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DER SPIEGEL

SPIEGEL-Gespräch„Der Schmerz der Erinnerung“

Der russische Schriftsteller Daniil Alexandrowitsch Granin über den Blutzoll der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg, seine Abrechnung mit dem Stalinismus und die Freiheit der Kunst im Kommunismus
Wer Daniil Granins jüngstes Buch liest, den autobiografischen Roman "Mein Leutnant", der lernt einen großen Kämpfer kennen: Granin war Offizier der Roten Armee, 900 Tage lang verteidigte er seine Heimatstadt Lenin-
grad gegen die deutsche Wehrmacht. Nun sitzt der mit zahlreichen Orden dekorierte Granin, 96, im Rollstuhl, ein kleiner, schmaler Mann. Im Konferenzraum eines Krankenhauses empfängt er seine Gäste. Das Treffen mit ihm sollte eigentlich in seiner bis an die Decke mit Büchern voll gestellten Wohnung in Sankt Petersburg stattfinden, doch eine schwere Lungenentzündung zwang den alten Herrn ins Hospital.
Nach dem Krieg war der studierte Ingenieur Schriftsteller geworden, Granins Romane bewegten sich auf dem schmalen Grat zwischen sozialistischem Realismus und leiser Regimekritik. Er attackierte die Bürokratie, nicht aber das kommunistische System an sich. Als Mitglied im Vorstand des sowjetischen Schriftstellerverbands vertrat er die Parteilinie, zugleich aber setzte er sich für die in Ungnade gefallenen Kollegen Joseph Brodsky und Alexander Solschenizyn ein. Granin hat im Laufe seines langen Lebens so viele Kremlherrscher getroffen wie wohl kein anderer Zeitgenosse, von Chruschtschow über Breschnew bis Jelzin und Putin, er gehörte zu den frühen Anhängern Michail Gorbatschows; in seinem literarischen Spätwerk rechnete er mit dem Stalinismus ab. In der DDR wurde Granin viel gedruckt und wohl auch gelesen, im Westen hingegen lernte man ihn erst in den Neunzigerjahren kennen. In dem nur neun Tage älteren Helmut Schmidt fand er einen Freund; die beiden hatten sich 1941 an der Leningrader Front als Feinde gegenübergestanden. Am 27. Januar 2014 hielt Granin im Deutschen Bundestag die Gedenkrede zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus. Er sprach über die Belagerung Leningrads im letzten Krieg, bei der etwa eine Million Menschen verhungert waren.
Während des Gesprächs bleibt Granin stets konzentriert. Nach seinen Antworten schließt er manchmal für einen Moment die Augen, kaum hört er die nächste Frage, schaut er wieder hellwach in die Runde, er redet mit leiser, aber klarer Stimme.
Über Politik, so hatte Granin vorher angekündigt, wolle er diesmal nichts sagen, er sei ja eigentlich nur Schriftsteller. Doch diesem Vorsatz bleibt er nicht lange treu.
SPIEGEL: Daniil Alexandrowitsch, Sie haben sich 1941 im Alter von 22 Jahren an die Front gemeldet. Jetzt kämpfen russische Freiwillige in der östlichen Ukraine: Erinnert Sie das an Ihre eigenen Kriegsjahre?
Granin: Nein. Für mich ist dieser Krieg absurd. Ich verstehe nicht, wofür wir kämpfen und gegen wen Russland kämpft. Ich verstehe nicht, was das für ein Krieg ist, und bezweifle, dass dieser Krieg etwas Gerechtes an sich haben kann.
SPIEGEL: Wann ist ein Krieg ein gerechter Krieg?
Granin: Wenn er aus Notwehr geführt wird. Sie versuchen einfach, das eigene Leben zu retten. Der Zweite Weltkrieg war natürlich für die Sowjetunion ein gerechter Krieg. Man hat uns überfallen, wir mussten uns verteidigen.
