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DER SPIEGEL

UNGARNSchwarze Masken

Bismarck als junger Diplomat auf heikler Mission in Budapest: Diese kaum bekannte Episode behandelt ein deutsch-ungarisches Buch. *
Wärest Du doch einen Augenblick hier und könntest jetzt auch die mattsilbrige Donau, die dunklen Berge auf blassrothem Grund und auf die Lichter sehen, die unten aus Pesth heraufscheinen."
Hier spricht nicht ein elegischer Dichter, sondern ein karrieresüchtiger Diplomat: Otto von Bismarck, 37, der spätere
"Eiserne Kanzler", als er noch nicht ganz so eisern war, schickte von seiner ersten außenpolitischen Mission romantische Grüße an seine Johanna in die Frankfurter Bockenheimer Landstraße, wo die Frau des jungen Gesandten ihr drittes Kind erwartete.
Bismarcks wenig bekannter Abstecher nach Ungarn, in einer Juniwoche des Jahres 1852, war zu kurz, als daß ihn renommierte Bismarck-Biographen wie Lother Gall und Ernst Engelberg überhaupt registriert hätten.
Erst jetzt liegen die Eindrücke der Reise, durch Briefe Bismarcks dokumentiert, zweisprachig in Deutsch und Ungarisch als Buch vor. Sie wurden von dem ungarischen Spitzenfunktionär Peter Renyi, 68, kommentiert und herausgegeben _("Bismarck auf der Reise durch Ungarn". ) _(Deutsch und Ungarisch. Einleitung: Peter ) _(Renyi. Mit zahlreichen Illustrationen. ) _(IPV-Verlag, Budapest; 216 Seiten; 30 ) _(Mark. ) .
Renyi, ehemaliger Vizechef der ungarischen Parteizeitung "Nepszabadsag", saß fast 20 Jahre lang als Kulturexperte im ungarischen ZK. Beim großen Revirement im Mai wurde er aufs Altenteil geschickt. Sein erstes Bismarck-Bild bekam er Ende der dreißiger Jahre auf der Hamburger Lichtwark-Schule vermittelt, die für die damalige Zeit als ungewöhnlich liberale Lehranstalt galt.
Das mag einer der Gründe dafür sein, daß der Ungarn-Bismarck dem Kommunisten Renyi weder zur linken Schießbudenfigur gerät noch zum deutsch-nationalen Superstar. Die Mission, die der ehrgeizige Elbjunker im Auftrag seines Königs Friedrich Wilhelm IV. zu erfüllen hatte, war in mehrfacher Hinsicht heikel.
Die bürgerliche Revolution von 1848, die halb Europa in Aufruhr versetzt hatte, war gescheitert, der Ungarn-Aufstand von Kossuth gegen die Habsburger Fremdherrschaft mit russischer Hilfe in Blut und Feuer erstickt. Unter dem Zeichen der Restauration stritten sich nun die alte Großmacht Österreich und der Emporkömmling Preußen um die Hegemonie in der Mitte Europas.
Eines der Ziele der Österreicher im Nach-März war, mit den Mitteln der Diplomatie über den in Frankfurt tagenden Deutschen Bund und über den von Preußen beherrschten Deutschen Zollverein mehr Einfluß zu gewinnen.
Dem preußischen Gesandten beim Frankfurter Bundestag, Otto von Bismarck, war es mit viel Rabulistik und Geschick gelungen, die Ziele der Habsburger zu durchkreuzen. Wohl deshalb erschien dem Preußenkönig der im außenpolitischen Protokoll noch unerfahrene Bismarck als der geeignete Mann, dem Kaiser von Wien eine eigenhändig geschriebene Botschaft zu überbringen.
