daß ein Bündnis Ärgeres hätte verhüten können. Die Avancen kamen erst, als Bismarck schon nicht mehr an Deck war und nichts mehr zu sagen hatte.
Wir müssen uns die Frage stellen, ob der Tod des an Kehlkopfkrebs leidenden Kronprinzen damals die Geschichte verändern konnte oder nicht. Hier bleibt für immer alles Spekulation. Vermutlich hätte ein gesunder Kaiser Friedrich III. die politik Bismarcks nach außen hin fortgeführt, auch ohne Bismarck. Im Innern aber hätte er versucht, mehr mit dem Parlament, dem Reichstag, zu regieren. Zu welchem Erfolg?
Ja, das weiß man eben nicht. Der Sensenmann macht Geschichte unkalkulierbar. Die Lage, in der ein Bündnis zwischen England und Deutschland _(Kronprinz Friedrich Wilhelm, Kaiser ) _(Wilhelm I. mit Urenkel Wilhelm auf dem ) _(Schoß, Kronprinzensohn Wilhelm (der ) _(spätere Kaiser Wilhelm II.) )
möglich gewesen wäre - Friedrich III. hätte sie so wenig wie Bismarck erreicht.
Und die Interessen einer blindlings aufstrebenden Weltmacht? Sie wurden von Wilhelm II., dem Sohn des Hundert-Tage-Kaisers, besser vertreten. Nie wollen wir vergessen, was der Soziologe Max Weber in seiner berühmten Antrittsvorlesung, nach Bismarck, nach Friedrich III., verkündete. Er, den man Wilhelm II. als einen Anti-Kaiser entgegengesetzt hat, sagte 1895: "Die Einigung Deutschlands war ein Jugendstreich ... wenn sie nicht der Ausgangspunkt einer deutschen Weltmachtpolitik sein sollte."
So dachtn sie alle damals, die Professoren, die Pastoren, die aufstrebende Mittelschicht. Wilhelm II. war nur ihre Galionsfigur.
Es kann mithin keinen Zweifel leiden, daß Friedrich III., wäre er nicht todkrank gewesen, manch anderes versucht und wenig anderes erreicht hätte. Mag sein, er hätte 1906 auf der Konferenz von Algeciras die Isolation des Kaiserreichs verhindert. Aber Spekulation bleibt das alles. Damals, als die Figuren noch etwas zu bewirken schienen, siehe King Eduard VII., hätte der Kaiser der hundert Tage sich aus dem ihm von Bismarck überkommenen System schwerlich herauswinden können.
Wilhelm Treue (Hrsg.): "Drei deutsche Kaiser. Wilhelm I. - Friedrich III. - Wilhelm II.". Verlag Ploetz, Freiburg; 240 Seiten; 39,80 Mark. Kronprinz Friedrich Wilhelm, Kaiser Wilhelm I. mit Urenkel Wilhelm auf dem Schoß, Kronprinzensohn Wilhelm (der spätere Kaiser Wilhelm II.)
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 2/1988
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