SPIEGEL: In Ihrem Roman "Mein Leutnant" kritisieren Sie die sowjetische Militärführung, die ihre Soldaten sinnlos geopfert habe: mit chaotischen Sturmangriffen und mangelhafter Ausrüstung(*). Und Sie stellen die Frage: "Warum sind sie so mit uns umgegangen, und warum tun sie es bis heute?" Haben Sie eine Antwort darauf?
Granin: Noch einmal: nein. Was macht denn die Freude am literarischen Schaffen aus? Wir Schriftsteller dürfen Fragen stellen, ohne diese beantworten zu müssen. Ein Schriftsteller fängt an zu schreiben, weil er den Schmerz nicht mehr erträgt, den Schmerz der Erinnerung. Als ich in den Krieg zog, habe ich mich nicht für einen naiven Menschen gehalten, sondern für einen Patrioten. Schon beim ersten Gefecht aber wurden wir von Fliegerattacken überrascht, weil wir keine Flakgeschütze hatten. Man hat uns aus der Luft angegriffen, ich aber hatte nicht mehr als einen Molotowcocktail. Ich musste mich an einen Panzer anschleichen, um diesen herumkriechen und ihn von hinten mit diesem Molotowcocktail bewerfen, um das Ungetüm in Flammen zu setzen. Das war fürchterlich. Ich hatte nicht einmal ein eigenes Gewehr, es hat uns einfach an allem gefehlt. Darüber ist schon einiges geschrieben worden. Das ist also kein Geheimnis. Ein Rätsel bleibt nach wie vor: Warum hat man die Rote Armee damals so geführt?
SPIEGEL: Vielleicht weil der Preis eines Soldatenlebens nicht sehr hoch war in der Sowjetunion. Weil er in Russland traditionell niedriger veranschlagt wird als im Westen?
Granin: Eine solche, wie soll ich es sagen, Börse gibt es nicht. Richtig? Jedes Volk hat seine Werte, seine Freude am Leben, sein Verständnis von diesem Wunder des Lebens. Es gibt doch nichts Wertvolleres als ein Menschenleben, gar nichts. Das ist das Einzige, was wir geschenkt bekommen. Der Liedermacher Bulat Okudschawa, ein Freund von mir, hat ein Lied über die Tragödie des Zweiten Weltkriegs geschrieben. "Den Sieg um jeden Preis", heißt es darin. Es gab also eine Zeit, in der Menschen bereit waren, alles aufzuopfern. Das war der besondere Charakterzug dieses Kriegs. Auf Verluste wurde damals keinerlei Rücksicht genommen, denn der Feind stand kurz vor Moskau. Er stand vor Leningrad, und er hatte schon gewaltige Landmassen besetzt. Ganz Weißrussland, die ganze Ukraine. Russland musste gerettet werden, koste es, was es wolle.
SPIEGEL: Wie erklären Sie diese besondere Opferbereitschaft der Roten Armee? War sie das Ergebnis kommunistischer Indoktrination?
Granin: Das war kein Kommunismus, sondern Stalinismus. Eine Million, zwei, drei Millionen Tote – das war damals vollkommen egal. Menschen wurden wegen nichts in Lager geschickt, sie wurden erschossen, ohne ein Verbrechen begangen zu haben. Es war ein Wunder, dass die Armee für ihr Land kämpfte nach allem, was dieses Regime seinen Menschen angetan hatte und antat.
SPIEGEL: Das heißt, die Menschen haben trotz des stalinistischen Terrors für die Sowjetunion gekämpft?
Granin: Nun, man konnte nicht gleichzeitig für die Heimat und gegen Stalin kämpfen.
SPIEGEL: Man musste sich entscheiden.
Granin: Genau. Besonders in den Jahren 1941 und 1942 hatten wir sehr hohe Verluste. Ich war anfangs bei der Volkswehr, man hat ganze Regimenter als Kanonenfutter missbraucht, Menschen blieben in Massen im MG-Feuer tot liegen. Im Volksmund hieß es: "Die Weiber werden schon neue Babys gebären."