Der Inhalt ist bekannt: Friedrich Wilhelm wirbt für einen Schulterschluß gegen Revolution und Volksherrschaft, "daß unsere unerschütterliche, gläubige und tatkräftige Eintracht allein Europa und das unartige und doch so geliebte deutsche Vaterland aus der jetzigen Krise retten kann" - ein Gleicher an den Gleichen. Die Frage eines Beitritts Österreichs zum Zollverein läßt er offen und verweist auf seinen Boten Bismarck.
Doch der Wiener Hof, zu dem sich Bismarck aufmacht, hat an Glanz eingebüßt. Kaiser Ferdinand hat dem blutjungen Franz Joseph I. Platz gemacht. Fürst Metternich, der Architekt der europäischen Restauration, sitzt senil auf dem Altenteil, und dem verstorbenen Außenminister Felix Fürst zu Schwarzenberg ist mit dem Grafen Buol ein Mann nachgefolgt, der es weder mit der Intelligenz noch der Ranküne seines Vorgängers aufnehmen kann.
Schlimmer noch: Der 21jährige Monarch regiert nicht in Wien, sondern ist für zwei Monate zu einer nicht ungefährlichen Inspektion in das Kronland Ungarn aufgebrochen - nur drei Jahre nach dem mühsam niedergeschlagenen Aufstand gegen die Habsburger Krone.
So bleibt Bismarck, den es ohnehin zu seiner hochschwangeren Frau nach Frankfurt zieht, nur die Möglichkeit, dem Kaiser nachzufahren.
Die Erlaubnis wird erteilt, und mit einem Dampfboot, das ihm zu Ehren die preußische Flagge zeigt, reist der königliche Briefträger die Donau abwärts nach Budapest. Dort wird er im Schloß zu Buda, das die Österreicher Ofen nennen, mit höchsten Ehren empfangen.
Mehr aber als die Geschäfte und der Hofklatsch reizt ihn das Orientalisch-Exotische der unerwarteten Reise in "diese sehr östlich gelegene, aber sehr schöne Welt". Um die näher kennenzulernen, organisiert er eine abenteuerliche Landpartie durch die ungarische Tiefebene zwischen Donau und Theiß - auf einem Leiterwagen.
Was ihn an der Einöde reizt, ist eine Begegnung mit den legendären Betyaren, romantischen Straßenräubern, die angeblich ihren Opfern nur so viel Barschaft abnehmen, wie diese entbehren können.
An Frau Johanna schreibt der Reisende: _____" Ich hatte eigentlich einen Kitzel, diese Räuber zu " _____" Pferde, in großen Pelzen, mit Doppelflinten in der Hand " _____" und Pistolen im Gurt, deren Anführer schwarze Masken " _____" tragen und zuweilen dem kleinen Landadel angehören " _____" sollen, näher kennenzulernen. Vor einigen Tagen waren " _____" mehrere Gendarmen im Gefecht mit ihnen geblieben, dafür " _____" aber zwei Räuber gefangen und in Kecskemet standrechtlich " _____" erschossen worden. Dergleichen erlebt man in unseren " _____" langweiligen Gegenden gar nicht. "
Es kam nicht zum Räuberüberfall; dafür sorgte schon die gut bewaffnete Ulaneneskorte, die den kaiserlichen Gast auf seinem Leiterwagen zu begleiten hatte.
Fast wäre es doch noch zu einem Zwischenfall gekommen. In einem Dorf an der Theiß hielten die Bewohner den gut bewachten seltsamen Fremden selbst für einen Betyaren, der zur Hinrichtung gekarrt werden sollte. Nur mit Mühe konnten die Ulanen die braven Dörfler daran hindern, den vermeintlichen Revolutionär zu befreien.
"Derart gründlich verkannt", so Buchautor Renyi, "wurde Bismarck in seinem ganzen Leben nie wieder."
"Bismarck auf der Reise durch Ungarn". Deutsch und Ungarisch. Einleitung: Peter Renyi. Mit zahlreichen Illustrationen. IPV-Verlag, Budapest; 216 Seiten; 30 Mark.

DER SPIEGEL 37/1988
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