SPIEGEL: Und Sie waren einer der wenigen, die mit dem Leben davonkamen.
Granin: Ja, ich erinnere mich an einen 9. Mai, den Tag des Sieges, es war im Jahr 2008 oder 2009: Man hatte uns Kriegsteilnehmer versammelt. Viele redeten, und ich hörte aus ihren Worten, dass sie damals Ärzte gewesen waren oder Sanitäter, Stabssoldaten oder beim Nachschub. Als ich das Wort ergriff, habe ich in die Menge gefragt: "Wer von euch war denn an der Front? Wer hat geschossen?" Es meldeten sich nur zwei. Da begriff ich: Die meisten Kameraden, mit denen ich zusammen gekämpft hatte, haben gar nicht überlebt.
SPIEGEL: Was macht der Krieg aus den Menschen?
Granin: Eine schwierige Frage: Wie wirkt er sich auf uns aus? Verheerend? Oder kann er uns auch besser machen? Im Krieg sieht man seinen Kameraden jedenfalls mit anderen Augen. Will er denn wirklich fürs Vaterland sterben? Meint er das ernst, oder sagt er das nur? Jetzt sehen Sie: Ich stelle nur weitere Fragen.
SPIEGEL: Hat der Krieg Sie besser gemacht?
Granin: Zuerst habe ich gemerkt, dass ich ein Feigling war. Und danach, dass ich ein Narr war. Ein Narr, weil ich geglaubt hatte, dass die Rote Armee unbesiegbar sei. Dann kam die Enttäuschung. Letztlich habe ich begriffen, dass man auch andere Werte im Leben haben sollte. Ich habe verstanden: Würden wir den Krieg verlieren, so würde die ganze Welt untergehen, die ich liebe, und nicht nur ich.
SPIEGEL: Der Krieg hat Sie also nicht besser, sondern klüger gemacht?
Granin: Jedenfalls habe ich eines gelernt: Würden die Deutschen mich gefangen nehmen, so würde ich zum Sklaven, zum Ostarbeiter. Ich würde meine Familie verlieren, meine Frau, das wäre ein unmögliches Leben geworden. Verstehen Sie: Es kommt zu dem Punkt, den Puschkin als die Erbitterung oder die Wut des Volkes bezeichnet hat: Wenn das Volk sich vor nichts mehr fürchtet. Das eigene Ich spielt dann keine Rolle mehr.
SPIEGEL: Wann haben Sie erkannt, dass der Stalinismus ein Verbrechen war?
Granin: Als ich allein mit dem Molotowcocktail dastand. Als ich begriff, dass wir eigentlich unbewaffnet in diesen Kampf gehen. Dass wir nur Kanonenfutter waren. Das hat in mir einen Prozess in Gang gesetzt. Trotzdem glaubte man noch an Stalin, ich nenne Ihnen ein konkretes Beispiel, denn ich mag keine leeren Floskeln: Anfang 1944 hatte man mich nach Tscheljabinsk geschickt, ich musste Panzer für unsere Division abholen. Winter, bitterer Frost, und die Werkhalle war noch nicht fertig gebaut: Zwei Wände fehlten, Schneeflocken flogen durch die Halle. Schwere Panzer IS-2 wurden da gebaut. Meine Truppe war zwölf Mann stark, und wir mussten die Panzer für den Transport vorbereiten. Stalin telefonierte täglich mit dem Fabrikdirektor.
SPIEGEL: Stalin persönlich?
Granin: Ja. Er ließ sich informieren, wie viele Panzer geliefert werden können. Den Menschen hinter der Front wurde dadurch klar: Es geht um Leben und Tod, wenn Stalin höchstpersönlich anruft. Wenn es heute in Russland heißt, dass wir den Sieg vor allem Stalin zu verdanken haben, dann liegt das an solchen Geschichten. Aber akzeptieren kann ich es trotzdem nicht.
SPIEGEL: Hätte die Sowjetunion den Krieg auch ohne Stalin gewonnen?
Granin: Die Fragestellung ist inkorrekt.
SPIEGEL: Warum?
Granin: Das sind doch die ewigen Spiele: Was wäre, wenn ...
SPIEGEL: Haben Sie gleich verstanden, warum die Deutschen die Sowjetunion angriffen?
Granin: Ich konnte es überhaupt nicht begreifen. Eben noch hatte Stalin den Nazi-Außenminister Ribbentrop empfangen, sie hatten miteinander angestoßen und einander sogar umarmt. Wir zogen in den Krieg, ohne zu begreifen, warum wir gegen Menschen kämpfen sollten, die unsere Freunde waren.
SPIEGEL: Was hatte die sowjetische Propaganda vor Kriegsbeginn über den Faschismus und dessen Kampf gegen die Kommunisten verbreitet?
Granin: Das wussten wir schon alles, auch Zeitungen haben darüber berichtet. Aber das schien eine innere Angelegenheit der Deutschen zu sein, nicht so wichtig.
SPIEGEL: Wann empfanden Sie erstmals Hass auf die Deutschen – gleich am ersten Kriegstag?
Granin: Wissen Sie, Ende Juli 1941 haben wir einen deutschen Piloten gefangen genommen. Das war unser erster Kriegsgefangener, und wir haben versucht, auf ihn einzureden: Karl Liebknecht, Ernst Thälmann, Karl Marx, die Internationale, alles aus Deutschland – wieso, verdammt noch mal, kämpfst du denn gegen uns, die wir doch alle gegen die Bourgeoisie sind? Er hat uns Folgendes geantwortet: "Ihr seid keine Menschen. Ihr müsst alle sterben. Die deutsche Rasse hat es verdient, über die Welt zu herrschen." Das war entsetzlich.
SPIEGEL: Wie haben Sie sich diese Haltung damals erklärt?
Granin: Die Deutschen schienen ernsthaft zu glauben, einer überlegenen Rasse anzugehören. Und dann haben sie unsere Dörfer gesehen, mit diesen Holzhäusern, mit einfachen Brunnen. All das, was es in Deutschland auch gegeben hatte. Aber was längst der Vergangenheit angehörte, weil Deutschland damals schon viel reicher war. Das schien sie zu bestätigen.
SPIEGEL: Und wie haben Sie die Deutschen als Feinde im Kampf erlebt?
Granin: Ich kann Ihnen sagen: Die deutschen Soldaten waren gute Kämpfer, ihr Verhalten war aber irgendwie dumm. Wir konnten nicht verstehen, was da passierte. Wenn man einen erschießt, so ist das eine Sache. Die Deutschen aber haben Galgen errichtet und Menschen aufgehängt. Das war entsetzlich. Das war etwas anderes. Sie haben Menschen ausgeplündert. Wozu das? Wir hatten ihnen kein Unrecht getan. Aber sie schickten uns Bomber. Wie? Warum? Wofür? Auch bei uns gab es Repressalien und Konzentrationslager. Auch bei uns wurden Unschuldige hinter Gitter gebracht und Andersdenkende verfolgt. Aber ich hatte immer den gefangenen Luftwaffenoffizier vor Augen und dachte an dessen Worte. Es gab offenbar einen grundsätzlichen Unterschied: Sozialistische und kommunistische Ideen waren menschlich, und die Idee einer überlegenen Rasse war zutiefst menschenfeindlich.
SPIEGEL: Haben Sie eine Erklärung dafür, dass Stalin heute in Russland wieder in Umfragen so geschätzt wird wie schon lange nicht mehr?
Granin: Auch für mich war Stalin eine herausragende Persönlichkeit. Und er hat vieles getan, damit die Sowjetunion zu einer industriellen Macht wurde, mit ihren Ingenieuren, Fabriken und Kraftwerken. Aber die Grundlage dafür war Angst. Und diese Angst wurde einem ganzen Volk durch Gesetzlosigkeit und Willkür eingejagt.
SPIEGEL: Wann wurde darüber in der Sowjetunion erstmals offen geredet?
Granin: 1956, nach der berühmten Chruschtschow-Rede auf dem XX. Parteitag über Stalin. Chruschtschow war aus meiner Sicht wirklich ein Held. Er hat den Personenkult um Stalin entlarvt. Das klingt heute so banal. Aber das war damals für alle Zeitgenossen revolutionär. Denn Stalin wurde nach dem Sieg im Großen Vaterländischen Krieg nicht weniger verehrt als Hitler in Deutschland vor dem Krieg. Schüler lernten Stalins "Kurzen Lehrgang der Geschichte der KPdSU" auswendig. Sie hörten, dass Stalin ein Genie war, der Führer aller Völker, unser Vater. Und dann kommt dieser kleine Kerl, Nikita Chruschtschow, auf die Bühne und sagt: Stalin ist ein Verbrecher, ein Mörder, den Krieg hätten wir auch ohne ihn gewonnen.
SPIEGEL: Sie haben Chruschtschow mehrmals getroffen. Was ist Ihre Erklärung für diesen Vatermord?
Granin: Meine persönliche Vermutung ist, dass da auch Rache im Spiel war. Stalin und seine Leute hatten Chruschtschow all die Jahre zum Hofnarren gemacht. Man hat ihm zum Beispiel bei einer Politbüro-Sitzung, als er sich zum Reden erhoben hat, eine Torte unter den Hintern auf den Stuhl geschoben.
SPIEGEL: Wer hatte das gemacht? Stalin?
Granin: Nein, nicht Stalin persönlich. Im Politbüro saßen etwa ein Dutzend Männer, und dort waren solche Scherze üblich. Chruschtschow selbst hat das uns Schriftstellern später erzählt. Einmal hat Stalin ihm aus heiterem Himmel heraus, nach immerhin 20 Jahren Zusammenarbeit, die Frage gestellt: Ist es wahr, dass du ein britischer Spion bist?
SPIEGEL: Das war sicherlich nicht als Witz gemeint, sondern als Drohung.
Granin: Das kann schon sein. Die Atmosphäre im Politbüro war jedenfalls nichts für schwache Nerven. Chruschtschow hat uns Schriftsteller immer wieder zusammengerufen. Zuerst las er irgendwelche Erklärungen vom Blatt ab, dann aber legte er das Papier beiseite und fing an, über die Sachen frei zu sprechen, die ihn all die Jahre unter Stalin geplagt hatten. Er war ein kluger und humaner Mann. Ich persönlich bin bereit, ihm eine Menge zu verzeihen, einfach weil er so viele politische Gefangene freiließ. Er war der Retter für Hunderttausende Menschen.
SPIEGEL: Wo haben Sie ihn getroffen?
Granin: In seiner Residenz auf den Sperlingsbergen hoch über Moskau. Ich erinnere mich an einen bezeichnenden Vorfall: Einmal wurde dort in einer Pause plötzlich das Licht ausgemacht. Ich komme in den dunklen Saal zurück, und irgendein Kerl neben mir fragt: "Warum macht man das Licht nicht an?" Ich: "Weiß der Teufel, so sind die Zustände eben bei euch hier." Er: "Ja, ja, diese Zustände". Da stehen wir also nebeneinander und schimpfen auf diese Zustände, und dann geht plötzlich das Licht wieder an, und ich sehe: Der Mann neben mir ist Chruschtschow! Er war ganz offen und ehrlich.
SPIEGEL: Dennoch wurde unter Chruschtschow beispielsweise der Roman "Doktor Schiwago" von Boris Pasternak verboten.
Granin: Das sind Dinge, die man nicht vergleichen kann.
SPIEGEL: Warum?
Granin: Sie müssen verstehen: Die Öffentlichkeit war aufgebracht, ohne "Doktor Schiwago" je gelesen zu haben. Nicht weil die Menschen so dumm waren, sondern wegen der Tatsache, dass Pasternak sein Buch im Ausland veröffentlichen ließ. Das galt als nicht angemessen.
SPIEGEL: Aber zuvor war es doch an der sowjetischen Zensur gescheitert.
Granin: Immerhin konnten unter dieser Zensur viele andere großartige Werke erscheinen, ob in der Filmkunst, ob im Theater oder in der Literatur.
SPIEGEL: Sie waren von 1954 bis 1969 Sekretär der Leningrader Abteilung und zugleich Mitglied im Vorstand des Schriftstellerverbands der UdSSR. Welche Rolle hatten die Schriftsteller im Sowjetsystem?
Granin: Die sowjetische Literatur hat unter Chruschtschow einen großen Beitrag dazu geleistet, dass die Menschen sich von der jahrzehntelangen Gehirnwäsche befreien konnten. Historiker und Philosophen mussten zwar weiterhin den strengen Geboten von Marxismus und Leninismus folgen. Aber in der Kunst gab es Freiheit: Musik, Ballett, zum Teil auch das Kino und natürlich die Literatur und Poesie. In diesen Jahren entstanden großartige Bücher und Kunstwerke, die Lyrik von Alexander Twardowski etwa oder von Anna Achmatowa, deren Werke allerdings damals noch nicht veröffentlicht werden durften. Oder nehmen wir Michail Scholochow: Sein Buch "Der stille Don" war ja ein antisowjetisches Epos, unter Chruschtschow wurde es nun zur Schullektüre. Wie schrecklich werden dort die Weißgardisten geschildert, aber mit demselben Ekel und Hass zeigt er die Rote Armee, die Bolschewiken und ihre Taten. "Der stille Don" wurde millionenfach gedruckt. Können Sie mir das erklären?
SPIEGEL: Würden Sie sagen, dass in der Unfreiheit bessere Kunstwerke entstehen als in einer Demokratie?
Granin: Was für eine teuflische Frage. Das hieße ja: Es lebe der Totalitarismus!
SPIEGEL: Das wohl kaum.
Granin: Ja doch, es gab zwar gute sowjetische Kunst, aber sie entstand gegen das System. Die Kunst wurde dem System gleichsam abgerungen. Das waren Heldentaten. Große sowjetische Dichter wurden zur Zwangsarbeit deportiert, viele wurden erschossen. Auch wissenschaftlichen Fortschritt gab es nur der Zensur zum Trotz. Es gibt offenbar diese Energie des Widerstands. Sie hat all das ermöglicht.
Aber meine Herren, ich habe den Eindruck, Sie sind etwas müde?
SPIEGEL: Nein, wir sind frisch wie eine Gurke (russische Redensart, die Red.). Als Solschenizyn 1969 aus dem sowjetischen Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde, haben Sie als Einziger nicht zugestimmt. Warum?
Granin: Ich habe mich damals bei der Abstimmung in Moskau enthalten, weil es sich nicht gehört, solche Entschlüsse in Abwesenheit des Betroffenen zu fassen – was der Fall war. Aber als ich dann nach Leningrad zurückkehrte, hat man mich in die zuständige Behörde einbestellt und gesagt: Du musst dich entscheiden, ob du nach dem, was geschehen ist, noch in Russland bleiben willst. Viele Schriftsteller wurden damals aus der Sowjetunion ausgewiesen, etwa Wladimir Woinowitsch, der dann in München lebte. Ich bin also nach Hause zu meiner Familie gegangenen und habe meine Frau gefragt: "Was soll ich tun, wir haben ja ein Kind?" Die Entscheidung fiel mir schwer, aber ich habe letztendlich gesagt: Wenn Solschenizyn nicht jetzt gedruckt wird, dann bestimmt in zehn Jahren. Das wäre dann halb so schlimm. Ich habe mich also entschieden, mich nicht zu opfern. Schließlich hatte ich mich im Krieg als Freiwilliger an die Front gemeldet und vier Jahre gekämpft. Ich fand einfach, dass ich meine Rechnungen mit dem Staat schon beglichen hatte.
SPIEGEL: Die Vertreibung von Solschenizyn fand bereits in der Ära Breschnew statt. Wie haben Sie Chruschtschows Nachfolger erlebt?
Granin: In den ersten Jahren machte Breschnew einen guten Eindruck. Er war gutmütig. Er war zwar kein echter Frontkämpfer gewesen, aber er war ab und zu an der Feuerlinie und kannte deshalb den Krieg. In den Breschnew-Jahren gab es keine starken Repressionen. Im Alter fing er allerdings an, etwas wirr zu reden.
SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, dass die Zeit des "Großen Terrors", also der stalinistischen Säuberungen, die Russen mehr geprägt habe als der Zweite Weltkrieg. Die damals verbreiteten Ängste würden die Menschen zeitlebens verfolgen. Gilt das noch heute für die russische Gesellschaft?
Granin: Ja, ich denke schon. Die russische Gesellschaft reagiert sehr empfindlich auf staatliche Verbote, auf Zensur und Heimtücke. Siebzig Jahre sind vergangen, aber die Narben des Krieges und des Stalinismus schmerzen noch immer. "Wir werden an den alten Wunden sterben, und nicht am Alter", schrieb einst der Dichter Semjon Gudsenko, der wie Stalin 1953 starb.
SPIEGEL: Eines Ihrer Bücher heißt "Das Jahrhundert der Angst". Wie gelang es dem stalinistischen System, die Menschen über Jahrzehnte einzuschüchtern?
Granin: Durch Erschießungen, Konzentrationslager, Propaganda. Wir wurden zum Hass auf die Bourgeoisie erzogen, auf die Kulaken, auf die bürgerliche Intelligenz, die Reichen und Adligen. Es gab eine Propaganda des Hasses. Eine Propaganda der Liebe aber gab es nicht. Als ich versucht habe, einen Wohltätigkeitsverband zu gründen, hat man mir erwidert: Barmherzigkeit ist eine Sache der bürgerlichen Gesellschaft, in der Sowjetunion ist der Staat für Barmherzigkeit zuständig.
SPIEGEL: Wann war das?
Granin: Mitte der Siebzigerjahre. Und Hut ab vor Gorbatschow! Ich bin zu ihm in den Kreml gekommen und habe ihm erklärt: Eine Gesellschaft kann nicht ohne Barmherzigkeit leben, sonst verkommen wir zu Tieren. Es ist doch so: Kein Staat kann einem weinenden Menschen tröstend über den Kopf streichen. Erst Gorbatschow hat das verstanden. Wissen Sie, was der große Musiker Schostakowitsch nach Stalins Tod sagte? "Jetzt können wir endlich weinen."
SPIEGEL: Daniil Alexandrowitsch, Sie sind 96 Jahre alt und gläubiger Christ. Haben Sie Angst vor dem Tod?
Granin: Warum? Ich hätte doch schon während des Krieges sterben müssen. Denn ich war an der vordersten Front. Ständiges Maschinengewehrfeuer. Wumm, wumm, wumm. Bomben, Splitter, Tag und Nacht. Das war so, als würde mich ein riesiges Pappschild umgeben. Überall ist es durchlöchert, und nur meine Silhouette nicht. Es ist ein Wunder, dass ich damals am Leben blieb. Was soll ich jetzt noch fürchten? Ich bin dem Leben sehr dankbar.
SPIEGEL: Sie sind nur eine gute Woche jünger als Helmut Schmidt, mit dem Sie befreundet sind ...
Granin: ... Er hat mir erst kürzlich sein neues Buch geschickt ...
SPIEGEL: ... und der wie Sie 1941 an der Leningrader Front stand, nur auf der anderen Seite. Was verbindet Sie mit Helmut Schmidt?
Granin: Dass wir beide den Krieg überleben konnten. Aber ich bin nicht immer seiner Meinung.
SPIEGEL: Warum?
Granin: Ich habe ihn mal gefragt: "Helmut, warum habt ihr den Krieg verloren?" Was würden Sie an seiner Stelle antworten?
SPIEGEL: Russland war viel zu groß, niemand konnte es je erobern?
Granin: Nein.
SPIEGEL: Weil die Idee des Kommunismus der des Faschismus überlegen war?
Granin: Nein. Schmidt hat geantwortet: weil Amerika in den Krieg eintrat. Das ist aber ganz falsch.
SPIEGEL: Das glauben Sie nicht?
Granin: Als die Amerikaner kamen, war die deutsche Kriegsmaschinerie längst zusammengebrochen, die Belagerung von Leningrad schon beendet, Stalingrad bereits verloren. Aber ich wollte mit Helmut Schmidt darüber nicht streiten.
SPIEGEL: Zu der Gedenkfeier am 9. Mai in Moskau, 70 Jahre nach dem Ende des Krieges, sind nur wenige westliche Politiker gekommen, vor allem wegen der Ukrainekrise. Können Sie nachvollziehen, dass Angela Merkel nicht dabei war?
Granin: Woher soll ich denn wissen, was Angela Merkels Überlegungen sind und was in ihr vorgeht? Ich habe sie getroffen, und ich finde sie sympathisch. Aber jetzt herumzuraten, was für Motive sie hatte – das mag ich nicht.
SPIEGEL: Eine letzte Frage: Wo bewegt sich das heutige Russland hin? Was halten Sie von Putin?
Granin: Sie wollen mich provozieren.
SPIEGEL: Nein, die Deutschen wollen wissen, ob sie vor Putin und Russland Angst haben müssen.
Granin: Ich weiß es aber nicht. Russland war auf dem Weg, seinen Bürgern ein würdiges Leben zu ermöglichen. Eine große Zahl von Wohnungen wurde gebaut, die Menschen fahren Autos, gute Autos. Sie haben schicke Handys und diese anderen Dinger, diese Tablets. Und die Menschen brauchen sich keine Gedanken darüber zu machen, wo man gute Kleidung bekommt. Ich hoffe, dass wir auf diesem Weg bleiben. Und was Putin angeht ... (schweigt lange). Ich glaube, kein Mensch, kein Historiker kann einen amtierenden Staatschef angemessen beurteilen. Fidel Castro, zum Beispiel, schien jahrzehntelang ein starker Führer zu sein, und plötzlich sehen wir, dass dies nur eine Illusion war. Ich glaube, auch die Rolle Lenins oder Stalins wird mit der Zeit neu bewertet werden.
SPIEGEL: Finden Sie, dass der Kreml in der Ukrainekrise das Richtige tut?
Granin: Ich habe es gleich befürchtet. Der SPIEGEL ist eben ein politisches Magazin. Sehen Sie denn einen Weg aus der Sackgasse?
SPIEGEL: Das schon, aber zuerst müssen die Waffen schweigen.
Granin: Ein genialer Vorschlag (lacht). Haben Sie denn eine konkrete Lösung parat?
SPIEGEL: Wir denken, dass das Minsker Abkommen der richtige Weg ist.
Granin: Aber es funktioniert ja nicht.
SPIEGEL: Und Russland sollte auf die Unterstützung der Aufständischen in der Ukraine verzichten.
Granin: Ja, und dann?
SPIEGEL: In der Ukraine dürfen auch die Nationalisten den Konflikt nicht weiter schüren.
Granin: Meine Meinung ist: Der Staat, der nachgibt, der sich nachgiebig verhält, der gewinnt.
SPIEGEL: Möge es so sein. Daniil Alexandrowitsch, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Martin Doerry und Matthias Schepp in Sankt Petersburg.
* Daniil Granin: "Mein Leutnant". Aus dem Russischen von Jekatherina Lebedewa. Aufbau Verlag, Berlin; 330 Seiten; 19,95 Euro.
Von Martin Doerry und Matthias Schepp

DER SPIEGEL 29/2015
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